RSS FeedRSS FeedLivestreamLivestreamVimeoVimeoTwitterTwitterFacebook GroupFacebook Group
You are here: Platypus /Archive for author Salim A

Dieses Jahr markiert das 50. Jubiläum der Ereignisse des Mai 1968. Deshalb laden wir Euch ein an unserem 6 wöchigen Lesekreis über die Neue Linke teilzunehmen.

Zwischen unserer Gegenwart und 1968 liegen mittlerweile mehr Jahre, als zwischen der Russischen Revolution von 1917 und den Ereignissen von 1968. Eingeleitet von einer Neuen Linken, welche sich von der in den 1920er und 30er Jahre aufgekommenen Alten Linken abzugrenzen versuchte, gaben die monumentalen Ereignisse des Jahres 1968 den Ton für alles an, was wir bis heute kennen: von der Protestpolitik bis zur akademischen Linken. Wir verspüren die Dringlichkeit der Frage: : Welche Lehren können wir aus der Neuen Linken ziehen, während eine neue Generation das Unterfangen auf sich nimmt, eine Linke für das 21. Jahrhundert aufzubauen?

Der Lesekreis findet zu den angegebenen Terminen um 17 Uhr im Raum K3 im Studierendenhaus am Campus Bockenheim statt.


• vorausgesetzte / + zusätzliche texte


Woche 1 – 27.02.2018: Einführung in die Neue Linke: Neue Formen der Unzufriedenheit?

"It is with [the] problem of agency in mind that I have been studying the intellectuals. . . . [I]f we try to be realistic in our utopianism — not fruitless contradiction — a writer on the Left today must begin there. For that is what we are, that is where we stand."

— C. Wright Mills (1960)

„Die fortschreitende eindimensionale Gesellschaft verändert das Verhältnis zwischen dem Rationalen und dem Irrationalen. Vor dem Hintergrund der phantastischen und wahnwitzigen Aspekte ihrer Rationalität wird der Bereich des Irrationalen zur Stätte des wirklich Rationalen — der Ideen, die »die Kunst des Lebens befördern« können.“

— Herbert Marcuse (1964)

"Bis jetzt bleibt der Begriff Linke weiterhin unklar."

— Leszek Kolakowski (1968)

• C. Wright Mills, "Letter to the New Left" (1960)

• Herbert Marcuse, "Beschluss" aus Der eindimensionale Mensch (1964) [PDF S. 256-266]

• Leszek Kolakowski, "Der Sinn des Begriffes >Linke<" (1968) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 144-158]


Woche 2 – 06.03.2018: Theorie und Praxis - Marcuse und Adorno in der Neuen Linken: die 1930er und die '60er

„Im Sozialismus soll die Freiheit verwirklicht werden. Die Vorstellungen darüber pflegen umso weniger klar zu sein, als doch das gegenwärtige System selbst den Namen der Freiheit trägt und als liberales angesehen wird. ... Nicht nur seine [des kleinen Mannes] eigene Unfreiheit, sondern auch die der anderen wird ihm zum Verhängnis. Sein Interesse verweist ihn auf die marxistische Erhellung des Begriffes der Freiheit. … Die sozialistische Gesellschaftsordnung wird von der Weltgeschichte nicht verhindert, sie ist historisch möglich; verwirklicht wird sie aber nicht von einer der Geschichte immanenten Logik, sondern von den an der Theorie geschulten, zum Bessern entschlossenen Menschen, oder überhaupt nicht.“

— Max Horkheimer (1926-31)

„Praxis erscheint ... mit Notwendigkeit, als blinder Fleck, als Obsession mit dem Kritisierten...Der Zusatz des Wahnhaften dabei indessen warnt vor Überschreitungen, in denen es unaufhaltsam sich vergrößert.“

— Theodor Adorno (1969)

• Max Horkheimer, Auszüge aus Dämmerung (Notizen 1926-31)

• Herbert Marcuse, "Das Ende der Utopie," und "Das Problem der Gewalt" (Vorlesungen 1967)

Marcuse, "Die Frage der Revolution" (Interview 1967)

• Esther Leslie, Introduction to the 1969 Adorno-Marcuse correspondence (1999)

• Theodor W. Adorno and Marcuse, Briefwechsel über die Neue Linke (1969) [Dokumente Nr. 300. 313, 322, 336, 338, 340, 349]

Adorno, "Marginalien zu Theorie und Praxis" (1969)

+ Paul Berman, "The Passion of Joschka Fischer: from the radicalism of the '60s to the interventionism of the '90s" (2001)

+ Liza Featherstone, Doug Henwood, and Christian Parenti, "'Action Will Be Taken': Left Anti-Intellectualism and its Discontents" (2002)

+ Kritische Theoretiker und Studentenbewegung


Woche 3 – 13.03.2018: Krise der Linken: Ist Revolution durch Geschichte gerechtfertigt?

„Denn befinden wir uns nicht immer in der Ausnahme? Eine Ausnahme war das [Scheitern von 1848 in Frankreich und das] deutsche Scheitern von 1849, eine Ausnahme das Pariser Scheitern von 1871, eine Ausnahme das Scheitern der deutschen Sozialdemokraten zu Beginn des 20. Jahrhunderts (in Erwartung ihres chauvinistischen Verrats von 1914), eine Ausnahme der Erfolg von 1917 … Dies sind alles Ausnahmen gewesen, aber in Bezug auf was? Etwa in Bezug auf eine gewisse ganz abstrakte, aber doch bequeme und beruhigende Vorstellung eines „dialektischen“, bereinigten, einfachen Schemas, das gerade in seiner Einfachheit gewissermaßen die Erinnerung des Hegelschen Modells bewahrte oder einfach dessen Gangart wieder aufnahm – und zwar den Glauben an die lösende „Kraft“ des abstrakten Widerspruchs als solcher. Im vorliegenden Fall ging es um den „schönen“ Widerspruch von KAPITAL und ARBEIT.“

— Louis Althusser (1962)

•  Louis Althusser, "Widerspruch und Überdetermination" (1962) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 57-83; also in Althusser, For Marx (1965-66)]

•  Carl Oglesby, "Introduction: The Idea of the New Left"(1969) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 1-20]

+ Althusser, "Marxismus und Humanismus"(1965) [in Für Marx]


Woche 4 – 20.03.2018: "What is revolutionary leadership?"

"The historical crisis of mankind is reduced to the crisis of revolutionary leadership."

—Leon Trotsky (1938)

" 'Revisionism' is the view that every new development requires the abandonment in practice of basic aspects of previously held theory. Ultimately this drift from the dialectical materialist method leads to a drift from the working class itself. Marxism, on the contrary, develops through the continual integration ofnew elements, new realities, into its theoretical structure. . . . Particularly in the present period, when the working class seems to the empiricist to be under the complete and everlasting domination of reformist bureaucracies, this ideological pressure is the result of a terribly strong social pressure. The Trotskyist groups feel small and isolated at the very moment that significant leftist forces are clearly in motion throughout the world. These forces, however, are under the leadership of non-proletarian tendencies: 'left' social democrats, Stalinists of one or another variety, and 'revolutionary' bourgeois or petty-bourgeois groups in the colonial countries."

—RT of the SWP-USA (1962)

 

•  Cliff Slaughter, "What is Revolutionary Leadership?"(1964)

+ Revolutionary Tendency of the SWP (USA), "In Defense of a Revolutionary Perspective" (1962)

+ Spartacist League, "Die Ursprünge des Pabloismus"(1975)

+ Communist (Third) International, "The Organization of Communist Parties"(resolutions 1921)

empfohlene Hintergrundlektüre:

- Richard Appignanesi and Oscar Zarate, Introducing Lenin and the Russian Revolution (1977)

- Tariq Ali and Phil Evans, Introducing Trotsky and Marxism (1980)

- Spartacist League, Lenin und die Avantgardepartei (Pamphlet, 1978)


Woche 5 – 27.03.2018: Re-Organisation der Linken?

• Rudi Dutschke, André Gorz, from Strategy for Labor (1964) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 41-56]

• Stuart Hall, Raymond Williams and E. P. Thompson, from May Day Manifesto(1967) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 111-143]

• Fidel Castro, "The Universal Conscience" (1968) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 186-206]

[addendum:]

• Ernesto "Che" Guevara, "Der Sozialismus und der Mensch auf Kuba" (1965)


Woche 6 – 03.04.2018: Neue "Avantgarden" für die Revolution? : Anti-Autoritarismus

• Rudi Dutschke, "On Anti-Authoritarianism"(1968) [in Oglesby, ed., New Left Reader, 243-253]

• Daniel and Gabriel Cohn-Bendit, "The Battle for the Streets — C'est Pour Toi Que Tu Fais La Révolution" [from Obsolete Communism: A Left-Wing Alternative (1968)] [in Oglesby, ed., New Left Reader, 254-266]


 

Zum 100. Jubiläum der Russischen Revolution von 1917 veranstaltete Platypus am 03. November 2017 eine Podiumsdiskussion in Frankfurt mit Frank Ruda (Philosoph), Lars Quadfasel (Hamburger Studienbibliothek), Anton Stortchilov (Die LINKE) und Rafael Rehm (Der Funke).
Bini Adamczaks neu erschienenes Buch Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution nimmt sich ihrer Geschichte an, um die potentiellen, aber nicht realisierten Möglichkeiten des historischen Moments erfahrbar zu machen. Mit der freundlichen Zustimmung des edition assamblage Verlags sowie Adamczak selbst kann hier ein kleiner Auszug aus dem Kapitel

Hier findet ihr einen Audiomitschnitt zur Podiumsdiskussion "Was ist Sozialismus" vom 07.12.2017 in Frankfurt am Main.

Was ist Sozialismus? Internationale Sozialdemokratie

Diese Podiumsdiskussion will die Teilnehmenden dazu einladen, über die Geschichte der Sozialdemokratie aus linker Perspektive zu reflektieren. Nicht zuletzt richtet sich der Blick damit auf die sozialistische (Zweite) Internationale — als von Marxisten geführte politische Organisation der sozialistischen Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Vereinigten Staaten fand dies Ausdruck durch Eugene Debs, einem radikalen Gewerkschaftsführer, der während seiner Gefängnishaft durch die Schriften des deutschen Marxisten Karl Kautsky zum Marxisten wurde. In Deutschland war dies Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts KPD, die aus dem Widerstand des Spartakusbunds gegen die Kriegsbeteiligung des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg hervorging und in Russland ergriff bekanntermaßen die bolschewistische Partei unter Lenins Führung die Staatsmacht. Demnach ermöglichte die Zweite Internationale, den wahrscheinlich größten Versuch in unserer Geschichte die Welt zu verändern: die Revolutionen 1917-1919 in Russland, Deutschland, Ungarn und Italien. In diesen Revolutionen spalteten sich Kommunisten von Sozialdemokraten, während letztere das Bollwerk der Konterrevolution errichteten.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts setzte sich innerhalb der „radikalen Linken“ ein „Marxistisch-Leninistischer“ Geschichtsnarrativ durch, welcher vom Fortschritt der Dritten gegenüber der Zweiten Internationale ausging. Demnach hatten sich die „Radikalen“ der Zweiten Internationale gegen die politisch weiter rechts agierenden Sozialdemokraten (wie Kautsky) durchgesetzt.

Unter dem Siegeszug des Faschismus in den 1930er Jahren aber schien die Spaltung zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie zur Nebensache geworden. Erst eine Generation später, nach dem 2. Weltkrieg, setzten sich die gleichen Sozialdemokratischen Parteien im Westen für weitreichende Reformen ein — nach wie vor in Opposition zum Kommunismus im Osten. Während einiger Jahrzehnte der „Annäherung“ zwischen Ost und West, schien die frühere revisionistische Geschichtsauffassung des evolutionären Hinübergleitens in den Sozialismus — im Gegensatz zur kommunistischen Revolution — sich als richtig erwiesen zu haben.

Die „Neue Linke“ der 60er und 70er Jahre entstand aber gegen solch einen Reformismus, auf der Suche nach radikaleren Politikansätzen. Sie wähnte sich in der früheren revolutionären Tradition stehend, wenngleich sie signifikante Veränderungen anzubieten hatte. Im Zeitalter des Neoliberalismus wurde diese Unterscheidung zwischen „Reform“ und „Revolution“ jedoch verwischt, wenn nicht sogar gänzlich unkenntlich gemacht. So befindet sich die Sozialdemokratie heute nicht mehr als in der Defensive gegen den Neoliberalismus, selbst wenn Phänomene wie SYRIZA, Podemos, Jeremy Corbyn und Bernie Sanders Versuche ihrer Wiederbelebung darstell(t)en.

Müssen wir uns also mit der früheren Geschichte des Marxismus — vor der Spaltung von Kommunismus und Sozialdemokratie— auseinandersetzen, um das Problem und das Projekt der Sozialdemokratie heute verstehen zu können? Wie sind die Fragen zwischen Sozialdemokratie und sozialer Revolution heute, in Anbetracht der Geschichte, noch verbunden? Wofür steht die Sozialdemokratie politisch?

Mit:

Christoph Spehr (Die Linke)
André Leisewitz (Zeitschrift Marxistische Erneuerung)
Martin Veith (Institut für Syndikalismusforschung)
Hans-Gerd Öfinger (International Marxist Tedency)
Lukas Schneider (Jusos Frankfurt)