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Ein Gespräch mit Vlad von der marxistischen Gruppe KyrgSoc (КыргСоц) über das Erbe der Sowjetunion in Zentralasien und daraus resultierende Herausforderungen für die kirgisische Linke.

Für Luxemburg lag das Wesen des Sozialismus in der Verbindung von „revolutionärer Tatkraft und weitherzigster Menschlichkeit“.1 Sie hat der Linken für das 20. Jahrhundert eine Aufgabe hinterlassen gehabt, an der diese scheiterte: die Einheit von Sozialismus und Demokratie. Dafür gibt es viele Ursachen. Ich will nur auf eine einzige Ursache eingehen – es ist das Verständnis von Sozialismus und von Demokratie, mit dem die marxistische Linke in das 20. Jahrhundert gegangen ist.

1) Das Erbe der russischen Revolution 1917

Vortrag mit anschließender Diskussion

Zeit: Montag, den 30.05 ab 18 Uhr

Ort: PEG 1.G 107 (Campus Westend)

Die Oktoberrevolution ist wahrscheinlich das umstrittenste Ereignis der Weltgeschichte. Innerhalb der Linken wie im politischen Mainstream einerseits verteufelt, andererseits glorifiziert, spaltet, verwirrt und transformiert das Jahr 1917 und seine Auswirkungen die politischen Ideologien des 19. Jahrhunderts: Liberalismus, Sozialismus und Anarchismus. Gleichzeitig diagnostizieren Denker und Politiker wie Lenin, Luxemburg und Trotzki eine tiefgreifende Krise des Marxismus, der sich bis dahin in der zweiten Internationale als kritische – treibende und notwendige – Kraft des Sozialismus verstanden hatte. Der scheinbare, vergiftete Sieg der Arbeiterklasse im Oktober 1917 ist das einzige Mal in der Geschichte der Menschheit, dass eine unterdrückte Klasse die Macht in einem Staat erobert hat. Welche Bedeutung hat die Revolution heute?

2) Rosa Luxemburg und die deutsche Revolution 1918

Vortrag mit anschließender Diskussion

Zeit: Montag, den 13.06 ab 18 Uhr

Ort: PEG 1.G 107 (Campus Westend)

Die Bedeutung der Novemberrevolution in Deutschland liegt in ihrem uneingelösten Potential, d.h. nicht in ihrem tatsächlichen Verlauf, sondern in dem was nicht geschah. Ihre Geschichte wurde so zum Gegenstand zahlloser Interpretationen, besonders jedoch als Gegenstück zur Oktoberrevolution in Russland 1917. Die Intentionen hinter dieser Gegenüberstellung sind jedoch ganz unterschiedliche. Analog dazu verläuft die Rezeption von Rosa Luxemburg, bspw. als Gegenspielerin Lenins. Die Frage nach dem Erbe der Novemberrevolution und dem von Rosa Luxemburg stellt sich anders als bei der Oktoberrevolution, denn sie stehen nicht für einen triumphalen Sieg, sondern für eine grausame Niederlage.

Durch die Lektüre von bedeutenden Texten der Hochphase des Marxismus in der 2. Internationalen und ihrer Krise im 20. Jahrhundert betrachten wir das Problem des Bewusstseins dieser Geschichte und ihrer politischen Implikationen für die Gegenwart. Die Textauswahl beinhaltet Schriften von Luxemburg, Lenin und Trotzki, die philosophische Reflexion des Marxismus von Lukács und Korsch und ihre Auswirkungen auf die Kritische Theorie von Benjamin, Horkheimer und Adorno.

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Grafik: Armin Schroetter

Der Marxismus nach dem Tod von Marx und Engels erfährt mit dem rasanten Wachstum der Arbeiterbewegung und der Entstehung der zweiten Internationale den Charakter einer politi­schen Massenbewegung, die sich in alle Teile der Welt verbreitet. Wir möchten im ersten Teil des Lesekreises genauer betrachten, worin der berühmt-berüchtigte Marxismus der Arbeiterbe­wegung bestanden und welche Krise ihn vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges erfasst hat. Der Kampf gegen diese “Krise des Marxismus” hat mit der Oktoberrevolution und der deutschen Arbeiterrevolution von 1918-19 einen welthistorischen Maßstab erreicht, der die Hoffnungen und Katastrophen des zwan­zigsten Jahrhunderts vorbereitete. Was war das Ziel der 1917 eingeleiteten internationalen Revolution und wie ist diese gescheitert? Welche politischen und ideologischen Konsequenzen folgten daraus?

Um diese Fragen näher zu beleuchten, werden wir uns in der zweiten Hälfte des Semesters mit den Reflexionen dieser Entwicklungen beschäftigen, wie sie von zentralen Figuren der Frankfurter Schule entwickelt wurden. Mit Lukács, Benjamin, Horkheimer und Adorno werden wir die Spannung, Kontinuität und Differenz zu den Vertretern der klassischen Periode des Marxismus entwickeln und uns somit ein bedeutendes Instrumentarium zum Verständnis der gegenwärtigen Welt anzueignen suchen. Das problematische Verhältnis von Theorie und Pra­xis im Marxismus und seiner Entwicklung hat die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts entschei­dend geprägt und hinterlässt ihre Narben bis in die Gegenwart. Mit der Erforschung dieses Verhältnisses möchten wir Aufschluss darüber erhalten, wie die Vergangenheit unsere eigene Imagination der Zukunft in Bann hält.

Die Texte werden im Voraus gelesen und dann zusammen diskutiert. Neueinsteiger:innen sind jederzeit herzlich willkommen! Es werden keine Vorkenntnisse benötigt.

Wir bieten zwei alternative Termine für den Lesekreis an, kommt einfach zu dem, der euch besser in den Kram passt. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Dienstags: 19 - 22 Uhr, im Liebknecht-Haus, Braustraße 15, 04107 Leipzig.

Donnerstags: 18 - 21 Uhr, Bibliotheca Albertina, Gruppenraum D (3. OG Ost), Beethovenstraße 6, 04107 Leipzig.

Ort & Uhrzeit des Donnerstag-Lesekreises können sich gegebenenfalls über das Semester ändern. Wenn dem so sein sollte, informieren wir darüber hier und auf Facebook.

vorausgesetzte Texte
+ zusätzlich, empfohlene Texte

Empfohlene Vorbereitungs- und Hintergrundliteratur:

+ Edmund Wilson: „To the Finland Station: A Study in the Writing and Acting of History“ (1940), Part II. Ch. (1–4,) 5–10, 12–16; Part III. Ch. 1–6
+ Carl Schorske, The SPD 1905-17: The Development of the Great Schism (1955)
+ Leszek Kolakowski: „Der Sinn des Begriffes ‘Linke’” (1958)
+ J.P. Nettl, Rosa Luxemburg (1966) [Vol. 1] [Vol. 2]
+ James Joll: „The Second International 1889–1914“ (1966)
+ Sebastian Haffner: “Die deutsche Revolution 1918/19” (1968)
+ Richard Appignanesi und Oscar Zarate / A&Z: “Lenin für Anfänger” (1977)
+ Tariq Ali und Phil Evans: „Trotzki für Anfänger“ (1980)

Sitzungen:

1. Woche: Revolutionäre Führung | 19.04.2022

Rosa Luxemburg, „Die ‚Junius-Broschüre‘ / Krise der Sozialdemokratie“ Teil I. (1916)
• J. P. Nettl, “The German Social Democratic Party 1890–1914 as a Political Model” (1965)
• Cliff Slaughter, “What is Revolutionary Leadership?” (1960)

2. Woche: Reform oder Revolution? | 26/28.04.2022

• Luxemburg, „Sozialreform oder Revolution“ (1899)
+ Eugene Debs, “Competition vs. Cooperation” (1900)

3. Woche: Lenin und die Avantgardepartei | Kalenderwoche 18

• Spartakist-Broschüre, Lenin und die Avantgardepartei (1978)
+ Richard Appignanesi und Oscar Zarate / A&Z: “Lenin für Anfänger” (1977)

4. Woche: Was tun? | KW19

• W. I. Lenin, „Was tun?“ (1902)
+ Richard Appignanesi und Oscar Zarate / A&Z: “Lenin für Anfänger” (1977)

5. Woche: Massenstreik und Sozialdemokratie | KW20

• Luxemburg, „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ (1906)
+ Luxemburg, „Blanquismus und Sozialdemokratie“ (1906)

6. Woche: Permanente Revolution | KW21

• Leo Trotzki, „Ergebnisse und Perspektiven“ (1906)
+ Tariq Ali und Phil Evans: „Trotzki für Anfänger“ (1980)

7. Woche: Staat und Revolution | KW22

• Lenin, „Staat und Revolution“ (1917)

8. Woche: Imperialismus | KW23

“Es ist die Sache der Bourgeoisie, die Trusts zu fördern, Kinder und Frauen in die Fabriken zu jagen, sie dort zu martern, zu korrumpieren, unsäglichem Elend preiszugeben. Wir „unterstützen“ diese Entwicklung nicht, wir „fordern“ so etwas nicht, wir kämpfen dagegen. Aber wie kämpfen wir? Wir erklären, die Trusts und die Fabrikarbeit der Frauen sind progressiv. Wir wollen nicht zurück, zum Handwerk, zum vormonopolistischen Kapitalismus, zur Hausarbeit der Frauen. Vorwärts über die Trusts usw. hinaus und durch sie zum Sozialismus.”

Lenin: Das Militärprogramm der proletarischen Revolution (1916)

• Lenin, „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (1916)
+ Lenin, „Sozialismus und Krieg“ (1915)

9. Woche: Scheitern der Revolution | KW24

• Luxemburg, „Was will der Spartakusbund?“ (1918)
• Luxemburg, „Unser Programm und die politische Situation“ (1918)
+ Luxemburg, „Die Sozialisierung der Gesellschaft“ (1918)
+ Luxemburg, „Die russische Tragödie“ (1918)
+ Luxemburg, „Die Ordnung herrscht in Berlin“ (1919)
+ Eugene Debs, “The Day of the People” (1919)
+ Sebastian Haffner: „Die deutsche Revolution 1918/19“ (1968) [engl. PDF]

10. Woche: Rückzug nach der Revolution | KW25

• Lenin, „Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ (1920)
+ Lenin, „Notizen eines Publizisten“ (1922/24)

11. Woche: Dialektik der Verdinglichung | KW26

• Georg Lukács, „Der Standpunkt des Proletariats“ (= Teil III. des Kapitels „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“) in Geschichte und Klassenbewusstsein (1923)
Being and becoming (freedom in transformation) / immanent dialectical critique chart of terms
Commodity form chart of terms
Capitalist contradiction chart of terms + Organic composition of capital chart of terms
Reification chart of terms
+ Lukács, „Das Phänomen der Verdinglichung“ (Teil I des Kapitels „Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats“, in Geschichte und Klassenbewusstsein (1923)

12. Woche: Lehren des Oktobers | KW27

• Trotzki, „1917 – Die Lehren des Oktobers“ (1924)
Trotzki, „Bolschewismus und Stalinismus“ (1937)

13. Woche: Trotzkismus | KW28

+ Trotzki, “To Build Communist Parties and an International Anew” (1933)
+ Trotzki, „Wenn Amerika kommunistisch würde“ (1934)
• Trotzki, „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der 4. Internationale“ (Das Übergangsprogramm) (1938)
+ Trotzki, „Die Gewerkschaften in der Epoche des imperialistischen Niedergangs“ (1940)
+ Trotzki, „Brief an James P. Cannon“ (1939)

14. Woche: Der autoritäre Staat | KW29

• Friedrich Pollock, „Staatskapitalismus“ (1941)
• Max Horkheimer, „Autoritärer Staat“ (1940/1942)
Capitalist contradiction chart of terms 

15. Woche: Über den Begriff der Geschichte | KW30

• Epigraphe von Louis Menand (on Edmund Wilson) und Peter Preuss (on Nietzsche) über das moderne Konzept von Geschichte
+ Charles Baudelaire, from Fusées [Rockets] (1867)
+ Bertolt Brecht, „An die Nachgeborenen“ (1939)
+ Walter Benjamin, „Zum Planetarium“ (aus: Einbahnstraße, 1928)
+ Benjamin, „Feuermelder“ (aus: Einbahnstraße, 1928)
+ Benjamin, „Erfahrung und Armut“ (1933)
+ Benjamin, Theologisch-politisches Fragment (1921/39?)
Benjamin on history chart of terms
• Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“ (1940)
• Benjamin, „Paralipomena zu den Thesen Über den Begriff der Geschichte“ (1940)
+ Benjamin, Das Passagen-Werk Konvolut N, „Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts“ (v. a. S. 588 f.)
Being and becoming (freedom in transformation) / immanent dialectical critique chart of terms

16. Woche: Reflexionen über den Marxismus | KW31

Capital in history timeline and chart of terms
Benjamin on history chart of terms
• Theodor Adorno, „Reflexionen zur Klassentheorie“ (1942)
• Adorno, „Ausschweifung“ (Anhang Minima Moralia) (1944–47)
Being and becoming (freedom in transformation) / immanent dialectical critique chart of terms
+ Adorno, „Zueignung“, „Vermächtnis“, „Vor Mißbrauch wird gewarnt“ und „Zum Ende“ aus Minima Moralia (1944-47)
+ Horkheimer und Adorno, Diskussion über Theorie und Praxis (1956)

17. Woche: Theorie und Praxis | KW32

+ Adorno, „Zu Subjekt und Objekt“ (1969)
Commodity form chart of terms
Reification chart of terms
Capitalist contradiction chart of terms
Adorno's critique of actionism chart of terms
• Adorno, „Marginalien zu Theorie und Praxis“ (1969)
• Adorno, „Resignation“ (1969)
Being and becoming (freedom in transformation) / immanent dialectical critique chart of terms
+ Adorno, „Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?“ (1968) [Audio]
Organic composition of capital chart of terms
+ Esther Leslie, Introduction to the 1969 Adorno-Marcuse correspondence (1999)
+ Adorno und Herbert Marcuse, „Briefwechsel über die Neue Linke“ [Dokumente Nr. 300, 313, 322, 336, 338, 340 & 349] (1969)
+ Der Spiegel, Interview mit T. W. Adorno: „Keine Angst vor dem Elfenbeinturm“ (1969)