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Von Kautsky lernen heißt siegen lernen?

Ausgabe #39 | Mai/Juni 2026

Eine Rezension zu Ingar Soltys Buch „Karl Kautsky zur Einführung. Sozialismus und Klassenpartei“ von Johann Richter

Karl Kautsky, einst der wichtigste Theoretiker der II. Internationale, wird heute von der Linken fast völlig vergessen und von allen Seiten verschrien und verklärt. Man könnte meinen, Kautsky hat für die heutige Linke keine Relevanz mehr. Doch dagegen stellt sich Ingar Solty. Er ist Autor der seit Januar 2025 im Brumaire Verlag erscheinenden 36 Bände der Edition Marxismen. Diese soll eine Einführung „in die wichtigsten Denkerinnen und Denker des Marxismus“1 geben und zugleich eine „Handreichung für Politikmachen im Handgemenge“2 bieten, mit dem Ziel, im Kampf für eine befreite Gesellschaft „nicht wieder dieselben Fehler zu machen, nicht wieder denselben Illusionen zu erliegen, nicht noch einmal hoch zu fliegen und tief abzustürzen.“3 Am begeistertsten zeigt sich Solty dabei vor allem von seinem Band zu Karl Kautsky, dem laut ihm längsten und vielleicht auch spannendsten von allen Bänden der Edition Marxismen. Warum? Für Solty bietet Kautsky Antworten auf alle aktuellen Debatten innerhalb der Linken. Egal ob es um das Verstehen aktueller globaler Krisen geht, sei es die ökologische oder die Corona-Krise, oder auch um eine Analyse des Ukraine-Kriegs. Kautsky sei der Schlüssel zu vergessenem Wissen, das es uns ermöglicht, die Welt zu verstehen und daraus erfolgreiche linke Politik abzuleiten.4 

Doch die Frage ist, warum sollte gerade heute Kautsky wieder aktuell sein? Für Solty ist die Antwort klar: Die Zeit vor 1914 weise brisante Ähnlichkeiten zur Gegenwart des angebrochenen zweiten Viertels des 21. Jahrhunderts auf, weswegen Kautskys Fragen und Antworten erstaunlich aktuell und inspirierend seien.5 Diese Feststellung ist zumindest fraglich, wenn man bedenkt, was unsere Gegenwart von der Zeit der II. Internationale, in der Kautsky hauptsächlich gewirkt hat, alles unterscheidet. Weder haben wir ein Proletariat, das sich als solches erkennt, noch haben wir eine sozialistische Partei, in der sich dieses organisiert, ebenso keinen bewusst geführten Kampf des Proletariats, der die Verwirklichung des Sozialismus anstrebt, geschweige denn eine internationale Vereinigung dieser Kämpfe. All das waren historisch die Grundvoraussetzungen für marxistische Theorie und Praxis. Es erscheint mir daher äußerst fraglich, wie die Theorie Karl Kautskys, die genau diese Dinge als gegeben voraussetzte, anschlussfähig für unsere Gegenwart sein soll.

Doch diesen historischen Kontext betrachtet Solty in seinem Buch so gut wie gar nicht. Stattdessen behandelt er von Kapitel zu Kapitel ein Werk Kautskys nach dem anderen, mit dem Ziel, die „Spreu vom Weizen zu trennen und die Perlen aus den verkrusteten Muschelschalen zu bergen“6, das heißt, das für heute Anwendbare von Kautskys Theorie für die gegenwärtige politische Praxis herauszufiltern. Die einen Aspekte von Kautskys Theorie stellt er als gut und anwendbar für heute heraus, andere wiederum als schlecht und damit unbrauchbar. Doch was ist überhaupt der Maßstab dafür? Woran orientiert Solty seine Einschätzung von Kautskys Theorie als 70 % gut und 30 % schlecht?7 Was ist überhaupt gut und was überhaupt schlecht an Kautsky?

Dies verdeutlicht Solty, indem er auf die Entwicklung Kautskys eingeht und betont, dass es nicht den einen Kautsky gebe, so wenig wie es den einen Marxismus gebe, sondern mehrere Kautskys, die sich voneinander unterscheiden lassen. So sei der Kautsky von 1875 ein anderer als der von 1891 und der von 1909 und ganz fundamental anders sei der Kautsky von 1914 bzw. 1918/19 zu den Ersteren.8 Dabei charakterisiert er dessen Entwicklung als Abkehr vom Marxismus, die zugleich eine Annäherung an Bernstein bedeutet habe, was gekennzeichnet sei durch zunehmenden Etatismus, zunehmende Skepsis gegenüber proletarischer Massenaktion und zunehmende Illusionen über den Parlamentarismus.9 Auch sei ein Problem sein „revolutionärer Attentismus“, der vor allem seinen Rückfall auf Lassalle verdeutliche und wenig mit Marx und Engels zu tun habe.10 Noch dazu weise Kautsky zunehmend große Schwächen in seinem Marxismusverständnis auf, wie vor allem die Krise des Kapitalismus im Zuge des Ersten Weltkriegs offenbart hätte. Daher scheint der Maßstab für Soltys Kautskybewertung ein richtiges Verständnis des Marxismus zu sein und jedes Abweichen vom Marxismus – wie ihn zumindest Solty versteht – schlecht zu sein. Dabei scheint für Solty das zentrale Problem in erster Linie die Wiederholung von Bernsteins Theorie zu sein, was für ihn in letzter Instanz die Reproduktion von Lassalle bedeutet und dessen Illusion, den bürgerlichen Staat auch ohne politische Revolution für die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft nutzen zu können.

War also der Grund für das Scheitern Kautskys letztlich einfach, dass er den Marxismus nicht richtig verstanden hat und die Sozialdemokratie nie wirklich das Erbe von Lassalle überwunden hat? Dies könnte man zumindest aus Soltys Anmerkungen zu Kautsky schlussfolgern. So würde sich folglich für unsere Gegenwart die Aufgabe stellen, den Marxismus richtig zu verstehen und auf unseren konkreten historischen Moment anzuwenden. Doch ist es nicht gerade das, was Kautsky versucht hat und ist es nicht gerade Kautsky, von dem später Lenin und Luxemburg den Marxismus lernten und den sie später für dessen Marxismus kritisierten unter der Prämisse, selbst eine bessere Antwort auf die Aufgaben ihrer Zeit zu haben? Und sind sie nicht alle daran gescheitert, den Sozialismus zu verwirklichen? Sind die „Zweihundert Jahre Systemkritik für systematische Weltverbesserer“11, auf die die Edition Marxismen blickt, nicht eigentlich 200 Jahre des Scheiterns?

Für Solty scheint dieses historische Scheitern am Horizont einer befreiten Gesellschaft keine Rolle zu spielen. Stattdessen betont er Kautskys „Nützlichkeit für Theorie und Praxis im Hier und Heute“12 und ruft dazu auf, Kautskys Theorie wieder anzuwenden. Doch würden wir damit nicht in erster Linie ein historisches Scheitern reproduzieren? Und was schützt uns dabei davor, „nicht wieder dieselben Fehler zu machen, nicht wieder denselben Illusionen zu erliegen, nicht noch einmal hoch zu fliegen und tief abzustürzen“,13 wie Solty selbst als Gefahr formuliert. Darauf gibt er keine Antwort. Stattdessen erklärt er Theorien wie die der Frankfurter Schule, die genau dieses Scheitern des Marxismus versuchen zu verstehen als unbrauchbar, da sie die Möglichkeiten revolutionärer Praxis aufgrund veränderter historischer Umstände grundsätzlich in Frage stellten und damit bernsteinsche Paradigmen reproduziert hätten. Noch dazu habe die „neoliberale Konterrevolution“ diese Theorien widerlegt und gezeigt, dass der Klassenkampf weitergehe.14

So erweist sich Soltys Buch auch als politischer, als man vielleicht auf den ersten Blick vermuten würde. Bisherige Rezensionen seiner Buchreihe betonen vor allem deren Bedeutung als theoretische Einführung in den Marxismus. Jedoch ist hervorzuheben, dass an vielen Stellen Solty zugleich Kritik an der gegenwärtigen Linken und insbesondere der Linkspartei übt. So kritisiert er beispielsweise gegenwärtige „nominell sozialistische Parteien“ für deren „voluntaristisch[e] Umverteilungskonzepte“ und deren fehlende Ableitung der eigenen Politik aus der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus beziehungsweise den aus den Produktionsverhältnissen entspringenden Klasseninteressen.15 Außerdem hält er Kautsky trotz seines „Schematismus“ gegen die gegenwärtige, von ihm als voluntaristisch bezeichnete Politik, die auf eine idealistische Philosophie gründe, sowie die zunehmende Dominanz eines „Post-Marxismus“ hoch.16 Doch mit seiner Kritik zeigt Solty vor allem, dass Kautsky heute lediglich dazu dienen kann, Positionen zu aktuellen Debatten über verschiedene Ansätze zur Krisenlösung innerhalb des kapitalistischen Politikdiskurses zu rechtfertigen. Egal ob im Hinblick auf die richtige Haltung zu Umverteilungsdebatten, Putin, den USA oder der Klimakrise. Doch an einer Positionierung innerhalb eines kapitalistischen Diskurses ist absolut nichts inhärent marxistisch und eine Linke steht, egal wo sie sich positioniert, gegenwärtig am Seitenrand der Geschichte, ohnmächtig, praktisch relevant zu sein.

Darum zeugt Ingar Soltys Buch von der Sehnsucht nach einer Zeit, in der die gesellschaftliche Linke noch eine reale Rolle in Gesellschaft gespielt hat und vom Versuch, durch die erneute Zugänglichmachung von Kautskys Theorie, die Linke wieder in die Lage zu versetzen, diese aktiv zu verändern. Doch dabei argumentiert er so, als hätten wir nicht 2026, sondern 1914 und erweckt den Eindruck, als wäre das gegenwärtige Problem eine Linke, die auf Abwege geraten sei und lediglich wieder einen festen marxistischen Standpunkt einnehmen müsse, um die Verwirklichung des Sozialismus wieder ins Auge zu fassen. Doch die Realität ist: Wir haben nicht 1914 sondern 2026. Es ist gegenwärtig völlig unklar, was Marxismus überhaupt bedeutet und ob dieser überhaupt noch eine Relevanz für unsere Gegenwart hat. Dass sich der Marxismus in Frage stellt, liegt an dessen Scheitern. Es ist daher notwendig, nicht die Augen vor dem Scheitern des Marxismus zu verschließen, sondern stattdessen die Auseinandersetzung mit diesem historischen Scheitern, das die gesamte Geschichte der Linken in Frage stellt, offen anzugehen und diese Geschichte nicht einfach blind zu reproduzieren. |P

Johann Richter ist Mitglied der Platypus Affiliated Society.

1. Edition Marxismen, Zugriff am 23. April 2026, https://marxismen.de/.

2. Ingar Solty: Facebook-Post, 27. Mai 2025, https://www.facebook.com/ingar.solty/posts/exciting-times-diese-drei-babys-sind-nun-lektoriert-und-gehen-in-den-n%C3%A4chsten-ta/10161867558262061/.

3. Ebd.

4. Ingar Solty: Facebook-Post, 18. August 2025, https://www.facebook.com/ingar.solty/posts/this-baby-is-now-at-the-proof-reading-stage-lenin-has-already-been-proof-read-an/10162256629297061/.

5. Ingar Solty: Karl Kautsky zur Einführung. Sozialismus und Klassenpartei, Berlin 2025, S. 16.

6. Ebd., S. 17.

7. Solty: Facebook-Post, 18. August 2025.

8. Solty: Karl Kautsky zur Einführung. Sozialismus und Klassenpartei, S. 16 f.

9. Ebd., S. 176.

10. Ebd., S. 161.

11. Edition Marxismen, Zugriff am 23. April 2026, https://marxismen.de/.

12. Solty: Karl Kautsky zur Einführung. Sozialismus und Klassenpartei, S. 120.

13. Solty: Facebook-Post, 27. Mai 2025.

14. Solty: Karl Kautsky zur Einführung. Sozialismus und Klassenpartei, S. 122.

15. Ebd., S. 102.