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In previous articles I have addressed the Presidential campaign of Barack Obama in terms of the historical precedents of MLK, Jr. and JFK. Now I wish to address the final and perhaps most important but problematic comparison that might be available, FDR. MLK, Jr., JFK and FDR span the political imagination of the preceding generation, the “baby-boomers” who came of age in the 1960s, the time of the “New Left.”
I want to speak about the meaning of history for any purportedly Marxian Left. We in Platypus focus on the history of the Left because we think that the narrative one tells about this history is in fact one’s theory of the present. Implicitly or explicitly, in one’s conception of the history of the Left, is an account of how the present came to be. By focusing on the history of the Left, or, by adopting a Left-centric view of history, we hypothesize that the most important determinations of the present are the result of what th
Barack Obama had, until recently, made his campaign for President of the United States a referendum on the invasion and occupation of Iraq. In the Democratic Party primaries, Obama attacked Hillary Clinton for her vote in favor of the invasion. Among Republican contenders, John McCain went out of his way to appear as the candidate most supportive of the Bush administration’s policy in Iraq.

Chris Cutrone

Platypus Review 7 | October 2008

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Der folgende Beitrag wurde auf der Diskussions-veranstaltung des Marxist-Humanist Committee mit dem Titel

The Crisis in Marxist Thought vorgetragen, die von der Platypus Affiliated Society am 25. Juli 2008 in Chicago veranstaltet wurde.

Ich möchte über die Bedeutung der Geschichte für jede selbsternannte marxistische Linke sprechen.

In Platypus fokussieren wir uns auf die Geschichte der Linken, weil wir glauben, dass das Narrativ, das über diese Geschichte erzählt wird, eigentlich eine Theorie der Gegenwart darstellt. Ob implizit oder explizit: In der Auffassung der Geschichte der Linken steckt eine Interpretation darüber, wie die Gegenwart entstanden ist. Indem wir uns auf die Geschichte der Linken fokussieren, bzw. die Linke ins Zentrum unserer Geschichtsbetrachtung stellen, gehen wir von der Hypothese aus, dass die wichtigsten Bestimmungen der Gegenwart das Resultat dessen sind, was die Linke in der Geschichte geleistet hat - und umgekehrt, was sie nicht zu leisten imstande war.

In diesem Vortrag werde ich mich auf einen umfassenden Rahmen beschränken, der die Frage und das Problem des Kapitals in der Geschichte in einem weiten Kontext behandelt. Vor diesem Hintergrund müssen die Probleme verstanden werden, denen die Linke, genauer, die selbsternannte marxistische Linke, gegenübersteht.

Ich werde mich dabei nicht so sehr auf spezielle Aspekte fokussieren, die die verschiedenen Phasen und Etappen des Kapitals selbst zum Gegenstand haben und bei Platypus Beachtung finden – zum Beispiel der Behauptung, dass die 1960er Jahre in keiner Weise eine Verbesserung, sondern im Gegenteil, einen profunden Rückschritt der Linken darstellen. Ich werde auch unsere These nicht weiter ausführen, dass unsere Gegenwart durch mindestens drei Generationen des Verfalls und der Regression auf der Linken gezeichnet ist: die erste, in den 1930er Jahren, war tragisch; die zweite, in den 1960er Jahren, war eine Farce; die dritte, in den 1990er Jahren, war sterilisierend.

Hier genügt es wohl aufzuzeigen, dass für Platypus die Erkenntnis dieser Regression und die Versuche, ihre Bedeutung und ihre Ursachen zu verstehen, unser wichtigster Ausgangspunkt ist. Das Thema dieses Vortrags sind die allerwesentlichsten Voraussetzungen und Implikationen unseres Verständnisses von Regression.

Der Kürze wegen werde ich im Verlauf des Vortrags nicht explizit zitieren. Ich möchte allerdings an dieser Stelle darauf verweisen, dass ich für die folgende Behandlung einer potentiellen marxistischen Geschichtsphilosophie folgenden Personen verpflichtet bin: von Marx und Engels selbst über Rosa Luxemburg, Lenin und Trotzki; des Weiteren Georg Lukács, Karl Korsch, Walter Benjamin, Theodor Adorno; und nicht zuletzt dem marxistischen Gelehrten Moishe Postone. Außerdem werde ich in den folgenden Ausführungen im Dialog mit Hegel stehen, der die philosophische Geschichte als die Geschichte der Entwicklung der Freiheit verstanden hat. – Für Hegel ist die Geschichte nur in dem Maße bedeutsam, in dem sie die Geschichte der Freiheit ist.

Das Kapital als gesellschaftlicher Zusammenhang  ist vollkommen beispiellos in der Geschichte der Menschheit. Aus diesem Grund ist jeglicher Kampf für Emanzipation, der über das Kapital hinausweist, ebenso beispiellos. Doch auch wenn es damit eine Verbindung zwischen der Beispiellosigkeit der Entstehung des Kapitals in Geschichte und dem Kampf, über es hinauszugehen, gibt, muss betont werden, dass diese Verbindung höchst irreführend sein kann, wenn sie zu einer falschen Gleichsetzung zwischen dem Übergang in das moderne Kapitalverhältnis und innerhalb verschiedener Perioden seiner Transformation einerseits, und eines potentiellen Übergangs über das Kapital hinaus führt. Die Revolte des Dritten Stands, die die immer noch anhaltende und niemals vollständig erschöpfte moderne Geschichte bürgerlich-demokratischer Revolutionen einläutete, bietet die Grundlage für die – aus einer marxistischen Perspektive – heute potentiell obsolete soziale Form dieser Politik und stellt gleichzeitig die Bedingungen her, unter denen proletarisch-sozialistische Politik ihren Ausgangspunkt hat, um über das Kapital hinauszugehen.

Hegel war, als Philosoph der Zeit der letzten großen bürgerlich-demokratischen Revolution, die die Entstehung des modernen Kapitals markiert: der großen Französischen Revolution von 1789, aus diesem Grund ein Theoretiker der Revolte des Dritten Stands. Marx hingegen kam später als Hegel, nämlich nach dem Beginn der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, und stand daher Problemen gegenüber, die Hegel noch nicht kennen konnte.

Von Marxisten wurde oft verkündet, aber nicht vollkommen verstanden, dass Marx die historische Mission des klassenbewussten Proletariats erkannt hat, den Kapitalismus zu überwinden und somit die Klassengesellschaft abzuschaffen. Traditionellerweise bedeutete dies – wie paradox auch immer – entweder das Ende der Vorgeschichte oder den Anbeginn der wahren Geschichte der Menschheit. – In einem gewissen Sinne war diese Dualität der Möglichkeit eines Endes und eines wahren Beginns eine Antwort auf die rechtshegelianische Vorstellung eines “Endes der Geschichte”, das von Apologeten des Kapitals als die beste aller möglichen Welten angesehen wird.

Bekanntlich haben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest behauptet, dass alle bisherige Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen gewesen ist; Engels hat dies später in einer klugen Fußnote als “alle geschriebene Geschichte” spezifiziert. Daraus können wir schließen, dass Engels die Geschichte der Zivilisationen meinte; die Geschichte als Klassenkampf trifft zum Beispiel nicht zu für menschliche Geschichte oder soziales Leben vor der Formation von Klassen – also die Zeit des angeblichen “primitiven Kommunismus”. Später, im Jahre 1942 (in den “Reflexionen zur Klassentheorie”), schrieb Adorno, Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte von 1940 folgend, dass eine solche Konzeption Marx’ und Engels’ von der Geschichte als der Geschichte von Klassenkämpfen in Wirklichkeit eine Kritik aller Geschichte, eine Kritik der Geschichte selbst war.

Inwiefern also hat die Kritik der Geschichte eine Bedeutung für die Kritik des Kapitals? Das alltägliche Verständnis des Kapitalismus als eines Problems von Ausbeutung ist unzureichend, da es in diesem Rahmen unmöglich wird, das Kapital von anderen Formen der Zivilisation zu unterscheiden. Was im Zeitalter des Kapitals neu ist, ist gesellschaftliche Herrschaft, die sowohl logisch als auch historisch, strukturell und empirisch von Ausbeutung getrennt werden muss und nicht auf diese zu reduzieren ist. Gesellschaftliche Herrschaft bedeutet die Herrschaft des Kapitals über die Gesellschaft. Dies ist es, was neu am Kapital in der Geschichte der Zivilisation ist: vorherige Formen der Zivilisation kannten unverhohlene Ausbeutung bestimmter sozialer Gruppen durch andere, kannten jedoch keine soziale Dynamik, der alle sozialen Gruppen – alle Aspekte der gesamten Gesellschaft – unterworfen sind, welche Marx am Kapital erkannte.

Wir müssen also eine erste Trennlinie vor ca. 10.000 Jahren ansetzen, mit dem Ursprung  von Zivilisation und Klassengesellschaft, als die große Revolution der Agrikultur des Neolithikums begann und die Menschen aufhörten, als Nomaden zu leben. Aus Jägern und Sammlern wurden sesshafte Ackerbauern. Die vorherrschende Lebensweise der Menschheit änderte sich vom Wildbeuter zum Bauern und blieb dies für den Großteil der Geschichte seither.

Vor einigen hundert Jahren aber bahnte sich eine ähnlich profunde Transformation an. Die Lebensweise vom ländlichen Bauern veränderte sich zum städtischen Arbeiter: Lohnabhängiger, Manufaktur- und Industrieproduzent.

Näher betrachtet manifestierten sich bestimmte Aspekte der „bürgerlichen“ Gesellschaft und Epoche der Zivilisation durch die industrielle Revolution im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert und warfen ein neues Licht auf die Geschichte der Entstehung der Moderne. Anstatt ein „Ende der Geschichte“ zu erreichen, wie bürgerliche Denker bis dahin annahmen, erlebte das moderne gesellschaftliche Leben eine tiefgreifende  Krise, die den Übergang von der Bauern- zur Arbeitsgesellschaft fundamental problematisierte.

Mit Marx kam im 19. Jahrhundert die Einsicht, dass die bürgerliche Gesellschaft, zusammen mit all ihren Kategorien von Subjektivität, inklusive der Verwertung von Arbeitskraft, selbst ein Durchgangsstadium sein könnte; dass das Endziel der Menschheit vielleicht nicht im produktiven Individuum bürgerlicher Theorie und Praxis gefunden ist, sondern dass diese Gesellschaftsform selbst über sich hinausweist – in Richtung einer potentiellen qualitativen Veränderung, die mindestens genauso fundamental ist wie jene, die die bäuerliche Lebensweise von der städtisch „proletarischen“ getrennt hat. In der Tat, eine Veränderung in einer ähnlichen Dimension wie die neolithische Revolution, die die Jäger-und-Sammler-Gesellschaft vor 10.000 Jahren beendet hat; also sogar profunder als diejenige, die die moderne von traditioneller Gesellschaft trennt.

In der gleichen Zeit als diese moderne, bürgerliche Gesellschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts voll in Fahrt kam, begann ihre Krise, und ein neues, noch nie dagewesenes geschichtliches Phänomen manifestierte sich im politischen Leben: die „Linke.“ – Wenn auch frühere Formen der Politik sicherlich viele Werte erschütterten, so geschah dies hier nicht im Zeichen von gesellschaftlichem „Fortschritt“, der zum Wahrzeichen der Linken wurde.

Die industrielle Revolution des frühen 19. Jahrhunderts, die Einführung von Maschinenproduktion, wurde von optimistischen und berauschenden sozialistischen Utopien begleitet, die diesen neuen Entwicklungen entstammten und fantastische Möglichkeiten anzeigten, wie in den Vorstellungen unter anderem Fouriers oder Saint-Simons.

Marx betrachtete bereits die Ära des „bürgerlichen Rechts“ und „Privateigentums“ als auf der gesellschaftlichen Konstituierung und Vermittlung von Arbeitskraft fußend, aus der das Privateigentum abgeleitet wurde. Er fragte, ob der Verlauf dieser Gesellschaft, von den Aufständen des Dritten Standes und der Manufakturepoche im 18. Jahrhundert bis hin zur industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, die Möglichkeit einer weiteren Entwicklung anzeigte.

Mitten in den dramatischen sozialen Veränderungen im 19. Jahrhundert, in denen, wie Marx im Kommunistischen Manifest schrieb, „alles Ständische und Stehende verdampft“, hat er bereits im Jahre 1843 die künftige Proletarisierung der Gesellschaft prognostiziert und gefragt, ob und wie die proletarisierte Menschheit sich selbst aus diesem Zustand befreien kann; ob und wie, und mit welcher Notwendigkeit, das Proletariat sich selbst „aufheben“ könnte. Schon in den Pariser Manuskripten von 1844 hat Marx festgestellt, dass der Sozialismus (von Proudhon und anderen) selbst symptomatisch für das Kapital ist: Proletarische Arbeit war konstitutiv für das Kapital, wodurch ihre Politik ein Symptom dessen ist, dass die Gesellschaft, die sich durch das Kapital erhält und erzeugt, selbst einen vorübergehenden Charakter haben könnte; also über sich selbst hinausweist. – Dies war Marx’ grundlegendster Ausgangspunkt: dass die Proletarisierung ein substantielles soziales Problem war und nicht nur im Verhältnis zur Bourgeoisie existiert, und dass die Proletarisierung der Gesellschaft nicht die Aufhebung des Kapitals war, sondern seine vollständige Verwirklichung, und dass dies – die proletarisierte Gesellschaft des Kapitals – über sich selbst hinausweist.

Daher wurde mit Marx die Philosophie der Geschichte der Linken geboren. Denn Marx war, mehr denn Sozialist oder Kommunist zu sein, ein Denker, der sich selbst damit beauftragte, die Bedeutung des Auftretens des proletarischen Sozialismus in der Geschichte zu verstehen. Er war nicht einfach der beste oder konsequenteste Sozialist, sondern der historisch, daher auch kritisch, am meisten sich selbst-bewusste. Durch „wissenschaftlichen“ Sozialismus wollte Marx eine Form von Wissen ausarbeiten, die um ihre eigene Bedingung der Möglichkeit weiß.

Daher ist es für eine Hegelianische und Marxsche Klärung der Spezifität des modernen Problems gesellschaftlicher Freiheit zentral, dass die Linke sich nicht soziologisch definiert, sei es sozioökonomisch durch Klassenzugehörigkeit oder durch ein Prinzip von Gemeinschaftlichkeit gegenüber Individualismus usw., sondern durch Bewusstsein – durch historisches Bewusstsein, um genau zu sein.

Denn seit Marx ist es Bewusstsein von Geschichte und geschichtlichen Bedingungen und Möglichkeiten, egal wie vermeintlich utopisch oder obskur sie auch sein mögen, das die Linke von der Rechten unterscheidet, und nicht der Kampf  gegen Unterdrückung – den die moderne Rechte ebenfalls für sich beansprucht. Die Rechte repräsentiert nicht die Vergangenheit, sondern die Verneinung von Möglichkeiten in der Gegenwart.

Aus diesem Grund ist es für uns wichtig, Regression (und ihr Potential) zu erkennen, die die Möglichkeiten linker Theorie und Praxis zunichte macht, weil die Linke geschichtliches Bewusstsein für die Unmittelbarkeit des Kampfes gegen Unterdrückung eingetauscht hat.

Marx’ Kritik am symptomatischen Sozialismus eines Proudhon, Lassalle, Bakunin etc., bis zu seinen Unterstützern in der neuen sozialdemokratischen Partei und deren Gothaer Programm (sowie Engels darauffolgende Kritik am Erfurter Programm) zielte darauf ab, die Marxsche Vision aufrecht zu erhalten, die mit dem Möglichkeitshorizont einer nach-kapitalistischen und nach-proletarischen Gesellschaft korrespondiert.

Unglücklicherweise fiel schon während Marx’ Lebenszeit die Form der Politik, die er beflügeln wollte,  weit hinter das Niveau seines essentiellen Geschichtsbewusstseins zurück. Und der Großteil dieser Regression fand unter dem Namen „Marxismus“ statt. Die gesamte Geschichte des Marxismus seither – von den Disputen mit den Anarchisten in der ersten Internationalen Arbeiterassoziation, den Auseinandersetzungen innerhalb der zweiten sozialistischen Internationale, zu den darauf folgenden Spaltungen innerhalb der marxistischen Arbeiterbewegung und den Bolschewisten in der dritten kommunistischen Internationale und der trotzkistischen Vierten Internationale – stellt den manchmal heroischen, rückblickend aber meist tragischen Versuch dar, etwas von Marx’ grundlegendem Ausgangspunkt eines modernen proletarischen Sozialismus zu erhalten oder wiederzuerkämpfen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts regredierte die Entwicklung so weit hinter das ursprüngliche Marxsche Selbstbewusstsein, dass der Marxismus selbst zur affirmativen Ideologie industrieller Gesellschaft wurde. Das Bewusstsein der Möglichkeit einer nach-kapitalistischen Gesellschaft verschwamm und fand nur noch stumpfsinnig einen Ausdruck in verschiedenen wiederkehrenden utopischen Ideologien – in der neuesten Entwicklung mit der Hegemonie „anarchistischer“ Ideologien und romantischer Ablehnungen der Moderne.

Über diese Krise und das Vergessen eines spezifisch Marxschen Ansatzpunktes hinaus, ist die „Linke“ selbst – deren Bedeutung Hegel und Marx philosophisch festzuhalten versuchten – nahezu vollständig verschwunden. Die gegenwärtige Unfähigkeit, zwischen konservativ-reaktionären und progressiv-emanzipatorischen Antworten auf Probleme der kapitalistischen Gesellschaft zu unterscheiden, ist untrennbar mit dem Niedergang und Verschwinden einer sozialen Bewegung für proletarischen Sozialismus verbunden, um deren adäquates und provokantes Selbstbewusstsein Marx sich während der Zeit ihres Entstehens bemühte.

Während die erkennbaren Möglichkeiten einer Überwindung des Kapitals auf der einen Seite näherkommen, scheinen sie sich paradoxerweise auf andere Weise in die Unmöglichkeit zurückzuziehen, wie Lukács, in der Nachfolge von Luxemburg und Lenin, bereits vor einem Jahrhundert hervorgehoben hat. Können wir Luxemburgs früherer Einsicht in die Gefahren des Opportunismus Folge leisten, die stets mit  uns lebt – nicht als ein Betrug oder ein In-Ungnade-Fallen, sondern als ein Ausdruck einer sehr realen Angst vor den Risiken, die den Versuch begleiten, die Welt über das Kapital hinaus zu treiben?

Schlimmer noch (und in der Gegenwart gefährlicher als der „Opportunismus“): Mit der extremen Erschwernis, wenn nicht der vollständigen Zersetzung unserer Möglichkeiten, das Kapital durch Klassenpolitik zu verstehen und zu transformieren, geht die Erschwernis eines Verständnisses unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit einher (von adäquatem Begreifen ganz zu schweigen).

Haben wir es auf der anderen Seite in der Auseinandersetzung mit Marxschem Sozialismus mit einer „Utopie“ zu tun? – Und, wenn ja, was heißt das? Was ist die Bedeutung unseres „utopischen“ Sinnes für menschliches Potential jenseits von Kapital und proletarisierter Arbeit? Ist es lediglich ein Traum?

Marx begann mit dem utopischen Sozialismus und endete mit der einflussreichsten, wenn auch am eindrucksvollsten scheiternden, politischen Ideologie des „wissenschaftlichen Sozialismus“. Gleichzeitig gab uns Marx ein scharfsinniges und entscheidendes Gerüst, um die Gründe zu verstehen, warum in den letzten 200 Jahren die aufwühlendsten und zerstörerischsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte stattgefunden haben – warum diese Epoche so viel versprochen und doch so bitter enttäuscht hat.  Die letzten 200 Jahre haben mehr und wichtigere Umwälzungen erlebt als die letzten Jahrtausende. Marx hat versucht, die Gründe dafür zu verstehen. Andere haben den Unterschied übersehen und versucht, die moderne Geschichte mit der Vormoderne gleichzusetzen (zum Beispiel in den postmodernen Illusionen eines endlosen Mittelalters wie in Bruno Latours Buch Wir sind nie modern gewesen).

Was würde es bedeuten, im Marxschen Projekt zuallererst eine Erkenntnis der Geschichte der Moderne tout court als einer Geschichte der Pathologie des Überganges zu sehen: von der Klassengesellschaft, die aus der agrikulturellen Revolution vor 10.000 Jahren hervorgegangen ist und den auf einer wesentlich bäuerlichen Lebensweise beruhenden Zivilisation, über die Herausbildung der Ware als Form der sozialen Vermittlung, zu der gegenwärtigen globalen, vom Kapital dominierten Zivilisation, bis hin zu einer Form der Humanität, die jenseits dessen liegt?

Bei Marx sind wir mit dem Selbstbewusstsein einer obskuren und mysteriösen historischen Aufgabe konfrontiert, deren theoretische Klärung nur durch eine transformative Praxis stattfinden kann – die Praxis des proletarischen Sozialismus. Diese Aufgabe wurde jedoch zugunsten von Kämpfen aufgegeben, die das Kapitalverhältnis im Wesentlichen rekonstituieren, und die allesamt versuchen, die Turbulenzen moderner Geschichte zu bewältigen. Diese Wiedereingliederung des Marxismus in die Ideologie, die charakteristisch für die Revolte des Dritten Standes ist, bedeutet den Verlust eines ganzen Horizontes von Möglichkeiten, der Marx motivierte und seinem Projekt Bedeutung und Dringlichkeit verlieh.

Können wir von Marx und den besten revolutionären Marxisten, die ihm folgten, lernen, die Formen der Unzufriedenheit in unserer pathologischen Gesellschaft als symptomatisch für und eng verbunden mit genau dem Problem anzusehen, gegen das sie sich richten? Können wir den Pseudo-Postkapitalismus und schlechten, reaktionären Utopismus vermeiden, die beide den gegenwärtigen Tod der Linken in Theorie und Praxis begleiten – und die Aufgaben, die uns von der Geschichte gegeben worden sind, bewahren und erfüllen? Können wir die Breite und Tiefe des Problems, das wir überwinden möchten, anerkennen, ohne in naive Wunschvorstellungen und ideologische Anbetung vollendeter Tatsachen zu verfallen; ohne Impulse zu rechtfertigen, die sich nur scheinbar dagegen richten und auf Kosten dessen gehen, was jenseits der Fallstricke des Leidens der Gegenwart liegt?

Wir brauchen dringend ein akutes Bewusstsein unserer historischen Epoche sowie unseres flüchtigen jetzigen Moments in ihr. – Wir müssten uns fragen, wie es um den gegenwärtigen Moment bestellt ist, der die Möglichkeit bieten mag, ein marxistisches soziales und politisches Bewusstsein umzusetzen, und wie wir es vorantreiben können, indem wir es wiedererlangen.

Die Pathologie unserer modernen, durchs Kapital vermittelten Gesellschaft – die proletarische Form des sozialen Lebens und seiner Selbstobjektivierungen sowie die neuen, historisch beispiellosen Formen der Menschheit, die sie ermöglicht – wird umso schlimmer, je länger die möglichen und notwendigen Schritte für den Kampf um Freiheit hinausgeschoben werden.

Die Pathologie wird schlimmer, nicht nur im Hinblick auf die verschiedenen beängstigenden Formen der Zerstörung von Humanität,  sondern auch – was  vielleicht bedeutender und irritierender ist – im Hinblick auf die manifeste Verschlechterung der sozialen Bedingungen und Kapazitäten für praktische Politik seitens der Linken, und unser verschlechtertes theoretisches Bewusstsein hiervon. Wenn es eine Krise und Auflösung der Marxschen Gedanken gab, so lag es daran, dass ihr fundamentalster Kontext und Ausgangspunkt, ein Bewusstsein des größeren historischen Moments, der Möglichkeit einer epochalen Veränderung, vergessen wurde, während wir nicht aufgehört haben, in demselben Moment zu leben, sondern nur den Blick auf seine Notwendigkeiten und Möglichkeiten verloren haben. Jegliche zukünftige emanzipatorische Politik muss ein solches Bewusstsein der vorübergehenden Natur der kapitalistischen Moderne wiedererlangen und die Gründe verstehen, warum wir einen solch hohen Preis zahlen, wenn wir diesen Umstand nicht erkennen. |P

Übersetzt von Markus Niedobitek und Jerzy Sobotta.

Mi propósito en esta charla es presentar una discusión sobre el significado de la historia para cualquier izquierda que se asuma marxista. En Platypus hacemos eje en la historia de la izquierda porque pensamos que la narrativa histórica que uno cuente no es otra cosa que una teoría del presente. Implicita o explicitamente, la concepción de la historia que se adopta constituye una toma de posición respecto de como el presente ha llegado a ser lo que es hoy. Al centrarnos en la historia de la izquierda, y al adoptar una perspectiva política cuyo eje es esta mirada izquierdista de la historia, estamos sosteniendo como hipótesis que las características determinantes de nuestro presente tal como lo conocemos son el resultado de lo que la izquierda ha hecho históricamente por acción u omisión.
Θέλω να μιλήσω για το νόημα της ιστορίας για κάθε Αριστερά που δηλώνει μαρξιστική. Εμείς στην οργάνωση Πλατύπους εστιάζουμε στην ιστορία της Αριστεράς επειδή πιστεύουμε ότι η αφήγηση καθενός για την ιστορία αυτή είναι στην πραγματικότητα η θεωρία του για το παρόν. Είτε ρητά είτε όχι, σε κάθε σύλληψη της ιστορίας της Αριστεράς υπάρχει μια αποτίμηση για τον τρόπο κατάληξης στο παρόν. Εστιάζοντας στην ιστορία της Αριστεράς ή υιοθετώντας μια αριστεροκεντρική άποψη τής ιστορίας, υποθέτουμε ότι οι πιο σημαντικοί προσδιορισμοί του παρόντος είναι αποτέλεσμα όσων η Αριστερά ιστορικά έκανε ή απέτυχε να κάνει.
The election of Barack Obama will be an event. But it has proven confusing for most on the “Left,” who claim to want to overcome anti-black racism and achieve social justice. Rejection of Obama on this basis has been as significant as the embrace of his candidacy. There is as much anxiety as hope stirred by Obama, especially regarding the significance of his blackness.
I would like to respond to Chris Cutrone’s article, "Review: Angela Davis 'How does change happen?'" from the March 2008 issue #3. I agree with Cutrone’s general sentiment that we as a country have failed to productively engage the problem of race, and that an honest critique of capitalism is pretty much absent from American politics. However, one does not necessarily follow the other. I disagree that a discussion of capitalism must necessarily displace a discussion of race, a term which Cutrone disrespectfully frames in quotation marks and describes as a “distraction” and “inadequate category.”
The new Mayday magazine (UK) and Platypus have been in dialogue on the issues of anarchism and Marxism and the state of the "Left" today in light of history. Principia Dialectica, another new British journal, also has taken note of Platypus, specifically with our interview of Moishe Postone on "Marx after Marxism". In their note of us, Principia Dialectica cites our interview with Postone to say that "Postone's reflections on Lukács are certainly bracing, and enough to challenge any cryogenically frozen leftoid stuck in 1917."
The following are excerpts from the transcript of a moderated panel discussion and audience Q&A on problems of strategies and tactics on the Left today, organized by the Platypus Affiliated Society. Panelists: Michael Albert (Z Magazine, author of Parecon: Life After Capitalism), Chris Cutrone (Platypus), Stephen Duncombe (Gallatin School of New York University, editor of Cultural Resistance Reader), Brian Holmes (Continental Drift and Université Tangente), and Marisa Holmes (new Students for a Democratic Society).