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Was ist das Kritische an der Kritik der Politischen Ökonomie?

Platypus Review Ausgabe #27 | September/Oktober 2023

von Lars Quadfasel, Vera und Frieder Otto Wolf

Am 08.09.2022 veranstaltete die Platypus Affiliated Society im Rahmen ihrer V. European Conference in Wien eine Podiumsdiskussion mit Vera (Der Funke/International Marxist Tendency), Frieder Otto Wolf (Philosoph und Politikwissenschaftler) und Lars Quadfasel (Hamburger Studienbibliothek) zum Thema: Was ist das Kritische an der Kritik der politischen Ökonomie?

Es folgt ein editiertes und gekĂŒrztes Transkript der Veranstaltung, die unter https://www.youtube.com/watch?v=rWGYMFegZs0& vollstĂ€ndig angesehen werden kann.

BESCHREIBUNG

„Indem die Kritik der politischen Ökonomie die historische Notwendigkeit aufweist, die den Kapitalismus zur Entfaltung brachte, wird sie zur Kritik der ganzen Geschichte“ – Theodor W. Adorno, Reflexionen zur Klassentheorie

Was ist bĂŒrgerliche politische Ökonomie und warum entwickelt Marx eine Kritik an ihr? Wie verhĂ€lt sich diese Kritik an der politischen Ökonomie zu seiner Kritik des Sozialismus? Was ist das spezifisch Politische daran? Inwiefern ist seine Kritik an der politischen Ökonomie dialektisch? Inwiefern lĂ€sst sich durch eine RĂŒckkehr zu Marxens Kritik der politischen Ökonomie der Kampf um den Sozialismus heute re-aktualisieren?

EINGANGSSTATEMENTS

Vera: Ich möchte meinen Input hauptsĂ€chlich dem Unterschied zwischen bĂŒrgerlicher und marxistischer Ökonomie widmen, weil ich glaube, dass sich dadurch die vorher gestellten Fragen beantworten lassen. Die klassische bĂŒrgerliche Ökonomie, deren wichtigste Vertreter Adam Smith und David Ricardo waren, entstand in der Phase, in der der Kapitalismus im Aufschwung war. Die klassischen Nationalökonomen haben sich als Vertreter der AufklĂ€rung gesehen und wollten die Wirtschaft anhand von Prinzipien wie Vernunft und RationalitĂ€t erklĂ€ren. Sie haben die Wirtschaft – sprich: den Kapitalismus – noch als Ganzes betrachtet, im Unterschied zur heute vorherrschenden Neoklassik. Die klassischen Ökonomen haben als erste zentrale Fragen der Funktionsweise des Kapitalismus in Kategorien wie Arbeitsteilung, Wert, Handel, Löhne, Grundrente und dergleichen herausgearbeitet.

Marx hat bei Ricardo angeknĂŒpft, indem er die Arbeitswerttheorie weiterentwickelt und auf die Spitze getrieben hat. Im Gegensatz zu den klassischen Ökonomen aber stellt sich Marx nicht in den Dienst der Bourgeoisie. Er sieht seine Aufgabe darin, seine Theorie als Waffe fĂŒr die Arbeiterklasse und die Arbeiterbewegung im Klassenkampf zu formulieren. Im Unterschied zu den klassischen bĂŒrgerlichen Ökonomen sieht Marx den Kapitalismus nicht als immerwĂ€hrendes naturgegebenes System, sondern zeigt auf, dass es vor dem Kapitalismus andere Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme gab, wie etwa die Sklaverei und den Feudalismus. Marx erklĂ€rt die Bedingungen, unter denen der Kapitalismus entstanden ist, dessen immanente WidersprĂŒche und wie dieser schließlich verfallen und untergehen muss. Damit ist die marxistische Ökonomie notwendigerweise dialektisch. Alle nach Marx folgenden politischen bĂŒrgerlichen Ökonomen haben das Politische sozusagen entfernt, sind von jeder wissenschaftlich rationalen Methode der klassischen Ökonomie weggegangen und haben sich auf idealistische Positionen zurĂŒckgezogen. Dadurch ging es ihnen weniger um das Verstehen als um das Verteidigen des Kapitalismus. In Folge haben die BĂŒrgerlichen die objektive Werttheorie der klassischen Ökonomie völlig verworfen, weshalb Marx sie auch mit Recht als VulgĂ€rökonomen bezeichnet hat.

Gegen Ende des 19. Und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Arbeiterbewegung im Aufschwung, die Zweite Internationale ist gewachsen und marxistische Ideen haben sich verbreitet. Daraufhin starteten die BĂŒrgerlichen einen Gegenangriff auf die marxistische Ökonomie, vor allem in Gestalt der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Die Neoklassiker nahmen die Arbeitswerttheorie unter Beschuss und bildeten in Abgrenzung die subjektivistische Grenznutzentheorie heraus. Dadurch ging es nun nicht mehr um objektive Faktoren, also um Gesetze eines Ganzen, sondern um subjektive PrĂ€ferenzen einzelner Individuen, aus denen alles Weitere hergeleitet wird. Marx aber hat immer das System als Ganzes betrachtet und versucht, darin allgemeine GesetzmĂ€ĂŸigkeiten zu analysieren. Das ist ein wichtiger methodischer Unterschied, weil ein Ganzes oder ein System oft mehr ist als die Summe seiner Teile. Hier lĂ€sst wieder die Dialektik grĂŒĂŸen. Wenn ich von subjektiver Psychologie von Individuen ausgehe oder zwei Individuen auf einer einsamen Insel Ă  la Robinson Crusoe isoliere und dann gegenseitig Produkte austauschen lasse, wird es mir nicht gelingen, die Gesetze einer modernen kapitalistischen Gesellschaft zu analysieren. Abgesehen von den methodischen Unterschieden beruht die neoklassische Kritik an Marx auf einem bewussten Missverstehen oder Verwirrspiel um die marxistische Terminologie. Das heißt, man tut so, als ob Arbeit und Arbeitskraft sowie Wert und Preis das Gleiche wĂ€ren. Man behauptet, dass Marx sagen wĂŒrde, ein fauler Arbeiter produziere mehr Wert, wobei Marx dies selbst widerlegt hat. Marx hat nicht umsonst stets behauptet, dass nicht die Arbeitszeit per se das Entscheidende fĂŒr die Entstehung des Werts wĂ€re, sondern die durchschnittliche gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit auf einem bestimmten technischen Niveau.

Die BĂŒrgerlichen betrachten immer nur einzelne Aspekte der Wirtschaft. Es geht ihnen darum, wie man ĂŒber welchen Mechanismus das System kontrollieren kann. Das zeigt sich zum Beispiel in der Inflationsdebatte, in der die Monetaristen, Neoklassiker oder Neoliberalen – wie auch immer man sie nennen will – glauben, dass man mit der Geldmenge und mit dem Zinssatz alles so manipulieren kann, dass die Wirtschaft rund lĂ€uft. Denselben mechanischen Fehler machen auch viele Keynesianer, Links-Keynesianer und AnhĂ€nger der Modern Monetary Theory; nur, dass sie genau von der anderen Seite herkommen. Sie glauben, dass sie durch das Drucken von Geld Sozialreformen durchsetzen können, um dann nicht wirklich kĂ€mpfen zu mĂŒssen. Sie ignorieren die Gefahr der Inflation geflissentlich. Dementsprechend ist die bĂŒrgerliche Ökonomie stets eine Waffe im Klassenkampf gegen die Arbeiterklasse.

Noch einmal zurĂŒck zur Kehrtwende in der bĂŒrgerlichen Ökonomie: der Neoklassik. Diese Kehrtwende hatte den Grund, von den revolutionĂ€ren Implikationen der marxschen Arbeitswerttheorie abzulenken. Marx hat erklĂ€rt, dass die Profite auf dem von der Arbeiterklasse produzierten Mehrwert und damit auf Ausbeutung beruhen, was fĂŒr die BĂŒrgerlichen natĂŒrlich inakzeptabel ist. Deswegen bleiben ihnen auch die Gesetze des Kapitalismus unerklĂ€rlich. GĂ€be es nĂ€mlich keinen Mehrwert, dann gĂ€be es auch keinen Profit und die Gesellschaft wĂŒrde nie reicher werden bzw. alle Profite wĂŒrden auf Betrug beruhen. Aber Betrug macht die Gesellschaft insgesamt nicht reicher, da der eine einfach reicher und der andere Ă€rmer wird. Gewinne und Verluste wĂŒrden sich also ausgleichen, wenn es keinen Mehrwert gĂ€be.

Abschließend möchte ich zur praktischen Wichtigkeit der marxistischen Ökonomie zurĂŒckkehren, die sich durch die auf der Welt herrschenden katastrophalen ZustĂ€nde zeigt, und auch durch den Zustand der Mehrheit der Linken. Wir sehen, dass der Kapitalismus von einer Krise in die nĂ€chste rutscht. Die Art, wie eine Krise bewĂ€ltigt wird, zeigt schon, wodurch die nĂ€chste Krise entstehen wird. Zum Beispiel: Man braucht außerordentlich hohe Staatsausgaben, um die Wirtschaft – vor allem Banken – wĂ€hrend der COVID-19-Pandemie zu retten und ist dann ĂŒberrascht, dass Inflation entsteht. Auf Weltebene ist der Kapitalismus schon lange nicht mehr so instabil gewesen wie heute. In extrem starkem Kontrast dazu aber ist der Zustand der FĂŒhrung der Linken ein einziges Trauerspiel. Die reformistischen FĂŒhrer trauen sich mehrheitlich nicht, Wörter wie „Kapitalismus“, „Arbeiterklasse“, „Privateigentum“ und dergleichen auszusprechen und bleiben darum mit ihren Forderungen hinter dem zurĂŒck, was möglich und notwendig wĂ€re. Wenn ich als GewerkschaftsfĂŒhrer in Kollektivvertragsverhandlungen gehe, um den Unternehmern mit Fakten zu erklĂ€ren, dass es Inflation gegeben hat, und um im Nachhinein dann um eine Abgleichung der Inflation zu bitten, dann werde ich nicht nur den Reallohnverlust, sondern auch eine Absenkung des Lebensstandards nicht verhindern können. In letzter Instanz geht es in jedem Klassenkampf um die Verteilung des von der Arbeiterklasse produzierten Mehrwerts. Wenn ich mich nicht traue, Begriffe wie „Mehrwert“ oder „Arbeiterklasse“ in den Mund zu nehmen, dann habe ich nicht nur notwendigerweise eine falsche Analyse, sondern kann auch, vor allem in Krisenzeiten, keine einzige Sozialreform durchbringen und werde den Sozialabbau notwendigerweise mitverwalten, wie man es bei genĂŒgend Arbeiterparteien und Gewerkschaften gerade sieht. Der Grund der gegenwĂ€rtigen und stĂ€ndigen Niederlagen der Arbeiterklasse ist, dass die FĂŒhrung der Arbeiterorganisationen einfach vor dem Kapital kapituliert und dem Druck der BĂŒrgerlichen nachgegeben hat.

Zum Abschluss wĂŒrde ich noch gern kurz auf das im AnkĂŒndigungstext der Podiumsdiskussion erwĂ€hnte Adorno-Zitat eingehen. Ich denke, dass dieses Zitat eine falsche Idee vermitteln kann. Es könnte so klingen, als ob Kapitalismus unvermeidlich wĂ€re und eben sozusagen nur die eine Seite zeigen, dass der Kapitalismus unter bestimmten Bedingungen auf einer bestimmten historischen Stufe auf einem bestimmten Entwicklungsstand der ProduktivkrĂ€fte notwendig entstanden ist. Das Zitat geht aber nicht auf die Krisenhaftigkeit des Systems, die systemimmanenten WidersprĂŒche und die Notwendigkeit, den Kapitalismus zu stĂŒrzen, ein. Bei Adorno ist das immer ein bisschen schwierig. Der Kapitalismus war historisch fortschrittlich, er hat die ProduktivkrĂ€fte auf beispiellose Art und Weise enorm entwickelt und hat der Menschheit außerordentlichen Reichtum und Möglichkeiten beschert. Heute allerdings ist das nicht mehr der Fall. Heute kann der Kapitalismus die ProduktivkrĂ€fte nicht mehr weiterentwickeln. Der Hauptgrund dafĂŒr ist das Profitprinzip, worunter auch das Privateigentum und die Nationalstaaten fallen, die der Produktion Grenzen auferlegen. Das RevolutionĂ€re am Marxismus ist, dass man beides hat: eine objektive ErklĂ€rung, wie der Kapitalismus entstanden ist und gleichzeitig eine, in der dieser nicht als ein immerwĂ€hrendes System beschrieben wird; dass das Problem nicht eine sogenannte „menschliche Natur“ oder irgendetwas Überhistorisches wĂ€re, sondern, dass der Kapitalismus eigene Gesetze hat und eigene WidersprĂŒche schafft – Dass man also genau an diesen WidersprĂŒchen ansetzen kann, um den Kapitalismus zu stĂŒrzen.

Frieder Otto Wolf: FĂŒr mich ist es eine große Freude und eine Ehre, auf dieser Konferenz der Platypus Affiliated Society sprechen zu können, deren AktivitĂ€ten ich seit ihrer GrĂŒndung mit Interesse und Sympathie verfolgt habe. Ich möchte eine ganz kurze Bemerkung zu dem vorigen Referat machen: Ich teile vieles davon, aber man muss noch ein bisschen sorgfĂ€ltiger sein. Zum Beispiel haben Marx und Engels mit Recht die Rede von Kapitalismus kaum verwendet. Es geht um die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften – im Plural –, was etwas Komplexeres ist. Die Entgegensetzung von bĂŒrgerlicher und marxistischer Ökonomie halte ich auch fĂŒr eine schwere Missweisung, weil die Kritik der politischen Ökonomie eben keine Ökonomie ist, sondern ĂŒber Ökonomie hinausgeht – sie ist immer auch eine Theorie des Klassenkampfs.

Jetzt zu meiner Beantwortung der Fragen. Erstens: Was ist bĂŒrgerliche politische Ökonomie und warum entwickelt Marx eine Kritik an ihr? BĂŒrgerliche politische Ökonomie gibt es fĂŒr den reifen Marx in zweierlei Gestalt: einmal als „klassische politische Ökonomie“, die noch unentwickelte Formen wissenschaftlicher Einsicht in die politische Ökonomie hat und in den modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften die beherrschende kapitalistische Produktionsweise produziert. Der zweite Aspekt betrifft die „VulgĂ€rökonomie“, welche durch Propagierung der oberflĂ€chlichen Gestalten der entwickelten kapitalistischen Ökonomie jede Einsicht in deren WidersprĂŒche blockiert. Hier ist anzumerken, dass die sogenannte Neoklassik, die immer noch die wirtschaftswissenschaftliche Debatte beherrscht, eine spezifische Entwicklung in Richtung einer formalen Verwissenschaftlichung dieser VulgĂ€rökonomie ist, wie sie von Marx nicht bearbeitet und in der marxistischen Tradition vernachlĂ€ssigt worden ist. Marx’ Kritik ist also eine doppelte: einerseits eine polemische ZurĂŒckweisung der „VulgĂ€rökonomie“ und andererseits eine kritische Unterscheidung zwischen den wissenschaftlichen Einsichten und ideologischen Illusionen der klassischen politischen Ökonomie von Adam Smith bis David Ricardo. Die Marxsche Kritik der VulgĂ€rökonomie hat also das Problem, dass sie nicht ausreicht, um die Neoklassik wirklich triftig zu kritisieren und eine kritische Unterscheidung zwischen den wissenschaftlichen Leistungen und den ideologischen blinden Flecken der klassischen politischen Ökonomie vorzunehmen.

Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie entziffert die Erscheinungsformen moderner ökonomischer Prozesse, indem sie sie als Effekte grundlegender VerhĂ€ltnisse von Warenaustausch und kapitalistischer Ausbeutung begreift. Im Kapital werden sie dann in ihrem idealen Durchschnitt – als ein Ganzes, nicht als eine TotalitĂ€t – theoretisch rekonstruiert und immer wieder, insbesondere an den von Marx betonten „Grenzen der dialektischen Darstellung“, als Resultate des Klassenkampfs der zentralen modernen Klassen – der Kapitalisten und Arbeiterklasse – aufgezeigt. WĂ€hrend die bĂŒrgerliche politische Ökonomie diese gegebenen VerhĂ€ltnisse als solche affirmiert und fĂŒr historisch alternativlos erklĂ€rt, macht die Marxsche Kritik deutlich, dass die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften historisch erkĂ€mpft ist und immer wieder in ihren Krisen bekĂ€mpft bzw. grundsĂ€tzlich ĂŒberwunden werden kann.

Zweitens: Wie verhĂ€lt sich diese Kritik an der politischen Ökonomie zu seiner Kritik des Sozialismus? Der zentrale Punkt der Marxschen Kritik an den frĂŒhen Sozialismen ist immer wieder, dass diese an den Formen der erscheinenden OberflĂ€che, insbesondere der Freiheit und Gleichheit der WarenbesitzerInnen, ansetzen und so der Illusion von Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham, wie Marx das Kapital nennt, verhaftet bleiben. Damit unterwerfen sie sich – jedenfalls letztlich – der Logik der Reproduktion der bestehenden HerrschaftsverhĂ€ltnisse und produzieren nur illusionĂ€re Auswege, in denen dann eben doch alles wieder auf Privateigentum und Bentham hinauslĂ€uft. Sie entwerfen dadurch eine nur scheinbar radikale Perspektive, die aber letztlich immer wieder nur auf die Unterwerfung unter die bestehenden modernen HerrschaftsverhĂ€ltnisse hin orientiert ist – also den wirklichen Befreiungskampf verhindert, der nur möglich wird, wenn diese scheinbar so naheliegende Perspektive von Freiheit, Gleichheit und Bentham konkret ĂŒberwunden wird. Dies ist die Aufgabe eines lebendigen Marxismus, dessen zentrale Elemente ich in der Kritik der politischen Ökonomie, der Kritik der Politik und den praktischen Interventionen von Marx und Engels in der kommunistischen bzw. sozialistischen Bewegung sehe. „Endlicher Marxismus“ ist demgegenĂŒber zu betonen, denn es gibt eben auch feministische Einsichten; es gibt Einsichten der Dritte-Welt-Theorie; es gibt Einsichten der Radikal-Ökologie, die nicht einfach als Nebenprodukt der marxistischen Theorie reproduziert werden können. 

Drittens: Was ist das spezifisch Politische daran? Das ist eine komplizierte Frage. Zumal in dieser von Marx ausgearbeiteten Kritik der politischen Ökonomie die gesamte Staatsfrage noch draußen geblieben ist. Er zeigt aber, dass die kapitalistischen VerhĂ€ltnisse als solche immer schon politisch sind, da es sich bei ihnen um moderne HerrschaftsverhĂ€ltnisse handelt – also um VerhĂ€ltnisse, in denen sich KlassenverhĂ€ltnisse, Ausbeutung und unpersönliche Herrschaft als solche reproduzieren. Die spezifisch politische Frage, wie der Klassenkampf in Politik im engen Sinn zu ĂŒbersetzen bzw. auf den modernen Staat und seine Staatsapparate zu beziehen ist, hat Marx nicht in seiner Kritik der politischen Ökonomie, sondern in seiner in den SpĂ€tschriften entwickelten Kritik der Politik mit dem zentralen Begriff der Diktatur des Proletariats bearbeitet, der auf diesem Kongress hier nochmal genauer diskutiert werden wird. Dennoch bleibt die Frage, wie es denn gelingen kann, die VerhĂ€ltnisse zwischen Lohnarbeit und Kapital als solche radikal zu politisieren, von zentraler Bedeutung fĂŒr jeden Erneuerungsversuch einer Strategie der sozialistischen Transformation. Wie kann es gelingen, die immer wieder ausbrechenden spontanen KlassenkĂ€mpfe auf eine Weise zu organisieren und zu radikalisieren, die sich weder sektiererisch abspalten und isolieren lĂ€sst noch bei allen WiderstĂ€nden grundsĂ€tzlich fĂŒr kommendes Innovationspotential in die Funktionsweise der ideologischen Staatsapparate der Arbeitswelt gleichsam aufgesogen werden kann.

Viertens: Inwiefern ist seine Kritik der politischen Ökonomie dialektisch? Auch dies ist eine Ă€ußerst komplizierte Frage. Zumal unter dem Stichwort der Dialektik immer wieder Versuche unternommen werden, Marx rĂŒckwirkend wieder in den Kreis der Hegelianer einzugliedern, was ich fĂŒr völlig falsch halte. Damit stehe ich allerdings vor dem Problem, Marx so zu lesen, dass er mit der modernen formalen Logik kompatibel ist, was gut machbar ist, wenn man die FormalitĂ€t dieser Logik wirklich ernst nimmt. Aus dieser Sicht gibt es zwei große Themen der Dialektik in Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie und auch in seiner Kritik der Politik. Zum einen das eigentlich triviale Thema: Marx‘ RĂŒckgriff auf Hegels Logik zur Darstellung komplexer Relationsbegriffe, etwa in der Marxschen Wertformanalyse – wie sie in der damaligen Schullogik nicht zur VerfĂŒgung standen – als solchen zu begreifen und zu dechiffrieren. Zum anderen das Thema der adĂ€quaten theoretischen Darstellung von Antagonismen und ihren Austragungsformen in historischen KĂ€mpfen. Alle Versuche, wie sie seit Friedrich Engels immer wieder unternommen worden sind, diese Problematik der Darstellung von Antagonismen ĂŒber die theoretische Rekonstruktion der Herrschaft struktureller VerhĂ€ltnisse in modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften hinaus auszudehnen, halte ich fĂŒr misslungen. Dies dĂŒrfte Engels selbst klar gewesen sein, weswegen er meines Erachtens von der Publikation seiner entsprechenden Ausarbeitungen abgesehen hat. Eine produktivere Aufgabe fĂŒr die heutige Debatte sehe ich darin, die konkreten Antagonismen und Kampfformen zu rekonstruieren und in ihrer spezifischen Dynamik zu begreifen. Sie liegen nicht nur in der Reproduktion des KapitalverhĂ€ltnisses von Proletariat und Kapital im Klassenkampf zugrunde (wodurch sie ebenso ĂŒberwindbar werden), sondern auch etwa in den herrschaftlich strukturierten modernen Geschlechter-, Dependenz- und Raubbau-VerhĂ€ltnissen. Da dies immer auch einen produktiven Umgang mit realen WidersprĂŒchen zum Inhalt hat, kann es durchaus in einem materialistischen Sinne „dialektisch“ genannt werden.

FĂŒnftens: Inwiefern lĂ€sst sich durch eine RĂŒckkehr zu Marxens Kritik der politischen Ökonomie der Kampf um den Sozialismus heute reaktualisieren? Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie lĂ€sst uns ganz grundsĂ€tzlich erkennen, dass die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften, wie sie heute weltweit vorliegen, keineswegs historisch alternativlos ist, auch wenn es noch nicht erfasste gesellschaftliche Reproduktionsmuster auf der Grundlage vormoderner Produktionsweisen gibt. Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie macht es möglich, allen neoklassischen Ideologien der „Freiheit durch Markt“ entgegenzutreten und wirkliche Befreiung einzufordern – und sich von den kautskyanischen und stalinistischen Deformationen des Marxismus zu befreien, denen auch die trotzkistischen und maoistischen „Alternativen“ nicht wirklich haben entkommen können – etwa aufgrund ihres Festhaltens an einer letztlich mechanistischen Geschichtsphilosophie im Sinne des Historischen Materialismus. Es geht heute um einen wirksamen Kampf um Sozialismus oder Kommunismus und der muss ĂŒber die AlltagskĂ€mpfe hinausgehen, aber auch immer an sie anknĂŒpfen. Und das ist die schwierige Aufgabe.

Lars Quadfasel: Was ist das Kritische an der Kritik der politischen Ökonomie? Man könnte ganz einfach sagen: Sie knĂŒpft an die moderne Philosophie an. Schon Kant hat gesagt, dass allein der kritische Weg noch offensteht. Das heißt, dass die Zeit zu Ende ist, in der Leute aus dem hohlen Bauch irgendwelche dogmatischen Systeme entwerfen. Marx hat aber mehr gemacht als nur bestimmte Gruppen auf ihre Grenzen hin zu bestimmen. Da Gesellschaft in sich selbst zerrissen ist, widersprĂŒchlich oder mit anderen Worten â€žĂŒber sich hinausweist“, nimmt er sie zum Gegenstand der Kritik. In der Deutschen Ideologie findet sich eines der Kritik-Modelle Marxens, das sich noch sehr klassisch an den politischen Konkurrenten seiner Zeit abarbeitet – den Junghegelianern, spĂ€ter dann auch Proudhon. Dort versucht er, die Hybris des geistigen Denkens auf das zurĂŒckzufĂŒhren, was er den realen gesellschaftlichen Lebensprozess nennt. Beim Ideologieverdacht – unter den er die Philosophie, Theologie, Juristerei usw. stellt – nimmt er bemerkenswerterweise die politische Ökonomie explizit raus. Im Kommunistischen Manifest findet sich sogar die Idee, dass die kapitalistische Produktionsweise selbst eine Art praktische Ideologiekritik ist. Am bekanntesten drĂŒckt sich das natĂŒrlich in der Idee aus, dass alles StĂ€ndische vergeht, alle staatlichen VerhĂ€ltnisse verdampfen und die Menschen gezwungen sind, sich mit nĂŒchternen Augen selber anzugucken. SpĂ€ter allerdings wird Marx gegen gerade diese Art von NĂŒchternheit extrem skeptisch. Gerade im Kapital findet sich eine durchgefĂŒhrte Ideologiekritik der politischen Ökonomie, deren Problem es gerade nicht ist, zu abgehoben zu denken, sondern zu sehr im gesellschaftlichen Lebensprozess befangen zu sein, als dass sie diesen noch zu ĂŒberblicken vermöchte.

Der Ideologiekritik wird hĂ€ufig vorgeworfen, dass diese sich anmaße, sich gegen alle zu stellen und zu behaupten, es besser zu wissen. – Ist das nicht elitĂ€r? Aber die Wahrheit ist natĂŒrlich umgekehrt: Gerade weil Ideologie etwas gesellschaftlich Notwendiges ist und die Befangenheit im Produktionsprozess dafĂŒr sorgt, dass die gesellschaftlichen Formen sich automatisch im Kopf reproduzieren, ist Ideologiekritik ĂŒberhaupt die notwendige und einzige Methode, den Gegenstand in den Griff zu kriegen. Es gibt keinen Blick von außen, sondern man kann nur selbst versuchen, sich einen Reim daraus zu machen. Wenn aber, nach Marx, Ideologie Ergebnis der WidersprĂŒche der Gesellschaft selbst ist – also sich die WidersprĂŒche der Gesellschaft im widersprĂŒchlichen Denken ĂŒber sie abbilden – dann stĂ¶ĂŸt man auf diese WidersprĂŒche nur dadurch, dass jeder Versuch, sich einen solchen Reim zu machen, selbst wieder nur im Widerspruch endet. Deshalb meint die berĂŒhmte Äquivokation „Kritik der politischen Ökonomie“ im Untertitel des Kapitals auch beides: sowohl die Kritik der Ökonomie im Sinne einer Produktionsweise als auch die Kritik der Fachdisziplin, die damals „Politische Ökonomie“ hieß und heute „Volkswirtschaftslehre“ heißt. Mit anderen Worten: Es gibt die in der Linken so beliebte Trennung zwischen Ideologiekritik und Realanalyse nicht – die Formen der Vergesellschaftung sind nie unvermittelt zu haben. Wenn aber Gesellschaftskritik als Ideologiekritik im Marxschen Sinne sich in dieser Art von kritischem Zirkel bewegt, bleibt die Frage, wie man aus dem Zirkel wieder herauskommt. Oder anders formuliert: Was ist eigentlich das Wahrheitskriterium der Kritik? Meine Antwort darauf wĂ€re: Das Wahrheitskriterium der Kritik nach Marx kommt aus der Zukunft. Gemeint ist damit, das paradoxe VerhĂ€ltnis ihr praktisch entgegenzustellen. Es muss also ĂŒberhaupt ein Moment innerhalb der Gesellschaft geben, das es mir erlaubt, diese Gesellschaft – in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht – als Vorbedingung einer befreiten und vernĂŒnftigen Gesellschaft zu denken. Dadurch wird sie praktisch unter diese Bestimmung gesetzt.

Was bedeutet das heute? Gibt es diese Momente, worin die Kritik sich eben auch affirmativ zu ihrem Gegenstand verhalten muss, heute noch? Ja und nein. Das Problem ist, je mehr Möglichkeiten man in Gesellschaft sieht, je mehr sich also in dieser Gesellschaft die Möglichkeit zum Besseren akkumuliert, desto mehr Wahnsinn muss diese Gesellschaft gleichzeitig produzieren, damit die Menschen aus Freiheit diese Möglichkeiten ungenutzt lassen und sich aus Freiheit die Unfreiheit schenken. Und deswegen gilt: Es wird immer schlimmer, ohne dass es je besser gewesen wÀre.

ANTWORTRUNDE

V: Interessant im Input von Frieder Otto Wolf war, dass er die Neoklassik als Verwissenschaftlichung der VulgĂ€rökonomie bestimmt, aber gleichzeitig sagt, dass der Marxismus nicht ausreichen wĂŒrde, die Neoklassik zu kritisieren. Ich kenne diese Diskussionen und habe darin nie ein einziges Argument gegen den Marxismus gehört. Es geht um Verdrehungen und VorwĂŒrfe, fĂŒr die ich nicht einmal Das Kapital gelesen haben muss, um sie zu beantworten. Wenn ich nur Lohn, Preis, Profit oder das Kommunistische Manifest gelesen und verstanden habe, dann kann ich das, was in der Uni gegen den Marxismus vorgetragen wird, entkrĂ€ften. Mir ist es wichtig, immer wieder auch die praktischen Auswirkungen der Theorie anzuschauen, da eine Theorie ohne Praxis sinnlos ist – fĂŒr den Marxismus ist die Praxis zentral.

Ich denke, eine Revolution und der Aufbau einer revolutionĂ€ren Partei sind notwendig. Bei Althusser braucht man sich die Theorie gar nicht anzuschauen, wenn man beachtet, was dieser Herr 1968 in Frankreich gemacht hat. 1968 hat ein Generalstreik von 10 Millionen Arbeitern stattgefunden und alle haben erwartet, dass die KP die Macht ĂŒbernimmt. Was passierte? Die KP machte gar nichts – weil sie ĂŒberhaupt kein Interesse an einer MachtĂŒbernahme hatte. Althusser macht Theorien ĂŒber Überdetermination und ideologische Staatsapparate und sagt, dass es sehr schwierig ist, im Westen eine Revolution zu machen. Der entscheidende Unterschied zwischen Frankreich 1968 und Russland 1917 aber ist, dass es 1917 in Russland eine bolschewistische Partei gab und in Frankreich nicht. Die KP hatte ĂŒberhaupt kein Interesse an einer Überwindung des Kapitalismus. DarĂŒber kann man natĂŒrlich viel theoretisieren, es sind aber die praktischen Auswirkungen, die man sich anschauen sollte. Ich bin es auch gewohnt, dass man als RevolutionĂ€r als „mechanisch“ oder „verkĂŒrzt“ dargestellt wird, womit ich auch gut leben kann. Ich war lange in der Sozialistischen Jugend aktiv, wo es unter den sogenannten „Neo-Marxisten“ sehr beliebt war, die revolutionĂ€re Strömung anzugreifen. Dort habe ich die Argumente schon einmal gehört, dass die leninsche Staatstheorie verkĂŒrzt und das alles nicht so einfach sei. 

Man muss sich die praktischen Beispiele in der heutigen Welt anschauen, in der es nicht nur eine Krise nach der anderen gibt, sondern auch enormes revolutionĂ€res Potential. In Sri Lanka beispielsweise hat gerade eine Revolution stattgefunden, aber die Arbeiterklasse konnte die Macht nicht ĂŒbernehmen, weil keine Alternative angeboten wurde. Dasselbe betrifft die Situation 2019 in Chile. Ich glaube, man sollte nicht nur theoretisieren, dass eine Revolution schwierig und die Arbeiterklasse angeblich verbĂŒrgerlicht ist. Stattdessen sollte man als Linker oder RevolutionĂ€r eine revolutionĂ€re Partei aufbauen und eine Alternative anbieten. Revolutionen gibt es immer wieder – wir brauchen uns nur auf der Welt umzuschauen – das Problem aber ist, dass die Linke meistens reformistisch ist und es dann natĂŒrlich nicht zu einer Überwindung des Kapitalismus kommt.

Demonstranten auf dem Plaza Baquedano in Santiago de Chile am 22. Oktober 2019
Carlos FigueroaProtestas en Chile 20191021 17CC BY-SA 4.0

FOW: Ganz kurz dazu: Ich habe nicht behauptet, dass der Marxismus nicht ausreicht, um die Neoklassik zu widerlegen, sondern, dass Marx und Engels das nicht gemacht haben und die Marxisten weitgehend auch noch nicht, weil sie sich mit der Kritik der VulgĂ€rökonomie begnĂŒgt haben.

FĂŒr einen wirksamen Kampf um den Sozialismus wĂ€re es erforderlich, diesen nicht nur auf gewerkschaftliche AlltagskĂ€mpfe zu beziehen, sondern auch auf die anderen BefreiungskĂ€mpfe – im Sinne der VerknĂŒpfung eines radikalen BĂŒndnisses der systemkritischen KrĂ€fte. Vor allem um wieder adĂ€quate Formen des Kampfes innerhalb der und gegen die ideologischen und repressiven Staatsapparate zu finden, wie sie seit der Niederlage der Pariser Kommune immer umfassender entwickelt worden sind. Hierhin gehört selbstverstĂ€ndlich auch die kritische Analyse der Entwicklung der UdSSR, der Entwicklung des sozialistischen Lagers in Europa, aber auch der eigenstĂ€ndigen Versuche eines sozialistischen Übergangs in China oder in LĂ€ndern des globalen SĂŒdens – also eine sehr reichhaltige und komplexe Dimension der historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Das ist kein Argument, dass wir jetzt nichts machen sollen, sondern vielmehr dafĂŒr, es ernsthaft zu versuchen: und zwar durch eine möglichst grĂŒndliche Durchdringung, ErklĂ€rung und Aufarbeitung dessen, was im 20. Jahrhundert passiert ist – wobei sich aus der Perspektive von MarxistInnen ziemliche Katastrophen zu finden sind. In den Grenzen der Durchsetzung der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in diesen Gesellschaften kann in der Tat eine marxistische Analyse der spezifischen ĂŒberdeterminierten Antagonismen in diesen Gesellschaften einen wichtigen Beitrag im Sinne einer Entfaltung radikaler KĂ€mpfe leisten, die ĂŒber konkrete Verbesserungen hinausgehen und eine Perspektive der Überwindung der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise in modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften aufbauen.

Die These von der Unvermeidlichkeit der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise ist in der Tat falsch. Es hat immer wieder historische KĂ€mpfe um die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise gegeben und Krisen sind immer auch Gelegenheit fĂŒr BrĂŒche. Zum Beispiel im Kampf um den Normalarbeitstag, der als reformistischer Kampf abgetan wird, obwohl er fĂŒr Marx ebenso als potenziell revolutionĂ€rer Kampf galt. Auch in den großen Krisen des 20. Jahrhunderts hat es diese Gelegenheiten gegeben. Sie sind nicht wahrgenommen worden. Erschwerend kommt hinzu – das sollte man auch reflektieren und analysieren –, dass es die Scheinalternativen des Faschismus gegeben hat, was ich fĂŒr die gegenwĂ€rtige Situation fĂŒr ausgesprochen wichtig halte. Trump zum Beispiel stellt solch eine Scheinalternative wieder dar.

LQ: Ich bin mir immer so schrecklich unsicher, ob die folgende Vorstellung wirklich haltbar ist: „Wenn die Linken nur alles richtig machen wĂŒrden, dann hĂ€tten wir schon die Revolution. Leider aber waren entweder die Parteien zu reformistisch oder die Leute sind nicht frĂŒh genug aufgestanden, um die Neoklassik zu kritisieren. Wenn sie das aber getan hĂ€tten, dann wĂ€re die Arbeiterklasse mit wehenden Fahnen zu ihnen geströmt.“ Dies ĂŒbersieht meines Erachtens, dass der Widerspruch innerhalb der bĂŒrgerlichen Gesellschaft nicht nur zwischen Kapital und Arbeit, also zwischen Kapitalisten- und Arbeiterklasse verlĂ€uft, sondern auch in den Subjekten selber. Wer nichts zu verkaufen hat als seine Arbeitskraft, fĂŒr den sind die Interessen eben auch immer in sich widersprĂŒchlich konstituiert. Er oder sie muss einerseits immer versuchen, das Beste fĂŒr sich rauszuschlagen. Das heißt, dem Kapital alles abzutrotzen, was nur geht, und andererseits immer im Kopf zu behalten: „Oje, wenn ich jetzt zu weit gehe, wenn ich also den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess gefĂ€hrde, dann kann es sein, dass ich am Ende nicht einmal mehr ausgebeutet werde.“ – Das Problem, das alle Leute haben, die Gewerkschaftsarbeit machen.

Die Mythologisierung der Vorstellung, dass die Arbeiterklasse eigentlich immer bereit steht und nur darauf wartet, loszuschlagen, wenn die Leute entweder mit der richtigen Theorie oder mit der richtigen Partei sich endlich an die Spitze stellen, halte ich fĂŒr ein Pfeifen im Walde.

FRAGERUNDE

Lars, könntest du nochmal ausfĂŒhren, inwiefern das Wahrheitskriterium von Marx in der Zukunft lag?

LQ: Die Frage ist: Wieso lĂ€sst sich Gesellschaft ĂŒberhaupt kritisieren? Marx konstruiert eine notwendige Stufenfolge von Gesellschaftsformen. Diese Hilfskonstruktion ermöglicht erst, Gesellschaftskritik zu betreiben. Nur indem ich mir diese Gesellschaft als eine Vorstufe zum Sozialismus denken kann, kann ich sie vernĂŒnftig begreifen. Marx denkt Geschichte nicht als ewig Gleiches, in dem es Herrscher und Beherrschte gibt, sondern sieht in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft Potenziale zu etwas Besserem. Wie im Kommunistischen Manifest beschrieben wird, wĂ€lzt die bĂŒrgerliche Gesellschaft ihre Grundlagen bestĂ€ndig um, aber stellt das neu Hervorgebrachte in den Dienst des Immergleichen von Herrschaft. Indem ich mir eine freie Gesellschaft vorstelle, kann ich erst nach den Bedingungen fragen, die ich in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft vorfinde und mit den Augen der Vernunft auf diese Gesellschaft blicken.

FOW: Einflussreiche Marx-LektĂŒren versuchen die Frage der Wahrheit der marxschen Theorie darauf zu reduzieren, dass sie in der Praxis funktioniert. Das ist ein MissverstĂ€ndnis. Die Frage der Wahrheit ist einerseits als Frage der wissenschaftlichen Wahrheit zu stellen und andererseits als die Frage der Umsetzung dieser wissenschaftlichen Erkenntnis in Politik. Lenin hatte Unrecht damit, dass wissenschaftliche Analyse in ihrem höchsten Moment in politische Praxis umschlage. Diese Umsetzung von wissenschaftlicher Erkenntnis in Politik ist ein kreativer, schöpferischer Akt, den Parteiintellektuelle nicht leisten sollten und können, sondern den die wirkliche Bewegung zustande bringen muss. In der Tat können Parteien dabei eine wichtige Rolle spielen.

Lars, könntest du erlĂ€utern, was du ĂŒber Möglichkeiten gesagt hast?

LQ: Es hĂ€ngt zusammen mit der Idee der Wahrheit aus der Zukunft. Dass ich als Kritiker oder Kritikerin sowohl ein antagonistisches VerhĂ€ltnis zu dieser Gesellschaft habe, indem ich sie abschaffen will, als auch ein affirmatives, da ich etwas darin entdecken muss, wofĂŒr es sich zu kĂ€mpfen lohnt. Einerseits produziert diese Gesellschaft bestĂ€ndig unter richtigen Bedingungen ganz wunderbare Innovationen, die es aber andererseits immer um das, was an ihnen tatsĂ€chlich vernĂŒnftig wĂ€re, bringt. So ist z. B. das Internet nur eine Schnatterbude. Je mehr Möglichkeiten fĂŒr Freiheit diese Gesellschaft schafft, desto mehr muss sie gleichzeitig mit Wahnsinnsideologien dafĂŒr sorgen, dass die Leute sie nicht ergreifen, sondern weiterhin bereitwillig in Unfreiheit leben. Wie gesagt: Es wird immer schlimmer, ohne dass es je besser war.

FOW: Die Erfahrung von Befreiung ist möglich, wo immer man anfĂ€ngt, sich gegen Herrschaft und Ausbeutung zu wehren. NatĂŒrlich gibt es dann hocherhobene Momente – wie ich das beispielsweise in der portugiesischen Revolution erlebt habe –, wo es die Massen ergreift. Auch wenn es gescheitert ist, war es ein Moment des Vorlaufens in eine befreite Zukunft. Da muss man nicht erstmal ideologiekritisch den ganzen MĂŒll der Massenkultur beiseite rĂ€umen. So sehr wir beherrscht werden von der Kulturindustrie, diesen Widerstand und diese Alternativen gibt es immer schon und auf dieser Grundlage kann man Formen der politischen Organisierung entwickeln.

Welche Rolle spielt die Arbeitswerttheorie fĂŒr die bĂŒrgerlichen Ökonomen und welche Rolle spielt sie spĂ€ter in der Kritik von Marx? Gibt es vielleicht einen historischen Unterschied zwischen der Situation von Smith/Ricardo und Marx?

V: Die Arbeitswerttheorie ist eigentlich etwas Altes und war damals gar nicht umstritten. Sie hat revolutionĂ€re Implikationen, die vor Marx auch schon utopische Sozialisten gesehen haben. Heutzutage lernt man infolge der neoklassischen Wende an der Uni, dass die Kategorie „Wert“ unnötig sei, da Unternehmer nur individuelle Preise interessieren, die der Marxismus nicht erklĂ€ren kann. „Wert“ interessiert sie – mit Recht! – gar nicht, weil es gefĂ€hrliche Implikationen hat zu sagen, dass aller Wert durch Arbeit geschaffen wird.

FOW: Dem kann ich nur zustimmen. Zwischen Marx und Ricardo gibt es allerdings einen wichtigen Unterschied. Marx betrachtet die Arbeitswertlehre nicht einfach als RechtsgrĂ¶ĂŸe, sondern in ihr materialisieren sich das KlassenverhĂ€ltnis und der Klassenkampf. Marx ist kein Vertreter der politischen Ökonomie, sondern schreibt eine Kritik der politischen Ökonomie.

LQ: Im Anschluss an das, was Herr Wolf gesagt hat: Als Kritiker der politischen Ökonomie ist Marx nicht einfach ein Vertreter der Arbeitswertlehre, sondern analysiert letztlich, warum aus ihr am Ende folgt, dass Waren ĂŒberhaupt nicht zu Werten gehandelt werden. Es geht um eine Vergesellschaftung, die sich hinter dem RĂŒcken der Leute vollzieht und folglich den gesellschaftlichen Charakter ihrer Produkte jeweils erst nachtrĂ€glich im Austausch erfahren, statt von Anfang an als geplante Produktion. Deswegen hat Marx die Stundenzettel-Theorien, mit denen man die Produktion gerecht machen könne, verworfen: Das VerhĂ€ltnis verweist selber auf ein in sich WidersprĂŒchliches und UnvernĂŒnftiges. Das ist der revolutionĂ€re Gehalt der marxschen Wertkritik.

Der Anspruch von Marx war, dass Das Kapital wissenschaftlich und materialistisch ist. Generationen von Marxisten und Marxistinnen versuchen, Profite und Profitraten zu berechnen und tun sich sehr schwer damit. Was ist das Wissenschaftliche und Materialistische am Wert, wenn es mir so schwer fĂ€llt, gerade in diesem zentralen Konzept Erkennbarkeit, Messbarkeit, Quantifizierbarkeit zu schaffen? Ist der Anspruch, quantifizierbar zu sein, nur bĂŒrgerlich und zu kritisieren?

V: Es ist nicht der Gipfel der Wissenschaft, sich nur Erscheinungen anzuschauen. Der marxistische Anspruch ist, die Welt zu verstehen. Zum Wesen unserer Produktionsweise gehört, dass es Privateigentum gibt, aus welchem bestimmte GesetzmĂ€ĂŸigkeiten entspringen. Es gibt nichts Wissenschaftlicheres als die marxistische materialistische Herangehensweise. FĂŒr die Neoklassiker dagegen gibt es keine objektive RealitĂ€t, sondern sie interessieren sich nur dafĂŒr, dass ihre mathematischen Modelle funktionieren.

Mathematik und formale Logik sind wichtig, aber haben ihre Grenzen. Im alltĂ€glichen Leben brauche ich sie, aber wenn es um große VerĂ€nderungen, um die ErklĂ€rung von Gesellschaften und um Revolutionen geht, komme ich mit ihnen nicht weit. Das heißt nicht, dass man nicht versuchen soll, bestimmte Dinge auszurechnen. Mit den Profitraten ist viel Schindluder getrieben worden und es ist schwierig, die Daten dafĂŒr zu kriegen, denn die bĂŒrgerliche Ökonomie und Statistik ist auf ganz andere Daten aus als wir Marxisten. Werte sind in erster Linie ein gesellschaftliches VerhĂ€ltnis. Unter bestimmten Bedingungen nehmen die Beziehungen zwischen den Menschen die Warenform an und das ist das, was man zu erforschen versucht.

FOW: Die Grenzen von Quantifizierbarkeit und mathematischer Erfassung sind durchaus erweiterbar. Die marxsche Theorie der kapitalistischen Produktionsweise bezieht sich auf den idealen Durchschnitt der modernen bĂŒrgerlichen Gesellschaften, also auf ein von den empirischen Gegebenheiten abgeleitetes Konstrukt. Auch die Physik sammelt nicht wild Daten und versucht dann, daraus etwas zu destillieren. Arbeiter haben Buch gefĂŒhrt ĂŒber die Geschehnisse im Betrieb und Ă€hnliche Dinge. Insofern ist diese Entgegensetzung einfach falsch. Es ist nicht so, dass die Marxisten sich nicht fĂŒr Empirie interessieren, sondern die Daten, die die herrschende Statistik liefert, sind nur begrenzt geeignet und bedĂŒrfen zumindest einer kritischen Uminterpretation, um damit marxistische Thesen empirisch diskutieren zu können.

Es gibt nicht nur die allgemeine Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise, sondern auch konkrete VerlĂ€ufe, die ĂŒberdeterminiert durch die GeschlechterverhĂ€ltnisse sind: Stellung in internationalen Hierarchien, ökonomische Bedingungen und so weiter. Die theoretische Durchdringung ersetzt keineswegs die Untersuchung dieser KomplexitĂ€t. Insofern haben wir in der marxistischen Tradition die Aufgabe, konkrete Lagen zu untersuchen und in Hinblick auf ihre Entwicklungstendenzen und die sich daraus ergebenden Eingriffsmöglichkeiten zu bestimmen.

LQ: Die Frage ist immer: Daten wofĂŒr? In einer vernĂŒnftigen Planwirtschaft wird man ganz viele Daten brauchen. In den 1970ern gab es viele Marxisten, die das Transformationsproblem mathematisch lösen wollten – Umwandlung von Produktionspreisen in Werte oder umgekehrt. Die Vorstellung, dass, wenn die das geschafft hĂ€tten, die Arbeiterklasse dann gesagt hĂ€tte: „Jetzt machen wir mit bei Eurem Projekt!“, ist Quatsch. Wenn man bei der Berechnung von Profitraten rausfinden wĂŒrde, dass sie drei Prozent höher sind als erwartet, folgt daraus nichts. Die meisten Daten, die fĂŒr ein revolutionĂ€res Projekt wichtig sind, liegen auf der Hand: Die Menge der verhungernden Kinder, die MĂŒtter, die von weniger als einem Dollar am Tag leben mĂŒssen und so weiter und so fort.

Meine Frage bezieht sich auf die Starrheit des marxistischen GeschichtsverstĂ€ndnisses. War der Kapitalismus bereits auf einem so hohen Produktionsniveau, dass er 1918 oder 1968 ĂŒberwunden hĂ€tte werden können? LĂ€nder wie die Sowjetunion oder Jugoslawien waren aufgrund geringer Produktionskraft auf westliche, kapitalistisch weiter entwickelte Staaten angewiesen, jedoch war auch dort vielleicht nicht das notwendige Stadium erreicht. Ist die Weltrevolution daran gescheitert?

V: Es gibt kein MessgerĂ€t, das voraussagt, wann ProduktivkrĂ€fte entwickelt genug sind fĂŒr eine Weltrevolution. Russland war ein armes Land, das keine Bedingungen erfĂŒllt hat fĂŒr eine Überflussgesellschaft oder Sozialismus. Durch die Degeneration der russischen Revolution hat sich eine stalinistische BĂŒrokratie aufgebaut. Dieses Modell wurde dann auf alle weiteren Bewegungen ĂŒbertragen, ob Jugoslawien oder Kuba. Anfangs ist es einfach, eine Schwerindustrie mit Kommando-Methoden zu entwickeln, jedoch stĂ¶ĂŸt man ohne kreative und demokratische Mitbestimmung schnell an Grenzen. Dennoch gibt es deutliche Indizien fĂŒr einen ĂŒberreifen Kapitalismus, der umgestĂŒrzt werden kann. Wie krisenhaft der Kapitalismus ist, zeigen die vielen leidvollen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, wie der deutsche Faschismus oder die MilitĂ€rdiktatur in Lateinamerika. Auch die Krise 1929 ist erst durch den Zweiten Weltkrieg gelöst worden. Die Sozialdemokratie von damals und die Stalinisten spĂ€ter hatten keine linke Antwort auf die Krise des Kapitalismus. Schließlich sind all diese Diktaturen auch an die Macht gekommen, weil eine Revolution gescheitert ist. Der Kapitalismus schlittert so von einer Krise in die andere und jede Lösung der Krisen bedingt eine neue Krise.

Es gibt kurze Pausen der Krise, wie den Nachkriegsboom Ende der 40er-Jahre bis in die 70er-Jahre. Die Krise in den 70er-Jahren löste man mit einem Angriff auf die Arbeiterklasse. Das bewirkte eine geringe Kaufkraft, was wiederum ausgeglichen wurde mit massiven Ausdehnungen des Kreditwesens. Das war nach einer Zeit nicht mehr profitabel fĂŒr Kapitalisten und man hat begonnen zu spekulieren. So bildete sich eine Spekulationsblase und danach die Subprime-Krise.[i] Um die Krise 2008 abzuwenden, hat man dann doch beschlossen, wieder staatliche Gelder auszuweiten. Auch die Covid-Krise verlief so. Staatsgelder wurden zur Rettung herangezogen und nun haben wir Inflation. Ein besseres Leben fĂŒr die Mehrheit der Menschen ist nicht in Sicht. FĂŒr die sogenannte „Dritte Welt“ war das sowieso nie der Fall. Der Kapitalismus hat also die ProduktivkrĂ€fte nicht großartig weiterentwickelt. 

FOW: Da muss ich widersprechen. Der Kapitalismus hat die ProduktivkrĂ€fte enorm weiterentwickelt, auch die DestruktivkrĂ€fte. Krisenfrei ist der Kapitalismus dadurch aber nicht. Auf große Krisen sind jedoch auch Phasen der relativen Stabilisierung gefolgt, die du erwĂ€hnt hattest. Wir befinden uns am Ende einer kĂŒrzeren, aber globalen neoliberalen Phase. Diese Zyklen muss man ernst nehmen. Nicht nur die Krisen, sondern auch die Momente der relativen Stabilisierung. Man muss diese starre Vorstellung von gesetzlicher Abfolge der Produktionsweisen ablegen. Die kapitalistische Produktionsweise reproduziert sich immer wieder neu. Sie produziert sich deswegen immer neu, weil es nicht gelingt, durchsetzungsfĂ€hige Alternativen zu entwickeln. Die lange Geschichte gescheiterter oder rĂŒckgĂ€ngig gemachter Revolutionen muss analysiert werden, um zu begreifen, warum sie gescheitert sind. Es wĂ€re zu einfach zu sagen, der Kapitalismus sei zu mĂ€chtig oder die frĂŒheren RevolutionĂ€re zu dumm gewesen. Die Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise hat immer wieder revolutionĂ€re Momente aufgegriffen. Der Neoliberalismus hat die Frauenbefreiung aufgegriffen, indem Karriere, Gleichstellung usw. geboten wurde. Die Emanzipation der Frauen ist das aber nicht.

LQ: Es gehört zum Begriff des Kommunismus, dass er unter schlechten Bedingungen gestartet werden muss. Wenn dies nicht so wĂ€re, mĂŒsste man die Gesellschaft nicht komplett umstĂŒlpen. Wenn der Kapitalismus in der Lage wĂ€re, durch Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte allen Menschen ein Leben im Überfluss zu bescheren, dann brĂ€uchten wir den Kommunismus nicht. Deswegen bin ich sehr skeptisch gegenĂŒber der Behauptung, dass die Produktivkraft noch nicht so weit wĂ€re und man noch warten mĂŒsse. Das ist Geschichtsmythologie. Vielleicht war der Kapitalismus gar nicht notwendig fĂŒr eine Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte. 4000 v. Chr. im Vorderen Orient hĂ€tte dies auch passieren können. Hier zu sagen: „Das war nicht möglich und hĂ€tte wahrscheinlich anders ausgesehen“, ist eine rĂŒckwĂ€rtige Apologie von Herrschaft. Hoffentlich wird der Sozialismus außerdem nicht so produktiv sein wie der Kapitalismus. Denn diese ProduktivitĂ€t beruht darauf, dass Menschen gezwungen werden, auf eine sinnlose Art der Produktion – des Produktionswillens wegen – zu arbeiten. Im Kommunismus soll es mehr Gelegenheit geben, es sich gut gehen zu lassen.

Am Anfang der Diskussion ging es um „SpontaneitĂ€t der Massen“. Weder Frieder Otto Wolf noch Lars Quadfasel sitzen in der Bredouille, dass sie Teil einer Organisation sind, die sich auf die Fahne schreibt, eine revolutionĂ€re marxistische Partei aufleben lassen zu wollen. Andererseits scheint mir, dass das aber der einzig sinnvolle Ort wĂ€re, wo man mit diesem Moment vernĂŒnftig umgehen könnte. Meine Frage richtet sich aber an den Funken/IMT: Wie macht ihr das? 

V: Wie baut man eine Partei auf? – Man bildet sich, diskutiert miteinander, versucht die Welt zu analysieren, versucht Leute fĂŒr seine Ideen zu gewinnen und versucht irgendwann, in realen Bewegungen eine reale Alternative aufzeigen zu können. Das ist bei den revolutionĂ€ren Gruppen heute leider noch nicht der Fall. Ich hĂ€tte gute Alternativen fĂŒr die Herbstlohnrunde, aber mich fragt niemand. Es ist wichtig, Ideen zu verbreiten und so weit zu wachsen, dass man fĂŒr die Avantgarde der zukĂŒnftigen Bewegungen eine Alternative darstellt.

FOW: Sowohl die Massen als auch die Partei sind sehr verdinglichte Begriffe. Hardt und Negri haben den Ă€lteren Begriff der „Multitudo“ – die Menge der vielen – wiederbelebt. „Massen“ sind keine kompakten Massen, sondern viele einzelne Subjekte. Diese finden und handeln zusammen, weshalb revolutionĂ€re Praxis ĂŒberhaupt möglich ist. NatĂŒrlich muss ĂŒberlegt werden, wie so etwas vorangetrieben werden kann. Die klassisch leninistische Vorstellung, eine richtige Theorie in die Massen hineinzutragen, funktioniert nicht. Weder hat das in der SPD noch in kommunistischen oder trotzkistischen Parteien funktioniert. Dies muss elementarer gesehen werden. Ohne SpontanitĂ€t können Lernprozesse in Massen nicht stattfinden. DarĂŒber hinaus braucht es GedĂ€chtnis, Verbindung, Zuspitzung und Kampf gegen die politischen und ideologischen Staatsapparate. Anders als am Anfang des 20. Jahrhunderts haben wir heute ideologische Staatsapparate. Alle Parteien, auch die DKP oder KPD, sind ideologisch und das muss beachtet werden. Ich kenne keine Lösung hierfĂŒr, aber wenn man vor diesen Problemen die Augen verschließt, dann geht es garantiert schief.

Vorher wurden konkrete revolutionĂ€re Beispiele genannt. Beim Beispiel Chile sehen wir, dass andere Begriffe im Vordergrund standen, nicht marxistische, darunter Volk, Demokratie, eine neue Verfassung, WĂŒrde, PlurinationalitĂ€t und dazu viele ökonomische Forderungen. Warum meinst du, Vera, es sei notwendig fĂŒr eine Revolution, marxistische Begriffe zu verwenden und weshalb traut sich die Linke nicht, diese zu verwenden? Was ist das Kritische an diesen Begriffen, wenn sie es nicht schaffen, an reale Protestbewegungen anzuknĂŒpfen. Warum sollten wir uns trauen, sie zu verwenden? 

V: Es gibt immer viele wichtige Themen wie Frauenrechte, LGBT, PlurinationalitĂ€t, indigene Fragen etc. Jedoch sind solche konkreten Probleme nicht endgĂŒltig lösbar ohne eine Revolution. Es braucht eine MachtĂŒbernahme der Arbeiterklasse. Es ist die Aufgabe der Linken, das den Menschen zu vermitteln. Der Fehler in Chile war, dass keine Vernetzung der lokalen Bewegungen versucht wurde. Man wollte mit Wahlen eine Versammlung einberufen, wo diskutiert wird und Vertreter gewĂ€hlt werden. So wurde die Initiative den Massen wieder weggenommen. Alle historischen reformistischen FĂŒhrer hatten Angst vor SpontanitĂ€t und der Kontrolle der Massen.

Hinsichtlich der portugiesischen Revolution argumentieren einige, dass auf Grund von Kapitalflucht keine Revolution gemacht werden konnte. Bankangestellte haben in Portugal beispielsweise „Bank Runs“ verhindert, da die Arbeiterklasse die Wirtschaft am Laufen hĂ€lt und sich dessen nicht bewusst war. Im Kapitalismus sind herrschende Ideen immer Ideen der herrschenden Klasse. Revolutionen dagegen sind Ausnahmen. Menschen können aber nicht ewig streiken und innerhalb kurzer revolutionĂ€rer Situationen auch nicht alle notwendigen Schlussfolgerungen ĂŒber den Charakter der kapitalistischen Produktionsweise sowie rĂŒckblickend die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegungen gezogen werden. Revolutionen von unten sind zwar möglich, aber das, was wir in den letzten Jahren beobachten konnten, war keine Massenkraft, die eine revolutionĂ€re antikapitalistische Alternative bietet. In Griechenland gab es mit SYRIZA beispielsweise insgesamt 15 Generalstreiks in einem Jahr. Im Rahmen eines Referendums wurde abgestimmt, ob man das Spardiktat der EU akzeptieren sollte. Mehrheitlich wurde dagegen gestimmt. Was ist dann passiert? Nichts. Es wird immer nachgegeben und das liegt besonders daran, dass Reformisten sich kein Leben jenseits des Kapitalismus vorstellen können.

BezĂŒglich des Themas ProduktivitĂ€t wĂŒrde ich der Behauptung widersprechen, dass der Sozialismus nicht so produktiv wĂ€re. Andersherum wird heutzutage extrem viel ProduktivitĂ€t unterbunden. Die Menschen wissen eigentlich, wie sie Jobs effizienter und besser ausfĂŒhren könnten. Um sich der Rationalisierung aber nicht vollkommen zu beugen, schweigt man darĂŒber. Die Freiheit, die uns geboten wird, ist eine Scheinfreiheit. Eine Person mit verlĂ€ngerten Arbeitstagen möchte und kann sich nicht mehr viele Gedanken machen.

Es gibt die SpontanitĂ€t und KreativitĂ€t der Massen. Massen mĂŒssen ihre Revolutionen selbst machen, wofĂŒr es aber auch eine revolutionĂ€re Partei braucht, die Schlussfolgerungen aus der Geschichte gezogen hat und dementsprechend Ideen anbieten kann.

FOW: Das ist das Problem: Denn was bedeutet es, dass es eine revolutionĂ€re Partei braucht? Marx hatte ja selber von der kommunistischen Partei gesprochen und meinte dabei die kommunistische Bewegung. Das wird oft falsch verstanden. Das heißt, es braucht eine wirkliche Bewegung, in der Intellektuelle tatsĂ€chlich Orientierungen entwickeln. Damit ist nicht das Modell der Volkshochschule oder ein Hineintragen gemeint. Es bedeutet, spontane Forderungen aus den Massen so zu interpretieren und weiterzuentwickeln, dass sie zu revolutionĂ€ren Forderungen werden. Damit sind auch keine Intensivkurse zum Kapital oder Begriffen der marxistischen Staatskritik gemeint. Marxistische Parteien hatten immer das Problem dieser Volkshochschul-Tendenz, wo immer wieder versucht wurde, richtige Theorien in die „dummen“ Massen hineinzutragen, das einiges blockiert, anstatt die KreativitĂ€t der Massen wirklich ernsthaft aufzugreifen. Da mĂŒssen wir besser werden.

LQ: Frieder Otto Wolf hat gesagt, bestimmte AufbrĂŒche oder bestimmte Freiheitserfahrungen können nachwirken, wenn sie gescheitert sind, jedoch gibt es auch gescheiterte AufbrĂŒche, die dĂŒmmer machen. Marx selbst nannte im achtzehnten Brumaire und den KlassenkĂ€mpfen in Frankreich die Bauern als Beispiel hierfĂŒr. Diese waren wesentliche TrĂ€ger der großen Französischen Revolution 1789 und ein halbes Jahrhundert spĂ€ter die grĂ¶ĂŸten ReaktionĂ€re, die sich, wie Marx es beschreibt, geradezu an ihren Freiheitstitel und Rechtsmittel auf Eigentum klammerten. Vielleicht ist ein entsprechend Ă€hnliches PhĂ€nomen in Bezug auf die real existierende Arbeiterklasse inzwischen zu beobachten. In den großen historischen AufbrĂŒchen, sowohl der sozialdemokratischen als auch der kommunistischen Arbeiterpartei, gab es Ă€hnliche Tendenzen unter anderen Bedingungen. Es wĂ€re zumindest eine Überlegung wert und sicherlich besser als sich einfach ins nĂ€chste KostĂŒmfest, Arbeiterpartei, Arbeiterklasse, revolutionĂ€re Partei zu werfen. Ansonsten kann ich als Intellektueller strategisch wenig beitragen, außer BĂŒcher lesen. Als Lenin 1914 erfuhr, dass sich die Zweite Internationale der Kriegsbegeisterung angeschlossen hatte, verfiel er in eine Depression. Die Depression hat er nicht mit dem Schreiben von Pamphleten gegen den Verrat ĂŒberwunden. Er hat Hegel gelesen, den Marxismus entdeckt, ist mit dem Notizbuch 1917 ĂŒber Finnland nach Petrograd gefahren und dann kam die Revolution. Insofern kann Hegel lesen ziemlich nĂŒtzlich sein. Das wĂ€re mein Schlusswort. |P


1. Bezeichnet den drastischen Anstieg an ZahlungsausfĂ€llen auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt, welche in weiterer Folge zur Weltwirtschaftskrise 2007/08 fĂŒhrten.