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Jakobiner-Herrschaft oder Babeuf?

Auf wen berufen wir uns in unseren KĂ€mpfen? Einige Anmerkungen zu einer Platypus-Veranstaltung

Platypus Review Ausgabe #28 | November/Dezember 2023

von Peter Nowak

Unter dem Titel „Was ist eine Partei fĂŒr die Linke?“ lud die Platypus Affiliated Society am 22. Juni 2023 zu einer Diskussionsveranstaltung in die Berliner Humboldt-UniversitĂ€t ein.1 Mit der Auswahl der Diskutanten begrenzte man aber schon im Vorhinein das Diskussionsfeld. Man lud niemanden ein, der die Frage der Partei nicht als das grĂ¶ĂŸte Problem der gesellschaftlichen Linken ansah.

Dabei propagierten RĂ€tekommunist*innen schon vor mehr als 100 Jahren, dass die Revolution keine Parteisache sei. Daneben gibt es auch heute Linke, die zwar Parteien nicht grundsĂ€tzlich ablehnen, diese aber nicht als relevant fĂŒr eine aktuelle linke Praxis ansehen.

Bemerkenswert auf dem Podium war Stefan Schneiders (Klasse gegen Klasse) Bezug auf eine Schrift von Leo Trotzki im Exil, in der dieser sehr richtig dafĂŒr plĂ€dierte, sich mit Blick auf die Französische Revolution auf deren fortschrittlichste Traditionen zu beziehen – also nicht auf Napoleon, der die Französische Revolution beendet hatte wie Stalin die Oktoberrevolution.

Doch dann fĂ€llt Trotzki als fortschrittlichster Teil der Französischen Revolution jener Jakobiner-Konvent ein, der eine Interessenvertretung des BĂŒrgertums war und die Selbstorganisation der Plebejer, der VorlĂ€ufer des Proletariats, unterdrĂŒckte. Sie zu organisieren und einen Aufstand der Gleichheit vorzubereiten, war das Ziel der Assoziation „Verschwörung der Gleichen“. Die Orientierung an dem jakobinischen Konvent zeigt schon, dass damit an ein bĂŒrgerliches Konzept angeknĂŒpft wird.

Verschiedene Trotzki-Zitate zu dem Thema

Nun muss man feststellen, dass Trotzki in seinen AktivitĂ€ten und Schriften im Exil und in seinem Kampf gegen die stalinistische Konterrevolution eher eklektizistisch an Texte heranging. Er bediente sich unterschiedlicher Zitate, um bestimmte BĂŒndnispartner*innen anzusprechen. Das wird in der Passage sehr deutlich, aus welcher Schneider zitierte:

Wir sind feste Partisanen eines Arbeiter- und Bauernstaates, der den Ausbeutern die Macht wegnehmen wird. Es ist unser erstes Ziel, die Mehrheit der Arbeiterklasse und ihrer VerbĂŒndeten fĂŒr dieses Programm zu gewinnen. Solange die Mehrheit der Arbeiterklasse auf der Grundlage der bĂŒrgerlichen Demokratie verbleibt, sind wir bereit, diese mit all unseren Mitteln gegen die heftigen Angriffe der bonapartistischen und faschistischen Bourgeoisie zu verteidigen. Dennoch verlangen wir von unseren KlassenbrĂŒdern, die dem „demokratischen“ Sozialismus anhĂ€ngen, dass sie ihren Ideen treu bleiben, dass sie ihre Eingebung nicht aus den Ideen und Methoden der Dritten Republik ziehen, sondern aus der Verfassung von 1793. [...] Nieder mit der PrĂ€sidentenschaft der Republik, die als Versteck fĂŒr die konzentrierten KrĂ€fte von Militarismus und Reaktion dient! Eine einzige Versammlung muss die legislative und die exekutive Gewalt verbinden.2

Im Verweis auf die „KlassenbrĂŒder, die dem ‚demokratischen‘ Sozialismus anhĂ€ngen“, wird deutlich, dass Trotzki sich hier an die Mitglieder der Sozialistischen Partei Frankreichs richtete, die er fĂŒr sein Konzept einer Einheitsfront der Arbeiter*innenparteien gegen den Faschismus gewinnen wollte. Damit positionierte er sich auch gegen die Volksfrontpolitik der stalinistischen Kommunistischen Parteien, die neben den Arbeiter*innenparteien auch nicht-faschistische Fraktionen des BĂŒrgertums in die BĂŒndnisse einbeziehen wollte. Damit verbunden war natĂŒrlich die Aufgabe grundlegender kommunistischer Ziele. Wer mit den Faschisten um das BĂŒrgertum konkurrieren will, muss selber viel von Staat und Nation reden und von Sozialismus, gar Kommunismus, möglichst schweigen. Auch Trotzki machte in der oben zitierten Passage erkennbar Konzessionen an seine sozialistischen Wunschpartner*innen von der Sozialistischen Partei, den zeitgenössischen Sozialdemokrat*innen. Solange die Mehrheit der Arbeiter*innenklasse auf der Grundlage der bĂŒrgerlichen Demokratie verbleibt, will er diese gegen die faschistischen und bonapartistischen Angriffe verteidigen. Trotzki hatte schon an anderer Stelle den Faschismus mit dem Bonapartismus verglichen und dabei auf eine Schrift von Marx verwiesen. Trotzki erwartet fĂŒr diese Konzession an den Reformismus von dessen französischen AnhĂ€nger*innen, sich auf die Grundlage der Verfassung von 1793 zu stellen, daher der positive Bezug auf den Jakobiner-Konvent. Es handelt sich hierbei um eine taktische Konzession, was ja bereits in dem einleitenden Satz in der Passage deutlich wird. Wenn Trotzki es ernst meint mit dem Bekenntnis, AnhĂ€nger eines „Arbeiter- und Bauernstaates“ zu sein, „der den Ausbeutern die Macht wegnimmt“, so muss er auch anerkennen, dass das eigentlich ein Widerspruch zum positiven Bezug auf die Herrschaft der Jakobiner ist – denn diese Jakobiner-Herrschaft war auch die Herrschaft des BĂŒrgertums, also die Ausbeuterordnung, die Trotzki abschaffen wollte.

Die Salle du ManÚge, Tagungsort der Nationalversammlung und des Nationalkonvents wÀhrend der französischen Revolution; Bild von Louis Joseph Masquelier (1741-1811)

Dass es sich bei dem Zitat um bĂŒndnispolitische Taktik handelt, zeigt sich auch an einem anderen Zitat, in dem Trotzki sich auf einen revolutionĂ€ren Gegner der bĂŒrgerlichen Herrschaft und ihrer jakobinischen VorlĂ€ufer positiv bezieht:

Indem wir die Halbheit, LĂŒgenhaftigkeit und FĂ€ulnis der ĂŒberlebten offiziellen sozialistischen Parteien verwerfen, fĂŒhlen wir, die in der Dritten Internationale vereinigten Kommunisten, uns als die direkten Forstsetzer der heroischen Anstrengungen und des MĂ€rtyrertums einer langen Reihe revolutionĂ€rer Generationen, von Babeuf bis Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.3

Hier wird auch die Problematik einer BĂŒndnispolitik deutlich, die nicht nur rhetorisch ZugestĂ€ndnisse an den bĂŒrgerlichen FlĂŒgel der Arbeiter*innenbewegung macht, in diesem Fall an die französischen Sozialdemokrat*innen, die sich daher auch mit der Jakobiner-Herrschaft, die AufstĂ€nde von unten niederschlagen ließ und Babeuf aufs Schafott brachte, identifizierten. FĂŒr sie ist es nur konsequent, sich in diese Tradition zu stellen. Es ist aber seltsam, wenn sich RevolutionĂ€re wie Trotzki als ZugestĂ€ndnis an diese KrĂ€fte ebenfalls positiv auf diese bĂŒrgerliche Jakobiner-Herrschaft beziehen, wenn er doch eigentlich in der Tradition derer steht, die von dieser Herrschaft und ihren Epigonen niedergeschlagen und ermordet wurden – wie Babeuf und viele namenlose KĂ€mpfer*innen gegen die damals neue bĂŒrgerliche UnterdrĂŒckung. Kann man sich glaubwĂŒrdig in die Tradition eines Babeuf stellen und gleichzeitig aus taktischen GrĂŒnden die verschiedenen Phasen der bĂŒrgerlichen Herrschaft, die ihn hinrichten ließ, verteidigen?

Bewaffnete Freikorps ziehen durch MĂŒnchen, 1919

Keine historische Frage

Diese Frage mussten sich nach der Novemberrevolution 1918 auch die RevolutionĂ€r*innen stellen, die eine RĂ€terepublik forderten und von den deutschen Sozialdemokrat*innen wie Ebert und Noske massakriert wurden, indem die frĂŒhfaschistischen Freikorps auf sie gehetzt wurden. Als diese Freikorps, die schon im Januar 1919 bei der Niederschlagung der Arbeiter*innenaufstĂ€nde das Hakenkreuz trugen und gegen Juden hetzten, die Sozialdemokratie nicht mehr brauchten und sie im Kapp-Putsch von der Macht verdrĂ€ngen wollten, stellte sich die Frage ebenfalls. Sollte man mit denen ein BĂŒndnis gegen den aufkommenden Faschismus eingehen, die erst die Rechten gegen die Arbeiter*innen bewaffnet hatten? RĂ€terevolutionĂ€r*innen haben immer die Position vertreten, dass von rechts verhetzte Arbeiter*innen natĂŒrlich als BĂŒndnispartner*innen in Streiks und Demonstrationen willkommen sind, wenn sie ihre Fehler erkannt haben. Eine solche Einheitsfront von unten, fĂŒr die es ein Erfolg ist, wenn Menschen zu ihr hinzustoßen, die vorher auf der anderen Seite standen, ist aber etwas grundsĂ€tzlich anderes als Taktierereien, um mit den Spitzen von Sozialdemokrat*innen ein WahlbĂŒndnis einzugehen und ihnen ideologisch entgegenzukommen. Letzteres fĂŒhrt zu den WidersprĂŒchen, die die beiden Trotzki-Zitate zeigen.

Warum ist diese Frage heute noch aktuell?

Nun könnte man fragen, welche Relevanz solche Debatten im Jahr 2023 noch haben. Auf der eingangs erwĂ€hnten Platypus-Veranstaltung hat Ingar Solty davor gewarnt, dass ein endgĂŒltiges Verschwinden der Linkspartei aus den Parlamenten auch die gesellschaftliche Linke außerhalb der Partei weiter marginalisieren wĂŒrde. Diesen Befund kann man sich auch als Kritiker der Parteiform nicht schönreden. Denn die RĂ€tebewegung als große Alternative steht eben momentan – anders als vor 100 Jahren – nicht bereit, dafĂŒr aber verschiedene irrationalistische und faschistische Scheinalternativen. Gerade deshalb ist es noch wichtiger, von allen Taktierereien ĂŒber BĂŒndnisse mit bĂŒrgerlichen Parteien Abstand zu nehmen. Trotzki konnte vor 90 Jahren noch die Hoffnung auf Einheitsfronten auch mit sozialdemokratischen FĂŒhrungen haben. Dabei waren ganze Arbeiter*innenmilieus mit den unterschiedlichen Parteien verbunden. Heute sind diese Bindungen verschwunden, Parteien werden kaum noch ernst genommen. Taktische Überlegungen von Einheitsfronten mit irgendwelchen SPD-VorstĂ€nden sind daher heute kaum relevant. Umso wichtiger ist es, in den aktuellen Protestbewegungen, von ArbeitskĂ€mpfen bis zur Klimabewegung – die natĂŒrlich von bĂŒrgerlichem Bewusstsein getragen sind – auch die Geschichte der KlassenkĂ€mpfe zu vermitteln. Dazu gehören unzweifelhaft auch Babeuf und seine „Bewegung der Gleichen“. Heute wĂŒrden wir nicht mehr pathetisch von MĂ€rtyrertum reden wie Trotzki damals – aber wir sollten sie als Genoss*innen sehen, die damals schon gegen Ausbeutung und UnterdrĂŒckung in Form des Jakobinismus kĂ€mpften, der ein frĂŒher Ausdruck der Herrschaft des BĂŒrgertums war. |P

Der Autor arbeitet als freier Journalist u.a. zu Themen der sozialen Bewegungen. Seine Texte finden sich unter: https://peter-nowak-journalist.de.


1 Eine Audio-Aufnahme der Veranstaltung ist online abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=8XktEYgm_jY.

2 Leo Trotzki: Ein Aktionsprogramm fĂŒr Frankreich. Paris 1934. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1934/06/aktprog.htm#p16.

3 Die Kommunistische Internationale: Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt. Moskau 1919. Online abrufbar unter: https://www.sinistra.net/komintern/dok/1kmankiwpd.html.