Mit Haustürwahlkämpfen in Richtung einer organisierenden Klassenpartei
Ausgabe #39 | Mai/Juni 2026
Kommentar zum Podium „Was ist DIE LINKE?“ in Berlin am 4. Juli 2025 von Jorrit
Das Podium „Was ist DIE LINKE?“ vom 4.7.2025, veranstaltet von der Platypus Affiliated Society, sollte wichtige Fragen zum Wiedererstarken der Linkspartei im Zuge der Bundestagswahl 2025 aufwerfen. Meines Erachtens ist das nicht gelungen. Es herrscht große Ratlosigkeit über die zentralen Fragen nach der Bundestagswahl: „Hat sich die Linkspartei neu gegründet?“ und „Warum wieder die Linkspartei?“. Doch die Beantwortung ist zentral dafür, wie sich die Linkspartei in Zukunft aufstellen will. Wird sie weiterhin eine linke Alternative zu SPD und Grünen im deutschen Parteienspektrum sein, oder möchte sie die Eigentumsverhältnisse in der Bundesrepublik grundlegend neu ordnen?
Ich möchte diese Frage aus meiner Perspektive beantworten. Ich bin Ende 2024 der Linkspartei beigetreten, weil ich überzeugt davon bin, dass die Partei dabei ist, sich in die Richtung einer sozialistischen Klassenpartei zu entwickeln, die das Potenzial hat, den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische Gesellschaft zu ermöglichen. Dies hat sie vor allem im Wahlkampf mit einer spektakulär erfolgreichen Aktion zeigen können: dem Haustürwahlkampf. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Haustürwahlkampf einer der großen Faktoren für den überraschenden Wahlerfolg war. Ich konnte selbst erleben, wie viele meiner Genoss*innen und ich in nur wenigen Haustürterminen – von politisch weitgehend unerfahrenen, frischen Parteimitgliedern – zu überzeugten sozialistischen Agitator*innen wurden. Mit jedem Haustürtermin wuchs die Gruppe, und mit jedem geführten Gespräch wurden wir alle besser darin, die Anliegen der Menschen zu verstehen, sie einzuordnen und sie dafür zu gewinnen, einer sozialistischen Partei ihre Stimme zu geben oder sich sogar für sie zu engagieren. Es kam immer wieder vor, dass Menschen, mit denen wir vorher an den Haustüren gesprochen hatten, sich beim nächsten Haustürtermin eine rote Weste überwarfen und in ihrer Nachbarschaft zu klingeln begannen. Die Kampagne war so erfolgreich, weil die Menschen, nachdem sie ihre anfängliche Scheu überwunden hatten, ein direktes Gefühl von Wirksamkeit erleben konnten. Auch wenn es immer wieder unangenehme oder eskalierende Gespräche gab, waren die persönlichen Unterhaltungen meistens empathischer und verständnisvoller als jeder aktuelle öffentliche Diskurs. Der Haustürwahlkampf hat Begegnungen geschaffen zwischen Menschen, die unzufrieden sind, und Menschen, die konkret etwas verändern wollen. Er hat tausende Kader geschult und die Linke einen Schritt weiter in Richtung sozialistische Klassenpartei geführt – denn es waren die Menschen selbst, die sich in Gespräche verwickelten und gemeinsam darüber nachdachten, wie Politik so gestaltet werden kann, dass sie dem Prinzip „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ gerecht wird.
Eine Richtung, die offenbar von einigen in der Partei nicht zu sehr in den Vordergrund gestellt werden soll. Anders lässt sich nicht erklären, warum weder Dietmar Bartsch noch Charly Roffalski den Haustürwahlkampf als entscheidenden Faktor für die Erneuerung der Partei erwähnten. Es ist unverständlich, wenn Dietmar sich stattdessen mit seiner eigenen Wahlkampfaktion „Silberlocke“ als Wahlretter darstellt. Ich habe Sympathien dafür, im Augenblick der sich abzeichnenden Niederlage alle Kanonen abzufeuern, aber die Überhöhung eines Personenkults ist kein Anzeichen für die Erneuerung einer Partei, sondern eher für ihren Untergang. Die „Aktion Silberlocke“ war zwar ein gelungener Medienstunt, aber zu einer Erneuerung der Partei trägt eine Social-Media-Kampagne nicht bei, wohingegen der Haustürwahlkampf tausende von Menschen – vielleicht zum ersten Mal – in konkrete linke Arbeit eingebunden hat.
Wenn es darum geht, ob sich die Linkspartei ernsthaft dem Projekt Sozialismus verschreibt oder weiterhin Sozialdemokratie betreiben möchte, ist die Klärung des Begriffs „Kümmererpartei“ entscheidend. Charly Roffalski und Dietmar Bartsch waren sich augenscheinlich einig darüber, dass die Linke nun wieder als Kümmererpartei wahrgenommen wird. Viele Aktionen, die während des Wahlkampfes gestartet wurden und teilweise immer noch fortbestehen, sollen Armutsbetroffenen helfen: die Heizkostenkampagne, die es möglich gemacht hat, dass Mieter*innen, deren Heizkostenrechnungen fehlerhaft berechnet wurden, dreistellige Beträge zurückfordern konnten; die Mietensprechstunden, in denen Menschen über ihre Rechte aufgeklärt werden. Allerdings sollte klar sein, dass diese Angebote ohne einen gewissen Grad an Agitation weniger politische Geländegewinne ermöglichen, als wir uns vielleicht erhoffen. Martin Suchanek fordert, den Begriff der Proletarisierung der Partei mit Inhalt zu füllen. Das bedeutet, Angebote von und für Proletarier*innen zu schaffen, die gleichzeitig Orte einer kämpferischen Organisierung sind. Wenn wir mit dem Heizkostencheck an die Haustüren gehen, dann, um den Menschen konkret vor Ort zu helfen – aber auch, um Häuserblocks zu finden, in denen die Menschen sich gegen dreiste Vermieter wehren, um uns mit ihnen zu solidarisieren und sie in ihrem Kampf zu unterstützen. Die Partei muss ein Leuchtfeuer der Solidarität sein – nicht nur, um die Löcher zu flicken, die das System in die Gesellschaft reißt, sondern auch, um die Wut der Menschen auf das System zu bestärken und zu organisieren. Das ist die Aufgabe einer sozia-
listischen Klassenpartei: sich nicht nur um die Menschen zu kümmern, sondern gemeinsam mit ihnen für eine bessere Welt kämpfen. Bedauerlich ist, dass Dietmar und Charly diese Diskussion gar nicht anschnitten, sondern stattdessen immer wieder mit weiteren Regierungsbeteiligungen kokettierten.
Jakob von Platypus fragte zweimal auf dem Podium: „Was haben wir aus der Vergangenheit gelernt?“ Die wichtigste Lehre sollte sein, dass die Linkspartei jede Regierungsbeteiligung kategorisch ablehnen muss. Regierungsbeteiligungen haben der Partei in der Vergangenheit mehr geschadet als genutzt. Die Gründe für den jüngsten Wahlerfolg sind nur sehr schwer empirisch zu konkretisieren, aber über einen Faktor sind sich die meisten Genoss*innen einig: Die Linkspartei konnte sich als Alternative zum Establishment von CDU bis Grünen positionieren und wurde somit ein Sammelbecken für alle, die grundsätzlich unzufrieden mit den Verhältnissen in der Bundesrepublik sind. Diese Position verlässt die Partei, sobald sie sich in eine Regierungskoalition begibt, in der sie gezwungen ist, Kompromisse mitzutragen, die genau jene Verhältnisse festigen, gegen die sie eigentlich antreten will.
Auch die jüngsten Entscheidungen zum Aufrüstungspaket der Bundesregierung und die Unterstützung von Friedrich Merz im zweiten Wahlgang der Kanzlerwahl haben uns politisch unglaubwürdig gemacht. Das Versprechen, nicht mit der Merz-CDU zusammenzuarbeiten, wurde de facto gebrochen – und wofür? Um sich staatstragend darzustellen? Als Partei der Vernunft, die nach den Regeln spielt und so für stabile Verhältnisse sorgt? Eine sozialistische Partei sollte anders auftreten. Die Linkspartei sollte ihre Ressourcen nutzen, um gemeinsam mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen für eine sozialistische Politik zu kämpfen, die diesen Namen verdient.
Das ist einer der wichtigen Punkte, wie die Linkspartei ihre neuen Mitglieder in politisches Kapital verwandeln kann, um ein organisierender, sozialistischer Machtfaktor zu sein. Doch das ist nicht der einzige Schritt, den die Partei gehen muss. Die neuen Mitglieder stellen die Partei vor die Herausforderung, sie in linke Politik einzubinden. Sie haben eine vollkommen andere Vorstellung davon, was Links-Sein und linke Politik bedeutet. Die meisten dieser überwiegend jungen Menschen, die sich Ende 2024 entschlossen haben, der Partei beizutreten, taten dies aus der Überzeugung, dass mit den anderen Parteien keine erstrebenswerte Politik und Zukunft möglich ist. Eine wichtige Aufgabe wird es nun sein, diese nachvollziehbare, häufig aus moralischen Prinzipien abgeleitete Entscheidung mit einem materialistischen Fundament zu versehen. Dietmar Bartsch spricht diese Thematik an, wenn er davon spricht, „die Flamme weiterreichen“ zu wollen, doch gerät er ins Schwimmen, sobald er konkret werden soll. Er möchte Debattenräume öffnen, um Fragen aufzuwerfen und zu besprechen. Doch das allein reicht nicht. Wenn die Linke eine wirkliche Erneuerung, fort von der Versuchung der Regierungsbeteiligung, vorantreiben möchte, muss sie das Thema Arbeit in ihr Zentrum rücken. Doch bei vielen neuen Mitglieder ist das Interesse zunächst gering. Dass Arbeit das Ur-Thema linker Bewegung sein muss, erschließt sich erst mithilfe einer theoretischen Beschäftigung mit dem Kapitalismus. Um woke Studenten dazu zu bringen, frühmorgens am Streikposten mit Ulrich eine Bratwurst zu essen, braucht es keine Diskussion darüber, ob die DDR gut oder schlecht war, sondern marxistische Theorie. Dafür braucht es eine materialistische Analyse der Verhältnisse. Warum braucht es eine sozialistische Partei, was ist die Rolle von Gewerkschaften, was die von Bewegungen? Diese Fragen haben für mich keine Rolle gespielt, als ich im November 2024 beitrat, dennoch bin ich froh, dass ich in meinem Kreisverband durch Seminare und Praxis mit diesen Fragen konfrontiert wurde. Nur durch die Analyse des Kapitalismus und das daraus abgeleitete politische Handeln kann die Linkspartei zu einer schlagkräftigen politischen Kraft werden, die ihre 50.000 neuen Mitglieder einzubinden und zu organisieren weiß. Die Frage, ob die Linkspartei eine neue Partei ist, hat nicht nur etwas mit Mitgliederzahlen oder Wahlerfolgen zu tun. Es muss im konkreten politischen Handeln sichtbar werden. Wenn Entscheidungsträger*innen weiterhin signalisieren, dass die Aufgabe einer sozialistischen Partei darin besteht, die schlimmsten Folgen reaktionärer Politik abzumildern, dann hat sich nichts grundsätzlich geändert und die Partei ist keine kämpferische Arbeiter*innenpartei. Allerdings wollen viele vor allem junge Linke sich mit diesem Ansatz nicht zufriedengeben. Mit den Haustürwahlkämpfen entstanden Aktionen, die die Partei immer weiter in Richtung einer organisierenden Klassenpartei bewegen. Dafür muss die Linkspartei bereit sein, ihre Mitglieder zu schulen und sie mit einem marxistischen Fundament zu versehen. Dafür lohnt es sich, innerhalb der Linkspartei zu kämpfen. |P
Jorrit ist seit November 2024 Mitglied der Partei DIE LINKE

