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Die frĂŒhen Antideutschen und die Arbeiterklasse

von Max HörĂŒgel

Die Platypus Review Ausgabe #16 | Herbst 2021

Die Zeit um die deutsche Wiedervereinigung war eine Zeit des allgemeinen Niedergangs aller Organisationen links der SPD. Der Zusammenbruch des Ostblocks und die hilflose UnfĂ€higkeit der deutschen Linken, die Wiedervereinigung theoretisch einzuordnen und dadurch wirkungsvoll auf sie reagieren zu können, fĂŒhrte zu Massenaustritten, Organisationsauflösungen und einer raschen Depolitisierung weiter Kreise vormals kommunistischer Aktivisten. Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) etwa, die 1986 noch ca. 57 000 Mitglieder hatte, schrumpfte auf wenige Tausend Genossen zusammen. Auf der Ebene von Mitgliederzahlen und der gesellschaftlichen Relevanz radikaler linker Positionen erschien der damaligen deutschen Linken die Zeit nach der Wiedervereinigung als einer der grĂ¶ĂŸten Krisenmomente ihrer Geschichte.1  Zugleich aber weckte der Zusammenbruch und die Eingliederung des realsozialistischen Staates auch Optimismus; so sprach die Studentenorganisation der DKP von einer „historisch einmaligen Chance zur Erneuerung des Sozialismus“ und die trotzkistische Internationale Sozialistische Arbeiterorganisation sah im Unmut der DDR-Bevölkerung die Möglichkeit einer „Einheit der deutschen Arbeiterklasse“.2  Der Anfang der 1990er kann also durchaus begriffen werden als ein Entscheidungsmoment fĂŒr die spĂ€tere Entwicklung der deutschen Linken. Denn in diesem Moment wird sie schockartig durch den Zusammenbruch vorheriger (geopolitischer) Bezugssysteme dazu gezwungen, sich zum untergegangenen Realsozialismus, der ausgebliebenen Revolution in der BRD und damit zur eigenen Geschichte und Praxis ins VerhĂ€ltnis zu setzen. Außerdem wĂ€re es durch das Ende des Kalten Krieges möglich gewesen, nĂŒchtern ĂŒber diese Geschichte und die realsozialistischen Regime nachzudenken, weil dieses Nachdenken nicht mehr von vornherein in ein einseitiges „fĂŒr oder gegen die Sowjetunion“ eingeordnet hĂ€tte werden mĂŒssen.

In diesem potenziellen Entscheidungsmoment bildete sich in den Organisationsgruppen der beiden Demonstrationen „Nie wieder Deutschland“ bzw. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (am 12. Mai bzw. 3. November 1990) und im Auflösungsprozess des maoistischen Kommunistischen Bunds mit den Antideutschen auch tatsĂ€chlich eine neue linke Kraft heraus. Die Antideutschen schienen vielversprechend, da sie offenbar in immer fundamentalere Differenz zur Restlinken gerieten und (u.a. durch ihre Wiederentdeckung der Frankfurter Schule) den Anschein gaben, als wĂ€ren sie die benötigte kritische Kraft, um den historischen Moment zu nutzen und die Neuausrichtung und Rekonstitution der revolutionĂ€ren Linken anzustoßen.

Dies ist aber nicht geschehen. Der Moment potenzieller linker Selbstbesinnung ist ungenutzt verstrichen und anstatt sich aus den vereinseitigenden Spaltungen der vorherigen Linken herauszuarbeiten, haben die Antideutschen die Fragestellung, was die Linke ist und wie sie aus ihrer Krise herauskommt, nur weiter verdunkelt. Warum aber haben die Antideutschen nicht zur Rekonstitution einer revolutionĂ€ren sozialistischen Linken fĂŒhren können? Meine These, die ich in diesem Artikel erlĂ€utern will, ist, dass die Antideutschen schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren. Bereits Jahre vor der Positionierung im Jugoslawien- und spĂ€ter im Irakkrieg und noch vor der Spaltung der deutschen Linken in ein Pro-Israel- und ein Pro-PalĂ€stina-Lager hatten die Antideutschen ihre mögliche Rolle im Wiederaufbau der Linken verspielt. Ihre Kritik blieb eine Kritik an Symptomen: der linken Verachtung der Moderne, der manischen BeschĂ€ftigung mit dem verhassten Westen und der Überidentifizierung mit den vermeintlich autochthonen, nun aber unterdrĂŒckten Völkern der Dritten Welt. Die Antideutschen kritisierten diese falschen Vereinseitigungen, in denen die Linke sich unter dem Deckmantel des revolutionĂ€ren Pathos in die Rechte verwandelt hatte. Sie erkannten jedoch nicht, wie all diese Erscheinungen im Wesentlichen AusdrĂŒcke davon waren, dass die revolutionĂ€re Linke sich von ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet hatte. Diese war und ist noch immer, die Arbeiterinnen zum bewussten gesellschaftlichen Akteur zu konstituieren und diesen Bewusstwerdungsprozess, den Klassenkampf, in Richtung des Sozialismus anzufĂŒhren. FĂŒr die Antideutschen blieb dieses wesentliche Problem, dass der revolutionĂ€ren Linken ihr eigener Zweck unverstĂ€ndlich geworden war, im Dunkeln. Ich argumentiere im Folgenden dafĂŒr, dass sie diesen Kern des Problems der Linken notwendigerweise nicht sehen und damit die historische Möglichkeit zur Selbstbesinnung nicht nutzen konnten. Denn gerade die zentralen Auffassungen der Restlinken in Bezug auf die Arbeiter ĂŒbernahmen die Antideutschen unbewusst und fĂŒhrten sie auf verdrehte Weise weiter, indem sie versuchten, das Problem der Arbeiterklasse ganz von sich zu weisen.

Die beiden Auffassungen, die ich hier untersuche, einerseits eine von Mao und Marcuse informierte Randgruppen- und Privilegientheorie, die ich in Anlehnung an Mike Macnair als Soft Maoism bezeichne und andererseits die sogenannte Massenlinie, sind Sedimentschichten des Marxismus des 20. Jahrhunderts, die sich auf dem ideologischen Grund der damaligen deutschen Linken abgelagert hatten. In ihrem Ursprung beide maoistisch, wurden sie von der Neuen Linken bruchstĂŒckhaft ĂŒbernommen und regredierten unter diesen Bedingungen weiter. Ich werde nun beide Konzepte vorstellen, um am Ende zu zeigen, inwiefern sie fĂŒr die Antideutschen die Einsicht in die Aufgabe der Linken und damit deren Rekonstitution verhinderten.

Soft Maoism und Randgruppentheorie

Mike Macnair zeigt in seinem Artikel Intersectionalism, the highest Stage of Western Stalinism3, dass die UrsprĂŒnge der Privilegientheorie, wie sie heute in der Linken verbreitet ist, im Maoismus der 1960er-Jahre liegen. Spezifischer in dem, was er Soft Maoism nennt, also in der westlich-studentischen Version des chinesischen Maoismus. Die Privilegientheorie ergibt sich fĂŒr Macnair aus einer falschen Lesart von Lenins Imperialismus-Pamphlet, bei der dem Argument von der Arbeiteraristokratie zu viel Gewicht beigemessen wĂŒrde. Lenin versucht zu erklĂ€ren, wieso gerade die bessergestellten Arbeiter zum opportunistischen Sozialchauvinismus neigen, und verknĂŒpft deren politische Korrumpierung mit ihrer durch das Kapital vermittelten Teilhabe an der Beute der ImperialmĂ€chte.4  Nach Stalins Tod und dem Bruch mit der Sowjetunion blĂ€st der Maoismus diese Überlegung zu einem manichĂ€ischen Gegensatz zwischen UnterdrĂŒckern und UnterdrĂŒckten auf, der auf die globalen MachtverhĂ€ltnisse projiziert wird: Hier die opportunistischen, von der KPdSU im Griff gehaltenen Massengewerkschaften und das korrumpierte, weil privilegierte, weiße Proletariat in den kapitalistischen Zentren. Und dort die unterdrĂŒckten Völker der Dritten Welt und die Bauern, die gegen die imperialistischen Nationen als neues revolutionĂ€res Subjekt in Stellung gebracht werden mĂŒssen, weil das westliche Proletariat diese Rolle verspielt habe.

Unter dem Motto "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" ziehen am 3. November 1990 etwa 8.000 Menschen durch Berlin.

FĂŒr die Neue Linke erschien diese Einteilung in den 1960er-Jahren schlĂŒssig: In den Industriestaaten, wo sie sich hauptsĂ€chlich formierte, stand ihr eine scheinbar völlig in Konsum- und Massengesellschaft integrierte Arbeiterklasse und oft ein monolithischer, stalinistischer oder sozialdemokratisch-opportunistischer Gewerkschaftsblock gegenĂŒber. Aus dieser Situation heraus heroisierte die Neue Linke jede Erhebung in der Dritten Welt und ĂŒberidentifizierte sich mit allen möglichen selbsternannten antiimperialistischen KrĂ€ften, auch weil sich in dieser Identifikation ein Ventil finden ließ, den in der verstellten Praxis angestauten, revolutionĂ€ren Tatendrang abreagieren zu können. Zugleich bildete Marcuses Randgruppentheorie die theoretische UnterfĂŒtterung fĂŒr die Neue Linke, sich auch in den nicht bĂ€uerlichen, nicht kolonisierten, sondern imperialistischen HeimatlĂ€ndern auf die Suche nach neuen revolutionĂ€ren Subjekten zu begeben. Marcuse argumentiert im letzten Teil seines 1964 erschienenen Buches Der eindimensionale Mensch5, dass die traditionelle Art von Politik „unwirksam – vielleicht sogar gefĂ€hrlich“ geworden sei, weil sie an der Idee der VolkssouverĂ€nitĂ€t festhalte. Unter den „totalitĂ€ren Tendenzen der eindimensionalen Gesellschaft“ sei die „Volksbasis“ allerdings „konservativ“, das Volk zum „Ferment gesellschaftlichen Zusammenhalts“ geworden.6  Die Arbeiterklasse ist nach Marcuse „zur StĂŒtze der herrschenden Lebensweise geworden“  und ihr „Aufstieg zur Kontrolle“ wĂŒrde die Herrschaft und UnterdrĂŒckung „nur verlĂ€ngern“.7 Marcuse zufolge war die neue oppositionelle, revolutionĂ€re Kraft demnach das „Substrat der GeĂ€chteten und Außenseiter: die Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und die ArbeitsunfĂ€higen“. Ihre Opposition treffe „das System von außen“ und werde „deshalb nicht durch das System abgelenkt“.8 Den am meisten UnterdrĂŒckten, die Marcuse zufolge außerhalb des Systems stehen und qua dieser externen Position berufen seien, die Revolution ins Innere bzw. ins Zentrum der Gesellschaft hineinzutragen, stellt er eine scheinbar völlig integrierte, in das Volk aufgelöste Arbeiterklasse gegenĂŒber. Diese GegenĂŒberstellung erinnert an die maoistischen Konzepte des revolutionĂ€ren Charakters der Dritten Welt („Third World First“) und die „Umstellung der StĂ€dte“ durch die Bauern als eigentlich revolutionĂ€rer, weil außerhalb kapitalistischer Verformung stehender Klasse.

Dieser Logik folgend werden allen möglichen Randgruppen und MinoritĂ€ten von der Neuen Linken systemtranszendierende BedĂŒrfnisse oder besondere revolutionĂ€re Energien unterstellt. Hier ist auch der Ausgangspunkt einer Privilegien-Theorie, die gesellschaftliche Akteure nach dem Grad ihrer Privilegierung bzw. UnterdrĂŒckung einteilt. Die westliche, weiße Arbeiterklasse, besonders deren bessergestellter Teil, inkorporiert in dieser Logik Privilegien gegenĂŒber den Ausgeschlossenen und (scheinbar) Nichtintegrierten.

Die hauptsĂ€chliche gesellschaftliche Randgruppe, die sich die Neue Linke als neues revolutionĂ€res Subjekt auserkoren hatte, waren die Heimkinder. Von 1965 bis Ende der 1960er wurden sie von den Studentinnen bei AusbrĂŒchen aus den Kinder- und Jugendheimen unterstĂŒtzt. Viele wurden daraufhin in die Kommunen und Wohnprojekte der Studenten aufgenommen. Jedoch zeigte sich immer mehr, dass das Projekt, diese Randgruppe in KĂ€mpferinnen fĂŒr den Sozialismus zu transformieren, zum Scheitern verurteilt war. Die Heimkinder zeigten sich oft unfĂ€hig, ihre neue Freiheit in revolutionĂ€re Bahnen zu lenken und glitten stattdessen in KriminalitĂ€t oder die großstĂ€dtischen Subkulturen ab.9  Neben der Frustration durch die Situation mit den Heimkindern sorgten schließlich zwei weitere Entwicklungen fĂŒr eine Abkehr von der Randgruppentheorie: die ab September 1969 einsetzende Welle von wilden Streiks in der BRD, die die Theorie der völligen Integration der Arbeiterklasse zu widerlegen schien, und der Zerfall der Studentenbewegung und des SDS angesichts der Stockung des Kampfes an den UniversitĂ€ten.10  Auf der sogenannten „Randgruppenkonferenz“ im Februar 1970 wurde die Randgruppentheorie schließlich von den allermeisten Gruppen fallengelassen.11

Die Massenlinie und die K-Gruppen

Im Verlauf dieser Entwicklung schlug die Ausrichtung der Linken in Bezug auf die Arbeiterklasse völlig um: Besonders die maoistischen „marxistisch-leninistischen“ K-Gruppen ĂŒbernahmen nun die Massenlinie, eine von Mao aus dem stalinistischen Proletkult ĂŒbernommene Auffassung, die ĂŒber die Mao-LektĂŒre bzw. die maoistische Lesart von Lenin in die deutsche Linke Eingang fand. FĂŒr diesen anderen Strang des Maoismus sind die Massen latent immer schon auf der Seite des Sozialismus: „Das Volk und nur das Volk ist die Triebkraft, die die Weltgeschichte macht. [
] Die wahren Helden sind die Massen, wir selbst aber sind oft naiv bis zur LĂ€cherlichkeit.“,  verkĂŒndet Mao. Und:

In den Massen steckt ein gewaltiger Drang zum Sozialismus. Jene Leute, die sich in revolutionĂ€ren Zeiten nur im gewohnten Trott bewegen können, nehmen diesen Drang gar nicht wahr. Sie sind blind, vor ihren Augen ist nichts als Finsternis. Manchmal versteigen sie sich sogar dazu, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen und aus weiß schwarz zu machen.12

Weil die Massen aber selbst eigentlich schon sozialistisch seien, stelle die grĂ¶ĂŸte Gefahr fĂŒr die RevolutionĂ€re bzw. die FĂŒhrer der Massen dar, sich von den Massen zu entfremden. Immer wenn also eine Forderung der RevolutionĂ€re den Massen zuwiderlaufe, könne sie nicht sozialistisch sein:

Der Grund, warum ĂŒble Erscheinungen wie Dogmatismus, Empirismus, Kommandoregime, Nachtrabpolitik, Sektierertum, BĂŒrokratismus, Überheblichkeit in der Arbeit unbedingt schĂ€dlich und unzulĂ€ssig sind und warum die Menschen die Übel, an denen sie kranken, unbedingt ĂŒberwinden mĂŒssen, liegt darin, daß diese Übel uns von den Massen loslösen.13

Die RevolutionĂ€re mĂŒssten sich also dem Massenstandpunkt, der Massenlinie unterordnen, mit der Masse verschmelzen, in ihr schwimmen wie ein Fisch im Wasser. DafĂŒr, so die Überlegung der K-Gruppen, mĂŒssen die neuen Kader bedingungslos mit ihrer kleinbĂŒrgerlichen Vergangenheit in der Studentenbewegung brechen, sie mĂŒssen selbst zu Proletariern werden, um bei der Agitation vor den Fabriktoren erfolgreich zu sein.14  Die maoistischen Kader versuchten in der Folge, eine von ihnen idealisierte proletarische Lebensweise zu ĂŒbernehmen: Sie hörten auf, lange Haare, Miniröcke und Schlaghosen zu tragen, sondern kleideten sich „proletarisch“, lauschten „proletarischen“ Gesangsgruppen mit ihrer kitschigen Neuauflage von Arbeiterliedern, statt zu Rock- oder Beatkonzerten zu gehen und fingen wieder an, „in geordneten WohnverhĂ€ltnissen zu leben. Am besten angesehen war das gemeinsame Wohnen mit Ehepartner (und Kindern), ein Modell, das als ‚proletarische Familie‘ idealisiert wurde.“15  Insgesamt hochgehalten wurden die angeblich proletarischen Ideale von „Sauberkeit, Ordnung, Arbeitsfreude und Sittlichkeit“.16  Diese Neupositionierung der Neuen Linken ist augenscheinlich eine 180-Grad-Drehung, erinnert man sich daran, dass das Proletariat, das Volk und die Massen einige Jahre zuvor als revolutionĂ€res Subjekt noch abgeschrieben waren, wie auch hellsichtigere Zeitgenossen damals bemerkten: „Das ideologische Freibeutertum der antiautoritĂ€ren Studentenschaft“, schreibt etwa Fritz Kramer im Roten Forum,

schlĂ€gt tendenziell um in Dogmatismus und PietĂ€t, der Antikommunismus in Stalinismus, die Organisationsanarchie in angebliche „proletarische Disziplinierung“, auf die Verachtung des Arbeiters folgt die Apotheose des Proletariats.17

In Deutschland hatte aber die „Verachtung des Arbeiters“ durch die Neue Linke ursprĂŒnglich noch andere, antifaschistische Untertöne. FĂŒr diese hatten sich die Arbeiterinnen nicht nur desavouiert, weil sie sich in die verblendende Spaß- und Konsumgesellschaft des SpĂ€tkapitalismus hatten integrieren lassen und weil sie vom westlichen Imperialismus profitierten. Als spezifisch deutsche Arbeiter hatten sie vielmehr durch die Beteiligung am Nationalsozialismus und dessen Kriegs- und Vernichtungsprojekt ganz reell, vor aller Welt, jede moralische IntegritĂ€t verloren. Auch und gerade deshalb fielen sie vor der Wendung zur Massenlinie als HoffnungstrĂ€ger fĂŒr den Aufbau einer besseren, menschlichen Gesellschaft völlig aus. Die Heimkinder waren auch deshalb willkommene Surrogate, weil sie zu jung waren, um an der Naziherrschaft beteiligt gewesen zu sein. Diese antifaschistische Verachtung ist es, an die die Antideutschen in den 1990ern wieder anknĂŒpfen und damit den Moment der Neuen Linken verzerrt wiederholen.

Antifaschistische Verachtung der Arbeiter

Im Zuge des Mauerfalls und der Wiedervereinigung brach sich Anfang der 1990er ein lange Zeit ungekannter deutscher Patriotismus Bahn. Die Angst vor einem nationaltrunkenen Deutschland, das seine volle SouverĂ€nitĂ€t wiedererlangt, trieb damals nicht nur die verbleibende radikale Linke in Deutschland um, sondern hallte ĂŒberall in Europa wider.  Dass aus dem erstarkenden deutschen Staat und dem patriotischen Taumel der Wiedervereinigung ein Viertes Reich hervorgehen könnte, war also keine bloße Paranoia linker Spinner, sondern erschien in diesem historischen Moment ĂŒber politische und staatliche Grenzen hinweg plausibel. Doch im spĂ€teren Verlauf nahm diese Furcht in der antideutschen Linken immer weiter zu: Unter dem Eindruck ungehemmter Nazimobs und jubelnder Deutscher bei den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Mölln identifizierten sie die BRD der Nachwendejahre mit der Weimarer Republik in den dreißiger Jahren und verstellten sich so eine nĂŒchternere Analyse der innenpolitischen MachtverhĂ€ltnisse.18  Doch es ist schon die Erfahrung der Wiedervereinigung selbst, in der sich die Antideutschen von der Massenlinie und damit von ihren ehemaligen maoistischen Bruderorganisationen abzusetzen versuchen. Denn, so die Überlegung, die Massen können gar nicht „immer Recht haben“, wenn sie sich offensichtlich in Ost wie West zu Handlangern fĂŒr den Aufbau des befĂŒrchteten neuen Nazireiches machen. Von der Massenlinie will sich die entstehende antideutsche Linke vielleicht mehr abgrenzen als von jeder anderen Überzeugung der „alten“ Abspaltungsprodukte der Neuen Linken. Beispielhaft lĂ€sst sich hier der Aufruf zum Wahlboykott in der Konkret von 1990 anfĂŒhren, in dem es heißt:

In einer Zeit, in der sich opportunistische Anpassung an den nationalen Zeitgeist als nĂŒchterne Realpolitik darstellt [...] und in der Ressentiment auch bei denen durchbricht, die es bisher zu beherrschen wußten, halten wir es fĂŒr notwendig, von „Massenfreundlichkeit“ als dem zentralen Politik-Kriterium Abschied zu nehmen. Wir betrachten es im Gegenteil als unsere Aufgabe, klar und kompromißlos gegen den Nationalismus auch in der Bevölkerung Front zu machen.19

Die „Massenfreundlichkeit“, also die Orientierung linker Politik an ihrer AnschlussfĂ€higkeit an die Arbeiterinnenklasse wird ĂŒber Bord geworfen, weil der „Zeitgeist“ „national“ geworden sei. Diese Haltung –  die aus Angst vor dem Vierten Reich motivierte Absage an die Massen, weil diese rechts geworden seien – kulminiert bei den Antideutschen in die semi-essentialistische Projektion des Deutschen, wie etwa bei JĂŒrgen ElsĂ€sser, dessen Text Weshalb die Linke anti-deutsch sein muss Jan Gerber, Mitglied der Bahamas-Redaktion, als einen der Grundlagentexte der Antideutschen bezeichnet und in dem es heißt, die Deutschen seien

fĂŒr nationalistische Politik in ihren schlimmsten Spielarten anfĂ€lliger als andere Völker, so daß die Massenbasis fĂŒr aggressive rassistische und nationalistische Politik hierzulande grĂ¶ĂŸer ist.20

An anderen Stellen wird das Datum des endgĂŒltigen Scheiterns des Proletariats als revolutionĂ€res Subjekt von den Antideutschen mit dem 20. Januar 1942, also der Wannseekonferenz, angegeben. Im Vernichtungsprojekt Hitlerdeutschlands zeige sich die völlige Integrierbarkeit der Arbeiterklasse in die schlimmsten Grausamkeiten. Deshalb, und in diesem Beispiel wird der Kurzschluss vielleicht am deutlichsten, sei die Arbeiterklasse als Bezugspunkt fĂŒr linke Politik fĂŒr immer ausgefallen, wie etwa Joachim Bruhn schreibt:

Nach der Wannsee-Konferenz ist jede Rede vom Klassenkampf nur Beschönigung und VerdrĂ€ngung der Geschichte. [
] Die kommende Revolution kann keine mehr der Arbeiterklasse sein, keine des proletarischen Interesses.21

Die Antideutschen verwandeln das Scheitern der Linken, die Arbeiterklasse zum Sozialismus zu fĂŒhren, in die moralische Verdorbenheit der (deutschen) Arbeiterinnen selbst. Die Geschichte, wie sie geschehen ist, wird von ihnen fatalistisch akzeptiert, indem fĂŒr sie die Massenpolitik der Alten Linken, das heißt Klassenkampf und proletarisches Interesse, indirekt aber doch notwendigerweise nach Auschwitz fĂŒhren mussten. Denn wenn es niemals eine sozialistische deutsche Sowjetrepublik hĂ€tte geben können, weil die Deutschen in ihrem Wesen zu nationalistisch sind, dann ist es von vornherein ausweglos, nach den Bedingungen der Möglichkeit dieser politischen Revolution zu fragen.

Die MachtĂŒbernahme der Nazis ist allerdings eben kein zwingendes Resultat der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Vor dem Scheitern der Weltrevolution lag in der realen historischen Arbeiterinnenbewegung die Möglichkeit von sozialistischer Befreiung ebenso wie von faschistischer Barbarei. Dass die Massen, das Volk bzw. auch das Proletariat schließlich Hitler unterstĂŒtzten (dessen WĂ€hlerschaft bekanntlich vor allem aus dem deklassierten KleinbĂŒrgertum stammte), ist nicht ĂŒberhistorisch erklĂ€rbar, sondern nur aus den realen politischen Fehlern, die die FĂŒhrung der Arbeiterbewegung beging, namentlich die Sozialdemokratie und der Stalinismus. „Hitlers Umsturz“ wird, wie Trotzki schreibt, nur wirklich verstehbar als „das Schlußglied in der Kette der konterrevolutionĂ€ren Verschiebungen“; er stand keineswegs von vornherein fest, sondern war der Abschluss einer „Ära der Konterrevolution“, die mit dem Scheitern der deutschen Revolution 1918 eingeleitet wurde.22 

Die „Ära der Konterrevolution“, die sich seitdem fortgesetzt hat, erscheint aber den Antideutschen eben nicht als Resultat des Problems sozialistischer FĂŒhrung, sondern als fortlaufende Zerstörungstat einer Arbeiterklasse, die sich kontinuierlich weigert, sich selbstĂ€ndig auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen. Ebenso wie die Neue Linke mit der Randgruppenstrategie, suchen deshalb auch die Antideutschen Anfang der 1990er nach einem neuen Bezugsrahmen fĂŒr ihre politischen Interventionen und finden eine Neuausrichtung an „in der BRD lebende[n] ImmigrantInnen, an [den] als ‚undeutsch‘ oder ‚anomal‘ diskriminierten Minderheiten wie auch an [der] linke[n] und linksbĂŒrgerliche[n] Weltöffentlichkeit.“23  Die MinoritĂ€ten und Ausgeschlossenen sollen hier aber schon nicht einmal mehr die Gesellschaft verĂ€ndern, sondern nur im bloßen Widerstand gegen das „neue Deutschland“ vereint werden: Aus dem noch hoffnungsvollen neuen revolutionĂ€ren Subjekt der Neuen Linken wird bei den Antideutschen viel mehr eine bloße Widerstandskraft gegen die nationalistischen Verschiebungen der Zeit. Konsequenterweise verengt sich auch der Horizont gesellschaftsverĂ€ndernder Politik: Die neue „Utopie“, so schreibt ElsĂ€sser in seinem Artikel, ist die

Zerstörung des deutschen Staates und seine Ersetzung durch einen Vielvölkerstaat, sowie [die] Auflösung des deutschen Volkes in eine multikulturelle Gesellschaft. FĂŒr diese Utopie und fĂŒr diese Politik werden sich Menschen engagieren, deren Feindbild der deutsche Nationalismus ist, nicht unbedingt das Kapital.24

Motiviert als Reaktion auf den grassierenden Nationalismus in den 1990ern vollziehen die Antideutschen damit den dritten Totalumschlag der deutschen Linken in Bezug auf die Arbeiterinnen: Vom stalinistischen Proletkult und dem Massen- und Fortschrittsvertrauen der opportunistischen Alten Linken zur Absage an das Proletariat und dem Aufkommen der Randgruppenstrategie in der Neuen Linken. Dann von der offensichtlich fruchtlosen und frustrierenden Randgruppenstrategie zur Massenlinie der K-Gruppen und schließlich durch die Antideutschen wiederum weg von der Massenlinie zur antifaschistisch motivierten, gĂ€nzlichen Loslösung vom Klassenkampf und dem „proletarischen Interesse“.

Anfang der 1990er stehen sich damit in der deutschen Linken zwei StrĂ€nge des Maoismus gegenĂŒber: Einerseits die maoistische Massenlinie und andererseits der Soft Maoism. Es ist offensichtlich, dass beide Seiten ideologische Pole einer Hypostasierung der Arbeiterklasse sind: Die Arbeiter und Arbeiterinnen, auch die deutschen, sind freilich an sich weder revolutionĂ€r noch konterrevolutionĂ€r, sondern potenziell beides, eben weil ihr „proletarisches Interesse“ nicht kohĂ€rent, sondern selbstwidersprĂŒchlich ist: Einerseits entwĂ€chst ihrer sozialen Lage permanent eine verdrĂ€ngte innere Auflehnung gegen die Uneingelöstheit des bĂŒrgerlichen GlĂŒcksversprechens und ein untergrĂŒndiger Wunsch nach Freiheit; andererseits verhĂ€rtet die Reaktion auf diese soziale Lage in ihnen einen psychischen Apparat, der die Möglichkeit des GlĂŒcks verneint, indem er dessen ErfĂŒllung auf die Anderen projiziert und an ihnen bekĂ€mpft, was der Arbeiter sich selbst nicht zugestehen darf: Der Immigrant, der Schwarze und der Homosexuelle werden gehasst wegen ihrer angeblichen sexuellen Libertinage und Potenz, die Frauen, weil sie vermeintlich eine zwischenmenschliche ZĂ€rtlichkeit zeigen, die die mĂ€nnlichen Arbeiter gelernt haben, sich untereinander zu verweigern, der Jude wegen seiner scheinbaren Freiheit von körperlich und geistig zerstörerischer Fabrikarbeit sowie die Intellektuellen einerseits aus demselben Grund und andererseits, weil sie drohen, die verdrĂ€ngten Wunden wiederaufzureißen, wenn sie von einem menschlicheren Zustand reden. Wilhelm Reich schreibt im RĂŒckblick auf die stalinistische Politik der KPD:

Der Wirklichkeit hĂ€tte entsprochen, festzustellen, daß der durchschnittliche Arbeiter einen Widerspruch in sich trĂ€gt, daß er also weder eindeutig revolutionĂ€r noch eindeutig konservativ ist, sondern in einem Konflikt steht: seine psychische Struktur leitet sich einerseits aus seiner sozialen Lage ab, die revolutionĂ€re Einstellungen anbahnt, andererseits aus der GesamtatmosphĂ€re der autoritĂ€ren Gesellschaft, was einander widerspricht.25

Wenn die antideutschen Linken empört waren, dass Teile der Massen den Angriffen auf Asylbewerberheime zujubelten, so zeugt diese Empörung von einem ursprĂŒnglich naiven Vertrauen in ebendiese Massen, das schmerzhaft enttĂ€uscht wurde und von dem sich die restliche Linke andererseits so wenig lösen wollte, ganz gleich welche Unmenschlichkeiten die Massen auch begingen. Sowohl das naive Vertrauen in die Massen als auch die Empörung ĂŒber sie sind also zwei Seiten derselben falschen Medaille.

Die Entmenschlichung und ihr Gegenteil

Dass die Proletarier keine Heiligen sind, war einer wirklichen, an Marx geschulten Linken hingegen immer gegenwĂ€rtig. Denn nicht, „weil sie die Proletarier fĂŒr Götter halten“ schreiben ihnen Marx und Engels in der Heiligen Familie die weltgeschichtliche Aufgabe zu, sich und die Gesamtgesellschaft zu revolutionieren, sondern

[v]ielmehr umgekehrt. Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von dem Schein der Menschlichkeit, im ausgebildeten Proletariat praktisch vollendet ist, weil in den Lebensbedingungen des Proletariats alle Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft in ihrer unmenschlichsten Spitze zusammengefaßt sind, weil der Mensch in ihm sich selbst verloren [
] hat.26

Die Arbeiterinnen sind also der zusammengefasste Ausdruck der Barbarei der kapitalistischen VerhĂ€ltnisse. In ihnen zeigt sich am stĂ€rksten, wie sehr diese VerhĂ€ltnisse die unter ihnen Befassten entmenschlichen. Zugleich wird es aber vom Blickwinkel dieser Entmenschlichung auch möglich, einzusehen, dass Proletariersein und Menschsein (im bĂŒrgerlich-emphatischen Sinn) sich gegenseitig ausschließen, dass ĂŒberhaupt ein wirklich menschliches Leben in der Klassengesellschaft unmöglich ist. Außerdem war die Arbeiterklasse fĂŒr den Marxismus nicht etwa interessant, weil sie sich außerhalb der bĂŒrgerlichen Gesellschaft befand und von deren EinflĂŒssen deswegen noch unbeeinflusst gewesen wĂ€re. Sondern den Arbeiterinnen kommt gerade deshalb die Möglichkeit und die historische Aufgabe zu, die Gesellschaft zu ĂŒbernehmen und zu fĂŒhren, weil lohnabhĂ€ngig zu sein mehr und mehr das Schicksal der ganzen Gesellschaft wird, weil also Arbeiterklasse und Gesellschaft mehr und mehr identisch werden. Das Bewusstsein der gesellschaftlichen Akteure ist nicht revolutionĂ€rer, je weiter sie vom gesellschaftlichen Zentrum entfernt sind, d.h. je mehr sie eine Randgruppe darstellen, die „das System von außen“27  treffen könne. Im Gegenteil: Gerade weil die Arbeiter im Zentrum des verdinglicht-fetischistischen TauschverhĂ€ltnisses stehen, das die Gesellschaft (re)konstituiert, weil ihnen ihre Arbeitskraft als Ware und sie sich selbst als reines Ding gegenĂŒbertreten, kann ihr (tatsĂ€chlich integriertes, verdinglichtes) Bewusstsein ĂŒberhaupt ins RevolutionĂ€re umschlagen: Jeder unmittelbare Kampf der Arbeiterinnen kann sie nĂ€her an die Selbsterkenntnis als Ware und damit zugleich an die Erkenntnis des Wesens der warenförmigen Gesamtgesellschaft heranfĂŒhren. „Das Einzigartige“ der Lage der Arbeiterklasse, schreibt Lukacs,

beruht darauf, daß das Hinausgehen ĂŒber die Unmittelbarkeit hier eine [
] Intention auf die TotalitĂ€t der Gesellschaft hat; daß es [
] sich in einer ununterbrochenen Bewegung auf diese TotalitĂ€t hin, also im dialektischen Prozeß der sich stĂ€ndig aufhebenden Unmittelbarkeit befindet [Herv. im Orig.].28

Dieser Bewusstwerdungsprozess, in dem sich die virtuell schon zum Proletariat gewordene Gesellschaft selbst erkennt, ist aber gerade nur möglich, weil die Arbeiter in die entmenschlichte Gesellschaft vollkommen eingegangen sind, anstatt ihren Rand zu bilden. Oder, wie Adorno schreibt:

Entmenschlichung ist keine Macht von außen, [sie] ist gerade die Immanenz der UnterdrĂŒckten im System, die einmal wenigstens durch Elend herausfielen, wĂ€hrend heute ihr Elend ist, daß sie nicht mehr herauskönnen [
]. Damit aber ist die Entmenschlichung zugleich ihr Gegenteil. An den verdinglichten Menschen hat Verdinglichung ihre Grenze. Sie holen die technischen ProduktivkrĂ€fte ein, in denen die ProduktionsverhĂ€ltnisse sich verstecken: so verlieren diese durch die TotalitĂ€t der Entfremdung den Schrecken ihrer Fremdheit und bald vielleicht auch ihre Macht. Erst wenn die Opfer die ZĂŒge der herrschenden Zivilisation ganz annehmen, sind sie fĂ€hig, diese der Herrschaft zu entreißen.29

Das Leben der Arbeiterinnen ist also nichts, was an sich affirmierbar wĂ€re, ihre LebensumstĂ€nde sind keine positive Vorwegnahme des wahren, ehrlichen Lebens im Sozialismus, wie der K-Gruppen-Kitsch impliziert hatte. Andererseits kann ihre Entmenschlichung ebenso wenig einseitig verachtet werden, um das Problem zu begraben. Dass die Massen oder die Arbeiterinnen Angriffe auf Asylbewerberheime bejubeln und eine nationalistische Wende vollziehen, sollte der Linken das Scheitern ihres Projekts bewusst machen. Das ist der Punkt, den die Antideutschen verpasst haben, in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen. HĂ€tten die Antideutschen es vermocht, die einseitige Antinomie von Verachtung und Vergötterung der Arbeiterinnen aufzubrechen, hĂ€tten sie dahinter die politische Aufgabe erkennen können, die sich zu ihrer Zeit noch genauso aktuell stellte wie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und heute: Den Klassenkampf anzufĂŒhren und die Arbeiterklasse darin zum bewussten Proletariat zu formen, das auch die Minderheiten und Ausgeschlossenen mit sich reißt und das schließlich den Staat ĂŒbernimmt, um sich spĂ€ter, in der klassenlosen Gesellschaft, aufzulösen.

Ob die Antideutschen dieser Aufgabe selbst nĂ€hergekommen wĂ€ren, steht auf einem anderen Blatt und wie diejenige Praxis heute aussĂ€he, die die gesellschaftlichen MinoritĂ€ten gemeinsam mit der Arbeiterklasse  als Ganzes unter sozialistische FĂŒhrung bringt, ist fraglich. Wie diese sozialistische FĂŒhrung organisiert sein wĂŒrde, ist konkret ebenfalls noch nicht absehbar. Aber nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Ostblocks und dem Organisationszerfall der Abspaltungsprodukte der Neuen Linken wĂ€re der Moment da gewesen, das Scheitern der Linken im 20. Jahrhundert rĂŒcksichtslos durchzuarbeiten, um sich aus den vereinseitigten GegenĂŒberstellungen dieses Jahrhunderts zu befreien. Dieses Durcharbeiten hĂ€tte vielleicht den Boden freigelegt fĂŒr eine linke Kraft, die bereit gewesen wĂ€re, diese Fragen in der verĂ€nderten historischen Situation anzugehen.

So aber verloren sich die Antideutschen in der BeschĂ€ftigungstherapie der Bewertung deutscher Außenpolitik, dem Nah-Ost-Konflikt und der Kritik des „deutschen Wesens“. In der Aufrechterhaltung ihrer antifaschistischen Verachtung der Restgesellschaft verstellten sie die Bearbeitung der ererbten Antinomie, sodass sie bis heute in der aktuellen Entgegensetzung einer IdentitĂ€tspolitik fĂŒr Arbeiterinnen und einer IdentitĂ€tspolitik fĂŒr MinoritĂ€ten bestehen bleibt. Die Linke aus diesen beiden Vereinseitigungen zu befreien, bleibt damit die Aufgabe einer erst noch zu entstehenden anderen linken Kraft, nachdem sich die antideutsche Linke in dieser wesentlichen Hinsicht als Totgeburt entlarvt hat. |P

Max HörĂŒgel ist Mitglied der Platypus Affiliated Society.

1       Jan Gerber beschreibt diese Zeit fĂŒr die radikale Linke in Deutschland als „eine der schwersten Krisen ihrer – begreift man die GrĂŒndung des deutschen Jakobinerklubs um 1798 als ihren historischen Ursprung – etwa zweihundertjĂ€hrigen Geschichte.“ (Jan Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des „realen Sozialismus“. Freiburg/Wien 2018, S. 15.)

2       Zitiert nach Gerber 2018, S. 89.

3       Vgl. Mike Macnair: „Intersectionalism, the highest stage of western Stalinism?“, Critique, Nr. 46.(Jg. 4, 2018), S. 541-558. Online abrufbar unter: https://classunity.org/wp-content/uploads/2020/12/intersectionality.pdf.

4       Vgl. Vladimir Iljitsch Lenin: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, in: W. I. Lenin Werke (Bd. 22), Hrsg. Institut fĂŒr Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin1960, S. 189-309. Online abrufbar unter: http://www.mlwerke.de/le/le22/le22_189.htm.

5       Herbert Marcuse: Der Eindimensionale Mensch. Studium zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft.  LĂŒneburg 2014.

6       Ebd., S. 267.

7       Ebd., S. 263.

8       Ebd., S. 267.

9       Jens Benicke: Von Adorno zu Mao. Die Rezeption der kritischen Theorie und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit von der antiautoritĂ€ren Fraktion der Studentenbewegung zu den K-Gruppen. Freiburg (Breisgau) 2010, S. 141. Online abrufbar unter: https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:7122/datastreams/FILE1/content.

10     Ebd., S. 131.

11     Ebd., S. 140ff.

12     Mao Tsetung: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung. Essen 1993, S. 140ff.

13     Ebd., S. 147.

14     Jan Ole Arps: FrĂŒhschicht. Linke Fabrikinterventionen in den 70er Jahren. Berlin/Hamburg 2011, S. 76ff.

15     Ebd. S. 82.

16     Ebd., S. 83.

17     Fritz Kramer: „Über Sozialismus in China und Russland und die Marxsche Theorie der Geschichte“, Rotes Forum – Organ des SDS-Heidelberg, Nr. 3 (Juni 1970), S. 5. Online abrufbar unter: https://www.mao-projekt.de/BRD/BW/KAR/Heidelberg_Rotes_Forum/Heidelberg_Rotes_Forum_1970_03.shtml.

18     Gerber: Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des „realen Sozialismus“, S. 92ff.

19     Regula Bott, Theresia Degener, Thomas Ebermann, autonome Lupus-Gruppe/Rhein-Main, max. & sab., Heiner Möller, Maren Psyk, Karl Heinz Roth, Oliver Tolmein, Rainer Trampert, Detlef zum Winkel: „Keine Stimme fĂŒr Deutschland“, Konkret, Nr. 11 (1990), S. 15.

20     JĂŒrgen ElsĂ€sser: „Weshalb die Linke anti-deutsch sein muß“, ak – Zeitung fĂŒr linke Debatte und Praxis, Nr. 315 (Februar 1990), S. 32.

21     Joachim Bruhn: „Metaphysik der Klasse“, Phase 2, Nr. 11 (MĂ€rz 2004). Online abrufbar unter: https://phase-zwei.org/hefte/artikel/metaphysik-der-klasse-646/

22     Leo Trotzki: „PortrĂ€t des Nationalsozialismus“, Die neue WeltbĂŒhne, Nr. 28 (Jg. 2, Juli 1933). Online abrufbar unter: http://www.mlwerke.de/tr/1933/330610a.htm.

23     JĂŒrgen ElsĂ€sser:  „Weshalb die Linke anti-deutsch sein muß“, S. 34.

24     Ebd.

25     Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus. Köln 2011, S. 42.

26     Karl Marx, Friedrich Engels: „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik“, in: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke (Bd. 2), Hrsg. Institut fĂŒr Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED, Berlin 1972, S. 38.

27     Vgl. Marcuse: Der Eindimensionale Mensch. Studium zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, S. 267.

28     Georg LukĂĄcs: Geschichte und Klassenbewusstsein. Bielefeld 2013, S. 358.

29     Theodor W. Adorno: „Reflexionen zur Klassentheorie“, in: Gesammelte Schriften (Bd. 8), Hrsg. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 2020, S. 391.