RSS FeedRSS FeedLivestreamLivestreamVimeoVimeoTwitterTwitterFacebook GroupFacebook Group
You are here: The Platypus Affiliated Society/Das Erbe von 1989

Das Erbe von 1989

Ein Interview mit Dr. Thomas Wendt ĂŒber die Wiedervereinigung als Ausdruck des Zerfalls der Sowjetunion und ihre Auswirkungen auf die Linke in Deutschland

von Johannes KĂ€mper

Die Platypus Review Ausgabe #16 | Herbst 2021

Dr. Thomas Wendt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fĂŒr Philosophie an der UniversitĂ€t Leipzig. Seine Interessensschwerpunkte sind Politische Philosophie und Gesellschaftstheorie. Aktuell forscht er zur historischen Tradition und Systematik der Bewusstseinstheorie und entwickelt daraus ein PhilosophieverstĂ€ndnis des „eingreifenden Denkens“.

Das Interview wurde am 15. Mai 2020 von Johannes KĂ€mper gefĂŒhrt. Er ist Mitglied des Leipziger Chapters der Platypus Affiliated Society. Es folgt eine gekĂŒrzte und editierte Version ihres GesprĂ€chs.

Johannes KĂ€mper: Könntest du zunĂ€chst etwas ĂŒber deine jetzige Situation erzĂ€hlen? Was machst du im Moment beruflich und politisch?

Dr. Thomas Wendt: Politisch interessiert mich vor allem ein Problem: und zwar die Frage, was es heute eigentlich heißt, links zu sein. Das SelbstverstĂ€ndnis der Linken ist seit spĂ€testens 1989 ganz offensichtlich in der Krise. Die Krise selbst ist schon Ă€lter, aber seitdem kann man sie nicht mehr wegdiskutieren. Eines der großen Probleme einer freiheitlich, demokratischen Bewegung nach 1989 besteht darin, dass die Linke es meines Erachtens versĂ€umt hat, aus der Krise Konsequenzen zu ziehen, und zwar in der Weise, dass das Gesamtprojekt der Linken – seit Marx und eigentlich schon seit der AufklĂ€rung – auf seine Tauglichkeit hin befragt werden mĂŒsste. In dieser Befragung darf vor keinen Tabus Halt gemacht werden, auch nicht davor, eigene Fehler einzugestehen und Korrekturen vorzunehmen.

Was 1989 passiert ist, war kein einfacher Verkehrsunfall oder das Ergebnis der Dummheit des Ostens, die zum Zusammenbruch gefĂŒhrt hat, was manche westlichen Freunde im linken Lager dachten. Meine Hypothese ist wesentlich die, dass es innerhalb dieses Projektes einen Geburtsfehler gab, der dazu gefĂŒhrt hat, dass in der Entstehung der Sowjetunion zwar der subjektive Faktor der revolutionĂ€ren VerĂ€nderungen da war, ohne jedoch die objektiven Rahmenbedingungen zu haben, was dann notwendigerweise zur Entartung des subjektiven Faktors gefĂŒhrt hat. Heute ist es meines Erachtens umgekehrt: der objektive Faktor fĂŒr eine globale, gesamtgesellschaftliche UmwĂ€lzung, so wie sie etwa Marx prognostiziert hat, ist gegeben, aber der subjektive Faktor liegt am Boden und das hat etwas mit dem Zusammenbruch zu tun.

Der Zusammenbruch des Ostens, das Scheitern des Sowjet-Experiments – und in diesem Punkt stimme ich natĂŒrlich Putin zu – ist eine der grĂ¶ĂŸten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der erste Schritt ist heute also zunĂ€chst einmal verbunden mit einer Bewusstwerdung ĂŒber die StĂ€rken und SchwĂ€chen der gegebenen Situation sowie der Entwicklung eines subjektiven Faktors in Theorie und Praxis. Deshalb denken ich und auch Kollegen im Ausland ĂŒber bestimmte Sachverhalte nach. Beispielsweise ĂŒber die Frage: Was ist eine kritische Theorie? Solche Fragen sind verbunden mit dem PhilosophieverstĂ€ndnis und der Bewusstseinstheorie. Auch deshalb ist das die Orientierung in meiner Arbeit.

Wie bist du zur Philosophie und zur Politik gekommen? Wie wurdest du politisiert?

Eigentlich durch mein Elternhaus, in dem immer viel ĂŒber Politik diskutiert wurde. Ich komme aus einem Elternhaus, welches in der DDR gar nicht so systemtreu war, eher im Gegenteil. Einer meiner GroßvĂ€ter kommt aus einer weit zurĂŒckreichenden Tradition, welche historisch mit den GrĂŒndungen der kommunistischen Parteien in Österreich und Deutschland verbunden ist. Die andere Seite meiner Familie sind Nationalsozialisten gewesen. Ich kann nicht verstehen, dass die Kriegsgeneration angeblich die Verbrechen der Nazis vergessen hat. In meiner Familie wurde davon immer erzĂ€hlt und sie haben sich auch geschĂ€mt, da mitgemacht zu haben. Allerdings haben sie daran aus einem sozialen Interesse der Gerechtigkeit teilgenommen. Denn es ist ja kein Geheimnis, dass sowohl der Nationalsozialismus als auch die kommunistische Bewegung der 1920er Jahre gemeinsame Wurzeln im Widerstand gegen soziale Ausbeutung haben. Und davon war der gemeinsame Nenner im Grunde die damalige protestantische Kirche.

Meine Geschwister und ich wurden protestantisch erzogen. Aber wie das so ist, wenn deine Eltern die Kirche favorisieren – dann geht man eben zu den Kommunisten. Es hat mich aber auch tatsĂ€chlich interessiert. Ich bin in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) eingetreten und habe die Arbeit sehr gerne gemacht. DarĂŒber bin ich dann eben politisiert worden. Allerdings immer mit der Einstellung, dass die gegebene Ordnung, in der wir leben, alles andere als schön ist, aber mit der Grunderwartung, dass sie reformfĂ€hig ist. Diese Erwartung wurde auch fĂŒr mein Elternhaus insoweit bestĂ€tigt, als die Ablösung Ulbrichts durch Honecker zunĂ€chst als Befreiung wahrgenommen wurde. Wir konnten in den Schulen auf einmal wieder Orgelmusik hören. Das war schon etwas Neues, die Kirche galt bis dahin als sehr verpönt. Es wurde eine Öffnung und ein Dialog mit den Kirchen hergestellt. Kleine Gewerbetreibende, dazu gehörte auch mein Großvater, der eine kleine Galerie hatte, wurden nun als fester Bestandteil des Sozialismus angesehen. Es beschrĂ€nkte sich also nicht nur auf diese berĂŒhmten Bananen und Apfelsinen, die von Honecker eingekauft wurden.

Das große Erlebnis war fĂŒr uns in Ost und West natĂŒrlich der Vietnamkrieg, wie es fĂŒr die Generation zuvor der Koreakrieg war. Ich werde nie vergessen, wie wir in der Schule waren und gesehen haben, wie 1975 Saigon befreit wurde, wie wir die Bilder sahen, als dieser berĂŒhmte Panzer, der T-72 war‘s glaube ich, das Tor zur amerikanischen Botschaft aufstĂ¶ĂŸt, der letzte Hubschrauber aus der Botschaft abhebt und wir euphorisch aufgrund des vermeintlichen Sieges des Weltsozialismus waren.

Wir haben all diese Bilder gesehen, auch die der verbrannten Kinder in Da Nang. Das wurde alles gezeigt, denn die sogenannten „eingebetteten Journalisten“ von heute gab es damals noch nicht. Es gab noch richtigen Kriegsjournalismus, ohne geschönte Bilder in der Weltpresse. Diese Erlebnisse schufen natĂŒrlich auch eine Verbindung zu linken Leuten in Westdeutschland, die mit Parolen wie „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh” durch Westberlin gelaufen sind. Dennoch war der Westen fĂŒr mich keine Alternative, aber so hat eben eine Politisierung stattgefunden.

WĂŒrdest du sagen, dass die DDR bis zum Schluss reformierbar gewesen wĂ€re?

Sie war nie reformierbar. Das ist mein großer Irrtum gewesen. Auch das Gesamtprojekt des Sozialismus, wie es sich unter den stalinschen Bedingungen entwickelt hat, musste unter diesen objektiven Bedingungen notwendig so sein, wie es gewesen ist und war von Anfang an nicht reformierbar. Aber dennoch war das die große Frage bei uns Studenten. Wir hatten ein wunderbares Studium, das ich jedem von euch nur wĂŒnsche. Es gab eine Bandbreite, die jedem, der die Möglichkeit genutzt hatte, die Chance gab, sich ein weites Weltbild zu schaffen. Wir haben uns damals die SpĂ€twerke Lenins und seine Theorie zur Revolution immer wieder angeschaut, dieses bekannte Hoffen von Lenin auf die große Revolution in Europa und die Angst, dass das nicht geschehen wird, hat uns sehr beschĂ€ftigt. Wir haben es eigentlich auch immer so gewertet, dass wir hier ein Problem haben und dass da irgendwas nicht stimmt. Zumal das Auftreten der Sowjetunion im Grunde immer an die großrussische Tradition des Zaren angeknĂŒpft schien. Wir haben immer empfunden, dass wir machen mĂŒssen, was der „große Bruder“ uns sagte. So ging es auch der ParteifĂŒhrung der SED. Zum ersten Mal wirklich gelockert hat sich das VerhĂ€ltnis erst, als Gorbatschow 1985 an die Macht kam.

Wir hofften damals, in den Diskursen der Bewegung des „Eurokommunismus“ Anregungen zu finden. Das war eine europĂ€ische Bewegung von Italienern, Spaniern, Portugiesen, Franzosen und anderen, die eine Form des Kommunismus entwickeln wollten, die sowohl nationalstaatliche Eigenarten berĂŒcksichtigt als auch die InternationalitĂ€t. Denn diese beiden Sachen schließen sich nicht aus. Diese Bewegung wurde natĂŒrlich sehr kritisch von den damaligen Agitations-, Propaganda- und Ideologie-Chefs, vor allem der Sowjetunion, beobachtet.

Könntest du nochmal etwas zu dem nationalen und internationalen Charakter des Eurokommunismus sagen?

Es ging wesentlich um die Frage, ob der Weg, den die Sowjetunion eingeschlagen hat, der einzig richtige ist, oder ob fĂŒr die besonderen historischen Bedingungen in Deutschland oder einem anderen westeuropĂ€ischen Land nicht ein anderer Weg eingeschlagen werden mĂŒsse. Die Frage war also: Was ist Allgemeines, was ist Besonderes, was ist Einzelnes? Ich mache ein einfaches Beispiel: Die Einigung Deutschlands, von Sachsen, Preußen, Pommern usw. zu einem deutschen Staat, schließt ja nicht aus, dass die Leute in Pommern oder Sachsen ihre Eigenarten haben, die sie ausleben können, und trotzdem haben sie etwas Gemeinsames. Das ist nebenbei eine wichtige Frage fĂŒr die Zukunft. Man muss Besonderheiten einzelner historisch entwickelter Gegebenheiten im sozialen Bereich beachten. Man darf nicht meinen, sie „glatt“ machen zu können, denn dann werden sich die Menschen wehren: Das ist Unfreiheit. Und die Menschen haben sich in der Sowjetunion dagegen gewehrt. Das ist mit den Bewegungen in Jugoslawien gestartet, da wurde das erste Bröckeln schon deutlich. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde es dann, vor allem in den westeuropĂ€ischen LĂ€ndern, ganz explizit. Interessant ist, dass das sowohl von Moskau als auch von Washington als Gefahr angesehen wurde. Die zwei SupermĂ€chte hatten aus ganz unterschiedlichen Interessen heraus keinen Appetit auf solcherlei ZerrĂŒttung. Moskau sah hier natĂŒrlich den stalinschen Kurs und dann die Breschnew-Doktrin gefĂ€hrdet, und Washington hatte Angst, dass möglicherweise eine andere Gesellschaftsform populĂ€r werden könnte.

Was waren die Auswirkungen des Zusammenbruchs 1989 fĂŒr die damalige Linke?

FĂŒr die Linke damals war es erstmal ein richtiger Schock. Und zwar im eigenen SelbstverstĂ€ndnis. Wir haben uns gefragt, braucht es uns ĂŒberhaupt? Sind wir nicht vollkommen fehlgegangen? Alle Feindbilder brachen im Grunde genommen weg und interessanterweise ging es den Leuten im Westen genauso − und zwar Leuten, z.B. vom Geheimdienst, von Sendern, die eindeutig antikommunistische Ideologie propagierten oder Leuten im Verfassungsschutz. Die warfen auf einmal alle die Arme hoch und sahen ihre ArbeitsplĂ€tze wegfallen.

Es war ein ganz großer Schock damals und wir haben uns gefragt, ob wir nicht die ganze Zeit einer vollkommen irren Idee nachgelaufen sind. Was ich allerdings fĂŒr grundlegend falsch halte, ist die Annahme, dass die Niederlage darin bestand, dass es eine Niederlage der Ost-Linken war. Denn mit der Ost-Linken sind institutionelle Rahmenbedingungen fĂŒr die Herausbildung von Bewusstseinselementen weggebrochen und seien es nur Institutionen wie beispielsweise Akademien. Man kann es auch noch einfacher sagen: Der Wettbewerb, der um die staatlich organisierte Form des Miteinanders gefĂŒhrt worden ist, also den Osten als Konkurrenzunternehmen und Herausforderung fĂŒr das westliche Denken, gab es nicht mehr. Das ist fĂŒr beide Seiten eine Niederlage, denn die eine Seite denkt, sie hat gewonnen, die andere denkt, sie hat verloren. So geht die QualitĂ€t die einmal erreicht worden ist, sowohl im theoretischen als auch im praktischen SelbstverstĂ€ndnis, auf beiden Seiten verloren. Der Westen ist schlechter geworden. Das sehe ich im Fernsehen, das sehe ich in der Presse, das sehe ich im Rundfunk. Als es noch die DDR oder die Sowjetunion gab, hĂ€tte sich keiner getraut, solche dumpfen Berichterstattungen zu machen, wie sie zurzeit in allen großen Medien ĂŒblich sind. Auch in materiellen Gebieten wie UnterstĂŒtzung fĂŒr Publikationen – all das ist im Grunde weggebrochen, was zur Folge hatte, dass auch eine Organisationsform linken Denkens im weitesten Sinne abhandengekommen ist. Das war die Niederlage. Aber jede Niederlage, jede Krise ist natĂŒrlich auch eine Chance fĂŒr etwas Neues. Und diese Chance ist nicht genutzt worden und zwar von beiden Seiten nicht.

Ich persönlich war immer ein AnhĂ€nger der deutschen Einheit. NatĂŒrlich habe ich mir die anders vorgestellt - das ist klar! ber den Kurs von Hans Modrow seinerzeit, der vorschlug, sich mit Frankreich zu verbĂŒnden, um damit die Spaltung aufrechtzuerhalten, konnte ich nicht unterstĂŒtzen. Als Helmut Kohl den Anschluss der DDR mit seinem Grundsatz einer „gemeinsamen deutschen Staatsangehörigkeit“ vollzogen hatte, dachte ich, oder hoffte ich vielmehr – die Hoffnung war irrig –, dass er klug genug ist, die Chance zu nutzen, welche durch seinen Grundsatz aufgegeben war: nĂ€mlich ĂŒber das Grundgesetz neu nachzudenken und die ganzen Reformen einzuleiten, die die VĂ€ter und MĂŒtter des Grundgesetzes als Neu-Diskussionen zu einer gemeinsamen Verfassung fĂŒr Deutschland in „Freiheit und Einheit“ genannt haben.

Das ist also von der einen Seite nicht passiert und von der anderen im Grunde auch nicht. Was passiert ist, ist zunĂ€chst einmal die FortfĂŒhrung der alten GegensĂ€tze, jetzt allerdings unter anderem Blickwinkel, wie beispielsweise linkes Denken als Denken ĂŒber veganes Essen – wo sich jemand im Osten nur an den Kopf gefasst hĂ€tte, wenn doch Millionen von Menschen auf der Welt verhungern. 

Es ist also mit dieser Niederlage mehr verbunden als nur eine Niederlage der Linken. Meine große Angst ist, dass wir die wenige Zeit, die jetzt durch die ökologische Krise noch weniger geworden ist, verspielt haben. Deswegen meinte ich anfangs, dass ich Putin zustimme, wenn er sagt, dass das Scheitern des Projekts der Sowjetunion die grĂ¶ĂŸte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen ist.

Wie hast du 1989 persönlich erlebt? Warst du involviert oder engagiert?

Ja natĂŒrlich, es ging gar nicht anders. Ich war damals in Leipzig am Institut fĂŒr Marxistisch-Leninistische Philosophie und Logik als Assistent angestellt. Unser ganzer Lehrstuhl war immer politisch engagiert, es gab ein ganz anderes VerhĂ€ltnis von Politik und Philosophie, als man das heute kennt. Die Demonstrationen und Auseinandersetzungen gingen wesentlich von Leipzig aus. Am 3. Oktober hatten wir Parteiversammlung und wurden quasi eingesperrt. Vor der UniversitĂ€t zogen schwer ausgerĂŒstete Polizeistaffeln mit Sturmhauben, Schlagstöcken und Hunden auf. Das war allerdings nur das Ende, die Krise fing schon viel frĂŒher an. Was die wenigstens wissen, ist, dass die Krise 1989 spĂ€testens Anfang der 1980er Jahre in Vorbereitung gewesen ist. Ich weiß nicht, ob das GerĂŒcht stimmt, ich habe keinen Nachweis dafĂŒr, aber ich weiß, dass in bestimmten internen Kreisen darĂŒber gesprochen wird, dass Honecker seit Anfang der 1980er-Jahre wusste, dass die Sowjetunion mit den Amerikanern ĂŒber die DDR verhandelte. Was ich allerdings weiß und bestĂ€tigen kann, ist, dass Honecker eine Politik verfolgt hat, bei der es darum ging, dass auf deutschem Boden kein Dritter Weltkrieg ausgetragen wird. Aufgrund der klaren Erkenntnis, dass sowohl die Sowjetunion als auch die Amerikaner Deutschland nur als Vorfeld ihrer Auseinandersetzungen angesehen haben, setzte sich Honecker persönlich dafĂŒr ein. Das ist ein Verdienst, das man heute immer noch nicht wirklich wĂŒrdigt. Diese Erkenntnis hatte er und versuchte dort praktisch, politisch, samt einer theoretischen Flankierung, etwas wie eine deutsch-deutsche Zusammenarbeit, unabhĂ€ngig von den GroßmĂ€chten, zu organisieren. Sein damaliger Partner war vor allem Helmut Schmidt. Aber auch verschiedene Leute wie Walther Leisler Kiep von der CDU sind damals inoffizielle Verbindungen zur DDR eingegangen.

Was die theoretische Flankierung dieser Politik anbelangt, gab es eine These von Honecker, die nicht er entwickelt hat, sondern sein Theoretiker und Spezialist fĂŒr Deutschland, Herbert Heber – und zwar die Theorie der „Koalition der Vernunft“, was auch mein Habilitationsthema war. Diese Theorie stellte, angewandt auf die Philosophie, die Frage, ob es möglich ist, dass man eine gemeinsame Bewusstseinsform zwischen West und Ost entwickelt, die die geistige Grundlage einer praktischen Zusammenarbeit ist. Anders ausgedrĂŒckt: Es musste nachgewiesen werden, dass sich die Klassenbewusstseine von West und Ost nicht ausschließen. Das wollte ich in meiner Habilitation beweisen. Was ist die Bewusstseinsform, die beide Klassen gemeinsam handeln lassen können? Wenn man dieses Klassenmodell anlegt, gibt es ein Interesse, welches Ost und West miteinander teilen, welches gemeinsames Handeln ermöglicht. Dieses Interesse ist das Menschheitsinteresse am Überleben. Diese Arbeit habe ich damals zum ersten Mal öffentlich vorgetragen. „Öffentlich” hieß in der DDR natĂŒrlich, dass es “behind closed doors“ ablief. Ich hielt 1986 in einer Sonderschule des Zentralkomitees der SED einen Vortrag, bei welchem alle Philosophielehrer der Parteifach- und Parteihochschulen versammelt waren.

Als mich der Leiter dieser Schule anschließend zum Essen einlud, hatte ich folgendes Erlebnis: ZunĂ€chst mal war es interessant zu sehen, wie so etwas organisiert war, denn die normalen Teilnehmer mussten sich anstellen, uns wurde dagegen serviert. Wir hatten unseren eigenen Speisesaal und es gab Erdbeeren mit Schlagsahne – im Februar. Das Ganze fĂŒr 2,50 Mark, Drei-GĂ€nge-MenĂŒ, fĂŒr einen OstbĂŒrger; ich dachte: Wo bist du jetzt gelandet?! Also das Essen stimmte. Gleichzeitig blieben mir die Bissen allerdings im Halse stecken, weil der Leiter der Schule zwar nicht bei meinem Vortrag dabei gewesen war, aber mich Wort fĂŒr Wort zitierte. Als ich sagte: „Ich habe dich gar nicht gesehen, Genosse.“, antwortete er: „Na, ich hab‘ doch mitgehört“. Er saß also irgendwo anders und es lief ein Tonband, und er erklĂ€rte mir: „Das haben wir hier bei uns so, damit wir auch genau wissen, was gesagt worden ist, damit keine MissverstĂ€ndnisse aufkommen, sollte es Diskussionen geben.“ Mit dem fuhr ich dann in einer Limousine nach Berlin zurĂŒck. Irgendwann machte er die Scheibe zum Fahrer hoch und ich werde nie vergessen, wie er zu mir sagte: „War ein interessanter Vortrag, Genosse, sagen Sie, schaffen wir es nochmal?“ – das war 1986 – „Na klar schaffen wir es!“ – ich verwies auf Lenin. Ich hĂ€tte natĂŒrlich nie eine ehrliche Antwort gegeben, ich kannte ihn ja gar nicht. Aber da war mir klar, dass irgendwas im Busch war. Heute weiß man ja, dass die sich sogar im PolitbĂŒro alle untereinander abgehört haben. Die hatten Angst, offen in ihren HĂ€usern zu sprechen, das ist Stalinismus pur. Hinzu kommt, dass ich spĂ€testens mit dem Weggang von Markus Wolf aus dem Ministerium fĂŒr Staatssicherheit wusste, dass grĂ¶ĂŸere VerĂ€nderungen bevorstehen. Denn ein Geheimdienstchef verlĂ€sst nicht einfach den Geheimdienst und macht dann auf einmal Literatur und gibt mit amerikanischen und russischen Freunden zusammen ein Buch heraus. Wer ein bisschen in dem Metier Bescheid weiß, der macht seinen Job weiter. Es wurde quasi eine Distanz zum gegebenen System eingefĂŒhrt oder anders ausgedrĂŒckt, ich merkte, dass die SED kein monolithischer Block ist. Ich merkte, dass es unterschiedliche Fraktionen gab und zwar die Honecker-Fraktion auf der einen sowie Markus Wolf und auch Gysi auf der anderen Seite. Diese Krisenerscheinungen wurden immer durch die große Angst begleitet, dass Moskau durchdreht und auf den Knopf drĂŒckt. Denn wir wussten in unserem Lehrstuhl immer, dass es in Moskau GenerĂ€le gab, die den Erstschlag vorgeschlagen hatten, da sie wussten, dass wir ökonomisch verloren hatten. Wenn auch nicht öffentlich, so war es dennoch bekannt. Das hatte sich wie ein Schleier der Angst ĂŒber uns gelegt.

Wir haben dann versucht, alles zu unterstĂŒtzen, was Honeckers AnnĂ€herungs-Kurs betraf, auch wenn dieser von Moskau, man muss fast sagen, gewaltsam unterbrochen worden ist. Herbert Heber, der die erwĂ€hnte Theorie der „Koalition der Vernunft“ fĂŒr den Honecker-Kurs ausgearbeitet hatte, wurde dann nĂ€mlich in die KlapsmĂŒhle nach Bernburg gesperrt. Um es ganz ehrlich zu sagen, war es Gorbatschow, der das dann maßgeblich gestoppt hat. Aber Gorbatschows Rolle ist nicht nur die eines Weltbefreiers, er hat ganz klar in nationalstaatlichen Interessen gedacht. Ich denke, er hat die DDR strategisch genutzt, um die Sowjetunion freizukaufen und zu entlasten, auch wenn das nicht geklappt hat. Das waren alles Dinge, die im Hintergrund die Situation von 1985–89 geprĂ€gt haben. Einen Umbruch hatte ich erwartet, aber nicht in dieser Form. Die Vereinigung hatte ich ĂŒberhaupt nicht erwartet, und zwar aus dem Grunde, dass ich dachte, England und Frankreich seien stĂ€rker. Die beiden, das wussten wir ganz genau, hatten daran kein Interesse. François Mitterrand, damaliger französischer StaatsprĂ€sident, hatte erklĂ€rt, er liebe Deutschland so sehr, dass er gerne zwei davon hĂ€tte und Maggie Thatchers Meinung ist auch hinlĂ€nglich bekannt. Verhindern konnten sie es aber nicht mehr. Sie waren gegenĂŒber der BRD, die ja schon ein wirtschaftlicher Riese war, schwach und die SchwĂ€che der Sowjetunion kam noch hinzu. Außerdem konnten die Amerikaner wegen der Einigung keinen RĂŒckzug mehr machen, weil sie den Mund ohnehin schon so voll genommen hatten und zustimmen mussten.

Was bedeutet 1989 fĂŒr die Linke und fĂŒr eine sozialistische Perspektive heute? Was ist das Erbe von 1989?

Das Erbe von 1989 ist zunÀchst einmal ein Bewusstsein der Notwendigkeit der stÀndigen Selbstreflexion. Ein stÀndiges Arbeiten an sich selbst und das Ernstnehmen der Tatsache, dass niemand, auch nicht die Linke, die absolute Wahrheit hat.

Das zweite ist das Offensein fĂŒr alle humanistischen, auch nicht linken Begriffe, also fĂŒr ein breites MassenbĂŒndnis. Ich halte die Organisationsform der Partei nicht fĂŒr die zukunftstrĂ€chtige.

Was die sozialistische Perspektive angeht, muss man zunĂ€chst schauen, was historisch positiv erreicht worden ist. Eine der großen MĂ€ngel der Realpolitik seit Stalin und dem ideologischen Bewusstsein davon war es, die bĂŒrgerliche, liberale Demokratie oder die Form der Demokratie, so wie sie bĂŒrgerlich entwickelt worden ist, als politische Form nicht gewĂŒrdigt zu haben. Jede Form von Diktatur, egal ob sie Diktatur der Arbeiterklasse oder sonst wie heißt, ist meines Erachtens abzulehnen. Die politische Form der Demokratie ist fortzusetzen. Aber meine sozialistische Perspektive, die ich nach wie vor habe, heißt Demokratisierung der Wirtschaft. Und das haben wir im Westen nicht.

Was verstehst du genau unter der Demokratisierung der Wirtschaft?

Das bedeutet Sozialisierung. Zum Beispiel Sozialisierung aller Bankengewinne, genauso wie natĂŒrlich aller Bankenverluste; oder dass es die erste Freiheit der Presse ist, kein Gewerbe zu sein, also ursozialistische Forderungen. Das bedeutet natĂŒrlich auch, das VerhĂ€ltnis von Menschen untereinander zu verĂ€ndern, soziale VerhĂ€ltnisse, die mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln verbunden sind. All das, was die Existenzgrundlage von Menschen ausmacht, sei es Wasser, sei es Luft, sei es Verkehr, sei es Gesundheit, gehört nicht in private Hand. Auch Medien gehören nicht in private Hand. Ich wĂŒrde immer Privatinitiativen zulassen, aber all das, was menschliche Grundexistenzbedingungen anbelangt, darf nicht kapitalistisch ausgebeutet werden.

Sollen sie durch den Staat gemanagt werden?

Na ja, was muss an die Stelle des Staates gesetzt werden? Das ist die große Frage, ĂŒber die Marx ja ewig nachgedacht hat. Er meinte die Pariser Kommune wĂ€re im Grunde genommen so eine Form. Es muss also eine staatliche Organisationsform geben. Ich bin kein Vertreter der These vom Absterben des Staates, auf keinen Fall, aber der Staat darf meines Erachtens nicht die Partei als Staat sein. Denn Partei ist eigentlich etwas, was sich philosophisch gesprochen, „dem Begriff nach“, mit dem Staat ĂŒberhaupt nicht vereinbaren lĂ€sst. Die Partei vertritt per Definition immer ein besonderes Interesse, wĂ€hrend der Staat fĂŒr das Allgemeininteresse eintritt. Es geht also um die FortfĂŒhrung des klassisch hegelschen-marxschen Projektes, denn das ist im Grunde schon bei Hegel angedacht worden. Diese Staatsform ist noch nicht da und ich wĂŒsste auch nicht, wie das genau in der konkreten Politik gemacht werden soll. Eine wichtige Sache im heutigen Entwicklungsstand des Kapitalismus, die man in jedem Fall abstellen mĂŒsste, ist der Umstand, dass Geld Geld heckt. Das ist etwas, das sowohl die Pauper unten als auch die Pauper oben, die Verelendung oben wie unten hervorbringt und allgemein menschlich schĂ€dlich ist. Das wĂŒrde allerdings das Herz unserer Gesellschaft treffen, in der wir heute leben, denn das ist das, was man als „systemrelevant“ bezeichnet und was es als „alternativlos“ zu schĂŒtzen gelte. Aber dazu gibt es Alternativen und die gibt es schon spĂ€testens seit den 1920er-Jahren. Da denke ich z.B. an die österreichische Nationalökonomie und an diese Diskurse, die dort ĂŒber andere Formen gefĂŒhrt worden sind, in denen Geldwirtschaft organisiert werden kann.

Aus Interesse an diesem Projekt suchten wir damals nach Existenzformen einer zukĂŒnftigen Gesellschaft. Zum Beispiel untersuchten wir die Gestaltung der Sonderwirtschaftszonen in China. Man kann von China denken, was man will – das ist bestimmt nicht der Status quo, den ich gerne haben möchte –, aber diese Sonderzonen waren ein Experiment, welches den Kapitalismus in diesen Zonen zugelassen hat und dann die ÜberschĂŒsse fĂŒr die ĂŒbrigen nicht kapitalistischen Zonen in China nutzte. Das waren damals praktische Projekte. Politisch ist das heute nicht mehr meine Perspektive. Warum? Weil wir heute NĂ€gel mit Köpfen machen mĂŒssen. Es geht nicht mehr. Dieses Modell des Kapitalismus, wie wir es bisher hatten, ist meines Erachtens tatsĂ€chlich an seine Grenzen gekommen. Er ist nicht mehr reformierbar. Er kann die Ökokrise vielleicht technisch, aber auf keinen Fall sozial bewĂ€ltigen.

Also grĂŒner Kapitalismus ist fĂŒr dich nicht möglich?

Es kann keinen Sozialstaatskapitalismus geben. Das ist nicht möglich. Deshalb gibt es ja dieses Wandern in immer neue ArmutslĂ€nder, wo man noch Surplus und Profit machen kann – dazu ist man gezwungen. Doch jetzt ist der Punkt erreicht, an dem keiner mehr da ist, der die neuen Profite einbringt.

Vor welcher politischen Aufgabe oder Organisationsform steht die Linke gerade? Warum ist die Linke organisatorisch in einer Sackgasse, wie du es eingangs beschrieben hast? Was ist die Aufgabe?

Also ich kann nicht die Linke generell einschĂ€tzen. Ich bin 1991 aus der damaligen SED/PDS/DIE LINKE ausgetreten, weil ich fĂŒr die NeugrĂŒndung einer Partei war. Es gab damals den großen Streit: NeugrĂŒndung oder FortfĂŒhrung? Das Hauptargument gegen die NeugrĂŒnder war, dass man das Geld der SED mitnehmen mĂŒsse, denn „nur das Geld steht im Kapitalismus zwischen den Linken und den Kapitalisten“. Nach dem Motto: Ohne Geld könnten wir nichts ausrichten. Meine Position dazu war, dass man mit dem Geld auch das „Bluterbe“ der stalinistischen Tradition ĂŒbernehme und dass so keine richtige Abrechnung mit dieser Tradition machbar ist. Deshalb bin ich damals ausgetreten. Ich möchte eine Sache zum Parteiprinzip und zum Unterschied zwischen dem Leninschen und Stalinistischen Parteiprinzip sagen. Ich habe mal unter meinem frĂŒheren Lehrer, Herrn Professor Dieter Wittich, zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von zweierlei Leitungsprinzipien geforscht: und zwar dem demokratischen Zentralismus und dem FĂŒhrergefolgschaftsprinzip. Damit wurde natĂŒrlich die SED mit der NSDAP verglichen. Sowas war bei uns im Lehrstuhl trotzdem machbar.

Mit dem Stalinismus ist letzten Endes das FĂŒhrergefolgschaftsprinzip eingefĂŒhrt worden. So etwas darf nie wieder passieren. Wenn die Partei eine soziale, revolutionĂ€re Funktion haben soll, muss sie demokratisch organisiert sein! Nicht nur nach der Benennung, sondern es geht um eine tatsĂ€chlich existierende Parteidemokratie von unten nach oben, mit Rechenschaftslegung von oben nach unten und stĂ€ndiger Absetzbarkeit.

Allerdings hĂ€ngt das auch immer von den Rahmenbedingungen ab, unter denen eine Partei arbeiten muss – und hier breche ich eine Lanze fĂŒr Lenin. Denn eine Partei, die in der IllegalitĂ€t arbeitet, hat andere Herausforderungen als eine, die in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen arbeitet. Deshalb ist der erste Kampf, den wir heute fĂŒhren mĂŒssen, der fĂŒr die Erhaltung der Demokratie. Auch gegen einen coronabedingten Abbau. Es ist wichtig, diese Errungenschaft zu erhalten und sie nicht einfach wegzuschmeißen. Unter den Bedingungen der IllegalitĂ€t ist eine Partei weitaus schneller in der Gefahr, diktatorische Formen anzunehmen, ganz unabhĂ€ngig davon, ob das gewollt ist oder nicht. Dazu muss man auch sagen, dass die junge Sowjetunion nicht gerade von Freunden umgeben war.

Die Bewahrung des demokratischen Grundprinzips wĂ€re also das Erste. Das Zweite wĂ€re, dass die Linke weltanschaulich offen sein muss. Sowohl die NSDAP als auch die kommunistische Bewegung gelten als sogenannte „Weltanschauungsparteien“. Eine Linke muss weltanschaulich offen sein, basierend auf einem Grundkonsens, der sich in einer Diskussion herstellt und auf humanistischen Grundprinzipien beruht, wie Menschenrechte, Freiheit von Rassen und diesem ganzen Blödsinn, aber eben auch Freiheit von Klassenunterschieden. Völlig unabhĂ€ngig davon, wo du geboren bist, ob dein Vater Bankbesitzer oder Arbeiter war, du bist deshalb nicht besser als der Andere. Entscheidend ist dann letztlich deine eigene Tat und nicht deine Herkunft. All diese feudalistischen Formen mĂŒssen aus den Parteien herausgehalten werden. Denn das schlimme ist ja, dass die kommunistische Bewegung in diesen Punkten teilweise hinter die Errungenschaften der bĂŒrgerlichen Demokratie zurĂŒckgefallen ist.

Was bedeutet Stalinismus heute? Gibt es ihn noch? Wie drĂŒckt sich das aus und welche Rolle spielt er heutzutage in der Linken?

Stalinismus gibt es in ganz verschiedenen Formen. Ich weiß nicht, ob es das heute noch auf der Linken gibt. DafĂŒr kenne ich sie zu wenig. Aber mich macht es manchmal sehr traurig, wenn vermeintliche oder tatsĂ€chliche Linke meinen, den Diskurs mit Andersdenkenden ablehnen zu mĂŒssen. Denn dahinter steht im Grunde immer die Meinung: „Wir sind mit einer grĂ¶ĂŸeren Wahrheit ausgerĂŒstet als ihr“, um nicht zu sagen: „Die absolute Wahrheit haben wir”. Dass das fĂŒr die sozial verĂ€ndernde TĂ€tigkeit der Linken schĂ€dlich ist, kann man negativ heute daran erleben, wie die offiziellen Medien anfangen zu spalten und zu schreien, wenn sich ein grĂ¶ĂŸeres BĂŒndnis an Leuten zusammenfindet. Also habt keine Angst, auch mit Leuten zu sprechen, denen man sonst was nachsagt. Sprechen kann man immer. Im Grunde genommen ist nĂ€mlich eine These von Marx eingetreten: Es gibt heute fast nur noch Proletarier und Bourgeois. Ja auch der Herr Professor ist im Grunde genommen bloß ein Proletarier, er weiß es nur nicht. Und die Leute, die uns mehr oder minder beherrschen oder die ökonomische Macht in den HĂ€nden halten, werden auch immer weniger. Die objektiven Bedingungen sind da. Man darf sich nicht spalten lassen.

Wie steht es um die Perspektive einer emanzipatorischen Linken?

Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann da nur hoffen.

Bist Du selbst irgendwo engagiert?

Ich bin Philosoph, also ich versuche es zu sein und ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich es mit meinem Beruf nicht fĂŒr vereinbar halte, in irgendeiner Partei mitzumachen. Aber das ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite gehört zu meiner Verantwortung als berufener Philosoph, der dafĂŒr sogar Geld kriegt, sowohl die historischen als auch die systematischen Erfahrungen der Menschen, die versuchen eine Freiheitsgesellschaft herzustellen, zu bewahren und weiterzugeben. Das ist mein Engagement. Was ich jetzt nicht mitrechnen will, ist, wenn ich bei einer Demo oder einem Streik mitmache. Auch nicht, dass ich die Gewerkschaftsidee unterstĂŒtze und propagiere oder als Vertrauensdozent der Gewerkschaft tĂ€tig bin. Obwohl ich in letzter Zeit oft zweifle, ob ich das weitermachen sollte, weil die Gewerkschaften bundesdeutsch, soweit ich sie kenne, eher sehr konservativ eingestellt sind, also dieses System mehr oder minder doch sehr unkritisch betrachten. Aber das sind alles alte Probleme, die kann man schon ab den 1940er- Jahren im Trade-Unionismus-Diskurs verfolgen. Also wenn man das Engagement nennt, dann ist es so.

Hast du dich jemals in der ganzen Zeit seit 1989 anders als in den genannten Dingen politisch engagiert?

Nein, das habe ich nicht mehr. Erstmal weil ich nach 1989 selbst orientierungslos und geschockt war, aber auch weil ich der festen Überzeugung bin, dass in dieser Zeit, in der ich lebe, vor allem seit 1989, erstmal theoretisch gearbeitet werden muss. Daran habe ich die letzten 20 Jahre laboriert. Das fing damit an, erstmal alle Marx-Werke innerhalb von drei Wochen nochmal zu lesen und das Ganze dann auf 20 Seiten zu verdichten, danach bin ich in die Psychotherapie gegangen und als ich zurĂŒckkam, habe ich drei Jahre nichts mehr lesen können und habe die Seminare aus dem Kopf abgehalten. Aber ich muss ehrlich sagen, ich hatte auch SchuldgefĂŒhle. Ich war ja in der DDR durchaus in erziehender Funktion tĂ€tig und hatte richtig SchuldgefĂŒhle, dass ich da Menschen vielleicht falsch geleitet habe.

Ostdeutschland ist ja im Zusammenbruch nach der Wende noch vergleichsweise gut davongekommen. Der Klassengegner war nicht so schlimm, wie wir dachten. Nebenbei ist es eine wichtige Erfahrung, dass es in allen Situationen auch so etwas wie allgemeine menschliche Regungen gibt, unabhĂ€ngig davon, auf welcher Seite man steht. Ich bin heute den vielen normalen westdeutschen Steuerzahlern natĂŒrlich dankbar dafĂŒr, was sie fĂŒr den anderen Teil Deutschlands geleistet haben. Ich halte nichts von dieser „Wessi-Ossi-Diskussion“, das ist absoluter Blödsinn. Es haben sich natĂŒrlich viele Wessis unheimlich bereichert, aber das ist nicht die Masse gewesen, sondern die Leute, die schon immer reich waren, und ein paar Ossis haben sich nebenbei auch gut bereichert.

Um zu der Frage zurĂŒckzukommen, eine kleine Anekdote: Ich habe vor kurzem einen Brief an einen Freund geschrieben, den ich damit vielleicht etwas verĂ€rgert habe. Ich habe in dem Brief Gregor Gysi zitiert, der 1989, als BĂ€rbel Bohley und andere ihn besuchten und ihn um die Auflösung der SED baten, geantwortet hat, dass er das „der Partei von Rosa und Karl nicht antun“ könne. Damals war ich sehr stolz darauf. Jetzt habe ich im Brief an meinen Freund geschrieben: „Aber herausgekommen ist eine Partei, die mich an Noske und Scheidemann erinnert und von DIE LINKE in DIE OPPORTUNISTEN umbenannt werden sollte.” Das war meine Antwort auf die Coronapolitik, die vorgeblich alternativlos ist und zu der unsere Kanzlerin im Bundestag ĂŒberhaupt keine Anfragen bekommen hat. Da war ich sehr enttĂ€uscht. Andererseits halte ich von der KPD und MLPD auch nicht viel und von Antideutschen ĂŒberhaupt nichts. Die westdeutsche Linke, die nach 1989 zunĂ€chst nach Ostberlin hereingebrochen ist, zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, dass es oft genug „Bourgeois-Söhnchen“ waren, die in der sozialen HĂ€ngematte groß geworden sind und keine Not und kein Elend gekannt haben. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht und dann bitte ich um Verzeihung, aber das war und ist mir fremd, das muss ich ehrlich sagen. Vielleicht bin ich dafĂŒr zu sehr Leninist. Ich halte nebenbei auf Lenin als Politikwissenschaftler ganz große StĂŒcke; ich habe seine Revolutionstheorie drauf und halte sie nach wie vor fĂŒr eine ganz wichtige Sache.

Auf dem 1. Parteitag der PDS am 24. Februar 1990 in Berlin wird ein neues Programm und ein ĂŒberarbeitetes Statut verabschiedet.

Wie steht es um die Philosophie heute? Wie schÀtzt du das VerhÀltnis des Zustands der Philosophie zu einer emanzipatorischen Linken ein?

Ich halte den Zustand fĂŒr eine Katastrophe. Sowohl was die Philosophie als auch was die emanzipatorische Linke anbelangt. Die Linke ist theorielos und das betrifft sowohl eine allgemein philosophische Theorie als auch eine politökonomische Theorie. Politische Ökonomie gehört fĂŒr mich zur Philosophie bzw. zur weltanschaulichen Theorie. Philosophie ist nicht Weltanschauung, aber sie ist weltanschauliche Theorie. Was die offizielle akademische Philosophie betrifft, ist der Zustand, gerade im Hinblick auf die Politische Philosophie, genauso katastrophal. Ich glaube wir sind nach 1989 in ein anderes Extrem hineingefallen. Wir haben uns seinerzeit zu sehr mit der Politik ins Bett gelegt und uns dadurch automatisch Scheuklappen angelegt. Heute legt man sich wieder Scheuklappen an, allerdings aus Bequemlichkeit, indem man mehr oder minder einem Positivismus frönt.

Der Positivismus, das wissen wir seit Adorno, ist eine Philosophie, die die Rahmenbedingungen, unter denen wir leben, einfach akzeptiert und dann anfĂ€ngt, die Mechaniken technisch zu berechnen, in welchen diese Rahmenbedingungen ausgefĂŒhrt werden. Das wird so nicht mehr weitergehen. Wir stehen in der Philosophie seit Jahren vor einer theoretischen Revolution oder sitzen mittendrin. Das ist keine innertheoretische Revolution, denn sie hĂ€ngt mit der Gesamtkrise des Liberalismus zusammen. Das wird fĂŒr die Philosophie, den Philosophen wie auch fĂŒr die Philosophieausbildung eine VerĂ€nderung bedeuten. Die wird dann ĂŒber diese enge, beschrĂ€nkte, auf einzelne Schulen hinauslaufende Ausbildung hinwegfegen. Und das wird Gott sein Dank so sein!

Du hast gerade ĂŒber eine Krise des Liberalismus gesprochen. Glaubst Du, diese wird auch eine Auswirkung auf die Linke heutzutage haben? Wenn ja, inwiefern?

Ja natĂŒrlich. Die Linke muss sich neu formieren. Und sie muss sich vor allem die Frage stellen, was es heißt, links zu sein - und diese Frage ist sehr unklar! Ich wĂŒrde eine Antwort geben: Es geht um soziale Emanzipation und die hat Marx mal mit dem Ausdruck der „allgemein menschlichen Emanzipation“ beschrieben. Das ist der Ansatz, mit dem wir beginnen mĂŒssen. Das betrifft die Bewegung fĂŒr Geschlechtergerechtigkeit bis hin zum Natur-Mensch-VerhĂ€ltnis. Der neue Mensch ist gefragt. Die neue Menschheit. Das ist die optimistische Hoffnung. Es gibt aber auch genĂŒgend Anzeichen dafĂŒr, dass wir es nicht schaffen, dass wir es verspielt haben. Eines darf man nicht außer Acht lassen: Alles, was „Geschöpf“ ist, und das ist der Mensch, geht möglicherweise mal unter. Diese Alternative hat Marx ja schon angenommen. Ich hoffe, das wird nicht der Fall sein. |P