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Antifaschismus und die Linke

von Lucas Burisch

Die Platypus Review Ausgabe #19 | Mai/Juni 2022

Platypus als Organisation hat sich die Aufgabe gestellt, einen Beitrag zur Aufl√∂sung ideologischer Hindernisse innerhalb der Linken zu leisten. ‚ÄěDie Linke ist tot, lang lebe die Linke!‚Äú ist unser Slogan. ‚ÄěDie Linke ist tot!‚Äú, das hei√üt sie ist gescheitert, gefangen in einer Sackgasse, aus der sie keinen Ausweg findet. ‚ÄěLang lebe die Linke!‚Äú, das hei√üt wir wollen dazu beitragen, dass sie einen Ausweg findet, durch Aufkl√§rung √ľber die Geschichte des Marxismus und der Linken. Beide Teile des Slogans machen Platypus aus. W√ľrden wir unsere Aktivit√§t einseitig auf die Verk√ľndung des Versagens der Linken reduzieren, so w√ľrden wir unserer Aufgabe nicht gerecht. Der ganze Ballast dieser missgl√ľckten Geschichte l√§sst sich nicht einfach abwerfen.1 So entkommt man nicht dem ewigen Teufelskreis linker Praxis, die zwischen hektischer Euphorie und resignierter Niedergeschlagenheit hin und her schwankt. Man schaue nur darauf, wie oft sich Linke in den letzten ca. 60 Jahren von der Arbeiterklasse als revolution√§rem Subjekt verabschiedet haben, nur um sie einige Jahre sp√§ter wieder f√ľr sich zu entdecken. √Ąhnlichen Schwankungen ist die antifaschistische Praxis unterworfen. Auf die amorphe, antiautorit√§r und antifaschistisch motivierte Studentenrebellion in den 60er-Jahren gegen Notstandsgesetze und Altnazis folgt ein Antifaschismus, der streng dem Aufbau disziplinierter proletarisch-revolution√§rer Organisationen untergeordnet ist. Da diese nirgendwo hinf√ľhrten, folgte auf die zeitweilige Ersch√∂pfung in den 80er-Jahren und der Resignation nach 1989 das Projekt Autonome Antifa. Heute aber scheint man sogar in den ideologiekritischsten Reihen die Abscheu vor den rassistischen Proleten als ein Relikt der 90er- und 00er-Jahre abgelegt zu haben, w√§hrend gleichzeitig entt√§uschte Autonome an die Grenzen ihrer Praxis sto√üen, das Scheitern der Antifa verk√ľnden, um nun den Aufbau revolution√§rer Organisationen in Angriff zu nehmen. Es gilt nach den spa√üigen Jahren in der Szene zur ernsthaften praktischen Politik √ľberzugehen.

Das Gesagte soll hier nur als √§u√üerst kurzer und grober √úberblick √ľber die j√ľngere Geschichte dienen. Der demonstrativ vorgetragene Bruch mit der Vergangenheit bricht eben nicht den Wiederholungszwang.

Die Ohnmacht der Linken l√§sst sich nachverfolgen bis in die 30er-Jahre, zu den sozialistischen und kommunistischen Massenparteien in Europa im Angesicht des Faschismus. Auf das Wachstum faschistischer Bewegungen antworteten sie mit Panik und Kapitulation, ihre Politik resultierte in ihrer Selbstaufgabe als unabh√§ngige politische und soziale Vertretungsorgane des Proletariats. Revolution√§re Parteien verwandelten sich in St√ľtzen des b√ľrgerlich-demokratischen Regimes.

Der russische Revolution√§r Leo Trotzki begleitete diesen Prozess als letzter Radikaler der II. Internationale, als letzter Vertreter einer Theorie und Praxis, die als ihren Ausgangspunkt die r√ľcksichtslose Kritik alles Bestehenden, inklusive der revolution√§ren Bewegung selbst, nahm. Die politischen Krisen der 30er-Jahre begriff er als Ausdruck eines grundlegenden Widerspruchs: Auf der einen Seite konstituierten die nach dem Ersten Weltkrieg ungel√∂sten Krisen des Imperialismus, des zerfallenden Kapitalismus und der b√ľrgerlichen Demokratie die √ľberreifen objektiven Bedingungen. Auf der anderen Seite bestimmte die Krise der revolution√§ren F√ľhrung den ungen√ľgend entwickelten Zustand des subjektiven Faktors. Die Intention von Trotzkis Kritik war nicht, auch wenn es auf den ersten Blick so wirken mag, die Bereitstellung unfehlbarer Rezepte zur Bek√§mpfung des Faschismus. Vielmehr drehte sich bei ihm alles um die Entwicklung proletarischen Klassenbewusstseins, das hei√üt eines ad√§quaten Bewusstseins der Arbeiterklasse um die Bedingungen der M√∂glichkeit der sozialen Revolution. Denn Massen, welche ihr Heil in einem unfehlbaren F√ľhrer suchen, von dem sie sich bereitwillig kommandieren lassen, oder die von Vertrauen auf den kapitalistischen Staat erf√ľllt von diesem ihre Rettung erwarten, werden niemals in der Lage sein, die kapitalistische Produktionsweise zu √ľberwinden. Ihre Aktion f√ľhrt mit Notwendigkeit zur Rekonstitution des Kapitalverh√§ltnisses. Eine Politik, welche die Massen in ihren Vorurteilen blo√ü best√§tigt, ist keine revolution√§re, sondern eine konterrevolution√§re Politik.

Trotzkis Kritik des Stalinismus bezog sich darauf, dass dieser die Partei im marxistischen Sinne ‚Äď die politische Organisation der Arbeiterklasse f√ľr die sozialistische Revolution ‚Äď liquidierte. √úbrig bleibt ein Apparat, dessen Bewusstsein befangen ist in der unmittelbaren Gegenwart, dessen Politik v√∂llig darauf ausgerichtet ist, seiner Selbsterhaltung zu dienen. Blicken wir zur Veranschaulichung ein wenig genauer auf Trotzkis Schriften zu Deutschland und Frankreich.

Es ist ja schon l√§ngst ein Gemeinplatz unter Linken aller Schattierungen, dass die KPD mit ihrer Weigerung, eine Einheitsfront mit der SPD zu bilden, dem Sieg Hitlers Beihilfe leistete. Auch Stalinisten w√ľrden dem beipflichten, um gleichzeitig erstens darauf zu verweisen, dass die SPD ebenfalls die Einheitsfront verweigerte und durch ihre Passivit√§t Hitler den Weg ebnete und zweitens zu betonen, dass die kommunistische Bewegung aus ihren Fehlern lernte, indem sie ihren Kurs korrigierte und nun m√∂glichst breite antifaschistische B√ľndnisse schmiedete. Trotzki beurteilte die Ereignisse anders:

Die Stalinsche B√ľrokratie aber hat es verstanden, die Krise des Kapitalismus und die Krise des Reformismus in eine Krise des Kommunismus zu verwandeln. [...] Man muss es klar, pr√§zise und offen aussprechen: Der Stalinismus in Deutschland hat seinen 4. August erlebt.2

Im Deutschland der fr√ľhen 1930er-Jahre verdichteten sich alle Widerspr√ľche der internationalen Lage. Somit trat hier auch die akkumulierte Krise der III. Internationale offen ans Tageslicht.

Trotzkis Begriff vom Faschismus ist denkbar simpel: eine Massenbewegung, die sich haupts√§chlich auf das verzweifelte Kleinb√ľrgertum und die in der Krise angewachsene Armee an Arbeitslosen st√ľtzt. Sein politisches Programm l√§uft im Kern auf die Zerschlagung und Unterdr√ľckung aller unabh√§ngigen Organisationen der Arbeiterklasse hinaus, also nicht nur Partei und Gewerkschaften, sondern das gesamte Netzwerk an Bildungs- und Sportvereinen, Genossenschaften etc., wodurch das Proletariat als organisierte Klasse in den Zustand einer atomisierten, amorphen Masse zur√ľckgeworfen wird. Damit einher geht die Errichtung einer bonapartistischen Diktatur in der ‚Äědas Finanzkapital sich direkt und unmittelbar aller Organe und Einrichtungen der Herrschaft, Verwaltung und Erziehung bem√§chtigt‚Äú.3 Das Wachstum der nationalsozialistischen Bewegung war f√ľr Trotzki vor allem ein Symptom der Kraft- und Orientierungslosigkeit der kommunistischen Partei. Denn objektiv waren ma√ügebliche Kennzeichen einer potenziell revolution√§ren Krise gegeben: Das parlamentarische Regierungssystem war einem bonapartistischen Notverordnungsregime gewichen, welches zwischen SPD und NSDAP hin und her lavierte und keine Aussicht auf lange Haltbarkeit hatte. Der sozialdemokratische Reformismus stand mit dem R√ľcken zur Wand: Politisch l√§ngst diskreditiert, verlor sein Programm aufgrund der Tiefe der √∂konomischen Krise an √úberzeugungskraft, w√§hrend der Faschismus ganz konkret seine materielle Existenz in Form seines organisatorischen Apparats bedrohte. Dass unter diesen Bedingungen die √ľberwiegende Mehrheit der Arbeiterklasse unter Kontrolle der SPD verblieb, zeugte f√ľr Trotzki nicht von ihrem Vertrauen in die SPD, sondern von ihrem Misstrauen in die F√§higkeit der KPD, sie zur Revolution zu f√ľhren. Die Einheitsfront, also konkrete taktische Abkommen mit der F√ľhrung der SPD zur begrenzten gemeinsamen Zusammenarbeit, sollte nach Trotzki ein Mittel dazu sein, die reformistische F√ľhrung vor den Augen der Massen im praktischen Kampf zu diskreditieren, und sie so von der Notwendigkeit revolution√§rer Politik zu √ľberzeugen.

Die KPD-F√ľhrung lehnte jedoch jedes Abkommen mit der ‚Äěsozialfaschistischen‚Äú SPD-Spitze ab. Sie f√ľrchtete √ľber alles einen Verrat der SPD, und zeigte damit nur wie wenig Vertrauen sie in ihre eigene F√§higkeit hatte, die SPD direkt zu konfrontieren. Man beschr√§nkte sich lieber auf best√§ndige Beschimpfung der SPD aus der Distanz. Die Schw√§che der KPD, bedingt durch den Umstand, dass sie kaum St√ľtzpunkte innerhalb der Betriebe hatte, da ihre Anh√§ngerschaft haupts√§chlich aus durch die Krise radikalisierten Arbeitslosen bestand, verdeckte man durch prahlerischen Verweis auf die steigenden Mitgliedszahlen und Wahlergebnisse.

Hinter ultraradikalen Phrasen wie der, dass zwischen der Regierung Br√ľnings (‚ÄěBr√ľning-Faschismus‚Äú), die mit Notverordnungen und Polizeikn√ľppel regierte, und dem aufsteigenden Hitler-Faschismus kein qualitativer Unterschied best√ľnde, versteckten die Stalinisten ihr opportunistisches Vertrauen in den automatischen Gang der Geschichte. Hitler an der Macht w√ľrde sich kompromittieren, worauf zwangsl√§ufig der Sieg der Kommunisten folgen werde. Sie theoretisierten, dass der √úbergang von der Demokratie zum Faschismus √§hnlich wie ein organischer Prozess vor sich gehe und nahmen so die Kapitulation von 1933 vorweg. Trotzkis Diktum, dass sektiererische Abenteurer blo√ü erschrockene Opportunisten, Opportunisten blo√ü erschrockene Abenteurer seien, sollte sich 1933 bewahrheiten.4 Dem Terror der Nationalsozialisten konnten sie nichts als einen panischen R√ľckzug entgegensetzen. Trotzkis Diagnose, dass die III. Internationale nach der Macht√ľbertragung an Hitler unwiderruflich degeneriert sei, machte er nicht nur am konkreten Inhalt des bereits oben genannten Kurswechsels fest: Die kommunistischen Parteien sollten auf gar keinen Fall die Einheit durch Kritik an den sozialdemokratischen Partnern gef√§hrden, was einer Kapitulation vor dem Reformismus gleichkam. Auch die Art und Weise, wie der Kurswechsel bekannt gegeben wurde, n√§mlich ohne klare Benennung der Ursachen der Niederlage ‚Äď die Niederlage wurde sogar geleugnet ‚Äď, ohne breite Diskussion und Aufarbeitung der vergangenen Politik, deuteten unzweifelhaft darauf hin, dass die III. Internationale nicht mehr reformierbar war. Ihr inneres Regime war nur dazu geeignet, empiristische Apparatschiks, keine revolution√§ren Kader zu erziehen.

Polizeieinsatz auf der Place de la Concorde in Paris, 7. Februar 1934.5

Im Zuge der Ereignisse in Frankreich 1934 zeigte sich die III. Internationale von ihrer neuen, offen reformistischen Seite. Am 6. Februar 1934 versuchten bewaffnete Faschisten das Parlament in Paris zu st√ľrmen und scheiterten an der Polizei. Als Reaktion darauf trat die Regierung zugunsten eines Regimes der nationalen Einheit zur√ľck. Gleichzeitig kam es spontan zu gemeinsamen antifaschistischen Demonstrationen kommunistischer und sozialistischer Arbeiter. Unter dem Druck der Basis entstand so auch offiziell eine Einheitsfront beider Parteien. Aus ihr erwuchs schlie√ülich der Volksfront-Gedanke, B√ľndnisse der Arbeiterparteien mit dem ‚Äěfortschrittlichen Teil‚Äú der Bourgeoisie und dem Kleinb√ľrgertum zu forcieren.

Aus der Erkenntnis, dass die faschistische Demagogie besonders unter dem Kleinb√ľrgertum Anh√§nger findet, schloss man die Notwendigkeit, nicht nur mit der Sozialdemokratie, sondern sogar mit der liberalen Radikalen Partei, der traditionellen Partei des franz√∂sischen Kleinb√ľrgertums, eine antifaschistische Volksfront zu bilden. Die Aufgabe, der die revolution√§re Partei des Proletariats gezwungenerma√üen gegen√ľbersteht, n√§mlich die Unterst√ľtzung der kleinb√ľrgerlichen Massen in Stadt und Land zu gewinnen, meinte man hier durch Ann√§herung an die Spitzen ihrer liberalen parlamentarischen Vertreter zu l√∂sen. F√ľr Trotzki war dies eine Kapitulation des Proletariats durch Anpassung an die Vorurteile des Kleinb√ľrgertums und g√§nzlich ungeeignet, den Sieg des Faschismus zu verhindern. Durch die schwere Krise aufger√ľttelt, beginnen die kleinb√ľrgerlichen Massen sich recht schnell vom Parlamentarismus, dem es in ruhigeren Zeiten selig die Treue hielt, abzuwenden und geraten in hektische Bewegung:

Das Kleinb√ľrgertum in Gestalt der dem Ruin entgegengehenden Massen von Stadt und Land beginnt, die Geduld zu verlieren. [‚Ķ] Der arme Bauer, der Handwerker, der kleine Kr√§mer √ľberzeugen sich in der Praxis, dass ein Abgrund sie trennt von all diesen [‚Ķ] politischen Gesch√§ftemachern [‚Ķ]. Die faschistischen Agitatoren brandmarken und verfluchen die parlamentarische Demokratie, die wohl Karrieristen und Bestechlichen hilft, dem kleinen Arbeitsmann aber nichts bringt. [‚Ķ] Die Faschisten zeigen sich k√ľhn, gehen auf die Stra√üe, greifen die Polizei an, versuchen mit Gewalt das Parlament auseinanderzujagen. Das imponiert dem in Verzweiflung verfallenen Kleinb√ľrger.6

Indem sich die Kommunisten bedingungslos den Reformisten und Demokraten unterordnen, gesellen sie sich damit in den Augen des verzweifelten Kleinb√ľrgers in eine Reihe mit den restlichen Parlamentsmaschinen. Trotzki zog aus der autorit√§ren Sehnsucht nach einem F√ľhrer, welche das Kleinb√ľrgertum auszeichnet, den Schluss, dass nur ein Proletariat, das Vertrauen in sein eigenes revolution√§res Programm hat, dem Kleinb√ľrgertum eine revolution√§re, sozialistische Perspektive aus der Krise bietet.

Die Politik der franz√∂sischen Stalinisten in Frankreich ab 1934 ging nie √ľber den zaghaftesten Reformismus hinaus. Die Bildung von Arbeitermilizen zur antifaschistischen Selbstverteidigung lehnte man als Provokation ab und setzte alles Vertrauen auf den demokratischen Staat, den man dazu bewegen m√ľsse, die faschistischen Banden zu entwaffnen. Diesen galt es ohnehin im Namen der Verteidigung der Sowjetunion zu unterst√ľtzen, die n√§mlich zur gleichen Zeit ein milit√§risches B√ľndnis mit Frankreich gegen Deutschland schloss. Die best√§ndigen Aufrufe zu Streiks und Demonstrationen wurden m√∂glichst auf √∂konomische ‚ÄěTagesforderungen‚Äú beschr√§nkt. Wie in Deutschland vertraute man fatalistisch auf den Gang der Geschehnisse. Ein zu radikaler Kurs w√ľrde den B√ľndnispartner verschrecken, die Krise versch√§rfen und damit nur den Faschisten helfen. Man vertraute auf eine kommende Volksfront-Regierung, die dann auch schlie√ülich 1936 kam und sich sogleich ‚Äď in Trotzkis Worten ‚Äď als Bremse der Massenbewegung erwies. Denn auf den Wahlerfolg der Volksfront antworteten die Arbeitermassen mit einer landesweiten Welle von Streiks und Fabrikbesetzungen, welche jedoch im Sande verlief. Die F√ľhrungsspitzen nutzten das Vertrauen, dass ihnen ihre Basis entgegenbrachte, um die Streikbewegung zur√ľck in den Rahmen von Gesetz und Ordnung zu f√ľhren. 1938 schlie√ülich brach die Regierung zusammen, das neue Kabinett, aus dem die Sozialisten herausgedr√§ngt wurden, revidierte die Reformpolitik der Volksfront: ‚ÄěGemeinsame Versammlungen, Paradeumz√ľge, Schw√ľre [‚Ķ], L√§rm, Geschrei, Demagogie ‚ÄĒ alles dient einem einzigen Zweck: die Massenbewegung zum Stehen zu bringen und zu demoralisieren.‚Äú7 Auch wenn sich dieses Zitat auf Frankreich bezog und sich meine Darstellung hier nur auf Frankreich beschr√§nkt, so beschreibt es pr√§zise das Resultat der angestrengten Bem√ľhungen der Stalinisten in Amerika und Westeuropa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, jede spontane Regung der Massen in den Rahmen des b√ľrgerlich-demokratischen Staates zu kanalisieren.

Das Jahr 1933 bedeutete nicht nur f√ľr Trotzki einen Neuanfang in Form des Wiederaufbaus revolution√§rer Parteien. F√ľr die Marxisten der Frankfurter Schule galt es, im Exil den Marxismus als Kritische Theorie in einer Epoche der ‚Äěallgemeinen Liquidierung des Marxismus bei den offiziellen Spitzen der Arbeiterbewegung‚Äú8 zu retten und gegen jede Vulgarisierung zu bewahren. Es galt, dem grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus zwischen industriellen Produktivkr√§ften und b√ľrgerlichen Produktionsverh√§ltnissen in all seinen Erscheinungsformen nachzusp√ľren, um so einen Beitrag zum Verst√§ndnis einer Epoche zu leisten, in der sich die unterdr√ľckten Menschenmassen lieber mit der sie unterdr√ľckenden Kultur identifizierten, als sich von dieser zu befreien. Die Diagnose ihrer Epoche als die vom verfallenden Monopolkapitalismus, den sie wie Trotzki aus der orthodox-marxistischen Tradition √ľbernahmen, trieb sie unter dem Eindruck der Integration der Organisationen der Arbeiterbewegungen konsequent zu den Begriffen von Staatskapitalismus und autorit√§rem Staat hin. Dieses Regime verstanden sie als Produkt der Periode der gro√üen Katastrophen seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Auf den darauffolgenden weltweiten B√ľrgerkrieg, der au√üer in Russland mit dem Sieg der Konterrevolution endete, folgte die Zusammenbruchskrise von 1929 mit all ihren schwerwiegenden Verwerfungen. Der Trend ging zum Staatskapitalismus wie Friedrich Pollock ihn 1941 definierte. Dieser zeichnet sich nicht etwa dadurch aus, dass der Staat Eigent√ľmer des gesamten nationalen Kapitals wird, sondern durch die Liquidierung der Zirkulationssph√§re.9 Dies bedeutet aber nicht unbedingt die Abschaffung von Kategorien wie Preis, Zins oder Profit, sondern ihre bewusste Indienstnahme als Werkzeuge staatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik, welche die Umsetzung eines Plans zur Erreichung von Vollbesch√§ftigung zum Zweck hat. Die gro√üe Machtf√ľlle, mit der der Staat so ausgestattet wird, einzig und allein um die herrschende, in Klassen gespaltene Gesellschaftsstruktur zu bewahren, spitzt das Problem des Kapitalismus als ein politisches zu, nur so ist Pollocks Diktum vom ‚ÄěPrimat der Politik‚Äú zu verstehen.10

Das Erscheinen des autorit√§ren Staates auf der Bildfl√§che ist von der Politik der Arbeiterbewegung nicht zu trennen. Die Verschmelzung der Arbeiterb√ľrokratie mit der des jeweils ‚Äěeigenen‚Äú Staates bedeutet, dass die Institutionen, die sich die Arbeiterklasse im Zuge ihres Befreiungskampfes schuf, sich aus Instrumenten der Emanzipation zu Werkzeugen ihrer eigenen Unterdr√ľckung verwandelten. Die Organisation wurde sich zum Selbstzweck, unter dem allgemeinen gesellschaftlichen Druck wurde sie zum Racket, das in st√§ndiger Konkurrenz mit anderen Korporationen um Macht und Einfluss, um Brocken vom Tisch der Herrschenden k√§mpft. Ohne die Niederlage des revolution√§ren Fl√ľgels der Arbeiterbewegung gegen die Desorganisation der Klasse zur kommandierten Masse, der sp√§testens seit dem Revisionismusstreit einen Kampf gegen diesen Trend zur reformistischen Selbstgen√ľgsamkeit f√ľhrte, ist der √úbergang zur Massengesellschaft nicht begreifbar.

Parade der Milizia Volontaria per la Sicurezza Nazionale (Freiwillige Miliz f√ľr die nationale Sicherheit) vor Benito Mussolini anl√§sslich ihres 17. Geburtstags auf dem Palazzo Venezia in Rom, 31. Januar 1940.11

Atomistische Individuen, die sich unter einem F√ľhrer zur Masse zusammenschlie√üen, auf den sie all ihren Wunderglauben projizieren, und zu jeder Grausamkeit gegen das schlechthin Andere bereit sind, durchziehen die gesamte Epoche der b√ľrgerlichen Gesellschaft, wie Horkheimer in seiner gro√üen Studie √ľber die b√ľrgerlichen Revolten ‚Äď von den Aufst√§nden in den italienischen Stadtstaaten des 15. Jahrhunderts, √ľber die Reformation und die Bauernkriege hin zur Gro√üen Franz√∂sischen Revolution ‚Äď nachzeichnet. Jedoch r√§umt er in Egoismus und Freiheitsbewegung12 diesen historischen Ereignissen eine fortschrittliche Rolle in der Geschichte der Menschheit ein. Die grundlegende massenpsychologische Dynamik ist beim Faschismus eine √§hnliche: Verelendete Massen, die sich unter der Losung von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit in Bewegung setzen, angetrieben vom dumpfen Drang, ihre Lage zu bessern, werden durch die herrschende Zivilisation gezwungen, auf die Befriedigung ihrer innersten Triebregungen zu verzichten und die Wut √ľber den Verzicht nicht auf die sie unterdr√ľckende Herrschaft, sondern auf sich selbst und Schw√§chere zu richten. So verinnerlichen die Massen die Tabus und Normen ihrer eigenen Unterdr√ľckung. Doch w√§hrend Horkheimer in Erhebungen wie der Franz√∂sischen Revolution und dem damit verbundenen Terror noch einen fortschrittlichen historischen Zweck erblicken kann, so ist der moderne Antisemitismus und das damit verbundene Morden sich selbst Zweck.

Dies h√§ngt ganz grundlegend damit zusammen, dass Geschichte, der Gang der Gesellschaft in ihrer Produktion und Reproduktion, im Kapitalismus nicht nach einem rationalistischen Muster verl√§uft. In dem Moment, in dem die b√ľrgerlichen Produktionsverh√§ltnisse historisch obsolet werden, das hei√üt eine klassenlose Gesellschaft m√∂glich wird, unterliegen die b√ľrgerlichen Vermittlungsformen einem Wandel. Das Potential einer h√∂heren Gesellschaftsform dr√ľckt sich negativ in Zerfall und Krise der alten Lebensformen aus. Diese werden fetischisiert und verdinglicht, w√§hrend ihre Substanz zerf√§llt, die Form wird auf Kosten des Inhalts konserviert.

Am Beispiel von Autorit√§t und Familie l√§sst sich das besonders leicht verdeutlichen: Der Kapitalismus zerschl√§gt durch seine Tendenz zur Konzentration und Zentralisation den alten famili√§ren Kleinbetrieb, er entzieht so der b√ľrgerlichen Kleinfamilie ihre eigene √∂konomische Grundlage. Die Entwicklung der gro√üen Industrie bietet den einzelnen Familienmitgliedern die M√∂glichkeit, au√üerhalb vom famili√§ren Zusammenhang den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, w√§hrend die allgemeine Proletarisierung der Gesellschaft und die damit einhergehende Unsicherheit der Anstellung des Vaters seiner Autorit√§t im Haushalt die Form einer willk√ľrlichen, austauschbaren Gewalt gibt. Die Familie wird so zum ersten √úbungsplatz f√ľrs Kind, sich Autorit√§t schlechthin anzupassen. Der Triebkonflikt des Kindes wird nicht durch den Konflikt mit der konkreten Vaterfigur hindurch √ľber die Identifikation mit dem Vater aufgel√∂st. Von der Autorit√§t der Familie bleibt nur die von jedem Inhalt entleerte abstrakte Form √ľbrig. So entsteht die Bereitschaft im Individuum, sich mit jeder beliebigen Autorit√§t zu identifizieren, vorausgesetzt dass diese nur m√§chtig genug sei.

Die Individuen und die Massen, die sie bilden, wissen um den Umstand, dass dieser gesellschaftliche Zustand sie um das Potenzial betr√ľgt, frei vom Zwang des allgemeinen Triebverzichts zu sein. Die Zivilisation erzeugt die Barbarei, die Wut auf die Verh√§ltnisse in denen jeder auf seine Kosten kommen k√∂nnte und es doch nicht kann. Sie wissen, dass der Antisemitismus eine L√ľge ist, dass ihr F√ľhrer sie systematisch bel√ľgt und manipuliert:

Dieser Widerspruch schwächt ihre Gewalttätigkeit nicht, sondern steigert sie noch. Die, die nicht an ihre eigene Sache glauben können, […] suchen sich die Wahrheit ihres Evangeliums durch die Realität und die Unumkehrbarkeit ihrer Handlungen stets aufs Neue zu beweisen.13

Ohne konkreten Ausweg aus dem Kapitalismus ‚Äď ohne revolution√§re sozialistische Perspektive ‚Äď m√ľssen sich die Massen die Unm√∂glichkeit, aus den sie unterdr√ľckenden Verh√§ltnissen auszubrechen, sich selbst durch die Tat beweisen, ihre eigene Ohnmacht best√§tigen:

Just as little as people believe in the depth of their hearts that the Jews are the devil, do they completely believe in the leader. They do not really identify themselves with him but act this identification, perform their own enthusiasm, and thus participate in their leader‚Äės performance. It is through this performance that they strike a balance between their continuously mobilized instinctual urges and the historical stage of enlightenment they have reached, and which cannot be revoked arbitrarily. It is probably the suspicion of this fictitiousness of their own ‚Äěgroup psychology‚Äú which makes fascist crowds so merciless and unapproachable. If they would stop to reason for a second, the whole performance would go to pieces, and they would be left to panic.14

Mit dem autorit√§ren Charakter fand die Frankfurter Schule einen Begriff, der die psychische Disposition der Massen, ihre Bereitschaft zur Unterordnung unter die bestehenden Verh√§ltnisse ad√§quat zum Ausdruck brachte. Sie achtete dabei aber penibel darauf, klarzustellen, dass dieser Begriff eine notwendige, aber keine hinreichende Erkl√§rung f√ľr die Bereitschaft zum Morden war. Der Umstand, dass das Individuum bis in seine tiefsten Regungen hinein ein Produkt dieser Gesellschaft ist, bedeutet eben auch, dass die F√§higkeit zur Grausamkeit gesellschaftlich produziert ist. Das Potential zur Barbarei liegt der Gesellschaft inne, sie kann nicht durch Psychotherapie oder durch Reformierung der herrschenden Zust√§nde beseitigt werden.

Die Tendenz zur totalit√§ren Herrschaft lebte auch nach dem Sieg √ľber das nationalsozialistische Deutschland fort. Die Kriegsgegner der Nazis waren unter den Bedingungen des totalen Krieges gezwungen, auf ihre Weise dieselben Aufgaben zu bew√§ltigen, auf die der Nationalsozialismus Antworten versprach, beispielsweise das Problem von Vollbesch√§ftigung. Der gesellschaftliche Trend, der den Nationalsozialismus hervorgebracht hatte, dr√ľckte der gesamten Gesellschaft seinen Stempel auf. Liest man Herbert Marcuses Feindanalysen15 √ľber die Art und Weise, wie die Nazis einen riesigen kulturindustriellen Apparat zur vollst√§ndigen rationalen Organisation der Freizeit der Individuen schufen, erkennt man den rationalen Kern in der post-faschistischen linken Kulturkritik, die gleich einem Paranoiker tendenziell in jeder gesellschaftlichen Erscheinung den Faschismus wiedererkennt.

Adornos Vortr√§ge nach 1945 sprechen diese Gefahr der Wiederauferstehung des Faschismus zwar an, doch noch mehr befasst er sich darin mit der ganz allt√§glichen Barbarei in dieser Gesellschaft und der √ľberaus begrenzten M√∂glichkeit des Subjekts, dieser Einhalt zu gebieten. W√§hrend Adorno versuchte, diesen Widerspruch auszuhalten ‚Äď denn nur ein reflektiertes Bewusstsein um die eigene Ohnmacht k√∂nne laut ihm diese erst aufheben ‚Äď, warf ihm die Studentenbewegung in den 60er-Jahren Resignation vor. Ich m√∂chte daf√ľr mit einem Zitat von Gerd Koenen enden, der damals in dieser Bewegung aktiv war, das diesen Umstand pr√§zise zusammenfasst:

Adorno hatte schon recht, als er in einem Interview sagte, er habe doch [...] ‚Äěnicht ahnen k√∂nnen‚Äú, da√ü Leute seine Theorien ‚Äěmit Molotow-Cocktails verwirklichen‚Äú wollten. Schlie√ülich habe er ‚Äěniemals irgend etwas gesagt, was unmittelbar auf praktische Aktionen gezielt h√§tte‚Äú. Aber das war ja das Problem! Eben damit versetzte er seine Sch√ľler [...] in eine schier unertr√§gliche Spannung. Wenn die b√ľrgerliche Gesellschaft einer universalen Tendenz zum Faschismus unterlag, [...] wie konnte der Imperativ, alles zu tun, ‚Äěda√ü Auschwitz nicht sich wiederhole‚Äú auf ein paar vage, defensive Erziehungs- und Aufkl√§rungsma√ünahmen oder selbstgen√ľgsame ‚ÄěAnstrengungen des Begriffs‚Äú reduziert werden?!16 |P


1¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Vgl. Frederic Eylenstein: ‚ÄěDen ganzen Ballast einer missgl√ľckten Geschichte abwerfen. Ein Interview mit Rajko Eichkamp‚Äú, Deutschsprachige Platypus Review Nr. 8 (Fr√ľhjahr 2018), S. 9‚Äď14. Online abrufbar unter: https://platypus1917.org/2018/06/22/den-ganzen-ballast-einer-missgluckten-geschichte-abwerfen/.

¬†2¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Leo Trotzki: ‚ÄěDie Trag√∂die des deutschen Proletariats‚Äú, Unser Wort Nr. 2 (Jg. 1, 1933). Am 4. August 1914 stimmte die SPD-Reichstagsfraktion f√ľr die Kriegskredite. Online abrufbar unter: https://bit.ly/3468L6H.

 3            Leo Trotzki: Was Nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats. Berlin 1932. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1932/wasnun/index.htm.

¬†4¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Leo Trotzki: ‚ÄěWohin geht Frankreich? 2. Teil‚Äú, in: Wohin geht Frankreich?, Antwerpen 1936. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1935/wohinfr2/02.htm.

 5            Dieses Foto besitzt gemeinfreien Status.

¬†6¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Leo Trotzki: ‚ÄěWohin geht Frankreich? 1. Teil‚Äú, in: Ebd. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1934/wohinfr1/wohin1.htm#zusa.

¬†7¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Leo Trotzki: ‚ÄěFrankreich an der Wende‚Äú, in: Ebd. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/06/inhalt.htm.

¬†8¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Leo Trotzki: ‚ÄěVorwort‚Äú, in: Ebd. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/06/vorwort.htm.

¬†9¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Friedrich Pollock: ‚ÄěIs National Socialism a New Order?‚Äú, Zeitschrift f√ľr Sozialforschung Nr. 3 (Jg. 9, 1941), S. 450.

¬†10¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Friedrich Pollock: ‚ÄěState Capitalism: Its Possibilities and Limitations‚Äú, in: The Essential Frankfurt school reader, Hrsg. Andrew Arato und Eike Gebhardt, New York City 1982, S. 71‚Äď94.

 11         Dieses Foto besitzt gemeinfreien Status.

¬†12¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Max Horkheimer: ‚ÄěEgoismus und Freiheitsbewegung. Zur Anthropologie des b√ľrgerlichen Zeitalters‚Äú, Zeitschrift f√ľr Sozialforschung Nr. 2 (Jg. 5, 1936), S. 161‚Äď234.

¬†13¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Theodor W. Adorno: Bemerkungen zu ‚ÄěThe Authoritarian Personality‚Äú. Frankfurt a. M. 2019 [1948], S. 29.

¬†14¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Theodor W. Adorno: ‚ÄěFreudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda‚Äú, in: The Essential Frankfurt school reader, Hrsg. Andrew Arato und Eike Gebhardt, New York City 1982, S. 136‚Äď137.

¬†15¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Herbert Marcuse: Feindanalysen. √úber die Deutschen. L√ľneburg 1998.

¬†16¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Gerd Koenen: Das Rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967‚Äď1977. K√∂ln 2001, S. 117.