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Nur Linke können sich einreden, dass die Linke nicht gescheitert wäre

Ein Gespräch mit Jakob Hundsbichler

von Felix Kajtna, Max Klein und Andreas Wintersperger

Jakob Hundsbichler ist aktuell politischer Geschäftsführer der österreichischen linken Jugendorganisation Junge Linke, die eng mit der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) zusammenarbeitet. Darüber hinaus ist er Mitglied des Landesvorstandes der KPÖ Tirol.

Das Interview wurde am 20.11.2023 von den Platypus-Mitgliedern Felix Kajtna, Max Klein und Andreas Wintersperger geführt. Es folgt eine gekürzte und editierte Version des Gesprächs.

Felix Kajtna, Max Klein und Andreas Wintersperger: Was waren wesentliche Momente deiner Politisierung und warum engagierst du dich heute in der Linken? Wie bist du dazu gekommen?

Jakob Hundsbichler: Zuerst haben mich Umweltthemen bewegt. Ich komme aus einem kleinen Bergdorf in Tirol und habe ab einem gewissen Punkt die Liftpreise fürs Snowboarden als viel zu teuer empfunden. Mir ist aufgefallen, dass das vermutlich an den Schneekanonen liegt. Mit ungefähr 15 Jahren bin ich dann durch Bekanntschaften zu den Jungen Grünen, einer Jugendorganisation der Partei Die Grünen, gestoßen. Das war 2014. Zwei Monate später saß ich dort schon in einem Lesekreis zum Kommunistischen Manifest. Dadurch habe ich erst den Zugang zur Linken gewonnen, wobei ich mich davor schon für Politik interessiert und immer viel Zeitung gelesen habe.

Das heißt, Junge Grüne war eigentlich deine Anlaufstelle für die Beschäftigung mit Fragen des Marxismus, aber auch mit Fragen der Linken?

Ja.

Wie ging es ab 2014 weiter?

Ich erinnere mich an den ersten internen Workshop, den ich bei Junge Grüne besucht habe. Dort ging es um Postdemokratie und Postpolitik. Obwohl es für mich wirr war und ich nichts verstanden habe, habe ich Interesse daran gewonnen. Der erste externe Workshop, bei dem ich dabei war, wurde von Platypus zum Thema „Oktoberrevolution und die Linke” organisiert, wenn ich mich richtig erinnere, am Sommercamp von Junge Grüne 2015 in Lofer. Dabei habe ich auch nichts verstanden, wirklich nichts, aber am Ende haben wir gemeinsam den Film Lenin: The Train gesehen und den fand ich super. Danach bin ich auf mein Zimmer zurückgekommen und habe beschlossen, von nun an Kommunist zu sein, weil mir der Film so gut gefallen hat. Mein Zimmergenosse aus Tirol fand das scheiße, da er Anarchist war. Das hat mich sehr verwirrt und ich dachte daraufhin, dass ich vielleicht doch nicht so genau weiß, was ich will.

Vier Jahre nachdem du 2014 zu Junge Grüne gekommen bist, wurde aus Junge Grüne Junge Linke, die Organisation, für die du momentan als politischer Geschäftsführer tätig bist. Was ist denn das politische Selbstverständnis von Junge Linke? Was ist das Ziel der Organisation? Und daran anknüpfend: Wie wurde denn aus Junge Grüne Junge Linke?

Ich wurde 2017 Geschäftsführer von Junge Grüne, vier Monate später wurden wir von unserer Mutterpartei rausgeworfen und danach waren wir zunächst ein wenig orientierungslos. Junge Grüne gab es zehn Jahre lang und ich würde sagen, der wesentliche Grund für den Rauswurf bestand am Ende darin, dass wir eigentlich nie ein Verhältnis zur Partei hatten, das über einen wechselseitigen Nutzen hinausging. Junge Grüne bekam Geld von der Partei und im Gegenzug bekam die Partei Unterstützung bei Wahlkämpfen und ein kultiviertes Milieu unter jungen Leuten, also ein Umfeld, das nicht verrückt ist, was bei Grünen oft schon viel wert ist. Wir haben uns aber eigentlich nie füreinander interessiert. Auch mir war es schon nach zwei Monaten Mitgliedschaft, beispielsweise in der Schule, immer extrem wichtig, zu betonen, dass ich nicht bei den Grünen bin, sondern bei den Jungen Grünen. Und im Gegensatz zu anderen politischen Vorfeldorganisationen waren 95–99 % der Mitglieder von Junge Grüne keine Mitglieder der Mutterpartei. Das hat zu Konflikten geführt. Ich kann mich noch an mein erstes Treffen mit dem Bundesvorstand der Grünen erinnern: Junge Grüne hat damals ein Theoriemagazin herausgegebenen, die BLATTLINIE. In der ersten Ausgabe 2016 ging es um den Beginn des Spanischen Bürgerkrieges vor 80 Jahren und in der zweiten Ausgabe um die Russische Revolution. Die Themenwahl wurde uns dann vom Bundesvorstand der Grünen vorgehalten. Schlussendlich ist der Konflikt an der Frage nach der Unterstützung der Studierendenorganisation der Grünen eskaliert, aber das war nur ein Vorwand. In Wahrheit ging es immer nur um inhaltliche Differenzen. Das ist auch im Wahlkampf von Alexander Van der Bellen deutlich geworden und war ab einem gewissen Punkt nicht mehr auszuhalten.

Es gab bei Junge Grüne immer ein theoretisches Interesse am Marxismus, ohne dass wir uns tatsächlich daran orientieren konnten, denn es gab immer eine starke Diskrepanz zwischen der Bildungsarbeit und dem, was man eigentlich praktisch tat. Das war der Führung von Junge Grüne auch bewusst. Mein Vorgänger in der Geschäftsführung von Junge Grüne schreibt in seiner abschließenden Betrachtung zum Projekt, dass das der Knackpunkt war und wir deswegen nicht gewusst haben, was zu tun ist, wenn man nicht mehr Jugendorganisation einer Partei ist, von der man Geld für Bildungsarbeit bekommt und für sie im Gegenzug Kampagnen organisiert. Abgesehen von den unterschiedlichsten Ideen, die wir damals hatten, war uns immer schon klar, dass eine Jugendorganisation nicht die Form ist, durch die man Gesellschaft verändert. Wir waren uns darüber hinaus sicher, dass es eine linke Partei braucht. Durch die Lektüre historischer Texte haben wir gelernt, dass die Notwendigkeit einer Partei besteht und dass das beispielsweise auch im Gegensatz zur ganzen Bewegungs-Linken steht. Wir waren der Meinung, dass es diese Partei nicht gibt und dass wir jetzt anfangen müssen, sie aufzubauen. Die Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) kam dafür nicht in Frage.

Warum?

Wir hatten das Gefühl, dass da nichts geht. Es gab schon zu viele Versuche, die SPÖ zu reformieren. Bei Junge Grüne hingegen war das anders, das war ein spannender Ort, weil die Leute dort wirklich etwas wollten. Da war viel Ambition da.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie es nach dem Rauswurf aus den Grünen zur Entscheidung kam, gemeinsam mit der KPÖ bei der Nationalratswahl 2017 als KPÖ PLUS zu kandidieren. Ich glaube, das lag daran, dass diese Wahl ein bisschen überraschend kam. Wir wurden im April 2017 rausgeworfen, die Regierung hat sich im Mai aufgelöst und dann Neuwahlen für den September verkündet. Da ging es Schlag auf Schlag. Wir wurden gerade mit Riesenkrach rausgeschmissen und hatten nichts zu verlieren. Wir waren der Meinung, dass wir jetzt ein neues Projekt finden müssen und das mit der KPÖ ausprobieren. Für mich brachte das viele prägende und spannende Erfahrungen dahingehend, dass wir plötzlich Programme geschrieben haben, hinter denen wir stehen konnten. Mit den Grünen hingegen war das anders. Wir mussten ja manchmal für die Grünen flyern und das war nicht lustig, weil wir nicht hinter den Inhalten gestanden sind. In Graz hatte ich zum Beispiel Schwierigkeiten damit, Leute für eine Kampagne der Grünen zu mobilisieren, weil die gemeint haben, dass sie sowieso die KPÖ wählen. Daher war es für uns mit der KPÖ neu, plötzlich Inhalte zu haben, hinter denen wir stehen konnten. Das waren jetzt nicht die ausgefeiltesten Inhalte, aber es waren klassisch sozialdemokratische Inhalte, bei denen wir das Gefühl hatten, dass sie zu uns passen. Es war jedenfalls nicht „Bio macht schön” – der Slogan, den die Grünen auf ihre Werbetaschen gedruckt haben. Von den Grünen weg und zur KPÖ zu gehen, war ein großer Bruch für uns, was dem Wahlkampf einen gewissen Auftrieb gegeben hat. Der KPÖ PLUS Wahlkampf war sehr professionell in einem technischen Sinn, brachte aber auch die gute Erkenntnis, dass man danach noch weniger Prozent hatte als die KPÖ die Jahre davor. Da wir einen großen Wert auf Professionalität legen und die Wahlkämpfe der KPÖ aus den Jahren davor ziemlich unprofessionell waren, war das schlechte Wahlergebnis für uns eine echte Schlappe. Das war aber auch ein sehr guter Prozess, da wir uns daraufhin fragen mussten, woran das liegt. Vielleicht ist es tatsächlich völlig irrelevant, was wir in unsere Wahlprogramme schreiben, wenn niemand das Vertrauen hat, dass man irgendetwas verändert, oder, dass die eigenen Interessen mit dieser Partei vertreten werden. Das war der Anlass für einen Prozess des Nachdenkens darüber, wie wir jetzt weitermachen. Wir haben gemerkt, dass Wahlkämpfe nicht ausreichen. Abgesehen davon, dass Wahlkämpfe nichts ändern, waren wir darin nicht einmal erfolgreich – also null von zwei Checkmarks. Es gab eine lange Auseinandersetzung und wir haben über ein halbes Jahr hinweg viel diskutiert, bis wir uns dann Anfang 2018 dazu entschieden haben, es langfristiger anzugehen. Wir haben eingesehen, dass ohne eine linke Partei von linker Politik nicht zu reden ist, weil diese Politik sonst immer in der falschen Form stattfinden würde. Das ist ein Projekt, das man ernst nehmen muss und das in Österreich sonst niemand macht. Stattdessen gibt es immer wieder gescheiterte Versuche, bei denen so schnell wie möglich etwas Neues aufgebaut werden soll. Wir haben auch noch das Projekt Aufbruch¹ miterlebt, bei dem viele Leute aktiv waren und das trotzdem ein halbes Jahr später wieder eingegangen ist. Deswegen waren wir dann der Meinung, dass wir mindestens 10 Jahre brauchen werden, um die Strukturen für das, was wir machen möchten, aufzubauen.

Was möchtet ihr denn aufbauen?

Eine Partei. Wir haben diesbezüglich sozusagen das Mittel zum Zweck erklärt, indem wir sagen, dass die Partei der Ausgangspunkt dafür ist, reale Politik zu machen. Alles andere dient der Vorbereitung dafür. Wir haben bemerkt, dass wir es alleine nicht schaffen werden, diese Partei aufzubauen. Wir waren lauter Anfang 20-Jährige – ich war damals 18 oder 19 – und uns wurde klar, dass wir zwar ein Haufen guter Leute sind, die etwas können und etwas wollen, aber dass es zum Parteiaufbau nicht reichen wird. Was können wir dann leisten? Wir können eine Jugendorganisation gründen, die eine wesentliche Rolle für den Aufbau einer solchen Partei, von der wir noch nicht wissen, wie sie sich gründen wird, spielt. Es ging uns darum, durch eine Jugendorganisation, die Gründung einer Partei vorzubereiten, Leute dazu auszubilden und Bewusstsein dafür zu schaffen. Darin bestand das Ziel von Junge Linke während der ersten Jahre, was in unserem Gründungsdokument so auch deutlich genannt wurde: Unser Ziel ist der Aufbau einer starken linken Kraft, einer linken Partei in Österreich. Ich glaube, das hat uns auch von den meisten anderen linken Jugendorganisationen unterschieden. Wir haben somit ein Mittel, das für andere Linke selbstverständlich ist, zum Zweck erklärt, auch wenn wir noch nicht genau wissen, wie wir dorthin kommen. Das Einzige, was wir wussten, war, was wir nicht sein wollten. Wir wussten, dass weder das Modell der deutschen Linkspartei noch das Modell von Podemos oder SYRIZA funktioniert, aber was funktioniert, wussten wir nicht. Es gab kein Vorbild und das war unser großes Problem. Daher war der Rückzug auf die Jugendorganisation ein Weg, mit dieser Unsicherheit umzugehen, ohne einfach aufzuhören, an der Verwirklichung des Parteiaufbaus zu arbeiten.

Die Abgrenzung von anderen linken Projekten haben wir von Junge Grüne übernommen. Dort wurden Formen für den kritischen Umgang mit der bestehenden Linken entwickelt. Das kam daher, dass wir damals den Anspruch hatten, mehr über den Marxismus zu erfahren, Marxistische Theorie zu lesen und uns vermehrt mit der Zweiten Internationalen zu beschäftigen – wie zum Beispiel durch den Platypus-Workshop auf unserem Sommercamp, den ich bereits erwähnt habe. Dadurch haben wir eine gewisse Differenz zur gegenwärtigen Linken gespürt. Diese resultierte einerseits aus der Beschäftigung mit Theorie und andererseits aus der Tatsache, dass wir die Jugendorganisation der Grünen waren. Wir mussten uns immer von allen Linken beschimpfen lassen, dass wir keine Linken wären. Ich hatte nie ein besonders großes politisches Interesse an den Grünen, aber dass wir ihre Jugendorganisation waren, bot für uns einen Vorteil: Wir konnten viele „linke” Ansichten nicht einfach übernehmen, da wir ja für viele Linke eigentlich der Feind waren. Das hat zu einem Bewusstsein dafür beigetragen, skeptisch und vorsichtig mit einfachen Antworten umzugehen. Ein weiterer wichtiger Faktor hierfür waren die Interpretation und der Zugang, die von gewissen Einzelpersonen geprägt wurden, wie zum Beispiel Tobias Schweiger, mit dem ihr in Platypus auch ein Interview geführt habt, Sebastian Vetter, Sarah Pansy oder Lukas Wurzinger, der anfangs auch Mitglied von Platypus war. Wichtig an diesem Zugang war für uns die besondere Situation der Ambivalenz, das heißt, dass man es als Person aushalten muss, zu sagen: „Ich interessiere mich für Marxismus, mache aber eigentlich völlig falsche politische Praxis”. Das hat bei uns so eine Art Ambiguitätstoleranz ausgelöst, also dass man selber die Fähigkeit entwickelt, zu sehen, dass gewisse Angelegenheiten komplexer sind als man oft vorgibt und dass es okay ist, nicht immer die Antwort zu haben, aber dass man danach suchen sollte.

So wie du es beschreibst, wirkt es so, als wäre man bei Junge Grüne von Anfang an vom Rest der österreichischen Linken ausgeschlossen, man hatte keinen organischen Zugang zu ihr und musste damit umgehen lernen. Hat sich diese Ambiguität – also diese Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis oder das Gefühl, dass man die richtigen Texte liest, aber die falsche Praxis macht, weil man gezwungen ist, für die Grünen Kampagnen zu machen – zwischen Junge Grüne und Junge Linke qualitativ verändert?

Ja, definitiv. Es ist zum Beispiel viel leichter, einen identitären Bezug zur Linken herzustellen, wenn man sich als Junge Linke bezeichnet. Wir haben zwar als Junge Grüne schon gesagt, dass wir Linke sind, aber mussten dabei immer eine gedankliche Turnübung machen. Das müssen wir als Junge Linke nicht mehr. Trotzdem ist es eine Herausforderung, in der Bildungsarbeit hochzuhalten, dass sich die Praxis nicht einfach aus einem identitären Bezug auf die Theorie ableiten lässt. Wir stehen in einer gewissen Tradition, wir stellen uns auch in diese Tradition, aber in Wahrheit wissen wir vieles nicht. Das heißt, wir müssen uns fragen, ob das, was in diesen Texten steht, wirklich stimmt. Die Vermittlung von Theorie und Praxis ist bei Junge Linke schwieriger geworden. Bei Junge Grüne war es einfacher mit Leuten über Marxismus zu reden, weil sich die daraus resultierende Aufgabe scheinbar automatisch im Kopf ergeben hat. Bei Junge Linke hat sich das umgedreht. Das heißt, dass wir darüber reden mussten, warum sich die Praxis nicht einfach automatisch aus den Texten ableitet. Eine der ersten Auseinandersetzungen in Junge Linke drehte sich zum Beispiel um die Frage, wie man sich zu linken Demos verhält. Wir wollten nicht auf jede Demo gehen, sondern fragen, was diese Demo eigentlich bringt. Das war ein ganz absurder Ansatz in der Linken. Wir waren in der schwierigen Position, dass wir als politische Jugendorganisation nicht sagen konnten: „Wir machen nichts, weil wir nicht wissen, was das bringt.” Denn zugleich mussten wir Leuten über eine Diskussion im Verband beibringen, die Frage zu stellen, wo uns das, was wir machen, hinführt. Ich glaube, der Fokus hat sich in die Richtung verschoben, dass die Ambiguität weniger aus der Theorie als vielmehr durch die eigene Praxis erfahren wird. Wir müssen also immer die Frage nach der Strategie berücksichtigen. Das heißt, ob uns das, was wir machen, näher zum Sozialismus führt, ohne dabei einem Dogmatismus zu verfallen, wonach wir mit Sicherheit angeben können, dass uns das, was wir gerade tun, zum Sozialismus führt. Denn woher wissen wir das, was gibt uns auch nur irgendwie den Glauben dazu? Das hat sich also definitiv zwischen Junge Grüne und Junge Linke qualitativ verändert, beziehungsweise es ist daraus eine ganz andere Herausforderung geworden.

Ihr schreibt in eurer vor kurzem erschienenen Broschüre 5 Jahre Junge Linke. Der Zukunft zugewandt:

Unser Anspruch an linke Politik entstand insofern auch aus der Ablehnung des Bestehenden. Vom marxistischen Thinktank Platypus wurde das Scheitern der Linken nach 1990 drastisch formuliert: ‘Die Linke ist tot. Es lebe die Linke’. [...] Für uns hieß das maßgeblich: Wir mussten es komplett anders angehen. Wir wollten die Linke nicht wiederbeleben, wir wollten sie neu erfinden. Alles zu hinterfragen hieß aber nicht, dass wir deshalb weniger radikal wären als andere Gruppen. Es heißt nur, dass wir unter dem Begriff radikal etwas anderes verstehen.

Was unterscheidet Junge Linke vom Rest der – dem Platypus-Slogan folgend – „toten” Linken, nicht nur in Österreich, sondern auch auf internationaler Ebene? Was unterscheidet Junge Linke von Platypus?

Der in der Broschüre folgende Satz ist in Bezug auf das Selbstverständnis von Junge Linke eines meiner Lieblingszitate: „Wir sind nicht radikal, weil wir gegen alles sind oder nicht aufräumen.”² Das Selbstverständnis von Junge Linke ergibt sich aus der Abgrenzung von der bestehenden Linken. Wir sagen: „Wir wollten die Linke nicht wiederbeleben, wir wollten sie neu erfinden.” Wir stehen vor der Schwierigkeit, dass wir Texte der Sozialdemokratie um 1900 haben, die uns inspirieren, deren Gehalt wir aber nicht mehr vorfinden. Gar nichts davon ist uns erhalten geblieben und deswegen ist, unter dem Eindruck der Erfahrungen aus der eigenen Praxis, die Analyse von Platypus auf fruchtbaren Boden gestoßen, weil wir gemerkt haben, dass es keine Praxis gibt, die uns nach den Kriterien, die wir für sinnvoll erachten, sinnvoll erscheint. Es ist verrückt, aber warum ist die Linke so? Gleichzeitig aber war für uns klar, dass wir deswegen nicht weniger radikal sind als diejenigen, die am lautesten „Enteignung!” schreien. Das ist uns immer absurd erschienen, denn wir werden morgen nicht beginnen, irgendjemanden zu enteignen. Das ist der Punkt. Wie geht man damit um? Wir haben das immer „Verbalradikalismus” genannt und das war der Stil, von dem wir uns auch abgegrenzt haben. Was Junge Linke von Anfang an wirklich ausgezeichnet hat, war der Zugang, dass wir die befreite Gesellschaft oder den Sozialismus oder wie man es nennen mag natürlich als unser Organisationsziel gesehen haben und zugleich unsere Politik nicht danach ausrichten, weil wir auf die unmittelbare Realisierung des Sozialismus keinen Einfluss haben. Stattdessen richten wir unsere Praxis danach aus, in eine Situation zu kommen, in der das wieder eine relevante Frage ist. Beispielsweise hat sich die Frage nach „Reform oder Revolution?” für uns nie gestellt. Es wäre historical reenactment zu glauben, diese Frage beantworten zu müssen, da sie sich heute einfach nicht stellt. Wir glauben aber, es wäre besser, wenn wir wieder in einer Situation wären, in der das tatsächlich zu einer relevanten Frage wird.

Zum Unterschied zu Platypus: Platypus ist kein politisches Projekt. In diesem Sinne unterscheidet Junge Linke und Platypus eigentlich alles. Trotzdem kann ich als Mitglied von Junge Linke der Analyse und Positionierung von Platypus etwas abgewinnen. Platypus übt Kritik von außen, indem es sich selbst nicht in eine Praxis begibt. Daher kann Platypus die Linke, auch Junge Linke, daraufhin befragen, ob das, was man tut, auch tatsächlich zu dem führt, was man sagt und was man will. Junge Linke macht das nicht. Also Junge Linke ist eigentlich ein Vehikel, um eine Situation zu erreichen, in der man Fragen des Marxismus wieder ernsthafter diskutieren kann, weil sie sich dann tatsächlich, auch aufgrund der realen Verhältnisse, wieder stellen würden. Der Kritik, die Platypus an der Linken übt, können wir trotzdem viel abgewinnen. Es gibt natürlich noch eine Überschneidung, nämlich, dass viele Leute von Junge Linke ihren Marxismus von Platypus gelernt haben. Ich zähle mich da mit hinzu. Leute können mein politisches Denken manchmal schwer einordnen und das liegt daran, dass ich vor allem durch Platypus und euer Umfeld politisch groß geworden bin. Beispielsweise war es für mich in der Auseinandersetzung mit Trump 2016 immer ein interessanter Gedanke, dass Leute in Platypus gefragt haben: „Naja, vielleicht ist Trump doch besser als Clinton?” Solche Denkanstöße oder Provokationen prägen einen und davon nimmt man sich gerne Anleihen. So wie auch von der Kampagne für eine sozialistische Partei (KSP), die für uns gerade in den Anfangsjahren wichtig war, nicht nur weil wir gesehen haben, dass es da andere gibt, die es auch probieren, sondern, weil sie einen ähnlichen Zugang zur Linken vorgelebt haben. Dieser Zugang besteht darin, dass es in der Linken nichts gibt, was man wiederbeleben muss, dass man etwas Neues schaffen muss, dass man vielleicht Erfahrungen aus dem Scheitern der Linken mitnehmen kann und muss, aber dass, wenn man es ernst nimmt, wir es trotzdem anders machen müssen, weil es davor offensichtlich nicht funktioniert hat. Hätte es funktioniert, dann wären wir jetzt nicht hier.

Eines möchte ich noch ergänzen: Ich war mit 16 oder 17 Jahren ganz einsam und allein in der großen, weiten Welt in Frankfurt auf der European Conference von Platypus.³ Das war für mich ein außerordentlich prägendes Erlebnis, denn ich habe zum ersten Mal Linke getroffen. Ich erinnere mich an Ursula Jensen von der Bolshevik Tendency, die auf einer Podiumsdiskussion so etwas Ähnliches gesagt hat wie: „Ja, wenn man nicht das macht, was notwendig ist, dann kann man es auch sein lassen, dann kann man auch spazieren gehen.” Ich habe von der ganzen Konferenz nichts verstanden. Ich dachte, ich hätte etwas verstanden, aber dann haben alle immer über Trotzki geredet und den hatte ich damals noch nicht gelesen, aber die Aussage von Ursula Jensen ist mir hängen geblieben, weil sie stimmt. Ich mache meine Arbeit in Junge Linke nicht zum Spaß, das ist ja nicht lustig. Es wäre viel lustiger, andere Sachen zu machen. Es gibt schönere Dinge im Leben als Politik zu machen. Deswegen muss man sich bei seiner eigenen politischen Aktivität immer fragen, ob uns das weiterbringt und wenn es das nicht tut, dann lässt man es sein. Man sollte nicht so verbissen sein. Das hat das Denken von vielen in Junge Linke immer geprägt: Es muss wohin führen, sonst können wir es auch sein lassen.

Du hast schon den demokratischen Mangel innerhalb der Grünen Partei angesprochen — aktuell arbeitet Junge Linke eng mit der KPÖ zusammen, was sich vor allem in der Unterstützung von Junge Linke-Mitgliedern in verschiedenen Wahlkämpfen der KPÖ ausdrückt. Welche Rolle spielen Wahlkampagnen für eure politische Praxis und euer politisches Ziel? Was ist das Demokratieverständnis von Junge Linke, nicht nur in Bezug auf den Parlamentarismus, sondern auch in Bezug auf zivilgesellschaftliche Organisierung?

Wir unterstützen die KPÖ seit unserer Gründung als Junge Linke bei Wahlkämpfen, weil wir darin ein Mittel sehen, sowohl unsere Organisation als auch den Parteiaufbau zu stärken. Das drückt sich durch den Zugang zur Öffentlichkeit, den man dadurch bekommt und durch die Möglichkeiten, mit Leuten ins Gespräch zu kommen aus. Denn auch in unserer unpolitischen Zeit bedeutet die Frage, was ich denn eigentlich von dieser Gesellschaft will, für jeden immer noch einen Moment der Politisierung. Das sagen uns die Zahlen. Wir sehen darin ein für uns nutzbares Potential. Wir haben auch damit angefangen, unsere Wahlkampagnen für die KPÖ als Strukturtest zu bezeichnen. Für Parteien sind Wahlen die Rechnung, die man für die getane Arbeit präsentiert bekommt. Aber für alle Organisationen, die sich unterstützend daran beteiligen, sind sie ein Strukturtest. Kann man Leuten sagen, warum sie jetzt etwas tun sollen und tun sie das dann auch? Haben sie genug Vertrauen in mich, dass sie beispielsweise einer Wahlempfehlung folgen und es für sinnvoll erachten, an Wahlen teilzunehmen? Schafft man es, Leute damit zu erreichen? Das führt auch schon zur Frage nach der Organisierung von Zivilgesellschaft. Unser Verhältnis dazu wird von der Auffassung getragen, dass das Demokratieverständnis im Marxismus immer schon davon geprägt war, dass – vulgär formuliert – Gesellschaft in den Herzen und Köpfen der Menschen verändert wird. Das heißt, dass es nicht ausreicht, irgendwelche Vorschläge im Parlament zu machen. Die Menschen müssen eine andere Gesellschaft wirklich wollen. Sie müssen diese Veränderungen vorantreiben, sie müssen selber zu Subjekten dieser Veränderung werden. Das geschieht nicht durch Wahlen. Die meisten Menschen fühlen sich durch Wahlen auch nicht mehr politisch repräsentiert. Sie werden dadurch schon gar nicht zu Subjekten der Veränderung, so dass ihre Entscheidung, ihr Wille zählen würde. Stattdessen stellt sich das Gefühl ein, es sei völlig egal. Wenn wir sie in Projekten engagieren, vermitteln wir den Menschen viel besser das Gefühl, ein Teil der Gesellschaft zu sein und sinnvoll dazu beizutragen. Wir haben zum Beispiel als Junge Linke während der Covid-Pandemie das Lernnetz gegründet, als eine Form der kostenlosen Online-Nachhilfe, was wir dann vor Ort weitergeführt haben. Unser Ziel war, dass man sich vor allem unter jungen Leuten gegenseitig Nachhilfe gibt und damit auch den Begriff der Solidarität, der in der Linken zuletzt immer allgemein, abstrakt und deswegen ein bisschen wertlos war, zu konkretisieren und somit Realität wiederzubeleben. Man kann mit dem Bauer in Guatemala Solidarität üben, indem man „Solidarität!” ruft und das auf Instagram postet, aber das ändert weder hier noch in Guatemala etwas. Deswegen ist so etwas nicht viel wert. Solche Projekte wie das Lernnetz waren für uns eigentlich immer zentral, um auszuprobieren und zu verstehen, wie zivilgesellschaftliche Organisierung eigentlich aussieht. Wenn man die Gesellschaft nur über gesellschaftliche Aktivierung – und Wahlen sind das nicht – verändern kann, wie kann man so etwas bereitstellen? Auch in Anlehnung an das Vereinswesen der Sozialdemokratie, sogar der österreichischen Sozialdemokratie mit ihren Arbeitergesangsvereinen, dem Cello-Verein und dem Fischerverein: Alles war organisiert unter dem Gesichtspunkt des Sozialismus. Wie könnte das heute aussehen? Wie wäre das in einer Gesellschaft, die völlig anders ist als die um 1900? Das schließt für uns die Teilnahme an Wahlen nicht aus, weil Wahlen auch ein Mittel sind, Vertrauen zu gewinnen und zu sehen, dass, wenn ich mich da engagiere, sich vielleicht etwas für mich zum Besseren verändert. Beispielsweise konnte man um 1890 in die SPD eintreten, Mitgliedsbeitrag zahlen und das aus Egoismus machen, weil man sagen konnte: „Mein Leben wird besser, wenn ich das mache.” Das war dann gar kein „solidarischer Akt”, sondern das einzig Vernünftige und Logische. Heute ist das nicht mehr so. Heute bauen wir auf die ideelle Überzeugung von Leuten als Basis dafür, dass sie sich politisch oder gesellschaftlich organisieren und auch das wird immer weniger. Es sind immer weniger Leute in Vereinen aktiv. Ich war selbst in der Feuerwehr, beim Jugendrotkreuz und bei der Musikkapelle. Das wird immer weniger und für uns ist es relevant, das zu organisieren und daraus Projekte entstehen zu lassen.

Siehst du eine Spannung zwischen dem Anspruch an die zivilgesellschaftliche Organisierung und dem Antreten bei Wahlen? Man kann bei Wahlen ja auch gewinnen, um dann den bürgerlichen Staat, so wie er heute ist, mitverwalten zu müssen.

Ja, diese Spannung gibt es. Wenn man ohne gesellschaftliche Aktivierung in Machtpositionen des bürgerlichen Staates gelangt, dann fußt die eigene Macht eigentlich auf nichts anderem als bei anderen Parteien: nämlich aus der Welt heraus den Status quo zu verwalten, ohne die Möglichkeit, ihn zu verändern. Dann hat man nicht einmal mehr die Möglichkeit, darüber nachzudenken oder auszuprobieren, wie man ihn denn verändern könnte – wir wissen ja gar nicht, wie es wirklich gehen sollte – und dann kracht das Ganze irgendwann einmal zusammen. Diese Gefahr besteht real. Die Gefahr besteht aber real in jeder Organisation. Junge Linke hat den Aufbau einer Partei zum Ziel erklärt und das birgt die Gefahr der Beliebigkeit. In diesem Zusammenhang hat mich auch das Treffen in Frankfurt mit den Genossen der KSP Ende Oktober insofern gestärkt, als dass der Weg dahin geht, es zu probieren und wir jetzt versuchen, ihn zu beschreiten und darüber zu reflektieren. Es muss also bewusst geschehen. Es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn man bemerken würde, gerade das Falsche zu machen und daraufhin versucht, neue Wege zu finden. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, warum für uns als Partei in Österreich die Weigerung, an Wahlen teilzunehmen, zielführender sein sollte. Dafür gibt es, denke ich, viele praktische Gründe und darüber hinaus glaube ich auch nicht, dass die zivilgesellschaftliche Organisierung dadurch verloren gehen muss. Natürlich besteht die Gefahr, ein Wahlverein zu werden, aber gerade die Auseinandersetzung mit dieser Gefahr schärft das Bewusstsein der Führung. Der Parlamentarismus ist nun einmal die Form der demokratischen Mitbestimmung im bürgerlichen Staat und auch wenn Menschen davon immer weniger abgeholt werden, bleibt es doch der Ort in der politischen Sphäre, wo die wichtigsten realen Auseinandersetzungen stattfinden. Die bewusste Auseinandersetzung damit ist sinnvoll. Dieses Problem lässt sich theoretisch nicht auflösen, sondern muss mit der Praxis verbunden werden, um zugleich eine Kritik an der eigenen Praxis zu haben.

Ich mache mir manchmal Sorgen, ob wir das schaffen. Dann frage ich mich, was ich dazu beitragen kann, damit dieses Bewusstsein von Kritik entsteht, diskutierbar wird und man gemeinsam schlauer im Umgang mit der Aufgabe wird. Die Situation wäre eine ganz andere, würden wir uns diese Fragen nur in der Theorie stellen, ohne dafür praktische Bedeutung zu beanspruchen. Wir verfolgen mit unserer Wahlunterstützung für die KPÖ sozusagen einen Weg, von dem wir nicht wissen, ob er notwendigerweise der richtige ist. Schlussendlich ist es ein Mittel unter vielen, das man nutzen kann. Der springende Punkt dahinter ist und bleibt die Organisierung des gesellschaftlichen Lebens. Die Teilnahme an Wahlen gehört dazu, obwohl der Zweck davon natürlich ein anderer ist und das parlamentarische System sich schon viele linke Parteien einverleibt hat. Trotzdem ist es keine Lösung, sich dem Parlamentarismus gänzlich zu verweigern, weil man dadurch Probleme der gesellschaftlichen Realität verweigert, die man aber praktisch lösen muss.

Die Verankerung in der Gesellschaft oder in der Klasse hilft einerseits, die Spannung zwischen politischen Mandaten und zivilgesellschaftlicher Organisierung zu überbrücken, genauso wie zwischen der Theorie und der gesellschaftlichen Realität zu vermitteln. Ich finde es spannend, Leuten, die noch nie in der Linken aktiv waren, zu erklären, warum es gerade relevant ist, diesen Text zu lesen, für das, was sie in ihrem Umfeld ändern wollen. Leute kommen mit konkreten Anliegen in Bezug auf das, was sie an der Gesellschaft stört. Die Aufgabe besteht darin, zu erklären, weshalb ein Text, der allgemein die Gesellschaft analysiert, für ihr Anliegen relevant sein sollte. Darin liegt ein wesentlicher Grund, weshalb ich auf das Wachstum von Junge Linke dränge: die Verankerung in der Klasse bedeutet für uns einen Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, übermäßig zu theoretisieren und den Parlamentarismus zu meiden. Gleichzeitig sorgt dieser Schutzmechanismus dafür, dass Leute mit einem gesunden Zugang zu uns kommen, die einsehen, dass man für ein paar Prozent mehr bei Wahlen nicht alles liegen und stehen lassen sollte.

Du hast Wahlen als Mittel beschrieben und nicht als Zweck an sich. Gibt es international andere linke Gruppen, die mit dem schmalen Grat zwischen Zweck und Mittel in der parlamentarischen Demokratie gut umgegangen sind, das heißt zum Beispiel die Macht erlangt haben und dabei ihren linken Charakter nicht aufgegeben haben? Gibt es in dieser Hinsicht Vorbilder für euch?

Nein, ich glaube nicht. Dann wäre es auch einfach, da man dann ein Vorbild hätte, an dem man sich versuchsweise orientiert, um es ähnlich zu machen. Ich glaube, dass es viele Beispiele für interessante Ansätze gibt, wie zivilgesellschaftliche Organisierung im Zusammenhang mit politischer Praxis gedacht werden kann. Beispielsweise die Katastrophenhilfe in Belgien nach den Überschwemmungen, die von der Partei der Arbeit organisiert wurde: Der Staat hat das wirklich nicht geschafft, aber die Partei der Arbeit schon. Sie hat es geschafft, dass sich Leute über Sprachgrenzen hinweg dort wirklich geholfen haben, wo der Staat versagt hat. Es war die Kommunistische Partei Frankreichs, die in den 1980er- und 1990er-Jahren einen Mieternotruf in Nordfrankreich gestartet, den dann die KPÖ Graz von dort übernommen hat. Ich glaube, wenn man sagen könnte, „die schaffen das”, dann wäre es einfach. Der Austausch, den ich mit anderen habe, gibt zumindest Hoffnung. Nirgendwo ist es einfach, aber überall wird etwas versucht und darüber nachgedacht. Es ist wertvoll, an diesen Erfahrungen teilzuhaben, auch wenn sie auf uns keinen direkten Einfluss nehmen. Gleichzeitig muss man sich immer bewusst sein, dass sich diese Fragen auch ganz anders und in anderen Kontexten stellen können, und es ist von Vorteil, das so zu sehen, wenn man für die Gesellschaft Verantwortung übernimmt. Zum Beispiel würde ich behaupten, Linke, die keine Relevanz haben, müssen sich nicht fragen, welchen Mehrwert sie für die Bevölkerung haben, welchen Gebrauchswert es da eigentlich gibt. Je mehr man in das Zentrum der Aufmerksamkeit, der Relevanz und der realen Macht kommt, wenn auch nur in Opposition, desto mehr muss man sich fragen, was man eigentlich will. Wie schaut denn der Weg, von dem man glaubt, er sei der sinnvollste, konkret aus? Bei Fragen des Alltags: Was will man eigentlich mit den Wohnungen in Österreich machen? Wo liegt das Problem? Wie sieht eine Lösung aus, die nicht nur die Probleme behebt, sondern über sie hinausweist, die ein Bewusstsein schafft, das über die gegenwärtige Lage hinausgeht? Das sind Fragen, die ernsthafter diskutiert werden, wenn sie sich tatsächlich stellen, und sie stellen sich eher für Organisationen, die auch von Leuten gewählt werden.

Junge Linke veranstaltet aktuell einen Lesekreis zur Russischen Revolution 1917. Inwiefern informieren Texte, die vor 100 Jahren geschrieben worden sind, eure Praxis? Welche anderen historischen Ereignisse aus der Geschichte der Linken sind deiner Ansicht nach nützlich oder maßgebend für die Aufgaben, die Junge Linke heute vor sich hat? Und daran anknüpfend: Was ist die Rolle von Geschichte per se für die Veränderung der Gegenwart?

Die Frage nach der Bedeutung der Geschichte der Linken für die Gegenwart ist für mich schwer zu beantworten, da das Projekt der Linken offensichtlich noch nicht funktioniert hat. Man kann darüber streiten, ob es gescheitert oder nur untergegangen ist, aber das ändert nichts daran, dass wir heute dort sind, wo wir sind. Gleichzeitig finde ich diesbezüglich einen Ausspruch sehr interessant, der glaube ich irrtümlicherweise Zhou Enlai zugeordnet wird. Er wird gefragt, wie er zur Französischen Revolution steht und er antwortet: „It is too early to tell”. Das würde ich in Bezug auf die Russische Revolution auch so sehen. Ich meine, dass die Russische Revolution für uns immer noch nachlebt, dass wir sie in einer verzerrten Art und Weise wiedererleben und vielleicht auch wiederbeleben und dass sie deswegen weiterhin Zukunft ist, weil die grundlegenden Fragestellungen nicht obsolet geworden sind. Im selben Sinn würde ich auch sagen, dass der Marxismus für uns nach wie vor nicht nur als historisches Ereignis, sondern auch als historischer Bezugspunkt relevant ist, weil wir immer noch vor den grundlegenden Fragestellungen stehen, die er aufgeworfen hat. Zum Beispiel hat der historische Marxismus die Frage aufgeworfen, warum die Versprechen der Französischen Revolution noch nicht eingelöst wurden und was das mit Gesellschaft und ihren Potenzialen zu tun hat. Ich würde sagen, dass sich diese Frage heute immer noch stellt.

Man kann alle großen Ereignisse in der Geschichte der Linken aufzählen und sich fragen, ob es Bezugspunkte gibt, die für die Gegenwart relevant sind. Sie sind alle in dem Sinn relevant, dass sie ihren Anteil am aktuellen Scheitern der Linken haben. Wir müssen uns nicht nur in Bezug auf die Oktoberrevolution, sondern auch etwa auf den Mai 1968 oder die Pariser Kommune die Frage stellen können: Warum sind sie gescheitert? Warum haben so viele schlaue Leute vor uns, die Millionen politisiert haben, es nicht geschafft? Und wie verliert man dabei trotzdem nicht das Vertrauen, dass wir es besser machen können, denn wir müssen es besser machen. Das ist die Aufgabe, die sich uns stellt, die Aufgabe, die die Menschheit oder Gesellschaft an uns stellt, die Aufgabe, eine Menschheit eigentlich erst zu errichten.

In diesem Kontext ist für mich durch Platypus Chris Cutrones „Pascal’s wager” und Marxismus aufgekommen: Ob der Marxismus wirklich wahr ist, werden wir sozusagen erst sehen, wenn sich erfüllt hat, was er sagt und bis dahin ist es aber noch der beste Weg und deswegen sollten wir ihm folgen. Wenn wir heute einen besseren Weg hätten, die gesellschaftlichen Widersprüche zu beschreiben, dann sollten wir uns dem auch zuwenden, aber ein solcher wäre mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Deswegen sagen wir, dass Geschichte auf uns lastet. Sie wirkt nach. Wir müssen uns mit ihr befassen, damit wir verstehen können, wie wir dorthin gekommen sind, wo wir heute sind, aber vor allem auch, wie wir woanders hinkommen.

Das heißt, die Bedeutung, die Geschichte heute für die konkrete Frage der Veränderung der Gegenwart hat, ist, Geschichte als Geschichte des Scheiterns des Marxismus zu begreifen?

Ja.

Welche Konsequenzen folgen daraus für deine politische Praxis?

Für mich folgt daraus, der ganzen Verklärung der Linken und ihrem Scheitern nicht zu glauben. Wir sollten diesbezüglich keine Heiligtümer haben. Wenn wir sagen, dass wir gescheitert sind, dann können wir uns fragen warum und wie, aber wir müssen es uns zuerst eingestehen. Die Gesellschaft sieht das ja auch so, weil es faktisch so ist. Nur Linke können sich einreden, dass die Linke nicht gescheitert wäre.

Was daraus praktisch folgt, ist, wenig Fokus auf die Linke zu haben. Für Junge Linke war es schon von Anfang an relevant, sich nicht mit Linken zu treffen, zu streiten oder etwa darüber zu diskutieren, wer was im Spanischen Bürgerkrieg hätte machen sollen, wie man etwa 2008 mit bestimmten Fragen hätte umgehen sollen oder wer wann ein Verräter der Sowjetunion war. Wenn du nicht erklären kannst, warum diese Fragen relevant für heute sind, dann sollte man lieber die Zeit nutzen, um tatsächlich etwas zu kultivieren, was in der Linken – auch uns – gefehlt hat. Nämlich in Kontakt zu treten mit Leuten, die sich nicht dafür interessieren, das heißt, mit der Klasse, der Gesellschaft, oder wie man es auch nennen will. Es geht darum, mit Leuten, die wir vorgeben, vertreten zu wollen, die wir als Mittel zur Veränderung der Gesellschaft sehen, tatsächlich in Kontakt zu treten, ein Verständnis und ein Gespür dafür zu entwickeln, um gerade mit den Leuten etwas zu entwickeln. Ich kann die hundertste neue Gruppe gründen, die glaubt, es besser zu wissen, aber wenn es niemand wissen will, dann ist es wertlos. Es geht mir um den Fokus auf die Verwirklichung dessen, was man predigt und wenn man das, was man predigt, nicht verwirklichen kann, dann muss man es vielleicht einfach anpassen. Mit Junge Linke können wir zum Beispiel dafür sorgen, dass wir Orte haben, an denen es gratis Nachhilfe gibt und siehe da: Das interessiert wesentlich mehr Leute aus der Arbeiterklasse, als wenn wir darüber diskutieren, wer auf der richtigen Seite im Spanischen Bürgerkrieg stand. Niemand interessiert sich mehr für die großen Fragen. Das kann man mir als intellektuelle Verflachung oder als kulturtheoretischen Pessimismus ankreiden, aber das Problem, auf das man real reagieren muss, besteht in der Frage, warum sich irgendwer für die großen Fragen interessieren sollte? Offensichtlich gibt es keine gesellschaftliche Veränderung. Über was sollten wir also diskutieren? Unser Fokus auf das konkrete Tun, den konkreten Alltag, ist eine Konsequenz aus diesem Problem. Daher kommt unser Zugang, dass wir eben nicht wissen, wie diese großen Fragen zu beantworten sind. Wir wissen es vor allem nicht besser. Die Leute vor uns waren so viel schlauer. Mit meinem Wissensstand könnte ich um 1900 niemals eine sozialistische Jugendorganisation leiten – das wäre ein Fauxpas. Trotzdem glaube ich, dass es sinnvoll ist, dass ich heute eine linke Jugendorganisation leite, da ich es zumindest mit Demut mache und versuche, das eigene Handeln zu reflektieren. Vielleicht entsteht dabei etwas, aus dem wir lernen, wie wir es in Zukunft besser machen können, auch wenn ich es jetzt noch nicht weiß.

Ich möchte noch einmal auf das Verhältnis zur KPÖ zu sprechen kommen. Du hast vorhin beschrieben, dass linke Geschichte und Tradition auf uns lasten und man besser die Finger davon lässt, solange man nicht glaubt, es besser zu wissen oder einmal durchgearbeitet zu haben. Vor diesem Hintergrund würde mich interessieren, welche Lehren sich denn für Junge Linke aus der Zusammenarbeit mit der KPÖ, also der drittältesten Kommunistischen Partei der Welt, ziehen lassen. Vor allem auch in Hinblick auf euer Ziel, die Linke neu zu erfinden.

Ich würde sagen, es geht nicht darum, die Finger von der Geschichte zu lassen, sondern sich einmal die Frage zu stellen: Bringt uns die Beschäftigung mit Geschichte weiter? Was ich an der KPÖ so spannend finde und warum ich auch KPÖ-Mitglied beziehungsweise im Landesvorstand der KPÖ Tirol bin, ist, dass es sich dabei um eine Partei handelt, die tatsächlich kurz nach der Oktoberrevolution gegründet wurde und in ihrer Parteigeschichte alle Irrungen und Wirrungen der darauffolgenden Linken verkörpert. Indem du dich selbst zum Teil und zum Nachfahren davon machst, kannst du dich eben nicht einfach von dieser Vergangenheit entlasten, wie es auch viele in der Linken machen. Du kannst eben nicht sagen, dass diese Geschichte nichts mit uns zu tun hat. Das hat alles mit uns zu tun. Das ist meine Partei. Das ist unsere Partei. Was die Leute vor uns gedacht haben, wird ihren Grund gehabt haben und wir müssen uns fragen warum? Und wir müssen uns fragen, was wir daraus lernen. Was lernen wir aus Erfolgen, was lernen wir aus Fehlern? Im Unterschied zu anderen Parteien, ist es für mich als Bereicherung zu sehen, dass man in der KPÖ in einer Tradition mit Licht und Schatten steht, die das Scheitern der Linken im Großen wie im Kleinen verkörpert hat. Die KPÖ hat die letzten Jahrzehnte keine relevante Rolle mehr in der österreichischen Politik und Gesellschaft gespielt, bis auf lokale Ausnahmen. Sie hat für Leute keine Relevanz. Spannend ist es, sich dann trotzdem zu fragen, ob sie wieder Relevanz bekommen kann.

Wäre es unter dem Gesichtspunkt, sich die Geschichte des Scheiterns der Linken zu eigen zu machen, nicht sinnvoller, sich in der SPÖ zu engagieren? Die SPÖ war schließlich die Partei, die um die Jahrhundertwende die Art von Aktivismus gemacht hat, die – so wie ich dich verstanden habe – immer noch als Inspiration für Junge Linke dient. 

Einer der wesentlichen Aspekte für mich ist, dass die KPÖ heute immer noch tatsächlich die Kommunistische Gesellschaft als Ziel hat. Das hat die SPÖ nicht mehr. Sie hatte dieses Ziel noch in den 1920er-Jahren und war damals der Meinung, sie erreiche es mit anderen Mitteln als die Bolschewistische Partei in Russland. Es geht also um die Frage nach dem Ziel und ob man sich in dieser Frage einig wird. Ich war schließlich schon einmal in einer Partei, mit der ich weder das Ziel noch den Weg dahin geteilt habe und das war nicht besonders aussichtsreich. Dass ich mit der KPÖ die Ziele teile, ist für mich also das Relevanteste. Die offene Frage ist, wie man dahin kommt, diese Ziele zu erreichen. Ich war schon lange im Umfeld der KPÖ, aber erst mit ihrer Erneuerung, das heißt, erst seit dem letzten Parteitag 2021 war für mich klar, dass es dort Offenheit für Selbstkritik gibt, eine Offenheit, Dinge auszuprobieren und sich immer wieder zu fragen, ob uns unsere aktuelle Praxis dorthin führt, wo wir hinwollen. Das war für mich der überzeugende Punkt an der KPÖ und ist es auch heute noch.

Du hast vorher darüber gesprochen, dass Junge Grüne nach dem Rauswurf aus den Grünen 2017 klar wurde, dass ihr nicht einfach eine neue Partei gründen könnt. Wie ist man zu diesem Schluss gekommen? Was hätte es deiner Ansicht nach dazu benötigt? Und daran anknüpfend: Welche Rolle hat die Einsicht 2018, dass man momentan keine Partei gründen kann, dafür gespielt, mit der KPÖ gemeinsam zu arbeiten, für sie Wahlkampf zu machen und schlussendlich nach dem Parteitag 2021 de facto eine ihrer Jugendorganisationen zu werden? 

Was es für eine Parteigründung 2018 gebraucht hätte, kann ich nicht sagen, weil ich im Großen und Ganzen nicht weiß, was es dafür braucht. Junge Grüne war ein Ort, der aus jungen Leuten bestand, die wussten, wie sie andere junge Leute organisieren, aber die Gesellschaft besteht nicht aus lauter unter 25-Jährigen. Es hätte ältere Leute gebraucht und das wäre wiederum mit Junge Grüne nicht möglich gewesen. Was die KPÖ betrifft, hatten wir bereits 2018 ein Verhältnis zu ihr, aber damals war noch nicht klar, dass wir denselben Weg beschreiten wollen. Es gab damals ja auch lange Auseinandersetzungen darüber, ob die KPÖ überhaupt unter dem Namen „Kommunistische Partei Österreichs” weiter existieren soll. Diese Frage hat sich erst mit dem Parteitag 2021 und der Einsicht geklärt, dass es eine KPÖ braucht, aber dass sie vor allem auch selbstkritisch sein und sich fragen muss, was sie falsch macht. Warum gelingt ihr keine Verankerung in der Klasse? Wo gelingt sie schon und woran liegt das? Das war ein Zugang, der für uns spannend war, da er unserem sehr ähnlich war und natürlich beeinflusst man sich da sicher auch gegenseitig. Es gab zum Beispiel Leute in der KPÖ, die unsere Politik mit dem Lernnetz sehr spannend und interessant fanden, weil es etwas war, das die Partei in der Form nicht hatte und auch in anderer Form dann am Parteitag diskutiert wurde. So hat man dann zueinander gefunden, da ein ähnliches Verständnis von Politik und den aktuellen Aufgaben einer Partei gegeben war.

Ihr habt also bei Junge Grüne, spätestens nach dem Rauswurf aus der Mutterpartei, die Erfahrung gemacht, dass es eine Partei braucht. Ist die KPÖ heute diese Partei deren Notwendigkeit ihr eingesehen habt?

Ich glaube, sie ist die Partei, die den Raum, die Offenheit, und das Potenzial dazu bietet. Ich weiß aber nicht, ob sie das auch realisieren kann. Aktuell würde ich sagen, dass die KPÖ offen mit dem Problem umgehen kann, nicht einschätzen zu können, was die Herausforderungen einer erst aufzubauenden Partei in 10 Jahren sein werden. Dass ich mich in der KPÖ und nicht in der SPÖ engagiere, liegt daran, dass es in der KPÖ genug an historischem Bewusstsein gibt, diese Fragen ernsthaft zu stellen und sie nicht einfach abzukanzeln.

Wie geht man mit der Perspektive auf die Notwendigkeit einer internationalen Organisation um, wenn man die Jugendorganisation einer Partei ist, die explizit sagt, wir wollen den Sozialismus in Österreich, wie es Elke Kahr, Grazer Bürgermeisterin und KPÖ-Mitglied, vor kurzem in einem Interview mit Neues Deutschland formuliert hat?

Ich habe ein bisschen Philosophie studiert und etwas, das ich gelernt habe, ist, dass man aus der Aussage „Wir wollen Sozialismus in Österreich” nicht ableiten kann, dass wir ihn nicht weltweit wollen. Ich denke, Elke Kahr würde das auch so sehen. Trotzdem ist diese Frage der Internationalität eine relevante und schwierige. Ich kann das eigentlich nur aus meiner Praxis erklären. Ich empfand internationale linke Treffen immer als äußerst mühsam. Man hatte nie etwas zu erzählen, außer dass nichts läuft. Was will man da voneinander lernen? Es gab oft einfach nichts zu lernen, da alle nur beschreiben, was bei ihnen nicht funktioniert: Zu sagen, dass es internationalen Sozialismus, Bewegungen in allen Ländern, eine internationale Organisation braucht, bedeutet das Pferd von hinten aufzäumen. Das kennt man aus genug linken Sekten, die glauben, dass das so funktioniert. Das Problem aber ist, dass solche Organisationen vor Ort tatsächlich wenig Einfluss auf die Gesellschaft und wenig Momentum haben. Ich würde sagen, dass es beides braucht – internationale Organisation und Einfluss auf die Gesellschaft vor Ort – aber momentan gerade auf eine andere Art und Weise, nämlich nicht von der Struktur, sondern von der tatsächlichen Bewegung her gedacht. Wir befinden uns im Aufbau einer Bewegung und lernen dabei gerade viele Dinge beziehungsweise machen Lernerfahrungen, die man teilen muss, sodass das auch in anderen Gruppen funktionieren kann. Wenn das der Fall ist, dann habe ich was zu erzählen. Die Notwendigkeit des Internationalismus ergibt sich daraus dann von selbst.

Es reicht auch nicht aus, zu sagen, Internationalismus sei notwendig, weil der Kapitalismus international agiere. Papier ist geduldig. Ich kann noch so viele Resolutionen beschließen; solange ich sie nicht umsetze, sind sie wertlos. Unser Zugang und unsere Aufgabe besteht hier vor allem darin, dafür zu sorgen, dass es eine Bewegung gibt, die sich diese Fragen sinnvollerweise stellen kann. Wenn das geschafft ist, dann wird der internationale Austausch nicht nur notwendig sein, eine Pflichtaufgabe, sondern auch tatsächlich hilfreich. In gewisser Weise geschieht das schon sowohl bei der KPÖ als auch bei Junge Linke, indem wir uns an anderen Ländern, Parteien und Organisationen orientieren. Aber für die tatsächliche Relevanz von internationalen Strukturen müssen wir erst sorgen. Historisch ist sie genau so entstanden: Es gab eine Arbeiterbewegung, deren reale Kämpfe auf nationale Grenzen gestoßen sind, woraus sich dann die Notwendigkeit einer internationalen Bewegung ergab. Ein solche Notwendigkeit ergibt sich für uns aktuell noch viel zu sehr nur aus der Theorie.

Wo siehst du sowohl Junge Linke als auch die KPÖ in den nächsten fünf Jahren? Vor allem mit Hinblick auf die Nationalratswahl in Österreich nächstes Jahr, für die die KPÖ kandidiert und, ich nehme an, Junge Linke wahlkämpfen wird. Was hättest du gerne und was schätzt du als realistisch ein in Bezug auf das Ziel, den Sozialismus zu verwirklichen?

Ob Junge Linke die KPÖ beim Wahlkampf unterstützen wird, muss erst entschieden werden, ich sehe aber keinen Grund, weshalb das nicht so sein sollte. Was ich gerne hätte und auch als machbar einschätze, ist, dass Junge Linke und KPÖ gemeinsam eine Partei aufbauen und dass zugleich Junge Linke als Organisation weiter gestärkt wird. Das geht nur, wenn man sich nicht ausschließlich mit sich selbst, sondern mit der Gesellschaft und mit Fragen gesellschaftlichen Fortschritts auseinandersetzt; wenn man versuchen kann, auf gesellschaftliche Veränderungen Einfluss zu nehmen. Ich hätte gerne, dass sich die theoretischen Fragen, die ich spannend finde, aber die bislang nie mit der eigenen Praxis übereingestimmt haben, wirklich stellen und dadurch die ganze Organisation herausgefordert wird, weil sie gleichsam praktisch geworden sind. Und ich hätte gerne, dass sich das in einem Bewusstsein des bisherigen Scheiterns in einem Bewusstsein des Nichtwissens und der Schwierigkeit der Herausforderung vollziehen wird, das uns ermöglicht, neue Antworten zu finden, die selbst wieder in einem Prozess weiterzuentwickeln sind. Ich glaube, dafür ist es wesentlich, dass man das Wachstum, also die Organisierung aller Facetten des gesellschaftlichen Lebens, weiterhin forciert. Ich bin überzeugt davon, dass das passieren wird. |P


1 Eine Organisierungskampagne, initiiert von der Blog-Plattform Mosaik, mit dem Ziel, verschiedene linke Spektren in Österreich zusammenzubringen. Hierzu fand vom 3.–4. Juni 2016 in Wien die Aufbruch-Aktionskonferenz statt.

2 Der vollständige Absatz aus der Broschüre 5 Jahre Junge Linke lautet: „Wir wollen eine andere Form von Jugendorganisation sein. Wir sind nicht radikal, weil wir gegen alles sind oder nicht aufräumen. Wir sind radikal, weil wir merken, dass das Glück aller Menschen eine radikale, eine die Sache an der Wurzel packende Lösung braucht. Wir sind nicht radikal, weil wir damit cooler, besser oder gar marxistischer als andere sein wollen. Wir sind radikal, weil es für die Umsetzung unserer Ziele notwendig ist. Deshalb müssen wir aber auch dafür sorgen, dass diese Radikalität nicht nur eine Jugendsünde, nicht bloß ein Ausdruck jugendlichen Übermuts bleibt.”

3 Die zweite European Conference der Platypus Affiliated Society fand vom 6.–8. November 2015 in Frankfurt unter dem Titel „The Crisis of Europe – a Crisis for the Left?” statt.