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50 Jahre 1968

Am 29.10.2018 organisierte Platypus Wien eine Podiumsdiskussion, bei der die Sprecher dazu eingeladen wurden, 1968 aus linker Perspektive zu reflektieren.

Die Platypus Review Ausgabe 12 | Frühjahr 2020


Seit einem halben Jahrhundert kennzeichnet 1968 einen Meilenstein sozialer und politischer Umbrüche, die die ganze Welt umspannten. Eingeleitet von einer Neuen Linken, welche sich von der Alten Linken (1920er/-30er) abzugrenzen suchte, legten die Ereignisse von 1968 den Grundstein für alles Folgende: von Protestpolitik bis hin zur akademischen Linken. Heute, da die USA in einen scheinbar endlosen Krieg in Asien verwickelt sind, der Aufruf zur Amtsenthebung eines unbeliebten Präsidenten laut wird, und sich auf den Straßen Aktivisten um Forderungen nach Befreiung hinsichtlich Herkunft, Gender und Sexualität zum Kampf erheben, treten die Ansprüche des politischen Horizonts von 1968 in Erinnerung. Welche Lehren sind aus der Neuen Linken zu ziehen, wenn eine andere Generation an den Aufbau einer Linken des 21. Jahrhunderts herantreten soll?

Es diskutierten: Michael Genner (Aktivist und Organisator, aktiv bei „Asyl in Not”), Helmut Dahmer (Soziologe und Publizist) und Gáspár Miklós Tamás (politisch engagierter Philosoph in Ungarn).
Es folgt ein editiertes und gekürztes Transkript der Veranstaltung, die in voller Länge als Audio-Datei hier zu finden ist.

EINGANGSSTATEMENTS

Michael Genner: Ich bin seit den 1960er Jahren bei verschiedensten Organisationen politisch aktiv: Angefangen habe ich beim Verband Sozialistischer Studenten, wo ich am ersten Mai ’68 in hohem Bogen hinausgeflogen bin. Dann war ich bei Spartakus, einer linksradikalen, parteiunabhängigen Jugendorganisation, die sich Kampforganisation der Jugend nannte. Sie hat vor allem den Kampf gegen Erziehungsheime – Jugend-KZs, wie wir sagten – geführt, weil sie Folteranstalten und ein ständiges Druckmittel der Unternehmerschaft gegen die Lehrlinge im Klassenkampf waren. Seit den 1980er Jahren bin ich als Rechtsberater für Asylsuchende tätig – und seit 1993 bei Asyl in Not, einer Organisation, die wir als Organisation neuen Typs bezeichnen. Das heißt, sie ist keine karitativ-humanitäre, sondern eine politische Organisation. Wir verbinden die rechtliche Hilfe für schutzsuchende Menschen mit dem politischen Angriff auf ein ungerechtes System.

Vor 1968 war Österreich war ein zutiefst rückständiges Land: Es hat ein geistiger Moder geherrscht – die biedere Verlogenheit, Österreich sei das erste Opfer der Nazis gewesen, die Sozialpartnerschaft, die große Koalition. Den konnten wir durch die Aktionen der 68er-Zeit ein bisschen aufwühlen.

Begonnen hat es 1965 mit Demonstrationen gegen den Nazi-Professor Borodajkewycz, der wüste antisemitische Tiraden von sich gegeben hat. Ein alter Mann, KZ-Häftling und Widerstandskämpfer, ist von Burschenschaftern totgeschlagen worden. Aber in der Folge sind die Nazis von der Straße vertrieben worden und es war der Anfang ihres Niedergangs an den Universitäten.

1967/68 haben wir den Kampf für die Öffnung der Universitäten geführt. Studiert hat damals, wessen Vater ein Unternehmer, ein Arzt, ein Bourgeois gewesen ist, Arbeiter- und Bauernkinder und vor allem Frauen hingegen fast nie. Der Kampf gegen die Studiengebühren war die erste Mobilisierung an den Hochschulen. Sie war erfolgreich, denn unter Kreisky, der seit 1970 regierte, wurden die Studiengebühren abgeschafft und die Universitäten geöffnet. Es hat mehr Studierende gegeben, unter denen zwar nicht viele Bauernkinder, aber mehrere Arbeiterkinder und viele Frauen waren. Schließlich ist die Rechte, die vorher an den Universitäten dominant war, sehr langsam, aber doch Schritt für Schritt zurückgedrängt worden. Die Öffnung der Universitäten war somit der erste große strategische Erfolg der 1968er-Bewegung in Österreich. Ein linker bis halblinker Mittelstand ist entstanden. Ich sage nicht, das sei das neue revolutionäre Proletariat, aber es ist doch ein Gegengewicht mit einer linken Einstellung.

Der zweite große Erfolg war der Kampf gegen die Erziehungsheime, von denen es eine Stufenleiter gab: von gewöhnlichen Waisen- und Kinderheimen über Lehrlingsheime und Besserungsanstalten der Gemeinde Wien bis hin zu den ganz schlimmen Folteranstalten, den Bundeserziehungsheimen. Man konnte damals, auch gegen den Willen der Eltern, ins Erziehungsheim eingewiesen werden, wenn man mehrmals ohne triftigen Grund den Arbeits- oder Lehrplatz gewechselt hatte, denn dann war man „asozial“. Burschen und Mädchen konnten ins Heim eingewiesen werden, wenn sie zusammen waren und ihre Eltern etwas dagegen hatten. Wenn man einmal drinnen war im System der Heime und dann auffällig geworden ist, einmal rebelliert hat, dann ist man ins nächstschlimmere Heim eingewiesen worden. Kaiserebersdorf war das berüchtigte Symbol für diese Erziehungsheime. Dort hat das Justizministerium tatsächlich Jugendliche für Zwangsarbeit an private Firmen weitervermietet und wenn man das Pensum nicht erfüllt hatte, gab es Prügelstrafen, also Foltermethoden. Dagegen haben wir gekämpft. Wir haben Jugendliche aus den Heimen versteckt, dafür gekämpft sie abzuschaffen und die Schweigemauer durchbrochen. Die Medien haben darüber berichtet.

Wir haben die Konfrontation mit dem Staatsapparat gesucht und wurden auch kriminalisiert. In meinem Buch Verleitung zum Aufstand schreibe ich darüber. Warum „Verleitung zum Aufstand“? Das war die Hauptanklage in meinem ersten großen Strafprozess 1969/70: Ein Flugblatt, für das ich gezeichnet hatte, wurde als Aufforderung zum Aufstand angesehen. Ich bin sechs Wochen im Landesgericht gesessen und dann nach vielen Protesten freigekommen. Der Untersuchungsrichter hat zu mir bei der ersten Einvernahme gesagt (und das war kennzeichnend für die Zustände im Staatsapparat): „Wissen Sie, junger Mann, Sie sind mir ganz sympathisch. Als ich so jung war wie Sie, war ich auch ein Idealist. Ich war Nationalsozialist zu einer Zeit, als noch niemand dabei war.“ Er hat geglaubt, er sagt mir etwas Nettes und war sehr erstaunt, dass ich daraus eine Kampagne gegen ihn entwickelt habe.

Seit 1970 war die sozialistische Regierung Kreisky-Broda an der Macht, zu der wir Spartakisten ein kritisch-solidarisches Verhältnis hatten. Wir haben mit ihnen verhandelt, sie über die Missstände in den Heimen informiert und sie haben uns zugehört. Kreisky und Broda waren beide ehemalige Widerstandskämpfer und damit insofern Ausnahmeerscheinungen, als damals noch hauptsächlich alte Nazis in den Regierungen gesessen sind. Broda selbst hat in diesem Zusammenhang oft von Arbeitsteilung gesprochen. Als Teil dieser Arbeitsteilung sind wir zwar verfolgt und kriminalisiert, dafür aber schlussendlich auch amnestiert worden, wenn auch erst nach einigen Jahren.

Mit der Strafrechtsreform 1974 sind die Bundeserziehungsanstalten, wie von uns gefordert, ersatzlos aufgelöst worden. Die Schließung dieser Jugend-KZs war ein gewaltiger Erfolg, denn durch den Wegfall dieses ständigen Druckmittels konnten die jungen Menschen um einiges freier atmen und leben als vorher. Die Gemeindeheime, die zwar schlimm, aber nicht ganz so schlimm waren, sind noch geblieben. Trotz SPÖ-Führung war die Gemeinde sehr belehrungsresistent.

Der dritte große Erfolg der Bewegung von 1968 war die Erzwingung der Familienrechtsreform und der Fristenlösung durch die Frauenbewegung. Die Fristenlösung war die große historische Niederlage der katholischen Kirche, jenes Vereins, der Österreich einst mit Feuer und Schwert katholisch gemacht hatte. Diese drei gewaltigen Erfolge haben Geschichte gemacht. Das ist das Verdienst der Bewegung von 1968.

Heute wollen wir nicht nur nostalgisch an die Vergangenheit zurückdenken. Wir stehen mitten im Kampf gegen eine rechtsextreme Regierung, die Tag für Tag die Menschenrechte bricht. 2015 haben wir aber eine Bewegung erlebt, die ein bisschen an 1968 erinnert hat. Im ganzen Land haben sehr viele Menschen, die vorher ganz unpolitisch waren, erkannt, dass das Organisieren gesellschaftlich notwendiger Prozesse in Selbstverwaltung und ohne staatliche Einmischung viel besser funktioniert. Ich habe das, in Abwandlung eines Wortes von Enzensberger, unseren „kurzen September der Anarchie“ genannt. Natürlich hatte er ein Ende, aber ein langes Leben hat mich gelehrt, dass die Geschichte nie geradlinig, sondern immer bergauf und bergab verläuft: Ist man einmal ganz unten, wird es auch wieder aufwärts gehen.

Helmut Dahmer: Ich glaube, es ist wichtig, einen Schritt zurückzutreten, jetzt, wo nach fünf Jahrzehnten einerseits die lebendige Erinnerung der Zeitgenossen im Schwinden begriffen ist und andererseits der Historikerstreit um diese Frage in immer neue Runden geht. Also, worum ging es?

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und die Gräueltaten der beiden großen menschenverschlingenden Systeme Hitlers und Stalins haben seit 1945 – und das war der große Unterschied zum Kriegsende 1918 – nicht zu einem Versuch geführt, die kriegsträchtige Gesellschaftsordnung zu überwinden. Die Ansätze dazu in Frankreich, Italien und Griechenland sind durch die Übermacht der Alliierten gebrochen worden; die totalitären Regime und der Krieg haben den politisch aktiven Teil der Bevölkerung dezimiert. Ich denke, die eigentliche Stoßrichtung des KZ-Systems und des Systems Gulag richtete sich darauf, die Spontaneität aktiver Angehöriger der jugendlichen Generation, mit der die Sozialisten und Anarchisten der vergangenen 150 Jahre wie selbstverständlich rechnen konnten, im Keim und nachhaltig zu zerstören. Die Folge war, dass Mehrheiten in den meisten Ländern versucht haben, die zurückliegenden Jahre der Barbarei rasch zu vergessen, und Politik und Kultur so weiterzuführen, als sei eigentlich gar nichts geschehen.

Erst die Nachkriegsgeneration, die den Krieg nur mehr vom Hörensagen kannte und unter Bedingungen von Frieden und Prosperität aufwuchs, war imstande, die ausgebliebene Reaktion auf das Desaster des Zweiten Weltkriegs nachzuholen. Sie machte international den Protest gegen gesellschaftliche Verhältnisse, die sich nur mithilfe periodisch wiederholter Schlächtereien erhalten, zu ihrer Sache. Infolge der einsetzenden dritten industriellen Revolution und der Systemkonkurrenz zwischen West und Ost nahmen weiterführende Schulen und Universitäten Hunderttausende von jungen Leuten auf, die dann während ihres psychosozialen Moratoriums – also der Kontrolle ihrer Familien entronnen und der Disziplin des Arbeitslebens noch nicht unterworfen – begannen, sich um allgemeine Angelegenheiten zu kümmern. Zunächst um die Struktur der Ausbildungsinstitutionen: Universität, Schule, Betrieb, und dann um die Innen- und Außenpolitik ihrer jeweiligen Staaten. Seit den frühen 60er-Jahren machte die aktive Minderheit dieser ersten Nachkriegsgeneration sowohl in den Verliererstaaten als auch in den Siegerstaaten Front gegen die Nachkriegsordnung des Kalten Krieges. In dieser wurden in steigendem Maße Produktions- in Destruktionsmittel umgewandelt, in beiden Lagern jede innere Opposition erstickt, und in Stellvertreterkriegen die Verelendung weiter Teile der sogenannten Dritten Welt beschleunigt. Das Engagement gegen den amerikanischen Interventionskrieg in Vietnam wurde seit 1964 zum gemeinsamen Nenner der weltweiten Protestbewegung. Spätestens seit der trikontinentalen Konferenz in Havanna 1966, also sieben Jahre nach der Kubanischen Revolution, glaubten die Aktivisten und Mitläufer der neuen Jugendbewegung, sie seien Teil von so etwas wie einer virtuellen Internationale, die sich im Prozess der Überwindung autoritärer Strukturen in den kapitalistischen Metropolen, in den staatssozialistischen Regimen und in den Ländern der Dritten Welt herausbilden werde. Der Jugendprotest richtete sich nicht nur gegen veraltete Ausbildungsinstitutionen und Erziehungspraktiken, sondern gegen die Mentalität und Lebensformen der älteren Generationen überhaupt, die sich der NS-Barbarei nicht widersetzt hatten und deren konformistisches Schweigen neuen Katastrophen den Weg bereitete.

Abgesehen von bedeutsamen Ausnahmen – der französische Mai 1968 oder der gewerkschaftlich unterstützte Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung in Westdeutschland– blieb die Bewegung gesellschaftlich isoliert. Von Anfang an wurden ihre Anhänger in West und Ost als „Fünfte Kolonne“ verdächtigt und bis heute sehen ihre Kritiker in den Demonstranten von 1968 lauter revenants („Wiedergänger“). Das heißt, sie machen sie entweder für alle Übel der Gegenwart verantwortlich oder sie verharmlosen sie als Schrittmacher von Arbeits- und Lebensformen des modernisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, die gar nicht wussten, was sie eigentlich taten. Doch die zehntausenden 15- bis 25-Jährigen, die damals in Universitäten, Studentenhäusern und den Klubs über Lebens-, Universitäts- und Gesellschaftsänderungen diskutierten und für ein anderes Leben und eine neuartige Politik auf die Straße gingen, waren weder verkleidete Hitlerjungen noch verkleidete Komsomolzen, noch waren sie Terroristen oder Pädophile. Sie verstanden sich als Antiautoritäre, und diese Selbstcharakteristik ist meines Erachtens ernster zu nehmen, als das in den Kontroversen über das Wesen der 68er-Bewegung bis heute meist der Fall ist.

Die Protagonisten der Protestbewegung orientierten sich in den USA und in Westdeutschland vor allem an den Schriften über antiautoritäre Erziehung von Wilhelm Reich und Alexander Neill, sowie in Frankfurt natürlich an den Studien über den autoritären Charakter des exilierten Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Indem sie ihre neue Bewegung als antiautoritäre bezeichneten, beschworen sie aber auch die Erinnerung an die 100 Jahre zuvor gegründete Bakunin‘sche Antiautoritäre Internationale herauf. Tatsächlich schien mit der 68er-Jugendbewegung in den europäischen und nordamerikanischen Universitätsstädten der libertäre oder Selbstverwaltungssozialismus wiederaufzuleben, der vielleicht wenn nicht in 50, dann in 100 Jahren den Kapitalismus ablösen würde. Abermals handelte es sich freilich wie in Paris 1871 oder im Barcelona der Jahre 1936/37 nur um einen kurzen Sommer der Anarchie. Denn als 1969 die Ausläufer der Protestbewegung in Deutschland mit der Bildung von Miniaturparteien stalinistisch-maoistischen Typs sowie von Stadtguerilla-Kampfgruppen begannen und zum individuellen Terror übergingen – die RAF –, um ihre Ohnmacht zu kompensieren, da fielen sie auf ebenjene Formen von Politik zurück, über welche die Studenten und Schüler der 1960er Jahre gerade hatten hinauskommen wollen.

Ich zitiere zum Schluss aus einem am 7.Mai 1968 geschriebenen Artikel Ziele der Außerparlamentarischen Opposition:

Die Außerparlamentarische Opposition gründet ihre Politik auf eine sozialwissenschaftliche Analyse der Struktur der Bundesrepublik Deutschland. Durch die Intervention der Westmächte wurde eine demokratisch organisierte Insel parlamentarisch staatlicher Institutionen einem vordemokratisch organisierten Alltags- und Wirtschaftsleben aufgepfropft. Der dadurch entstandene Widerspruch zwischen politischer und gesellschaftlicher Sphäre zeitigt Lösungsversuche, wie wir sie historisch aus der Weimarer Republik kennen, deren Struktur ja den gleichen Bauplan aufwies.

Demokratisierung der Wirtschaft oder Entdemokratisierung auch der politischen Sphäre heißen die Alternativen der Entwicklung. Die Umwandlung der großen Parteien, sogenannter Volksparteien, in quasi Staatsparteien, deren Führungen einander die Wählerstimmen ins Netz treiben, nachdem sie sich durch staatliche Finanzierung und bürokratische Statuten von realen Kontrollen ihrer Mitglieder emanzipiert haben, beantwortet die Außerparlamentarische Opposition mit der Bildung von lockeren Organisationen, Klubs, Studenten-, Schüler-, Arbeitergruppen – Organisationen gesellschaftlichen Typs.

Gáspár Miklós Tamás: Ich werde Ihnen einige Märchen von der Geschichte Europas erzählen, aber zuerst möchte ich eine Frage stellen: Wie ist es möglich, dass es in zwei Ländern Osteuropas, in denen keine Okkupationskräfte Sowjetrusslands präsent waren – in Polen und Rumänien –, einen antirussischen Konsens und Chauvinismus gibt? In den zwei Ostblockländern Böhmen und Ungarn, die nach der gewaltsamen Niederwerfung der Revolutionen von 1956 und 1968 von Sowjetrussland erobert wurden, gibt es dagegen keine antirussischen Gefühle. Warum? Das ist meine Frage. Doch ich beginne mit dem Märchen. Am Ende werde ich versuchen, meine Frage zu beantworten.

Im Jahr 1968 war ich 20 Jahre alt. Ich war aber nicht in Westberlin, Berkeley oder Paris, sondern in Klausenburg in Siebenbürgen, Rumänien. Was geschieht in einer Provinzstadt im tiefsten Osteuropa 1968? Dasselbe, aber mit einer Differenz. Wir kennen es aus der russischen Literatur, wie kleine Leute im ehemaligen zaristischen Russland die Entwicklungen Europas mitverfolgen. Die kleinsten französischen Zeitungsschreiber oder Gelegenheitsdichter erscheinen als Heroen der modernen Geschichte. Wir verfolgten jedes Detail in den westdeutschen und französischen Zeitschriften und Zeitungen, die wie im 18. Jahrhundert von Reisenden zu uns gebracht wurden.

Ich hatte einen Onkel in Paris, der Arbeiter bei den Renault Werken war. Er sagte zu mir, er wäre das einzige proletarische Mitglied der Parti Socialiste Unifié des Michel Rocard und er hat mir Castoriadis' Socialisme ou barbárie geschickt. Figuren wie Hans-Jürgen Krahl oder Rudi Dutschke waren symbolische Figuren unseres Lebens und auch Verkörperungen einiger millenarischer Hoffnungen.

Wir haben in der Abwesenheit der Revolution ein revolutionäres Leben in unseren eigenen Einbildungen geführt. Und was ist die Revolution, wenn nicht eine imaginäre Macht? Natürlich ist eine Revolution ein politisches Ereignis. Aber das Durchleben großer politischer Ereignisse und Wandlungen hat mich gelehrt, dass ein Teil jeder Revolution und jeder radikalen Veränderung natürlich – was alle Christen sehr gut wissen – die innere Wandlung, die Arbeit an sich selbst im moralischen Sinne ist. Damit meine ich Aufopferung, Denken an andere, Solidarität mit Unbekannten und mit Bekannten und eine Reform unserer Gesinnung. Wie lernt man in einer traditionellen, konservativen Gesellschaft, ein Feminist zu sein? Wie lernt man antiautoritär zu sein, in einem Land, in dem uns die Autorität als das Wesen des Staatspartei-Sozialismus gegenübersteht?

Barrikaden in Toulouse 1968 | Foto: André Cros | CC BY-SA 4.0

All das dauerte von Mai bis zum 21. August 1968, als die Truppen des Warschauer Paktes in Prag einmarschiert sind. Auf den Einmarsch folgte etwas Merkwürdiges: Als ich im September zur Universität zurückkehrte, kommentierten meine rumänischen Kollegen den Einmarsch wie folgt: „Das ist die immerwährende russische Aggression gegen osteuropäische Nationen. Das soll mit einem Bündnis mit dem Westen, mit Amerika konterkariert werden.“ Meine ungarischen Kollegen sagten: „Ein Bündnis von Tschechoslowakei, Jugoslawien und Rumänien hat unser Gebiet okkupiert. Das sind die Feinde unserer Ahnen, das ist die kleine Entente, die immer unser Feind war. Wir sind jetzt also auf der Seite der Sowjetunion.“

Wir waren dort einige Internationalisten und Linke. Damals genauso wie heute wurden wir als unnatürliche, unwahrscheinliche Unwesen empfunden, die man nicht verstehen kann und die künstlich irgendwo von einer dunklen Kraft im Bauch der westlichen Gesellschaft erzeugt werden. Wie ist es möglich, dass irgendjemand an einen antiautoritären Sozialismus glaubt, in einem Land, wo alle Wände mit dem roten Stern dekoriert sind? Für diese Leute bedeutete Sozialismus vielleicht Gerechtigkeit und Gleichheit, Autorität, Ordnung, Frieden und schlimmstenfalls die Vergewaltigung des nationalen Wesens und unserer Sippe. Wir waren Linke, aber anders als die Mächtigen des Regimes. Das war einfach unvorstellbar.

Als Repräsentanten der Revolution anderer – der westlichen Jugend – waren wir 1968 isoliert. Ich glaubte damals und auch im Jahr 1989, dass diese Lage der Isolation sich nie wiederholen würde. Heute wiederholt es sich natürlich. Gegen Ausbeutung, Entfremdung und Autorität zu sein, erscheint für manche Osteuropäer (und andere) als eine Unmöglichkeit, als etwas jenseits der menschlichen Kräfte und der menschlichen Vernunft. Und das sind Leute, die unzufrieden sind, die mit dem halbtotalitären Regime in Ungarn nicht einverstanden sind. Aber dass es einen allgemeinen Begriff für eine ganz andere Gesellschaft ohne Hierarchie geben sollte, erscheint den Wohlwollenden als absurd und für die Nicht-so-Wohlwollenden als eine Lüge. Das war mein Gefühl im Herbst 1968 und das ist mein Gefühl heute.

Warum also sind die Polen und Rumänen antirussisch? Aufgrund alter, nationaler Traditionen. Das ist eine geopolitische und strategische Sache. In Böhmen und in Ungarn, wo unsere eigenen Revolutionen von Russen niedergemetzelt wurden, erkennt man die Wirklichkeit der Revolutionen nicht an. Sie erscheinen heute als unwahr, absurd, jenseits der menschlichen Normalität, was wirklich unglaublich tragisch ist. Das ist das Resultat des Kapitalismus in Osteuropa, wo Kapitalismus in dieser Gestalt neu ist. Es ist auch ein Resultat unserer eigenen Tätigkeiten als Andersdenkende und Dissidenten unter dem staatssozialistischen System, wo das Gegebene, also der Kapitalismus, für eine Zeit unsere Utopie geworden ist. Wenn der Kapitalismus das Leitbild ist, dann erscheinen Revolution und Freiheit sowie eine unentfremdete Gesellschaft als absurd, unmöglich und jenseits der Einbildungskraft des normalen Menschen. Sich an 1968 zu erinnern, ist selbst an sich eine aufwühlende Tätigkeit. Es ist etwas, das schwer zu verstehen ist und trotzdem ein verlockendes Geheimnis darstellt.

ANTWORTEN

Genner: Zuerst ein paar ergänzende Bemerkungen: Bewegungen, die zu Sternstunden der Geschichte werden, wie die 1968, bedürfen immer der Intervention einer kleinen radikalen Minderheit. Es sind immer einzelne Personen, die die Regeln brechen, die Autoritäten in Frage stellen und dabei auch ein gewisses Risiko in Kauf nehmen. Wenn das in dem geschichtlichen Augenblick geschieht, in dem die Zeit reif ist, dann kann es zu einer Massenbewegung werden. Bis dahin sind die Mühen der Ebene vorherrschend, das heißt, man greift immer wieder an, hat nicht sehr viele Erfolge und stellt trotzdem das Unrecht an den Pranger. Man bereitet den Boden für den Moment, wo es dann wirklich losgeht. Wir haben das ein paar Mal in der Geschichte erlebt: 1968, 1989 und 2015. Wenn man aber einmal so weit ist, dann darf man nicht dabei stehenbleiben; dann muss man manchmal auch den Massen einen Schritt voraus sein, sonst geht man unter.

Dahmer: Man kann auch untergehen, obwohl man den Massen etliche Schritte voraus ist. Denken Sie an das Schicksal des deutschen Spartakus. Das Gegenbeispiel, das Michael Genner sicher im Kopf hat, ist der Oktober 1917. Ich würde dennoch das Argument um eine Kleinigkeit drehen: diese Minderheiten von Revolutionären, manchmal nur von Intellektuellen – wenn Sie an das Beispiel der großen Französischen Revolution denken – haben nur eine Chance, wenn die Massen von sich aus mit den bestehenden Verhältnissen nicht einverstanden sind. Erst in dem Augenblick, als nicht nur hungernde Frauen wegen ihrer Kinder und in Abwesenheit der Väter, die an der Front oft schon gefallen waren, auf die Straßen gegangen sind, demonstriert und genau wie 1789 Brot gestohlen haben, besteht die Möglichkeit, dass Forderungen eines Liebknecht, die vorher nur Schall und Rauch waren, gehört werden. Solange es den Leuten nicht so geht, dass sie von sich aus sagen: „Es muss sich jetzt eigentlich alles ändern und zwar sofort“, ist das nicht der Fall.

Dieses sehr schwierige Zusammenspiel ist verhunzt worden durch die Möchtegern-Avantgardeparteien und -gruppen im Ausgang der 68er-Bewegung. Dies geschah gerade in Deutschland, aber auch ein bisschen in Frankreich und in anderen Ländern. Es geschah vor allem durch das, was wir zusammenfassend Stalinismus nennen, dass also „Avantgarden“ gestützt auf die Geheimpolizei die Spontaneität als Staatsfeind verfolgen.

Die kleinen Gruppen, die von der ehemals mächtigen, großen Arbeiterbewegung unter marxistischem oder anarchistischem Banner übriggeblieben sind, mühen sich heute mit dieser Frage ab: Genügt es, als Propagandatruppe die richtigen Losungen in der Situation zu verkünden und über Jahre hinweg kein Gehör zu finden? Wann ist diese Gesellschaft nach der Krise von 2008 bereit, die Rettung der Großbanken mit Steuergeldern, zulasten der Unterschichten abzulehnen? Wenn ich von „Unterschichten“ spreche, meine ich die Bevölkerungsmehrheit. Ich würde sogar die „99 Prozent“-Losung der Occupy-Bewegung aufgreifen.

All diese Gruppen kämpfen leider zu oft gegeneinander, sie haben aber dennoch mit diesem Kardinalproblem zu tun, für das es keine Patentlösung gibt. Die Erinnerung an die Revolution, an die Aufstände, an die Rebellionen ist unter anderem deshalb so interessant, weil wir nach Modellen suchen: Wie war das in Barcelona 1937 im Mai und im Sommer 1917 in Russland? Wie war es genau in Prag, mit Dubček? Wie war es mit Imre Nagy, Pál Maléter und den ungarischen Revolutionären von 1956? Sie standen immer in diesem Spannungsfeld: Wie verhalten sich die Massen? Nutzt man den Augenblick, um ihnen solche Losungen zu geben, dass sie vorwärts kommen und eine Siegeschance haben?

Genner: Karl Liebknecht, der alleine auf der Straße stand, ist ein sehr schönes Beispiel. In Österreich hat etwas Ähnliches gegeben: Fritz Adler, der durch eine von der Parteiführung völlig in den Schmutz gezogene, spektakuläre Aktion nicht sofort die Massen aufgerüttelt hat, wohl aber später durch seine Verteidigungsrede vor dem Ausnahmegericht. Er hat den Ministerpräsidenten, der einer der berüchtigtsten Kriegstreiber gewesen ist, erschossen und dies zurecht als revolutionäre Demonstration bezeichnet. Der Februaraufstand 1934 ist zu spät gekommen und zum Scheitern verurteilt gewesen. Der Versuch war trotzdem richtig, da es dazu beigetragen hat, einen revolutionären Kampfgeist am Leben zu halten.

Ich habe vorhin gesagt, dass die Spontaneität durch die Eliminierung des politisch aktiven Teils der Bevölkerung unter dem Faschismus zerstört worden ist. Das stimmt, aber es stimmt nicht ganz. Es hat auch nach 1945 große Ansätze zur Spontaneität gegeben, die aber von oben verraten und verkauft worden sind. Ich denke an den September- und Oktoberstreik in Österreich 1950. Das war einer der größten Massenstreiks in der österreichischen Geschichte, der von beiden Arbeiterparteien, den Sozialdemokraten und Kommunisten abgewürgt worden ist. Ähnliches in noch größerem Maße fand in Frankreich und Italien statt. Das war natürlich der Verrat der stalinistischen Parteiführungen, welche die Illegalität im eigenen Lande im Gegensatz zu vielen anderen nicht mitgemacht haben, sondern im Hotel Lux in Moskau saßen und schließlich eingeflogen wurden, um die kommunistischen Parteien auf Linie zu bringen. „Keine Abenteuer, Genossen!“ war die revolutionäre Parole der kommunistisch-stalinistischen Parteiführungen nach 1945.

Tamás: 1968 bedeutet auch 1969 und 1977 in Italien. Das war die größte antiautoritäre Arbeiterbewegung in der modernen Geschichte. Der Operaismo und manche Zweige davon, wie zum Beispiel Autonomia, waren eine großartige und erfolgreiche Bewegung, die Europa verändert und erstmals einen klaren Weg im Kampf gegen die bürokratischen Arbeiterparteien eingeschlagen hat. Die italienische Kommunistische Partei hat sich als erste Kommunistische Partei in eine konservative Partei gewandelt. Sie denken vielleicht, dass Sparmaßnahmen und Marktfundamentalismus von Thatcher gegründet wurden. Das erste Buch, das leidenschaftlich Sparmaßnahmen befürwortet hat, La austeridad, wurde aber von Enrico Berlinguer, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, geschrieben. Dies war schon das Resultat des Kampfes im Schoße der Arbeiterbewegung – ein Schisma, das nicht minder wichtig ist als das große Schisma von Kommunismus und Sozialdemokratie damals.

Ich glaube, dass die Bewegungen heute die Enkelkinder der italienischen und vielleicht in einiger Hinsicht der lateinamerikanischen sind. Das wird äußerst gerne vergessen, und dadurch kann man ’68 durch die landläufige Lüge verleumden, dass es nur eine kleinbürgerliche, intellektuelle Jugendrevolution war, in der es lediglich um Sex, Drugs and Rock'n'Roll ging. In Italien hat man gezeigt, dass 1968 nicht nur eine Sache der jungen Generation und der Intellektuellen beziehungsweise des Mittelstandes war, sondern eine echte, vielleicht die letzte, große proletarische Bewegung gegen das System – radikal, erfinderisch, spontan, machtvoll. Das sollte man wirklich nicht vergessen. 1968 ist nicht nur 1968.

Q & A

1968 war klar, dass wir den Kapitalismus nicht besiegen können. Das war nicht möglich und ist heute noch immer nicht möglich. Es ist eine unumstößliche Wahrheit, dass man den Kapitalismus nicht niederschlagen kann, ohne eine Gewalteskalation mit Atomwaffen zu riskieren. Das ist eine Sackgasse. Ist es nicht so, dass wir 1968 erkannt haben, dass wir für immer im Kapitalismus leben werden?

Genner: Ich habe 1968 natürlich daran geglaubt, dass wir jetzt in den nächsten Jahren die große rote Revolution in Österreich vollbringen werden. Das war eine Illusion. Dieser Glaube an die Revolution hat mir aber geholfen, eine ganze Reihe von reformistischen Zielen, die ich eingangs aufgezählt habe, zu erreichen. Durch revolutionäre Aktionen, durch den Bruch der Regeln, durch die Konfrontation mit dem Staatsapparat haben wir unerträgliche Zustände für die ganze Jugend abgeschafft. Diesen Glauben aber mussten wir haben.

Tamás: Das Eigenartige an unserer Situation und dieser Epoche ist, dass der Kapitalismus den ganzen Horizont abdeckt. Deshalb ist eine Anstrengung beziehungsweise ein Sprung unserer Einbildungskraft notwendig. Nur wenn wir es uns nicht mehr vorstellen können, gibt es keine Hoffnung mehr.

Aber manchmal gibt es vielleicht keine Hoffnung.

Tamás: Es gibt aber auch eine Möglichkeit der Hoffnung der Hoffnungslosen. Auch in einer hoffnungslosen Lage hilft die revolutionäre Vorstellung einer freien Zukunft – wie im Fall der Abschaffung der Erziehungsheime in Österreich. Aber das sind nur Nebenresultate. Das Hauptresultat ist, dass es einen Keim der Leute gibt, die nicht nur Anderes wollen, sondern anders sind. Ich glaube, das ist schon ein Resultat an sich.

Herr Tamás, Sie haben von einer Art Revolution im Geiste als einer prägenden Jugenderfahrung erzählt, die für mich sehr sympathisch klingt. Sie haben andererseits erwähnt, dass es heute so scheint, als wäre der Kapitalismus zur Utopie geworden, oder als gäbe es keinen Möglichkeitshorizont mehr außerhalb dieses Systems. Mich würde interessieren, wie Sie das Verhältnis von Kritik und Utopie heute denken. Wie verhält sich eine Art von naiver utopischer Vorstellungskraft, die sicher gespeist ist durch Lektüre oder durch Popkultur zu Formen der Kritik und der Bildung, die vielleicht auch von Organisationen wie Platypus angeboten werden?

Tamás: Wir sind geschichtlich genommen wie der Maulwurf im Untergrund, und unser Werk ist noch nicht getan. Wir sind wirklich im Untergrund – geistig, sozial, politisch. Wir sind nicht illegal, da wir nicht wichtig genug sind, um verboten zu werden – das kommt noch. Es scheint jeder revolutionären Generation so, als ob sich die Sache in ihrem historischen Zeitpunkt ereignen wird. Dem ist aber nicht so. Wir sind am Beginn der Geschichte des Zusammenfalls des Kapitalismus, welche eine lange Krise darstellt.

Ich glaube, dass der Erfolg des theoretischen Werkes von Marx heute in Europa eine seltsame Sache ist. Es gibt eine wunderschöne neue marxistische Literatur, zum Beispiel in der Tradition der Frankfurter Schule. Man kann einiges gegen oder für solche Tendenzen, wie Wertkritik oder Neue Marx Lektüre, sagen, aber trotzdem gibt es eine schöne Epoche der Theoriebildung, für die man sich nicht zu schämen braucht. Marx hat erwartet, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein soll. In diesem Sinne war er natürlich ein Demokrat und kein Avantgardist oder Elitist. Für uns – die kleinen Gruppen der Linken – besteht eine moralische Pflicht der intellektuellen, kritischen und imaginativen Arbeit. Diese wird nie sterben. Wie Sie sehen bin ich also nicht ganz hoffnungslos.

Dahmer: Die klassische Antwort auf Ihre Frage lautet wie folgt: Im Kapitalismus vor 1933, speziell 1929, gab es marxistische Autoren, die auf einem Blatt Papier ausgerechnet haben, wie lange sich der Kapitalismus noch halten kann. Der Zeitpunkt seines Zusammenbruchs wurde immer für die eigene Lebenszeit dieser Autoren anberaumt. Ich spreche von der Zusammenbruchstheorie. Die Basis der sozialdemokratischen Weltanschauung bestand darin, dass der große Kladderadatsch irgendwann kommen wird, was mit Recht auch als Rolltreppentheorie bezeichnet wurde. Die Idee war, dass die SPD um die Jahrhundertwende als weltweit größte Massenorganisation mit Millionen Wählerstimmen sich schon auf einer bestimmten Stufe dieser welthistorischen Rolltreppe befand. Sie sollte also stillhalten bis zu dem Tag, an dem sie 55% im Parlament bekommt. Sollte sich ihr dann jemand in den Weg stellen, würden diese 55% mit der Waffe in der Hand verteidigt werden. Weder die 55% noch deren Verteidigung mit der Waffe in der Hand traten ein.

Barrikaden der Pariser Commune 1871 | CC0 1.0

Wenn man dasselbe Argument ein bisschen dreht und nochmal das Modell Französische Revolution nimmt – über die wir in der Revolutionsgeschichte noch immer am besten Bescheid wissen –, dann sehen wir eine gewisse Abfolge. Nach marxistischer Terminologie gibt es eine sich zuspitzende, objektive Krise des feudalen Systems. Der Hof wird immer korrupter und verrückter, die Adeligen sitzen auf ihren Gütern und es gibt Hungerrevolten. Schließlich gebiert die Krise die Kritik. So entstehen die geheimen Zirkel der französischen Aufklärer Diese hochprivilegierten Menschen treffen sich in Salons – zum Beispiel spricht Melchior Grimm mit Diderot und sie streiten sich mit Rousseau herum. Schließlich gibt es noch die ganz Radikalen, wie den berühmten Pastor Meslier, der sein Leben lang Geistlicher in einem kleinen Dorf gewesen ist. Tagsüber hat er gepredigt und nachts das revolutionärste, atheistische und antireligiöse Manifest geschrieben, das – wie er selbst verfügt hat – erst nach seinem Tod veröffentlicht werden konnte. Diese Aufklärer waren keine Agitatoren. Die hätten gar nicht verstanden, was Agitation bedeutet. Dennoch steht plötzlich der Camille Desmoulins auf einem Platz in Paris und rezitiert vor einer schweigenden, riesengroßen Menge aus dem Contrat Social von Rousseau. Die Menge verstand das so wenig wie die Menge in Frankfurt 1968 Hans-Jürgen Krahl verstanden hat. Es hat funktioniert, im einen wie im anderen Fall.

Nach Marx gibt es etwas, was Menschen revolutionsfähig macht, nämlich Körperschwäche und Eigensinn – womit kein Regime fertig werden wird, auch nicht der großmächtige Weltkapitalismus. Freud nennt das anders. Im Sinne des Hegelschen Widerspruchsgeistes, also „der unendlichen Kraft des Negativen“, wird jeder Mensch mit einer Portion Widerstandswillen geboren. Die Gesamtgesellschaft und seine Eltern bemühen sich, diesen zu ersticken und zu konformieren, aber es gelingt ihnen nicht. Als Beispiel dafür sah Freud seine Neurosepatienten. Das sind Revoluzzer, die an der Revolution gehindert werden und deshalb ein Leben lang gegen sich selbst kämpfen – aber sie kämpfen. Die Psychoanalytiker haben wirklich gedacht, dass sie diesen inneren Konflikt, der eigentlich der Kulturkonflikt ist, aufklären könnten, damit die Aggression sich dorthin richte, wo sie hingehört.

Ich sage nicht, dass unsere Niederlagen nichts beweisen, wie das der Spartakusbund noch getan hat. Ich glaube, das können wir uns nach Gulag und Auschwitz nicht mehr leisten. Ich glaube, unsere Niederlagen beweisen sehr viel und wenn wir nicht verstehen, aus ihnen zu lernen, haben wir keine Chance. Natürlich ist die Linke in den meisten Ländern – vor allem in denen, auf die es ankommt – auf kleine Gruppen zurückgedrängt, aber es ist schon sehr gut, wenn diese Gruppen auch nur die Erinnerung wachhalten.

Ich denke, wir haben eine gute Chance darauf, dass es eine kleine, in der Regel unerwartete Antwort gibt, wenn wir lange genug in den Wald der Schweigenden hineinrufen. Das lehrt die ganze Geschichte solcher Rebellionen.

Ich persönlich bin durch den algerischen Unabhängigkeitskampf, durch die Ungarische Revolution politisiert worden – und solche Erfahrungen haben nicht nur Minderheiten betroffen. Minderheiten sind es, die etwas aus ihren lebensgeschichtlichen und politischen Erfahrungen machen können. In den anderen schlummert dieses Potential, und alle Unterweisung, alle Lehre, jeder Vortrag, jede Diskussion ist eine Chance, das schlummernde Potential der eigenen Lebenserfahrung zu wecken.

Herr Dahmer, Sie haben gesagt, dass man den Antiautoritarismus der 68er ernster nehmen müsse. Was genau meinen Sie damit? Dabei haben Sie auch den Erfolg der Bolschewiki 1917 erwähnt, die eben nicht antiautoritär waren. Sie haben auch gesagt, dass es nach dem Scheitern von 1968 innerhalb der Linken zu einem Rückfall in den Autoritarismus gekommen ist. Warum hat man es in der Linken nicht geschafft, sich anders als positiv oder negativ affirmativ, also autoritär oder antiautoritär, zum bonapartistischen, kapitalistischen, autoritären – wie immer man ihn auch nennen möchte – Staat zu verhalten?

Dahmer: Im Laufe des Sommers 1917 hat die Bolschewiki-Partei mit ihren Losungen: „Alle Macht den Räten!“, „Nieder mit den kapitalistischen Ministern!“, „Das Land den Bauern!“, „Frieden sofort!“, die Massen für sich eingenommen. Ohne diesen Rückhalt hätte die Aufstandsregierung – der Rat der Volkskommissare – die nächsten acht Wochen nicht überlebt. Ohne, dass die Belegschaften spontan an die Front gegen die weißrussischen Armeen, die Petersburg einnehmen und zurückerobern wollten, gezogen wären, hätten die Bolschewiki keine Überlebenschance gehabt. Der Plan der Bolschewisten war nach Lenin, dass sie sich einige Monate mit aller Macht als Vorposten halten sollten und dann Liebknecht in Deutschland zeigt, wie man eine richtige Revolution macht, in einem Land, das dafür reif ist.

Die 68er haben geglaubt, dass ihr Projekt – die Durchbrechung des Schweigens der älteren Generation – möglich ist. Dass sie, wenn sie die rechten Professoren in die Ecke treiben, die Mehrheit der Studierenden für sich gewinnen können, was in Grenzen auch gestimmt hat. Dennoch war die Bevölkerung mehrheitlich gegen die 68er.

Es gab allerdings sehr wohl Zustimmung aus der Bevölkerung. Dutschke und Co. haben sich eingebildet, dass sie mit ihren Aktionen in der Tat über kurz oder lang in großen Gruppen der Bevölkerung, vor allem der Jugend, ein Echo finden werden. Es sah auch eine Weile so aus: Es gab Schüler- und Lehrlingsgruppen des SDS, es gab die 29 Fürsorgezöglinge, die aus den Heimen herausgeholt wurden und um die sich einige SDS-Genossen rührend gekümmert hatten. Das Entscheidende aber passierte nicht, und das ist die Antwort auf Ihre Frage, warum die Bewegung dann plötzlich wieder autoritär wurde. Es ist richtig, dass diese Entwicklung doch eigentlich ihrem ganzen Projekt widersprach.

Isolation bedeutete Erfahrungen von der Art, dass man im Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung von den Gewerkschaften im Stich gelassen wurde oder bei Demonstrationen einfach verhaftet und niedergeschlagen wird und es kräht kein Hahn danach. Diese Erfahrungen führten zu verschiedenen Wunschfantasien. Kein Mensch wusste, was Maos Kulturrevolution war, aber man fand es großartig und bildete sich ein, es sei dasselbe, was man auch an den Unis machte: Wir treiben reaktionäre Professoren raus, hindern Jura- und Medizinstudenten, die nicht Teil einer rote Zelle werden wollen, am Eintritt zu ihren Klausuren und es wird schon alles laufen. Es ist auch nicht besonders schwierig zu erklären, dass, nachdem man mehrmals zusammengehauen worden ist, die entschlossensten Gruppen auf die Idee kommen zurückzuschlagen und im nächsten Schritt Stoßtrupps bilden, um Gefangengenommene zu befreien. Das waren die ersten Schritte in Richtung Terrorismus. So etwas kann man nur mit einer klandestinen Untergrundorganisation machen und das wurde die RAF. Der Übergang war fließend. Ich verstehe diesen Weg in den Terrorismus sehr gut. Die eigentlichen RAF-Leute waren für Ermahnungen, dass sie mit ihren Attentaten etwas wiederholen, was die Sozialrevolutionäre in Russland gemacht haben, dass ihre Taten nichts am System ändern werden, blind und taub.

Genner: Ich habe nach 1968 nicht mehr viel mit Studenten zu tun gehabt. Spartakus war eine Arbeiterjugend-Organisation: Lehrlinge, Heimzöglinge, und wenige politisierte Kader. Wir waren keine pazifistische Organisation. Wir waren gewaltbereit, aber in dem Maße, wie es richtig und notwendig war. Wir hatten Ordnerdienste, wir haben Nazis und Burschenschafter gehauen, aber wir sind nicht in den Terror abgedriftet, obwohl man uns dazu provozieren wollte. Wir haben erkannt, dass es eine gewisse, wohl dosierte Gewalt geben kann und muss. Wir sind natürlich kriminalisiert worden, aber es war keine notwendige Schlussfolgerung, dass wir deswegen das machen, was die Baader-Meinhof-Leute machen. Wie weit man geht, ist schon eine Entscheidung, die man selber bewusst treffen kann. Mit rein pazifistischen Methoden wird man gegen einen übermächtigen Gegner nicht ankommen, aber mit blinder Gewalt ebenfalls nicht. Die Dosis macht das Gift oder das Heilmittel aus.

Tamás: Man sollte sich erinnern, dass in der Tradition der Arbeiterbewegung individueller Terror in der Vergangenheit nie als Absurdität oder Pathologie betrachtet wurde. Ein Beispiel hierfür ist Wera Sassulitsch, die eine moralisch begründete Terroristin war. Sie war die einzige Person in der Weltgeschichte, die eine Freundin von Marx und von Lenin war. Als sie erfahren hatte, dass der Polizeichef Trepov eine Studentin gepeitscht hatte, hat sie ihn mit einem Revolver erschossen. Niemand in der Bewegung war dagegen. Das war die natürliche Reaktion eines moralischen Wesens, das sich gegen die Gewalt der Ausbeuter, gegen hunderttausende von Polizisten und Militär richtete.

Gewalt ist also eine politische Wirklichkeit, das kann und soll man beurteilen wie jeden anderen Aspekt des politischen Lebens. Natürlich ist das extrem, natürlich ist das gefährlich, aber nicht gefährlicher als der Krieg.

In der Diskussion kommt immer wieder eine Denkfigur auf, nach der die Geschichte vielleicht doch eine Art Rolltreppe ist, vielleicht keine nach oben, aber zumindest gibt es irgendeine Bewegung, die garantiert, dass es weitergeht. Man müsse halt manchmal abwarten, bis der richtige Moment kommt. Das Wichtige sei, dass wir „erinnern und lernen“, und „Niederlagen sind nicht schlimm, solange wir daraus lernen“...

Dahmer: Die Niederlagen sind sehr schlimm, deshalb müssen wir daraus lernen.

Aber die Frage ist, was können wir aus 1968 lernen? Man kann sagen, dass die vorherigen gescheiterten Revolutionen – die bürgerliche Revolution 1848, die Pariser Kommune – für die Sozialisten ihrer Zeit irgendwelche Lehren bedeutet haben, und man hat zumindest geglaubt, diese Lehren in der nächsten Situation anwenden zu können. Haben wir die Lehren von 1968 anwenden können oder sind sie ohnehin schon erfüllt? Wenn nicht, was wären diese Lehren? Haben wir Antiautoritarismus gelernt?

Tamás: Ich glaube, dass eine Tradition der Arbeiterbewegung sehr wichtig wäre. Die moderne sozialistische Arbeiterbewegung war die erste in der Weltgeschichte, die es geschafft hat, dass eine subalterne Klasse eine Hochkultur hat. Die alte Bauernschaft hatte Folklore, Volksgedichte, Volkslieder und Mythen, aber die moderne Arbeiterklasse hat Philosophie, Ökonomie, Soziologie, Literatur und (Avantgarde-)Kunst. Die Arbeiterparteien und die Arbeiterbewegung haben es geschafft, dass es das erste Mal in der Weltgeschichte als Vorbereitung der Befreiung eine Hochkultur für das Volk gab. Das ist einmalig, und das haben wir zeitweise verloren. Meine Gegenfrage ist: Wie kann so etwas wieder geschaffen werden, wenn Hochkultur jetzt isolierter ist als im 19. Jahrhundert und die große Masse der Werktätigen dieser kommerzialisierten Popkultur, die Sie alle zu gut kennen, ausgeliefert ist?

Genner: Man kann von 1968 lernen, dass es geht, wenn man nur will. In den Jahren vor 1968 schien es so, als wäre eine linke Revolution geradezu unmöglich. Es gab den Kalten Krieg, die Sozialpartnerschaft und keine Linke weit und breit. Sie ist aber entstanden und zwar aus Aktionen kleiner, bewusst handelnder Gruppen, und sie war erfolgreich.

Auf jeden Höhepunkt einer Bewegung folgen wieder der Abschwung und der nächste Höhepunkt. Ich habe den Glauben an das letzte Gefecht – an die sozialistische Endzeit – verloren, aber ich glaube an den Kampf. Ich glaube an den ständigen, permanenten Kampf für Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit. Den führen wir heute – jeder auf seinem Platz – so gut wir es können, mit vielen Niederlagen und manchen Siegen. Eines Tages kann wieder der weltgeschichtliche Moment kommen, in dem der revolutionäre Gedanke und die revolutionäre Tat sich verbinden und die Massen ergreifen. Diesen Moment müssen wir dann aber nutzen. Wir müssen die Situation erkennen und dürfen die Chance nicht vorübergehen lassen. Das kann plötzlich geschehen, das kann in irgendeiner kleinen Gasse in einem kleinen Ort in Niederösterreich seinen Ausgangspunkt nehmen oder mitten in Wien – wir wissen es nicht. Es kann übergreifen auf Ungarn, kann übergreifen auf Polen, auf Deutschland und überall hin – rascher, als die Herrschenden denken.

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