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You are here: The Platypus Affiliated Society/Archive for category Germany

Eine Veranstaltung der Platypus Affiliated Society Deutschland. Mit freundlicher Unterst√ľtzung der Rosa Luxemburg Stiftung.

Mit:
Pablo Graubner (SDAJ)
Thomas Lohmeier (Die Linke/prager fr√ľhling)
Karin (Interventionistische Linke/No Troika)
Stefan Torak (campusantifa/ M31)

Mittwoch, 5. Juni
19-22h

Festsaal, Studierendenhaus (√ľber KOZ)
Campus Bockenheim
Frankfurt am Main

Mit der Einf√ľhrung des Euro im Jahr 2002 als gemeinsamer W√§hrung der Europ√§ischen Union und dem damit einhergehenden Integrationsprozess der EU wurde eine weitgehende politische Stabilisierung Europas angestrebt. Gleichzeitig wurde durch den Euro jedoch auch eine Freihandelszone geschaffen, von der in erster Linie die starke Exportwirtschaft Deutschlands profitierte. Besonders seit der Einf√ľhrung der Hartz-Reformen unter Gerhard Schr√∂der und der extremen Ausweitung des Niedriglohnsektors auf dem deutschen Arbeitsmarkt begannen strukturell schw√§chere √Ėkonomien wie Griechenland, Spanien und Italien, aber auch Frankreich und Belgien, zu stagnieren oder drifteten gar in eine gro√üe Rezession ab. Aus dieser Perspektive betrachtet, hatte der Prozess der Europ√§ischen Integration einen gegenteiligen Effekt als urspr√ľnglich intendiert: Unter der gegenw√§rtigen Wirtschaftskrise hat es den Anschein, als ob Europa zerf√§llt, und in vielen L√§ndern befinden sich nationalistische Separationsbewegungen im Aufwind, wie in Norditalien, Flandern oder im Elsass.

Die Krise dr√ľckt sich also nicht nur in einem √∂konomischen, sondern auch in einem politischen Zerfallsprozess aus: Statt einer transnationalen europ√§ischen F√∂deration kehrt in Europa das alte Gespenst des Nationalismus wieder ein. Daneben f√ľhlen sich viele Menschen innerhalb der EU ohnm√§chtig und entm√ľndigt in Anbetracht der Entdemokratisierung im Zuge der Austerit√§tspolitik. Dies geht einher mit einem Vertrauensverlust in klassische politische Institutionen wie Parteien und Parlamente. Selbst der Erfolg von SYRIZA in Griechenland l√§sst sich nicht erkl√§ren ohne Ber√ľcksichtigung der sozialen Bewegungen, die der Partei starken Aufwind verschafften. Auch in anderen L√§ndern der EU dr√ľckt sich der Protest gegen die sog. ‚ÄěTroika‚Äú im Erstarken au√üerparlamentarischer Bewegungen aus, wie der ‚ÄěIndignados‚Äú in Spanien oder ‚ÄěBlockupy‚Äú in Deutschland.

Laut Eigendarstellung von ‚ÄěBlockupy‚Äú ist es Ziel des B√ľndnisses, ‚Äěgegen das autorit√§re Krisenmanagement und die Troika-Politik Widerstand zu leisten, um die demokratischen und sozialen Rechte der Besch√§ftigten, Prekarisierten und Erwerbslosen in Europa zu verteidigen.‚Äú Doch wogegen genau richtet sich dieser Widerstand? Gegen √∂konomische Institutionen wie die Europ√§ische Zentralbank und den Internationalen W√§hrungsfond? Oder gegen die neoliberale Ideologie als solche? In welche Richtung weist so ein Widerstand? Zur√ľck zum Wohlfahrtsstaatsmodell des Fordismus? Oder k√∂nnen die Proteste gar der Beginn einer neuen anti-kapitalistischen Ausrichtung der europ√§ischen Linken bedeuten? W√§re die EU dabei als transnationale F√∂deration erhaltenswert oder geh√∂rt sie abgeschafft? Was w√ľrde an ihre Stelle treten? Wie w√ľrde ein demokratisches Europa aussehen und welche Verantwortung kommt dabei Parteien und Parlamenten zu? Wie also sieht die Zukunft linker Politik in Europa aus? Welche M√∂glichkeiten auf Erfolg bestehen f√ľr die neuen Protestbewegungen? Und wie w√ľrde ein solcher Erfolg √ľberhaupt definiert werden?

Transkript in Platypus Review #63 (Englisch)

Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten vor achtzig Jahren, gehört der Antifaschismus zu einem Kernelement linker Politik. Der Kampf gegen Faschisten und Nazis ist eine moralische Selbstverständlichkeit und so scheint auch das Konzept von Antifaschismus als Politik einen selbstevidenten Charakter zu haben.

Doch in den verschiedenen Phasen war der Kontext antifaschistischer Politik ein v√∂llig anderer, ebenso wie die Vorstellung dessen, was Antifaschismus im Hinblick auf eine linke Politik beizutragen habe. Dennoch l√§sst sich √ľber die st√§ndige Referenz und dem antikapitalistischen Anspruch eine gewisse Kontinuit√§t feststellen. Doch woher kommt diese? Was war der Antifaschismus und wie hat er sich ge√§ndert? Inwiefern hilft der Begriff bzw. das Konzept des Antifaschismus bei dem Verst√§ndnis der historischen und gegenw√§rtigen Realit√§ten? Was bedeutet eine antifaschistische Politik heute ‚Äď in der Abwesenheit des Faschismus als politischer Massenbewegung? Die Podiumsdiskussion m√∂chte die unterschiedlichen historisch-politischen Implikationen antifaschistischer Politik thematisieren um somit grundlegende Fragen und Probleme linker Politik in der Gegenwart aufzuwerfen.

- Jan Gerber (Buchautor bei Ca-Ira, Halle)
- Manuel Kellner (ISL, Köln)
- Henning Mächerle (VVN-BdA, Gießen)
- Wolf Wetzel (ehem. autonome L.U.P.U.S.-Gruppe)

Teil II der Platypus Lesegruppe zur Einf√ľhrung in den Marxismus behandelt den Zeitraum der II. Internationale bis zur Frankfurter Schule.


Immer Freitags um 16 ‚Äď 19 Uhr

Goetheuniversität Frankfurt

Campus Bockenheim: Neue Mensa NM 118.

Beginn: Freitag, 19. April 2013 // Kontakt: frankfurt@platypus1917.org

Neueinsteiger sind herzlich willkommen!


‚Äʬ†vorausgesetzte¬†/ + empfohlene Texte


Woche 1, 19. April 2013:

‚Äʬ†Luxemburg,¬†‚ÄúDie ‚ÄėJunius-Brosch√ľre‚Äô / Krise der Sozialdemokratie‚Ä̬† Teil I. (1917)
‚ÄĘ J.P.¬†Nettl,¬†‚ÄúThe German Social Democratic Party 1890-1914 as a Political Model‚Ä̬†(1965)
‚ÄĘ Cliff¬†Slaughter,¬†‚ÄúWhat is revolutionary leadership?‚Ä̬†(1960)


Woche 2, 26. April:

‚Äʬ†Rosa¬†Luxemburg,¬†Sozialreform oder Revolution¬†(1899)


Woche 3, 03. Mai:

‚Äʬ†Spartakist-Brosch√ľre,¬†‚ÄúLenin und die Avantgardepartei‚Ä̬†(1978) [PDF]


Woche 4, 10. Mai:

‚Äʬ†W.I.¬†Lenin,¬†Was tun?¬†(1902)
+ Richard Appignanesi and Oscar Zarate / A&Z, Introducing Lenin and the Russian Revolution /Lenin for Beginners (1977)

Woche 5, 17. Mai:

‚Äʬ†Leo¬†Trotzki,¬†Ergebnisse und Perspektiven¬†(1906)
+ Tariq Ali and Phil Evans, Introducing Trotsky and Marxism / Trotsky for Beginners (1980)


Woche 6, 24. Mai:

‚Äʬ†W.I.¬†Lenin,¬†Staat und Revolution¬†(1917)


Woche 7, 31. Mai:

‚Äʬ†Rosa¬†Luxemburg,¬†Was will der Spartakusbund?¬†(1918)
‚Äʬ†Rosa¬†Luxemburg,¬†Unser Programm und die politische Situation¬†(1918)
+ Luxemburg, Die Sozialisierung der Gesellschaft (1918)
+ Luxemburg, Die Ordnung herrscht in Berlin (1919)
+ Sebastian Haffner, Die deutsche Revolution 1918/19 (1968)


Woche 8, 7. Juni:

‚Äʬ†W.I.¬†Lenin,¬†Der ‚ÄěLinke Radikalismus‚Äú, die Kinderkrankheit im Kommunismus¬†(1920)
+ Lenin, Notizen eines Publizisten (1922/24)


Woche 9, 14. Juni:

‚Äʬ†Luk√°cs, ‚ÄúDer Standpunkt des Proletariats‚ÄĚ (= Teil III. des Kapitels ‚ÄúDie Verdinglichung und das Bewu√ütsein des Proletariats‚ÄĚ) In:¬†Geschichte und Klassenbewusstsein¬†(1923)


Woche 10, 21. Juni:

‚Äʬ†Leo¬†Trotzki, 1917 ‚ÄstDie Lehren des Oktobers¬†(1924)
+ Leo Trotzki, Bolschewismus und Stalinismus (1937)


Woche 11, 28. Juni:

ACHTUNG: unplanm√§√üige Termin√§nderung ‚Äď diese Sitzung wird bereits um 10 Uhr fr√ľh im Studierendenhaus stattfinden¬†(K1, 2 oder 3).

‚Äʬ† Leo¬†Trotzki,¬†Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der 4. Internationale (Das √úbergangsprogramm)¬†(1938)


Woche 12, 05. Juli:

‚ÄĘ epigraphs by Louis¬†Menand¬†(on Edmund Wilson) and Peter¬†Preuss¬†(on Nietzsche) on the modern concept of history
+ Bertolt Brecht,¬†‚ÄúAn die Nachgeborenen‚Ä̬†(1939)
+ Benjamin, Erfahrung und Armut (1933)
+ Benjamin, Theologisch-politisches Fragment (1921/39?)
+ Benjamin, Zum Planetarium (aus: Einbahnstraße, 1928)
‚Äʬ†Walter¬†Benjamin,¬†√úber den Begriff der Geschichte¬†(1940)
‚Äʬ†Benjamin,¬†Paralipomena zu den Thesen √úber den Begriff der Geschichte¬†(In: GS I) (1940)

Woche 13, 12. Juli:

‚ÄĘ Theodor¬†Adorno,¬†Reflexionen zur Klassentheorie¬†(1942)
‚Äʬ†Adorno,¬†Ausschweifungen¬†(1944‚Äď47)
+ Adorno,¬†‚ÄúZuneigung‚ÄĚ, ‚ÄúVor Mi√übrauch wird gewarnt‚ÄĚ und ‚ÄúZum Ende‚ÄĚ, aus:¬†Minima Moralia(1944‚Äď47)
+ Horkheimer und Adorno,¬†Diskussion √ľber Theorie und Praxis¬†(1956)


Woche 14. 19. Juli:

+ Adorno,¬†‚ÄúZu Subjekt und Objekt‚Ä̬†(1969)
‚Äʬ†Adorno,¬†‚ÄúMarginalien zu Theorie und Praxis‚Ä̬†(1969)
‚Äʬ†Adorno,¬†‚ÄúResignation‚Ä̬†(1969)
+ Adorno and Herbert Marcuse, correspondence on the German New Left (1969)
+ Esther Leslie, Introduction to the 1969 Adorno-Marcuse correspondence (1999)
+ Adorno,¬†‚ÄúSp√§tkapitalismus oder Industriegesellschaft?‚Ä̬†(1968)

Thomas Seibert, Norbert Trenkle, Daniel Loick, und Janine Wissler   

Platypus Review 55 | April 2013

[PDF]  [Audio Aufnahme]  [Video Aufnahme]

[English]

Am 25.06.2012 hat Platypus in Frankfurt die Podiumsdiskussion Reform, Revolution, Widerstand als Teil einer Veranstaltungsreihe organisiert, die den gegenw√§rtigen Zustand linker Politik in den Blick nimmt. Thematisch √§hnliche Panels wurden ebenfalls 2007 in New York und 2012 in Thessaloniki durchgef√ľhrt. An dieser Veranstaltung nahmen Thomas Seibert von der Interventionistischen Linken (IL), Norbert Trenkle von Krisis, Daniel Loick von der Goetheuni Frankfurt und Janine Wissler von DIE LINKE/Marx21 teil; Jerzy Sobotta moderierte. Es folgt eine editierte Transkription der Veranstaltung (eine englische Version erschien in der Platypus Review Nr. 55).


Thomas Seibert: Dass die Linke historisch am Tiefpunkt ist, teile ich nicht. Meiner Einsch√§tzung nach gab es einen Tiefpunkt Anfang der 90er Jahre, und das war eine Zeit, in der man tats√§chlich depressiv werden konnte, weil sich damals auch die letzten von der Linken distanzierten. Heute w√ľrde ich das eigentlich nicht mehr so sehen, und schon gar nicht seit 2011, also seit der R√ľckkehr einer Aktionsform, die man eigentlich f√ľr historisch √ľberholt geglaubt hatte, n√§mlich die klassische Form des Aufstands als die Zusammenkunft der Leute auf dem gr√∂√üten Platz der Stadt: Sie bleiben dort und verlangen den Sturz der Regierung.

Ich m√∂chte mit einer kurzen Bestimmung anfangen: Widerstand ist Renitenz und Revolte. Ich w√ľrde Widerstand tats√§chlich im Alltagsleben verorten: bei ganz kleinen Sachen wie z.B. Sabotage am Arbeitsplatz, Krankfeiern oder L√§cherlichmachen von Autorit√§ten. Ich w√ľrde ihn auch auf einer Ebene verorten, wo so etwas wie das Unbewusste des Politischen mit ins Spiel kommt: Leute werden zu Hunderttausenden krank; die psychischen Erkrankungen in Griechenland sind in den letzten Monaten um 40 Prozent gestiegen ‚Äď darin schwingt auch ein Moment von Widerstand mit. Die entschiedenste Form von Widerstand in seiner klassischen Form, im Unterschied zu anderen Formen von Politik, war Tottenham. Die Riots in England w√ľrde ich f√ľr eine der Kernfiguren von Widerstand, wenn er kollektiv wird, halten ‚Äď also Renitenz und Revolte.

Viele Leute, die Widerstand als ihre Konzeption des Politischen verstehen, tun das tats√§chlich in offensiver Abkehr von Konzeptionen wie Reform und Revolution, und sie tun das deshalb, weil sie damit die Fragen loswerden, die in Reform und Revolution gestellt sind, n√§mlich: Sind wir einem Ganzen konfrontiert und muss dieses Ganze aufh√∂ren? Und wie schaffen wir es, dieses Ganze zum Aufh√∂ren zu bringen? Es gibt eine bestimmte Tradition, in der man diese Fragen einfach wegschiebt, da sie sich historisch erledigt h√§tten und historisch gescheitert w√§ren ‚Äď und wir machen eben Widerstand ‚Äď Widerstand als ein spezifischer, nicht als einer, der sich gegen ein ganzes gesellschaftliches Verh√§ltnis richtet. Prominent sind diese Ans√§tze seit den 60er Jahren und verst√§rkt noch einmal in den 80er/90er Jahren, z.B. bei Michel Foucault. Solche Ans√§tze fragen dann auch nicht mehr danach: K√∂nnen wir das Ganze, z.B. den Kapitalismus, loswerden? Diese Frage wird als zu gro√ü, unbeantwortbar oder theoretisch falsch gestellt verworfen, und stattdessen wird dieser spezifische Widerstand bevorzugt.

Ich halte diese Haltung prinzipiell f√ľr falsch, und zwar einfach aus einem logischen Grund: Wer das als Politik entwirft, mauert sich in der Position des Unterworfenen ein, weil man bei einer solchen Politik, die ein immer wieder neu zu vollziehender spezifischer Widerstand ist, damit unter der Hand sagt: ‚ÄěIm Prinzip bleibt Unterdr√ľckung als Gesamtzusammenhang bestehen, und deshalb muss sie immer wieder neu angegriffen werden. Diese Unterdr√ľckung im Ganzen kann eigentlich nicht beiseite geschafft werden, deswegen orientiere ich mich an strategischen Fragestellungen.‚Äú

Zu Reform und Revolution w√ľrde ich sagen: Keine spezifische Taktik und keine spezifische Aktionsform ist definitiv historisch gescheitert. Es ist sehr leichth√§ndig zu sagen: Dieses oder Jenes ist doch gescheitert, das wissen wir sicher. Wenn jemand behauptet, Dieses oder Jenes sei gescheitert, dann m√∂chte ich auch von ihm wissen, welche Form denn nicht gescheitert ist? Nehmen wir z.B. den Gang in den Staat: Wir k√∂nnen sagen, der reformistische Gang in den Staat ist definitiv gescheitert. Der Versuch, die √úbernahme der Staatsmacht und dar√ľber hinaus die Gesellschaft zu ver√§ndern, ist gescheitert. Aber dann ist auch der spontane Aufstand gescheitert und der Guerillakampf. Vieles ist schiefgegangen, aber ich w√ľrde mir grunds√§tzlich vorbehalten, dass ich die Ver√§nderung dieser Gesellschaft, die Abschaffung der bestehenden Herrschafts- und Ausbeutungs-verh√§ltnisse, auch die Abschaffung der bestehenden Subjektivierungsverh√§ltnisse, f√ľr zentral halte. Dieses Ziel strebe ich mit der einfachen Formulierung an: By any means necessary ‚Äď was immer unter bestimmten Bedingungen als sinnvoll erscheint, und da w√ľrde ich keines der historischen Mittel, die erfunden worden sind, definitiv ausschlie√üen. Aber nat√ľrlich w√ľrde ich sagen, dass man bestimmte Sachen, so wie sie versucht worden sind, nicht mehr anwenden kann.

Ich glaube auch, dass man die Frage nach dem revolutionären Bruch differenziert stellen muss. Wir wissen, dass wir es mit einer Vielzahl unterschiedlicher Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse zu tun haben und nicht alle sind geeignet, mit dem Mittel des revolutionären Bruchs bearbeitet zu werden. Ich kann mir zum Beispiel keinen revolutionären Bruch in der Frage vorstellen: Sturz oder Nicht-Sturz des Patriarchats, denn das ist einfach ein anderer Prozess, der nicht nach dem Mittel des revolutionären Bruchs gedacht werden kann. Ich glaube aber, dass die Abschaffung des Kapitalismus letztendlich so etwas wie die Stilllegung der Kapitallogik definitiv einschließt, wie lange man auch immer die Übergangszeit denkt. Insofern glaube ich, dass wir heute ohne die Konzeption eines revolutionären Bruchs nicht auskommen.

Ich w√ľrde diese Frage nach Reform, Revolution und Widerstand konkretisieren: Mit dem Widerstand f√§ngt immer alles an. Eine Linke muss immer einen positiven Bezug auf den aufbrechenden Widerstand haben, was nicht hei√üt, dass sie ihn prinzipiell guthei√üt. Aber er ist der Rohstoff des Prozesses, an dem wir teilhaben.

Norbert Trenkle: Ich will die Notwendigkeit betonen, vom Begriff des Widerstands im Sinne von Mikropolitik weg zu kommen. Stattdessen sollte das Ganze in den Blick genommen werden. Die Frage ist allerdings: Mit welchen Kategorien? Ich denke, dass die Begriffe ‚ÄěReform‚Äú und ‚ÄěRevolution‚Äú in starkem Ma√üe von der kapitalistischen Logik infiziert sind. Sie sind eigentlich sogar ein Reflex des kapitalistischen Durchsetzungsprozesses und daher heute nicht mehr brauchbar f√ľr eine Frage der Transformation und √úberwindung oder Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft. Sie haben einen Bedeutungswandel erfahren: ‚ÄěReform‚Äú meint immer Abbau von sozialen Rechten, von Arbeitnehmerrechten, also eher eine Art Durch√∂konomisierung der Gesellschaft. Wenn von ‚ÄěRevolution‚Äú die Rede ist, ist allenfalls noch der Umsturz von irgendwelchen mehr oder weniger autorit√§ren Regimen zur Durchsetzung freier Marktbeziehungen gemeint, vielleicht die Einf√ľhrung von demokratischen Rechten.

Ich denke nicht, dass das einfach nur eine neoliberale Okkupation dieser Begriffe ist, sondern es hat damit zu tun, dass sie sehr eng verbunden sind mit dem historischen Prozess der b√ľrgerlichen Gesellschaft; also, dass sie einem zielgerichteten historischen Basisprozess unterliegen: einer dauerhaften Expansion und einer permanenten Revolutionierung der Produktivkr√§fte ‚Äď er treibt die Gesellschaft voran. Dieser Basisprozess ist seinerseits metaphysisch √ľberh√∂ht worden in geschichtsphilosophischen Kategorien, insbesondere in der Kategorie des Fortschritts. Die b√ľrgerliche Gesellschaft wird im Marxismus schon als Durchgangsstadium zu einer h√∂heren Gesellschaftsformation betrachtet, und die Konzepte von Reform und Revolution reihen sich in dieses Fortschrittskonzept ein und beziehen sich darauf. Beide ‚Äď obwohl miteinander verfeindet ‚Äď haben sehr √§hnliche Bezugspunkte, sind sehr eng miteinander verwandt, indem sie sich beide imaginieren: ‚ÄěWir haben einen historischen Prozess im R√ľcken, der gewisserma√üen unsere Anliegen auch voran treibt.‚Äú Von dieser metaphysischen Konzeption von gesellschaftlicher Ver√§nderung m√ľssen wir uns befreien, weil sie infiziert ist mit der gewisserma√üen realen Metaphysik der b√ľrgerlichen Gesellschaft.

Realmetaphysik bedeutet, dass dem Handeln immer schon bewusstlose Prozesse vorausgesetzt sind. Also das, was Marx den Fetischismus nennt, eine Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen, die √ľber die Menschen herrscht. Befreiung oder Emanzipation kann nur hei√üen, sich von diesem bewusstlosen Vorausgesetzten, das √ľber die Menschen herrscht, obwohl es ihre eigenen gesellschaftlichen Beziehungen sind, zu befreien. D.h. aber auch, dass Emanzipation nicht in metaphysischen oder geschichtsphilosophischen Kategorien formuliert werden kann.

Die b√ľrgerlich-kapitalistische Gesellschaft hat ihre Grenzen erreicht. Das ist keine geschichtsteleologische Interpretation, sondern Ergebnis der Analyse der inneren Widerspr√ľche der kapitalistischen Gesellschaft. Dieser Prozess weist in kein Jenseits, er weist nur darauf, dass die Grenzen erreicht sind. Das hei√üt, dass wir an einem Punkt sind, wo sich die Frage stellt: Was kommt danach? Und zwar in einer Situation, in der die gesamte Gesellschaft kapitalistisch durchformiert ist, und das hei√üt nicht nur in den objektivierten Strukturen, sondern das hei√üt nat√ľrlich auch in den Bewusstseinsstrukturen. Es gibt insofern keine Voraussetzungen von Emanzipation auf die wir uns beziehen k√∂nnen, sie m√ľssen erst geschaffen werden. Es gibt also auch kein vorausgesetztes ‚ÄěWir‚Äú auf das man sich in irgendeiner Weise beziehen k√∂nnte, irgendein vorausgesetztes Subjekt, sondern dieses ‚ÄěWir‚Äú muss √ľberhaupt erst entstehen in der Bewusstwerdung dieser Grenzen und des verdinglichten Prozesses, der an diese Grenzen heran gef√ľhrt hat.

In diesem Bewusstwerden der Grenzen stellt sich die Frage nach bestimmten Taktiken und Aktionsformen nat√ľrlich neu. Es stellt sich auch immer wieder neu das Problem von Immanenz und Transzendenz, also welche immanenten Forderungen sind zu stellen und k√∂nnen trotzdem Schritte in eine Richtung der √úberwindung dieser Gesellschaft sein. Nicht die Taktik, nicht die Aktionsform ist das Problem, sondern die Frage ist: Um was geht es eigentlich? Es geht zun√§chst mal negativ bestimmt um die Befreiung von diesem verdinglichten Prozess und zweitens um die Aneignung des stofflichen Reichtums. Die Krise der b√ľrgerlichen Gesellschaft ist eine, die aus dem Paradoxon resultiert, dass sie zu reich ist. Die Gesellschaft ist zu reich f√ľr den Kapitalismus und genau das macht die Grenzen aus, an die sie st√∂√üt, das macht die Krise aus. Das hei√üt, es muss zun√§chst formuliert werden: Um was geht es? Zugriff auf den stofflichen Reichtum, Befreiung von dieser Form des Werts und erst dann k√∂nnen die Aktionsformen und Taktiken neu gefasst werden. Es ist also nicht einfach eine Frage von ‚Äědie Dinge neu zu erfinden‚Äú, sondern sie in einen neuen Kontext zu stellen.

Daniel Loick: Ich f√ľrchte, ich bin ein Vertreter genau dieser Foucaultianischen Mikropolitik der Post-68er ‚Äěman macht so im Alltag rum‚Äú, die ihr beide so f√ľrchterlich findet. Insofern werden die Unterschiede ganz deutlich. Wir k√∂nnen aus der feministischen Politik der 68er lernen. Wir befinden uns genau an dem Ort, an dem Helke Sander auf der Delegiertenkonferenz des SDS mit dem ber√ľhmten Tomatenwurf zur Entstehung der Zweiten Frauenbewegung beigetragen hat. Aus der Rede, die sie damals gehalten hat, k√∂nnen wir heute noch lernen. Darin wurde darauf hingewiesen, dass die Ver√§nderung der √∂konomischen Verh√§ltnisse nicht auch schon die Ver√§nderung der Geschlechterverh√§ltnisse nach sich zieht. Das war nicht so zu verstehen, dass die Frauen im Privatleben entlastet werden sollten, weil man jetzt z.B. die Kindererziehung solidarischer und kollektiv macht, sondern es wurde damit ein neues Terrain der politischen Auseinandersetzung er√∂ffnet. Die Fragen, die bis dahin als privat begriffen wurden, waren jetzt politisch. Damit geht einher, dass man sich gesellschaftliche Ver√§nderung nicht mehr in denselben Formen vorstellte, also nicht mehr nach dem Muster Reform versus Revolution.

In der Konsequenz daraus möchte ich sieben Thesen zur Diskussion stellen:

1. Schluss mit dem √Ėkonomismus: Es gibt keinen Grund- oder Hauptwiderspruch, keine ‚ÄěBasis-√úberbau-Relation‚Äú, ‚Äěreelle Subsumption‚Äú, keine gesellschaftliche ‚ÄěTotalit√§t‚Äú, keine Ableitbarkeit aus der √Ėkonomie, keine Reduzierbarkeit, keine Determination und auch kein ‚Äěin letzter Instanz‚Äú. Kapitalismus, Sexismus, Rassismus, Neokolonialismus, Antisemitismus und viele andere Ausgrenzungs-, Ausbeutungs- und Unterdr√ľckungsph√§nomene bilden ein Ensemble von Herrschaftsverh√§ltnissen, die nat√ľrlich miteinander in Beziehung stehen, sich gegenseitig beeinflussen (teils beg√ľnstigen, teils einander widerstreben) und die sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich stark √§u√üern, unter denen sich aber in keinem Fall, weder ein zeitliches noch ein logisches, Primat oder eine Priorit√§t ableiten l√§sst.

2. Keine Trennung in ‚ÄěPolitik-Politik‚Äú und ‚ÄěAlltagspolitik‚Äú: Reproduktions- und F√ľrsorgearbeit muss als solche sichtbar gemacht und gerecht verteilt werden. Der Alltag ist ein Terrain der politischen Auseinandersetzung. Das ‚ÄěPrivate‚Äú ist dem politischen Kampf nicht unter- und nicht nachgeordnet. Wenn gefordert wird, Hausarbeit, Kindererziehung und das solidarische Sich-K√ľmmern gerecht zu organisieren, so ist das nicht deshalb der Fall, um Frauen oder anderen Ausgeschlossenen einen gleichberechtigten Zugang zur Sph√§re der ‚Äěrichtigen‚Äú Politik zu erm√∂glichen ‚Äď sondern umgekehrt, um M√§nner und andere Privilegierte in die Sph√§re der ‚Äěrichtigen‚Äú Politik zur√ľck zu zwingen.

3. Keine Angst vor dem eigenen Erfolg: Der Fortschritt im Kampf gegen ein Herrschaftsverh√§ltnis ist nicht dadurch entwertet, dass er nicht gleich mit Erfolgen im Kampf gegen alle Herrschaftsverh√§ltnisse einhergeht. Die feministische Revolution von 1968 ist nicht dadurch weniger revolution√§r, dass nicht gleich der Kapitalismus mit abgeschafft wurde. Nat√ľrlich k√∂nnen die eigenen Errungenschaften integriert und domestiziert werden, k√∂nnen eigene Befreiungen letztlich ambivalente oder ironische Wirkungen annehmen. Wer aber behauptet, die Post 68er Befreiung habe nicht ‚Äěwirklich‚Äú etwas ver√§ndert oder sei gar einfach der Vorbote postfordistischer oder postmoderner Arbeitsverh√§ltnisse gewesen, schreibt die Privilegierung und Priorisierung der √Ąnderung einer so genannten Basis fort. Wem es immer nur ‚Äěums Ganze‚Äú geht, geht es immer nur um einen Teil: Um die √Ėkonomie, und nur eine bestimmte √Ėkonomie.

4. Kein ‚Äětabula rasa‚Äú, keine Katharsis: Wenn wir es mit einer Vielzahl relativ autonomer Herrschaftsverh√§ltnisse zu tun haben, die miteinander nicht synchron sind, so ist die Idee eines einzigen Bruchs, nach dem alles ‚Äěganz anders‚Äú ist, unrealistisch und irref√ľhrend. Es gibt immer mehrere Frontstellungen, es gibt diverse Allianzen und Gegnerschaften. Der Begriff der Revolution muss entweder aufgegeben oder so umformuliert werden, dass er die heterogenen Zeitlichkeiten autonomer Emanzipationsbestrebungen anerkennen und fassen kann.

5. Es gibt keine Barrikaden mehr: Wir d√ľrfen uns nicht alle Herrschaftsverh√§ltnisse nach dem Muster und dem Vorbild des Kapitalismus vorstellen. Manche Herrschaftsverh√§ltnisse bilden antagonistische √§u√üere Gegens√§tze aus, manche sind intim und verlaufen durch unsere eigenen K√∂rper (wie die Zweigeschlechtlichkeit), es gibt militante K√§mpfer in b√ľrgerlichen Institutionen und es gibt den Feind in meinem Bett. Manche Forderungen lassen sich in Rechte konvertieren, anderen erfordern die √Ąnderung von Haltungen oder Aufmerksamkeiten, manche K√§mpfe zielen auf Ver√§nderung eines materiellen, andere auf die eines kulturellen oder symbolischen Regimes. Das Verh√§ltnis zwischen Eltern und Kindern ist ein Herrschaftsverh√§ltnis, aber es ist weder durch Guillotine, noch durch Steuerpolitik l√∂sbar ‚Äď sondern nur durch ein Anerkennen der spezifischen, eben nicht in das Raster der √Ėkonomie pressbaren Bed√ľrfnisse der Subalternen, also hier der Kinder, zu √ľberwinden.

6. Schluss mit dem Bilderverbot: Es geht darum, neue Subjektivit√§ten und neue Beziehungen im Hier und Jetzt zu entwickeln und zu etablieren. Diese Formen, wie wir leben wollen, m√ľssen ausprobiert, reflektiert, revidiert und publiziert werden. Es gibt keinen Grund, damit auf den Tag ‚Äěder Revolution‚Äú zu warten. Wir k√∂nnen sofort beginnen.

7. Occupy your life: Das spannende und Mut machende an den globalen Protestbewegungen, deren Zeuginnen und Zeugen wir zurzeit weltweit werden, ist gerade das Ernstnehmen der spezifischen √Ąsthetik der Existenz, die im Engagement liegt. Von Anfang an, so scheint es zumindest, haben in der Occupy-Bewegung Diskussionen um die Organisation des Alltags eine gro√üe Rolle gespielt, und von Anfang an haben die Akteure die kulturelle Dimension des Protests nicht verdr√§ngt, sondern affirmiert. In fast ausnahmslos allen Dokumenten zur Occupy-Bewegung wird die Erfahrung kollektiven Zusammenlebens selbst akzentuiert: Die Erfahrung des Zeltens, Diskutierens, des Versammelns, der damit verbundenen Emotionen und Affekte. Occupy verzichtet auf einen personifizierten Adressaten oder auf die Fiktion eines gesellschaftlichen Gro√üsubjektes. Und dabei hat Occupy nebenbei gezeigt, dass Engagement nicht asketisch oder traurig sein muss, sondern dass es auch schon heute sehr viel zu gewinnen gibt, wenn wir gemeinsam ein neues, widerst√§ndiges Leben aufbauen.

Janine Wissler: Ich will vorwegschicken, dass ich das mit dem historischen Tiefpunkt, in dem sich die Linke befindet, auch nicht so sehe. Ich glaube, im Gegenteil, dass Widerspr√ľchlichkeiten heute so gro√ü, so grundlegend und so offensichtlich sind, dass Kapitalismuskritik heute viel besser ankn√ľpfen k√∂nnte am gesellschaftlichen Bewusstsein, als es noch in Zeiten des Fordismus der Fall war; in Zeiten hoher Wachstumsraten, in Zeiten in denen ein Gro√üteil der Gesellschaft in irgendeiner Form am Wachstum partizipieren konnte; als es auch ganz realistisch eine Verbesserung der Lebensqualit√§t der Menschen gab. Darum glaube ich, dass heute die Widerspr√ľche viel st√§rker auf der Hand liegen, und dass f√ľr viele Menschen doch sehr klar ist, dass sich die derzeitigen sozialen, wirtschaftlichen, auch gerade die √∂konomischen Probleme √ľberhaupt nicht l√∂sen lassen werden, wenn man nicht Macht- und ¬†Eigentumsverh√§ltnisse sehr grundlegend ver√§ndert.

Da ich gesagt habe, dass die Widerspr√ľche sichtbarer werden f√ľr viele Menschen, hei√üt nat√ľrlich nicht im Umkehrschluss, dass jetzt sehr viele Menschen den Schluss ziehen, gegen das System zu k√§mpfen. Die Occupy- und Blockupy-Proteste, letztere mit 25.000 Beteiligten, sind eine tolle Entwicklung. Wir k√∂nnen auch nicht davon sprechen, dass es weltweit √ľberhaupt keine Protestbewegungen g√§be. Doch nat√ľrlich sehe ich auch, dass gerade in Deutschland soziale Bewegungen wirklich gro√üe Schwierigkeiten ¬†haben.

In der Frage, was Widerstand bedeutet, schlie√üe ich mich Thomas an: es gibt nat√ľrlich verschiedenste Formen von Widerstand ‚Äď der kann sehr punktuell sein, der kann dauerhaft sein, der kann sehr individuell, sehr individualisiert sein, oder eben massenhaft stattfinden in Form von sozialen Bewegungen. Darum meine ich, dass es die Aufgabe der gesellschaftlichen Linken ist, diese Formen von Widerstand zu best√§tigen, also sie auch ein st√ľckweit vom Konkreten zum Allgemeinen zu bringen. Es sollte klar gemacht werden, dass es letztlich nat√ľrlich keinen Sinn macht, immer nur die Symptome eines kranken Systems zu bek√§mpfen. Doch wie kann man ein ganzes System in Frage stellen? Es funktioniert nicht, dass man Reformen und Verbesserungen schrittweise erk√§mpft, und dann zu einer besseren Gesellschaft kommt. Reformen sind auch zur√ľcknehmbar und wir haben ja gerade in letzten Jahren erlebt, dass Errungenschaften, die es schon mal gab, zur√ľckgenommen werden, und man merkt, dass das Ganze durchaus seine Grenzen hat.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben nicht K√§mpfe f√ľr positive Reformen, sondern eigentlich Abwehrk√§mpfe im Vordergrund gestanden, die die Verschlechterung verhindern sollten. Es gab keine massenhaften Proteste, die √ľber den Status Quo hinausgehende Forderungen stellten. Das sehen wir in der Hochschulpolitik, genauso wie in betrieblichen Fragen. Offensichtlich ist der Kampf um progressive Reformen in der Defensive und der Reformbegriff wurde v√∂llig pervertiert. Wenn man heute an Reformen denkt, hat es √ľberhaupt nichts mehr Positives an sich, man denkt eher an Verschlechterung.

Wenn wir allerdings √ľber Reform und Revolutionen reden, kritisiere ich nat√ľrlich an Reformismus und reformistischen Parteien, dass sie sich √ľberhaupt nicht die Frage stellen, welche Hemmnisse es eigentlich gibt f√ľr soziale Bewegungen, was Menschen eigentlich davon abh√§lt, mit anderen gemeinsam selbst emanzipiert f√ľr ihre Interessen zu k√§mpfen. Das liegt wohl daran, dass im Reformismus einfach unglaublich stark das Prinzip dominiert, man mache Politik f√ľr Menschen, stellvertretend f√ľr Menschen. Der Gedanke von Selbstemanzipation, also dass Menschen sich selber in K√§mpfen, in sozialen Bewegungen einbringen und selber Politik machen, ist √ľberhaupt nicht verankert. Deswegen dominiert im gesellschaftlichen Bewusstsein die Vorstellung, dass man jemanden stellvertretend in die Regierungen und die Parlamente w√§hlt, und sich selber gar nicht als Teil von Politik versteht. Was die Taktiken und die Strategien angeht, ist es entscheidend zu √ľberlegen, wie man Ohnmacht und Vereinzelung bek√§mpfen kann.

Die Kritik am √Ėkonomismus finde ich v√∂llig richtig. Nichtsdestoweniger ist es durchaus wichtig, zu diskutieren, in welchem Zusammenhang Ausbeutungs- und Unterdr√ľckungsverh√§ltnisse zueinander stehen, und dass sie nat√ľrlich auch einander bedingen. Ich w√ľrde zustimmen, dass der Kampf gegen Rassismus und der Kampf gegen Frauenunterdr√ľckung selbstverst√§ndlich eigenst√§ndige K√§mpfe sind. Es w√§re falsch, alles einfach nur alleine aus dem Klassenkampf abzuleiten. Dennoch denke ich, dass man an dieser Stelle √ľberlegen muss, wo da Zusammenh√§nge aufzufinden sind. Ich kann mir n√§mlich nicht vorstellen, wie Frauen frei sein sollen in einer unfreien Gesellschaft und umgekehrt. Daher ist diese These ein bisschen absolut. Das Problem ist doch gerade, dass es nat√ľrlich, jetzt speziell im Fall der Rolle der Frau, in der kapitalistischen Gesellschaft einfach objektive Gr√ľnde gibt, warum es gesellschaftlich einen Sinn macht, dass Frauen nicht gleichberechtigt sind. Wenn man diesen √∂konomischen Zweck auch beseitigt, dann ist doch einfach der objektive Grund daf√ľr weg. Man muss √ľberlegen, wie man den Kampf f√ľr die Gleichberechtigung von Frauen mit dem Kampf f√ľr eine bessere Gesellschaft verbindet. Die Geschichte hat auch gezeigt, dass gerade in den Zeiten, als es revolution√§re Bewegungen gab, auch die meisten Rechte f√ľr Frauen durchgesetzt werden konnten, z.B. 1918, als das Frauenwahlrecht durchgesetzt wurde. Das waren auch oft die Zeiten, zu denen es eben auch allgemein gesellschaftlichen Aufbruch und revolution√§re Situationen gab. Folglich muss man es miteinander diskutieren, ohne diese Nebenwiderspruchsdebatte aufzumachen, die auch, glaube ich, sehr sch√§dlich ist.

TS: Bei Daniels Thesen habe ich mich gef√ľhlt, als ob ich in eine Diskussion der 70er zur√ľckgezwungen werde. Damals habe ich all die Sachen gesagt, die gerade Daniel gesagt hat, und sie waren immer der Ausgangspunkt f√ľr meine Politik. Der Punkt ist aber, wir sind in den 2012er Jahren, d.h. zwischenzeitlich sind viele Erfahrungen gemacht worden.

Es gab eine Zeit, da wurde Politik definiert als das, was die Partei gegen den Staat und gegen das Kapital macht, unter der F√ľhrung der M√§nner, und alles andere ist Teil des Privatlebens, bestenfalls Nebenwiderspruch und wird nach der Revolution gekl√§rt Dagegen wurde dann dieses Begriffspaar Mikropolitik/Makropolitik eingef√ľhrt, in dem das ganze ausgeschlossene Feld als mikropolitisches Feld, als Feld der Widerst√§nde eingef√ľhrt wurde. Doch in diesen Texten ist nicht die Rede davon, dass wir jetzt mit dem anderen aufh√∂ren und uns jetzt allein diesem Neuen widmen, sondern das Ausgeschlossene sollte als Teil des Politischen erk√§mpft werden. Die alten Fragen bleiben aber bestehen, und man ist nicht √Ėkonomist, wenn man das betont. Es gibt unterschiedliche Herrschaftsverh√§ltnisse, die unterschiedliche Logiken haben. Nat√ľrlich ist der Kapitalismus nicht das Ganze der Herrschaftsverh√§ltnisse. Aber es ist ein wesentliches (aber nicht das einzige) Herrschaftsverh√§ltnis, das quer durch alle anderen geht. Wer das abstreitet, stellt es auf Dauer: wie eine linksliberale Position, die den Kapitalismus bestenfalls einhegen will.

Dagegen m√∂chte ich ein altes ‚Äěb√∂ses‚Äú leninistisches Begriffspaar einf√ľhren: n√§mlich Tradeunionismus vs. Politik. Unter Tradeunionismus versteht man das, was man so spontan im Alltagsleben an Problemen aufh√§uft und dann artikuliert (z.B. gewerkschaftlichen Forderungen). Das sollte weg und das richtig Politische war das, was die Partei vorgab. Das ist von heute aus gesehen eine falsche Position. Nur gibt es aber daran ein Moment, in dem wir unsere Erfahrungen der letzten 30 Jahre wiederentdecken k√∂nnen: ¬†Die Spaltung Tradeunionismus vs. Politik bedeutete auch die Spaltung derer, die an ihren unmittelbaren Interessen kleben und nichts andres tun als dieses spezifische Leid, an dem sie aufbrechen, und den Widerstand zum Fokus zu machen, und nicht mehr tun. Man kann das jeder Gruppe vorwerfen, die irgendwo wegen eines spezifischen Unterdr√ľckungsverh√§ltnisses auftritt: wenn sie nur an ihm klebt, dann l√§uft da was schief. Lenin hat diesen Begriff f√ľr die Arbeiterbewegung seiner Zeit gepr√§gt, aber es gibt einen Tradeunionismus der Frauen, der Jugendlichen, der Kranken und einen der √Ėkologie ‚Äď das ist ein wirkliches Problem, und diesen Horizont gilt es zu √ľberschreiten. Man muss den Schritt dar√ľber hinaus vollziehen und sich als politisches Subjekt konstituieren. Ich glaube, dass diejenigen, die vor 30 Jahren gegen den SDS aufgebrochen sind, sich ihrerseits in einem ganz spezifischen eigenen Tradeunionismus verfilzt und verfangen haben. Das entwertet ihre K√§mpfe nicht. Aber wir m√ľssen uns doch die Frage stellen: Wieso konnte sich eine Generation befrieden lassen mit Kitas und mit ver√§nderten Geschlechterverh√§ltnissen (und die Geschlechterverh√§ltnisse sind massiv ver√§ndert worden)? Es stellt sich die Frage nach dem politischen Subjekt, das im Namen aller k√§mpft.

NT: Den Vorwurf des √Ėkonomismus weise ich nat√ľrlich zur√ľck. Hinter ihm steckt selber ein sehr verk√ľrztes Verst√§ndnis von dem, was Kapitalismus ausmacht. Es ist ein Unterscheid, ob ich von einer kapitalistischen Gesellschaft spreche, die von der Wertlogik als Basisprozess getrieben wird oder ob ich sage: ‚ÄěAlles ist √∂konomisch bestimmt‚Äú. Das ist etwas ganz anderes. Es gibt ein historisch-spezifisches Merkmal dieser Gesellschaft, das in diesem ‚ÄěGetriebensein‚Äú besteht; diesem Zwang zur Beschleunigung, diesem Zwang alles umzuwerfen und die Produktivkr√§fte st√§ndig zu ver√§ndern und die gesamte Gesellschaft mit der kapitalistischen Beziehungsform zu durchdringen. Das ist keinenesfalls etwas nur √∂komonisches, sondern betrifft die intimsten Beziehungen der Menschen, also die Art und Weise, wie sich Menschen zueinander verhalten. Wenn wir von Subjekten sprechen, die sich als Konkurrenzsubjekte begreifen und sich auch so verhalten m√ľssen, dann sind das Menschen, die dazu gezwungen sind, die Welt und sich selber st√§ndig zum Objekt zu machen. In der offensichtlichen Form ist das dort zu beobachten, wo ich mich tagt√§glich verkaufen muss als Ware Arbeitskraft. Aber es geht weit dar√ľber hinaus: Sich selbst und andere st√§ndig zum Objekt zu machen und der Welt als einem objektiven Prozess, also als etwas objektiv Fremdem gegen√ľber zu stehen ‚Äď das ist etwas, was spezifisch ist f√ľr die kapitalistische Gesellschaft und was auch alle anderen Herrschaftsformen pr√§gt, die sie auch durchziehen. Es geht also nicht einfach darum, dass man von ‚Äě√∂konomischen Prozessen‚Äú spricht, sondern von etwas, was allen gesellschaftlichen Beziehungen vorausgesetzt ist als gesellschaftliche Form und insofern auch nicht greifbar, weil es in den Alltagsbeziehungen st√§ndig und vor jedem Handeln wirkt. Das reflektiert sich auch in der Art und Weise, wie Menschen √ľber die Gesellschaft denken. Zum Beispiel ist eine Form von Metaphysik die Konstruktion von Kollektivsubjekten wie ‚Äědie Nation‚Äú, d.h. wenn ich mich mit einem Metasubjekt identifiziere, dem ich mich dann unterwerfe. Das hat im engeren Sinne nat√ľrlich nichts mit √Ėkonomie zu tun, sondern mit der Art und Weise wie ich mich zu dieser Gesellschaft verhalte.

In der ‚ÄěPervertierung‚Äú des Reformbegriffs, den Janine angesprochen hat, dr√ľckt sich aus, dass sich der historische Prozess, der Reformen voran getrieben und der es erm√∂glicht hat, Spielr√§ume innerhalb der b√ľrgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu nutzen, ersch√∂pft hat. Eine Verlagerung der kapitalistischen Akkumulationsdynamik an die Finanzm√§rkte hat stattgefunden, weil es eine Ausweichstrategie war, um diese zugrunde liegende Krise der kapitalistischen Gesellschaft f√ľr einige Jahrzehnte zu √ľberspielen. Damit einher geht nicht nur, dass die Spielr√§ume sich verengen, sondern auch dass die Kr√§fteverh√§ltnisse sich in einer Art und Weise verschieben, dass das, was einmal Reform war d.h. soziale Rechte und Spielr√§ume in Arbeitsbeziehungen zu erk√§mpfen, dass genau das nicht mehr funktioniert. Das steckt hinter dem, was als ‚ÄěPervertierung‚Äú des Reformbegriffs gemeint ist.

DL: Ich bin nat√ľrlich auch f√ľr die Abschaffung des Kapitalismus ‚Äď das nur so als Zugest√§ndnis. Was ich aber problematisch finde, ist die Ableitung irgendeiner Priorit√§t der √∂konomischen Sph√§re vor den anderen Herrschaftsverh√§ltnissen, sei es zeitlicher oder logischer Art. Zumindest implizit habt ihr das alle drei schon gemacht. Die Eigenst√§ndigkeit der K√§mpfe hei√üt, dass es mehrere autonome, sich √ľberlappende und gegenseitig beeinflussende Sph√§ren gibt, aber es gibt eben keine Priorit√§tensetzung. Man muss das ernst nehmen¬†und kann nicht sagen: ‚Äědie haben sich abspeisen lassen.‚Äú Die Abwertung von ‚ÄěMikropolitik‚Äú verkennt aber die Dramatik dieser Herrschaftsverh√§ltnisse und wie schwierig es ist, etwas im Kleinen zu ver√§ndern. Hast du schon einmal versucht dich selber zu ver√§ndern? Das ist das Allerschwierigste! Es ist eine Frage von extrem anstrengenden und aufreibenden, kollektiv gef√ľhrten K√§mpfen.

Foucault¬†hat sich nicht geweigert die Frage nach dem Ganzen zu stellen. Er hat sie einfach anders beantwortet. Er hat sich gegen einen in Frankreich vorherrschenden Parteienmarxismus gewendet, der die Kategorie der gesellschaftlichen Totalit√§t zu Grunde gelegt hat. Diese fand er falsch, weil er davon ausgegangen ist, dass es eine Heterogenit√§t von Mikropolitiken gibt, die autonome und lokale Machtverh√§ltnisse konstituieren und gegen die man sich auch lokal wenden muss.¬†Das ist eine Frage der Analyse und nicht, ob man sich weigert bestimmte Sachen zu sehen. Die¬†Auseinandersetzung¬†mit der kommunistischen Partei seiner Zeit ist ein Grund daf√ľr, warum er eine bestimmte Neukonzeption von Politik vorgenommen hat.

Es gibt zwei gro√üe Gefahren f√ľr die Linke: Die Korruption und die Anpassung. Also im Sinne eines Marsches durch die Institutionen, in dem man sich verliert und seine eigenen Ideale verr√§t. Hierauf muss man aufpassen und Mechanismen dagegen entwickeln. Die zweite gro√üe Gefahr ist der Stalinismus. Das war der Punkt, gegen den Foucault¬†sich¬†gewendet hat. Wenn Thomas ‚Äď nach all den Erfahrungen von¬†Avantgardepolitik ‚Äď sagt, ‚Äěby any means necessary‚Äú, dann gehen bei mir alle Alarmglocken an! Der Politikbegriff selber muss doch kritisch reflektiert werden und da m√ľssen doch die Erfahrungen, die man mit dem Stalinismus gemacht hat, als einer wichtigen Versuchung der Linken, auch eingehen in diese Reflexion. Dann muss man einige ‚Äěmeans‚Äú auf jeden Fall ausschlie√üen.

JW: Ich glaube, dass auch die K√§mpfe um die minimalsten Verbesserungen (z.B. Kinderbetreuung) absolut legitim und notwendig sind. Die Frage ist, ob man dabei stehen bleibt. Diese K√§mpfe sind K√§mpfe um ganz unmittelbare Dinge, sogar notwendig, da sie sich mit den Grundvoraussetzungen befassen. Das Infragestellen der gesellschaftlichen Verh√§ltnisse passiert meistens nicht bei den gro√üen Fragen, sondern in Angelegenheiten ihres allt√§glichen Lebens. Es geht nicht darum, ob man diese K√§mpfe f√ľhrt, sondern ob man bei diesen K√§mpfen stehen bleibt, oder ob man sie auch als ein Teil eines Ganzen begreift.

In Rosa Luxemburgs ‚ÄěSozialreform oder Revolution‚Äú wird deutlich, dass sie diese Widerspr√ľche nicht aufmacht. Stattdessen entsteht im Kampf um Reformen √ľberhaupt erst der Keim einer neuen Gesellschaft, und die M√∂glichkeit des Bewusstseins f√ľr eine andere Gesellschaft. Doch sie erkl√§rt auch, warum es nicht reicht, alleine f√ľr Reformen zu k√§mpfen.

In der heutigen Gesellschaft sind die Machtstrukturen eben auch oft Eigentumsstrukturen, sie bedingen sich gegenseitig. Ich w√ľrde Daniel in diesem Punkt darum nicht zustimmen und nicht sagen, sie seien autonom und best√ľnden v√∂llig unabh√§ngig voneinander. Die Macht- und Eigentumsstrukturen geh√∂ren zusammen und man kann die K√§mpfe auch nicht v√∂llig losgel√∂st voneinander f√ľhren.

 

Q & A

Welche Rolle spielt f√ľr euch Politik als eine Art mit Geschichte umzugehen, Dinge neu verstehen zu lernen, sodass das Objekt der Kritik ver√§ndert wird und auch unser eigenes Bewusstsein vom Objekt der Kritik?

TS: Ich glaube, dass das Politische eine eigene Dynamik hat, und man sich t√§uschen w√ľrde, wenn man glaubt, dass der politische Prozess alles neu ausrichten kann und nicht selber wiederum in systemische Zw√§nge eingebettet ist. Ich glaube, dass der politische Prozess das Unvorhersehbare, nicht Ableitbare, Unerwartete, √úberraschende enth√§lt, also pl√∂tzliche √Ėffnungen, mit denen keiner rechnet. Die politischen √úberlegungen der Genossen in Kairo, wenige Monate oder vielleicht nur wenige Wochen vor dem Tahir waren in einem komplett anderen Horizont gestellt als nach dem Tahrir. Es gab eine Art Annahme einer Ewigkeit des Mubarak-Regimes, dass man sich im Wesentlichen innerhalb dieser von Mubarak bestimmten Welt einrichten m√ľsse. Und dann kam Tahrir, und die noch immer marginale linke Position agiert in einem ganz anderen Horizont ‚Äď das ist die Eigendynamik des Politischen. Insofern w√ľrde ich die erste Frage definitiv bejahen: Ja, das gibt es, und diese Eigendynamik des Politischen schlie√üt tats√§chlich ein, bei sich selbst anzusetzen. Ein Aspekt der Selbstver√§nderung ‚Äď nicht der einzige, aber einer ‚Äď ist die Erfahrung die man macht, wenn man an einem bestimmten Punkt in den Widerstand tritt.

In diesem Verh√§ltnis von Mikro- und Makropolitik tritt dann die Frage auf: Gibt es die Option, durch Teilhabe an der Dynamik des politischen Prozesses etwas anderes zu werden, als nur ein Subjekt, das spezifische N√∂te ausagiert? Das ist ein Gewinn, dass neben dem pl√∂tzlichen Umbruch der Lebensperspektiven f√ľr Millionen auch die Frage auftaucht: Welchen Umbruch des Lebenshorizonts gibt es in dem Augenblick, wo man vor dem Hintergrund bestimmter Erfahrungen beschlie√üt, politisches Subjekt zu bleiben? Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrung kann ich sehr wohl sagen: Ein erheblicher Teil meiner Generation hat sich abspeisen lassen; was auch mit falschen Vorstellungen dar√ľber zusammenhing, was es hei√üt in den Widerstand zu treten und warum Politik mehr ist als blo√ü Widerstand machen.

DL: Ich stimme Thomas zu und m√∂chte erg√§nzen:¬†Politik ist wichtig, aber man w√ľrde Politik falsch verstehen, wenn man denken w√ľrde: erst schlie√üen sich Leute zusammen, um ein Ziel zu erreichen, und dann w√§hlen sie die entsprechenden Mittel daf√ľr und dann gucken sie, ob sie es geschafft oder nicht geschafft haben. Diese Vorstellung finde ich verk√ľrzt, weil darin die spezifische √Ąsthetik der Existenz, die im Engagement liegt, verk√ľrzt wird. Politik ist wichtig als ein Milieu von Kollektivit√§t, als ein Gegenmilieu von Bildung, von radikalem Engagement und von bestimmten Alltagspraktiken, die eine bestimmte Gestalt angenommen haben.

Das Problem von den Gr√ľnen war doch nicht Tradeunionismus, nicht, dass sie sich auf ein Thema beschr√§nkt haben oder dass sie zu viel Alltagspolitik gemacht haben, sondern ihr Problem war einfach Korruption. Sie haben sich anpassen lassen von einem Gesamtsystem.

NT: Ich denke auch, dass der Tradeunionismus-Vorwurf gegen√ľber den Gr√ľnen nicht wirklich hinhaut. Bei den Gr√ľnen, aber auch bei der Linken und anderen Parteien, die versuchen auf dem politischen Weg etwas zu ver√§ndern, kommen Sachzw√§nge oder strukturelle Zw√§nge ins Spiel, die dann tats√§chlich auch nicht mehr beiseite gewischt werden k√∂nnen. Wenn eine Linke in Berlin antritt und das Sparprogramm durchzieht, wie sie es ja schon vor Jahren gemacht hat, dann hat das nat√ľrlich etwas damit zu tun, dass sie sich auf die Logik der Finanzierbarkeit einlassen muss, wenn sie in die Sph√§re der Politik geht. Die Logik Finanzierbarkeit hei√üt eben, dass nur die Infrastruktur aufrechterhalten werden kann, die auch bezahlt wird. Das Geld muss dann irgendwo her kommen. Damit habe ich mich schon in alle Zw√§nge verstrickt, die kapitalistische Logik ausmachen. Und das gerade in einer Zeit, in der die Spielr√§ume enger werden, weil eben die Verwertungsbewegung des Kapitals ins Stocken kommt. Bei den Gr√ľnen und den Linken hat man gesehen, dass das ein schmerzhafter Prozess ist. Es gibt immer wieder Leute, die das nicht mitmachen und dann fr√ľher oder sp√§ter die Partei verlassen. Es bleiben dann die ‚ÄěRealos‚Äú, die auf der Seite der Systemzw√§nge stehen und diese exekutieren. So bildet sich dann eben auch eine politische Klasse heraus, die nichts anderes ist als Funktion√§r dieser Logik, also der Logik der Finanzierbarkeit und der Frage, wo das Geld hergenommen wird: aus der kapitalistischen Akkumulation.

Da sind also zwei Prozesse im Gange: zum einen der Tradeunionismus und zum anderen diese Strukturzw√§nge, √ľber die man sich keine Illusionen machen darf. Das hei√üt eben auch, dass sie als solche denunziert werden m√ľssen. Sie d√ľrfen nicht verschleiert werden in dem Sinne, dass man das irgendwie reformieren k√∂nnte.

JW: Dennoch muss man sich ansehen, wie die soziale Zusammensetzung der Gr√ľnen war. Dort spielte von Anfang an die soziale Frage eine total untergeordnete Rolle. Ich denke nat√ľrlich auch, dass die Gr√ľnen ein st√ľckweit Ausdruck eines Niedergangs einer Bewegung sind, und sich dann eben auf Koalitionen, Parlamente und Regierungen eingelassen haben ‚Äď wirklich in dem Glauben, darin etwas ver√§ndern zu k√∂nnen. Ich stimme zu, dass hier die Sachzwanglogik hineinkommt. Die Gr√ľnen haben in der au√üerparlamentarischen Arbeit mehr erreicht f√ľr diese Gesellschaft, und haben das Bewusstsein der Menschen mehr ver√§ndert als in ihren Regierungsjahren. Wenn man in die Parlamente geht merkt man, wie klein die Spielr√§ume f√ľr Ver√§nderungen wirklich sind. Doch es gibt auch gute Gr√ľnde, warum es wichtig ist, dass es die LINKE als parlamentarische Kraft gibt. Wenn es die LINKE nicht gegeben h√§tte, oder wenn es keine linke Alternative gibt, ist es m√∂glich, dass die Rechte leichter Erfolge feiern kann bei Wahlen. Doch die Frage ist: Mit welcher Zielsetzung macht man das, und mit welcher Erwartung, was man in Parlamenten erreichen kann. Der Wahlerfolg von SYRIZA in Griechenland l√§sst sich z.B. √ľberhaupt nicht erkl√§ren, ohne die Massenbewegungen der letzten zwei Jahre im Blick zu behalten, als es siebzehn Generalstreiks gegeben hat. Es macht einfach einen Unterschied, ob man als Regierung auf Massenbewegungen setzen kann zur Durchsetzung von Reformen, oder ob man das nicht kann.

TS: Ich finde es eher richtig zu sagen: Gut, dass es SYRIZA nicht geschafft hat, denn m√∂glicherweise h√§tte das Projekt einen Sieg nicht √ľberstanden, weil es ganz fr√ľh unter Zw√§nge geraten w√§re, die ein neuzusammengesetztes und experimentelles Projekt wie SYRIZA m√∂glicherweise nicht ausgehalten h√§tte. Jetzt werden wir vielleicht eine komplexe Situation von dauernden K√§mpfen und von dauerndem Druck von au√üen und einem m√∂glichen Wahlerfolg von SYRIZA haben, die auch die Option auf Erfindung haben muss. Das hei√üt ‚Äěby any means necessary.‚Äú Ich meine ja nicht, dass wir den Gulag wiedereinf√ľhren sollen, aber ich w√ľrde zum Beispiel nicht sagen, dass man auf Grund des Scheiterns aller reformistischen Projekte, das ja auch nur ein bedingtes Scheitern war, sagen kann, Reformismus d√ľrfte es grunds√§tzlich nicht geben. Mir kommt es auf diese Haltung an: Alle linken Politikformen ‚Äď die neuen sozialen Bewegungen, die alten sozialen Bewegungen, die Sozialdemokratie, der Marxismus-Leninismus, der Anarchismus ‚Äď haben ihren Teil am Scheitern zu tragen und alle haben ihre spezifischen Momente, auf die ich nicht verzichten wollte. Und es k√∂nnen Konstellationen eintreten, die neu sind: SYRIZA ist eine solche neue Konstellation. SYRIZA ist von seiner politischen Plattform her ein linkssozialdemokratisches Projekt, an dem Postmaoisten, Posttrotzkisten, durchgeknallte Anarchos und aufrechte Linkssozialdemokraten in einer Formation teilnehmen. Das hat es historisch noch nicht gegeben und das ist au√üerordentlich. Mich stimmt es erwartungsfroh.

Muss der Streit, ob die Linke nun tot ist, oder ob man optimistisch ist, nicht aufgel√∂st werden in die Frage: ‚ÄěWas tun?‚Äú Lassen sich da nicht die Thesen produktiv ineinander aufl√∂sen? Ist nicht das Ende der Spielr√§ume innerhalb des Kapitalismus eine M√∂glichkeit eine Politik au√üerhalb von ihm zu entwickeln?

NT: Ich denke in der Tat, dass dieser Begriff der Reform f√ľr Bewegungen oder Regierungen wie in Lateinamerika (Chavez, Bolivien) nicht mehr passt. Das Interessante an diesem Prozess ist nicht, was die mit den politischen Institutionen machen. Das Chavez-Regime setzt auf der politischen Ebene nicht das um, was es sich vornimmt und ist ‚Äď wie allgemein bekannt ‚Äď ziemlich korrupt. Aber das eigentlich Interessante ist, dass es Spielr√§ume f√ľr soziale Bewegungen er√∂ffnet hat. Das, was man im Sinne von Reformismus verstanden hat, war ja was anderes, n√§mlich dass ich mich in die politischen Institutionen begebe und dann dort Reformen durchsetze, z.B. Aufbau eines Sozialsystems oder Verbesserung des Arbeitsschutzes. Wenn wir dann noch von Politik sprechen wollen, gibt es hier tats√§chlich eine Ver√§nderung. Das Interessante l√§uft unterhalb dieser Ebene. Die Frage, die an eine politische Partei zu stellen w√§re, wenn sie an die Macht kommt, lautet: Welche Spielr√§ume er√∂ffnet sie f√ľr soziale Bewegungen, die etwas ganz anderes anstreben? Da w√§re ich wieder bei der Frage der Aneignung: Auf der politisch-institutionellen Ebene stellt sich immer sofort die Frage der Finanzierbarkeit. Diese Fragen stellen sich nicht in dieser Weise auf der ¬†Ebene einer Basis-Politik. Dort kann dann gesagt werden: Wir scheren uns nicht √ľber Finanzierbarkeit, sondern wir nehmen uns die H√§user, das Land, die Ressourcen und machen damit das, was wir f√ľr unsere Bed√ľrfnisse brauchen und organisieren uns. F√ľr mich stellt sich die Frage: Welche Spielr√§ume werden da er√∂ffnet? Kann man da noch von Politik sprechen? Ich glaube, man kann hier auf jeden Fall nicht mehr von reformistischer Politik sprechen ‚Äď es ist etwas anderes.

JW: In Deutschland haben wir das Problem, dass wir in dem wirtschaftlich st√§rksten Land der Eurozone ein Niveau an Klassenk√§mpfen haben, das sehr niedrig ist. Das hat nat√ľrlich auch damit zu tun hat, dass die Krisenl√∂sungsstrategie in Deutschland eine ganz andere war als in S√ľdeuropa. Deutschland hat das Gegenteil von dem gemacht, was man jetzt von den L√§ndern in S√ľdeuropa verlangt. In Deutschland ist man sehr stark den sozialpartnerschaftlichen Weg gegangen. Das ist nat√ľrlich auch ein Teil des Problems: Wir haben derzeit in Deutschland die niedrigste Zahl von Streiktagen, sowie den Widerspruch, dass es hier eigentlich die st√§rksten Gewerkschaften gibt, aber die Reall√∂hne sinken. Diese Frage ist auch deshalb schwer, weil sie die Schw√§chen von Blockupy gezeigt hat. So hervorragend es auch ist, dass 25.000 Menschen demonstriert haben ‚Äď es zeigt auch die Schw√§che der deutschen Situation: n√§mlich den Standortnationalismus der Gewerkschaften. Oder in Kauders Worten: ‚ÄěMan spricht jetzt deutsch in Europa.‚Äú Dem wird zumindest offensiv nichts entgegen gestemmt. Gerade jedoch Deutschland sollte der Ort sein, wo es Proteste und Widerstand geben muss gegen die Spardiktate und gegen K√ľrzungen.

Was soll sich heute substantiell ver√§ndert haben, dass es keine Spielr√§ume im Kapitalismus mehr gibt ‚Äď wie Norbert Trenkle behauptet hat ‚Äď und dadurch Reformen und Reformismus unm√∂glich geworden sind? Ist die Kapitallogik, von der er spricht, nicht so alt wie der Kapitalismus selbst?

JW: Enge Spielr√§ume gab es immer schon. Es ist richtig zu sagen, dass schon immer Errungenschaften letztlich auch Zugest√§ndnisse waren und nicht einfach Geschenke, die gemacht wurden. Dennoch muss man davon sprechen, dass die Spielr√§ume heute einfach enger sind. Selbstverst√§ndlich darf man es nicht zu deterministisch sehen, dass man sagt, jetzt sei Ver√§nderung √ľberhaupt nicht mehr m√∂glich. Klar sind auch heute noch Zugest√§ndnisse m√∂glich, und nat√ľrlich kann man auch heute Dinge erk√§mpfen, dies muss man jedoch sehr viel h√§rter und sehr viel entschlossener machen.

NT: Wir haben hier aufgrund des enormen Produktivit√§tswachstums eine Untergrabung der Akkumulationsdynamik, die die kapitalistische Gesellschaft voran treibt. Aus diesem Grund gibt es die Verlagerung an die Finanzm√§rkte. Der Kapitalismus wird heute nur noch getragen durch die Akkumulation von fiktivem Kapital an den Finanzm√§rkten. Deswegen gibt es diese Rede von: ‚ÄěEs gibt keine Alternative‚Äú. Die Zentralbanken m√ľssen Geld in die M√§rkte pumpen und die Staaten springen ein, wenn die Banken zusammen zu brechen drohen, weil diese Dynamik des fiktiven Kapitals aufrecht erhalten werden muss. Das ist das Dramatische an dieser Ver√§nderung gegen√ľber den 60er und 70er Jahren. Innerhalb dieses Prozesses gibt es nat√ľrlich auch Spielr√§ume wie Finanztransaktionssteuern etc. ‚Äď aber es gibt nicht mehr den historischen Spielraum nach vorne: diese Dynamik des fiktiven Kapitals l√§sst sich auf Dauer nicht aufrechterhalten. Diese Form des abstrakten Reichtums, also das Durchpressen jeder G√ľterproduktion durch die Form von Geld, Ware und Kapitalverwertung muss beendet werden. Die Frage ist aber √ľberhaupt noch nicht angekommen, auch gerade in der Linken nicht. Wenn dort √ľber Reichtum diskutiert wird, wird immer in Geldkategorien gedacht. Das ist der entscheidende Punkt und dieser muss jetzt in die Debatte geworfen werfen. Der sogenannte ‚ÄěSparzwang‚Äú resultiert einzig und allein aus der Notwendigkeit, die Akkumulation von (fiktivem) Kapital aufrecht zu erhalten. Es hat ein Vorgriff auf die Zukunft stattgefunden, d.h. immer mehr zuk√ľnftiger Wert wird in die Gegenwart reingeholt, um die Produktion am Laufen zu halten und dies st√∂√üt an seine Grenzen. Jetzt ist der historische Moment da, in dem die Frage der Reichtumsform thematisiert werden muss.

TS: Ob Reformismus m√∂glich ist oder nicht, ist aus keiner noch so guten Analyse der Eigendynamik des Kapitals abzuleiten: Dass der Reformismus im 20. Jahrhundert m√∂glich war, hing im Wesentlichen an der Oktoberrevolution. Das Kapital war immer unwillig zu Zugest√§ndnissen, und die Oktoberrevolution hat die b√ľrgerliche Klasse so erschreckt, dass es pl√∂tzlich den Willen gab, Zugest√§ndnisse zu machen.

Ich w√ľrde einem reformistischen Projekt im 21. Jahrhundert abverlangen, dass es sich auf eine Permanenz des autonomen Widerspruchs aus der Gesellschaft einstellen muss und ihn anerkennt. Das w√§re eine Neuerfindung; es w√§re ein Projekt, das die Autonomie der Stra√üe und die autonome Selbstorganisation der Menschen auch im Konfliktfall bem√ľht anzuerkennen. Daf√ľr braucht man eine solidarische Kommunikation der Leute in beiden Lagern ‚Äď der moderaten und der radikalen Linken. In diesen Organisierungsprozessen werden auch die Fragen der Autonomie der K√§mpfe und einer Organisierung derjenigen, die man Kader nennen kann, aufgeworfen. Und angesichts dessen, was die kommunistischen Parteien des 20. Jahrhunderts gewesen sind ‚Äď und wir sind alle froh, dass sie nicht mehr existieren ‚Äď finde ich, dass die Wiederaufnahme der Fragestellung, die die Genossinnen und Genossen damals zu beantworten suchten, als sie das Modell KP erfunden haben, wichtig ist und diese Fragestellungen nach wie vor pr√§sent sind. Es gibt eine offene und solidarische Kommunikation zwischen eher reformistischen/moderaten Teilen der Linken und eher revolution√§ren/radikalen Teilen der Linken, wie es sie historisch noch nie zuvor gegeben hat. Noch nie zuvor wurde die Kommmunikation zwischen moderater und radikaler Linke so offen, so vielf√§ltig und so solidarisch gef√ľhrt und somit auf Dauer gestellt, wie das gegenw√§rtig der Fall ist. Wenn es gelingt, diese Kommunikation auf Dauer zu stellen und zu organisieren, dann ist es eine M√∂glichkeit f√ľr eine solche reformistische Figur. Was sie aber f√ľr M√∂glichkeitshorizonte hat, wird davon abh√§ngen, ob es auch knallt. So wie die Oktoberrevolution geknallt hat, und die M√∂glichkeit bestand, dass sie sich ausweitet ‚Äď und sie hat sich ja ausgeweitet ‚Äď auch wenn das dann wieder mit Scheitern verkn√ľpft war. Es hat dann ja, inspiriert von der Oktoberrevolution, antikoloniale Revolten gegeben, die den Kolonialismus zum Einsturz gebracht haben. Wesentlich deswegen gab es in Mitteleuropa Reformen. Das ist eine Option, die sich stellt und an der zu arbeiten sich lohnt. Wenn dem nicht so w√§re, w√ľrde ich vorschlagen, dass man sich f√ľr drei bis vier Jahre zur√ľckzieht und nachdenkt ‚Äď und zum Beispiel Adorno liest.

Wie wichtig ist Adornos Kritik an dem Widerstandsbegriff und dem Aktionismus der 68er? Ist sie heute vielleicht sogar noch aktueller als 68?

DL: Ich halte den Vorwurf der Pseudoaktivit√§t f√ľr falsch. Was sollte dieses Pr√§fix ‚ÄěPseudo‚Äú rechtfertigen? Das ist eben nur erkl√§rbar, indem man eine Vorstellung von Gesellschaft als einer bestimmenden Totalit√§t voraussetzt und weil man vor ihrer Abschaffung nichts als tats√§chliche Aktivit√§t gelten l√§sst. Diese Vorstellung ist falsch und darin hat Adorno einfach geirrt. Man muss ihm allerdings zu Gute halten, dass er sich an dieses Verdikt √ľberhaupt nicht gehalten hat. Adorno selber hat ja unendlich viel Politik gemacht.¬†Er hat nicht nur Vortr√§ge und Texte geschrieben, sondern es sind realpolitische Interventionen gewesen, z.B. in Bildungspolitik. Das ist eine bestimmte Form von Politik: n√§mlich eine reformistische. Diese hat Adorno verfolgt und hat eine aktivistische Form der Politik abgelehnt.

TS: Adornos Kritik der 68er hielt ich schon damals f√ľr falsch und halte sie nach wie vor f√ľr falsch, was nicht bedeutet, dass ich Adorno nicht sch√§tzen w√ľrde. Aber er war unf√§hig, sich auf das einzulassen, was unter seinen Augen vorging. Insofern war seine Kritik ein Irrtum.

Bei der Frage, wie man politisches Subjekt wird, ist der Aspekt der Pseudoaktivit√§t aber einer der allerwichtigsten! Wenn die Dinge so sind, wie sie sind, muss man sich das Recht nehmen k√∂nnen, sich zur√ľckzuhalten und sich nicht in Pseudoaktivi√§t zu verlieren. Ich pers√∂nlich komme aus der undogmatischen, post-leninistschen, halb-maoistischen Linken der 70er Jahre, und ab einem bestimmten Zeitpunkt gab es um mich herum nur noch gr√ľn und autonom. Beides fand ich falsch, und habe es f√ľr Zeitvergeudung gehalten und habe mich f√ľr einige Jahre zur√ľckgezogen um nachzudenken. Man kann auch politisches Subjekt sein, wenn man nicht in Aktivismus verstrickt ist, aber man wird nicht darum herum kommen, zum Aktivismus zur√ľckzukehren. Wenn man ein f√ľr alle mal austritt, h√∂rt man auf, politisches Subjekt zu sein.

JW: Die entscheidende Frage ist doch nicht, ob man sich streitet in der Linken, sondern ob bei so einem Streit letztlich am Ende so etwas wie eine gemeinsame Aktion bzw. eine gemeinsame Praxis steht. Es macht wenig Sinn, unproduktiv √ľber Dinge zu streiten, wenn es letztlich nicht zu einer gemeinsamen Praxis f√ľhrt. Darin steckt die Frage, worauf man sich heute eigentlich einigen kann und was denn die Aufgabe f√ľr die heutige Linke ist.¬†|P

Transkribiert von Gregor Baszak, Markus Niedobitek, Nicolas Schliessler, Jerzy Sobotta.

Wir m√∂chten die Semesterferien nutzen, um die Zeit zwischen dem ersten Teil der Lesegruppe und dem zweiten Teil im Sommersemester zu √ľberbr√ľcken und auf die Frage eingehen: ‚ÄúWas ist Platypus? Was ist die ‚ÄėLinke‚Äô?‚ÄĚ

Hier werden wir die Gelegenheit haben, den Inhalt der Lesegruppe mit der Frage nach den gegenwärtigen Problemen von linker Politik und dem Selbstverständnis von Platypus einzugehen.

Daf√ľr werden wir uns an drei Terminen im¬†Cafe Crumble¬†Studierendenhaus¬†(K2)¬†(neben dem Kaffe KOZ) in Bockenheim treffen und folgende Texte besprechen:


‚Äʬ†vorausgesetzt¬†/ + empfohlen


Erstes Treffen: Mittwoch 13. März 2013 (15 Uhr)


Zweites Treffen: Donnerstag, 28. März (15 Uhr)


Drittes Treffen: Donnerstag 11. April (15 Uhr)

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