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Wohin treibt der Sozialismus? Mamdani und die Linke

Ausgabe #41 | September/Oktober 2026

Mitchel Cohen, Melvyn Dubofsky, Daniel Lazare und Sebastian LM

Am 26. September 2025 veranstaltete die Platypus Affiliated Society an der New York University eine Podiumsdiskussion zum Sozialismus, zum New Yorker Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani und zur Linken. Es sprachen Mitchel Cohen (Schriftsteller, Aktivist, Dichter, ehemaliger Vorsitzender des WBAI-FM Local Station Board, Brooklyn Greens, Red Balloon Collective), Daniel Lazare (Autor von „The Frozen Republic: How the Constitution is Paralyzing Democracy“ (1996); seine Texte erscheinen im Permanent Revolution Blog, der Weekly Worker und der Platypus Review), Sebastian LM (Mitglied der Young Democratic Socialists of America an der NYU, Mitarbeiter der Mamdani-Kampagne) sowie Melvyn Dubofsky (Professor Emeritus für Geschichte und Soziologie an der Binghamton University, Autor von „American Labor Since the New Deal“ (1971) und „Industrialism and the American Worker, 1865–1920“ (1975)), der per Zoom zugeschaltet war. Das Platypus-Mitglied Erin Hagood moderierte die Diskussion. Es folgt eine Übersetzung des redigierten Transkripts.1

Beschreibung

Zohran Mamdanis überraschender Sieg in der Vorwahl der Demokratischen Partei um das Bürgermeisteramt in New York wird als beispielloser Erfolg für die amerikanische Linke gefeiert, doch er ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Mamdani hat sich zustimmend auf die „sewer socialists“ (etwa: „Kanalsozialisten“) des frühen 20. Jahrhunderts, die aus der Socialist Party of America (SPA) der Zweiten Internationale hervorgingen, bezogen und sie als Vorbild angeführt. Manche innerhalb der Linken verweisen auf den New-Deal-Republikaner und Bürgermeister Fiorello LaGuardia als Bezugspunkt für eine linke Kommunalpolitik. Die Democratic Socialists of America (DSA) sind seit den 1980er Jahren in der Wahlpolitik aktiv, und ihr Mitglied David Dinkins wurde 1990 zum Bürgermeister von New York gewählt. Welche Lehren kann die heutige Linke aus diesen Projekten ziehen, und wie sollten diese unseren Umgang mit Mamdani prägen?

Doch vielleicht geht es hierbei nicht primär um eine Frage sozialistischer Kommunalpolitik. Die Strategen der Demokratischen Partei haben Mamdanis Kampagne aufmerksam verfolgt, während Linke in den USA und darüber hinaus sie als erstes Aufflackern einer neuen linken Politik gefeiert haben. Ist Mamdanis Kampagne ein Vorsprechen für einen neuen, dem Trumpismus entgegengesetzten Kurs der Demokratischen Partei?

Sollten wir einen Sieg Mamdanis an sich als Erfolg betrachten, oder würde er vielmehr neue und potenziell verwirrende Fragen für eine politisch konstituierte Linke aufwerfen? Was würde es für die Linke bedeuten, unter einem Bürgermeister Mamdani und einem Präsidenten Trump politisch aktiv zu bleiben? Ist Mamdani die Alternative zu seinem New Yorker Landsmann (und ersten Präsidenten aus der Stadt seit Teddy Roosevelt) Donald Trump, der Kopf eines neuen Widerstands gegen Trump – oder ein Versuch, bewusst oder unbewusst, den linken Flügel der neuen politischen Ordnung zu bilden, die Trump eingeleitet hat?

Eingangsstatements

Mitchel Cohen: In dem Film Die Faust im Nacken (1954) bahnt sich der von Marlon Brando gespielte Terry Malloy seinen Weg durch die Bürokratie der Gewerkschaften und kämpft gegen Korruption. Am Ende des Films, nachdem er zusammengeschlagen wurde und den moralischen Sieg errungen hat, trifft er den Kapitalisten, der den ganzen Betrieb am Hafen kontrolliert, und die ganze Geschichte endet mit dem Kapitalisten, der sagt: „Alles klar! Zurück an die Arbeit!“2 Das wurde als Sieg von Malloy und all den anderen gewertet. Das ist schockierend. Ich frage mich, ob das mit Zohran Mamdani und anderen Sozialisten, Liberalen und Progressiven passiert, wenn wir nicht das System in irgendeiner Weise bekämpfen.

Mamdani und die DSA verstehen sich als Fortführung der Zweiten Internationale, die ihren Höhepunkt in den USA und Europa im frühen 20. Jahrhundert erreichte. Ihr wichtigstes Merkmal war die Unterstützung für den Ersten Weltkrieg. Im September 1915 brachen Lenin, Trotzki und Rosa Luxemburg in der Schweizer Ortschaft Zimmerwald mit dem Imperialismus und den sogenannten Sozialisten in ganz Europa, verurteilten den Krieg und weigerten sich, Angehörige der Arbeiterklasse an die Front zu schicken, um für das Kapital und die von ihm kontrollierten Nationalstaaten zu töten und getötet zu werden.3 Die Frage des Krieges und des Imperialismus spaltete die Zweite Internationale. Hat sich die DSA von dieser Geschichte losgelöst oder liegt sie in ferner Vergangenheit, sodass wir sie vergessen können? Welche Rolle spielt sie bei den Kommunalwahlen?

Mamdanis Bedeutung liegt in seinem Bruch mit der Hierarchie der Demokratischen Partei, insbesondere bei der Frage von Palästina. Die Zweite Internationale torpedierte stets unseren Kampf gegen den faschistischen Staat Israel und lieferte im Namen des Sozialismus den Deckmantel für die Liberalen, um ihre fortgeführte Politik der kapitalistischen Ausbeutung und Enteignung zu rechtfertigen. Das war eine vollständig falsche Lesart von Marx durch Leszek Kołakowski und andere. Einfach falsch auf allen Ebenen, moralisch und historisch.

Im Kommunistischen Manifest von 1848 stellten Marx und Engels Thesen über die Rolle der Kommunisten auf: Im Gegensatz zu den unmittelbaren wirtschaftlichen, elektoralen oder nationalen Interessen sollten sie die Interessen der revolutionären Bewegung als Ganzes repräsentieren. Sie sollten die internationale Dimension in alle lokalen Kämpfe hineintragen und eine politische Organisation etablieren, die das fortschrittlichste Bewusstsein der Arbeiterklasse verkörpert, und sich nicht von ihr abkoppeln. Dennoch fehlt etwas in der sozialistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten. All diese Jahre versuchten wir, das Bewusstsein anderer zu bilden, damit sie sagen „Ja, ich bin ein Sozialist.“ Davon ausgegangen, dass sich Millionen von Menschen als Sozialisten verstehen – was machen wir dann?

Manche in der Zweiten Internationale verstanden Lenin als Anarchisten. Das ist schwer verständlich, weil heute der Kampf zwischen Leninismus und Anarchismus dominiert. Und trotzdem teilen die meisten Anarchisten die Kerngedanken Lenins über die Rolle einer revolutionären Organisation. Daniel Lazare mag damit ein Problem haben: Es gibt eine positive, beinahe utopische Behauptung von Lenin, dass Menschen ihre Umstände, ihr Leben und dessen Bedingungen verändern können. Nichts ist vorherbestimmt. Sehr viel hängt davon ab, wie sie sich organisieren, um eine sozialistische Zukunft herbeizuführen. Die Zweite Internationale jammerte zum Beispiel, dass die Bedingungen für einen Aufstand gegen den Ersten Weltkrieg nicht reif waren, als Millionen von Menschen sich in ganz Europa abschlachteten. 1968 sabotierte die Kommunistische Partei Frankreichs die Wellen an Massenstreiks und gezielten Aktionen im ganzen Land mit dem Vorwand, dass die Bedingungen für den Sozialismus noch nicht reif seien, während Menschen ermordet wurden. Woran meinen sie, das zu erkennen?

War die Arbeiterklasse jemals so organisiert, dass sie die Situation dramatisch verändern konnte? Fast nie. Arbeitern bleibt nur die Möglichkeit, beim Staat zu lobbyieren und über ihre Gewerkschaften bei ihren Arbeitgebern auf Reformen innerhalb der kapitalistischen Gesamtstruktur hinzuwirken, die allerdings von diesen Reformen untergraben wird, wie wir derzeit bei der Sozialversicherung, Medicaid, Medicare, dem Mindestlohn usw. beobachten können. Im Falle des Ersten Weltkrieges unterstützten die Parteien der Zweiten Internationale, in der Hoffnung, etwas von der Beute ihrer siegreichen Nation abzubekommen, den Militarismus der herrschenden Klasse, während sie das Gemetzel anderer anprangerten und, wie in jedem Krieg, die Arbeiter als Kanonenfutter lieferten. Sie setzten ihre Hoffnungen auf gewerkschaftliche Siege für ihre Arbeiter und ihre Gewerkschaften auf die Niederlage anderer Arbeiter und anderer Gewerkschaften daheim und im Ausland. Wie kommen wir aus dieser kapitalistischen Falle raus? Das ist keine rhetorische Frage: Wie bringt uns die Wahl eines DSA-Mitglieds, das sich selbst als Weiterführung der Zweiten Internationale versteht, näher zum Sozialismus? Insbesondere da der Kapitalismus alles tun wird, um Arbeiter gegeneinander auszuspielen und die Mittel für Mamdanis Bemühungen zu unterbinden, um ihn zu zerstören.

Was unterscheidet Mamdanis Programm? Welcher Arbeiter sollte den Programmpunkten widersprechen? Zumindest so weit, wie sie gehen, was nicht weit ist. Was hat sich seit früheren Bürgermeistern wie Bill de Blasio, David Dinkins oder anderen Liberalen verändert? Lasst uns nicht vergessen, dass Bill de Blasio vor 30 Jahren die Kampagnen für Hillary Clinton koordinierte, die damals als Linke porträtiert wurde – heute lachen wir alle. Wie soll die Wahl eines Sozialisten zum Sozialismus führen? Wir sind auf alltägliche Forderungen beschränkt, auf die Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen. Wir haben keine Forderungen gegenüber den Kapitalisten, für die wir arbeiten. Wir fordern nicht den sofortigen Stopp der Verschmutzung des Hudson River. Das ist die Aufgabe der Arbeiter. Wir müssen mit allen bestehenden kapitalistischen Verträgen brechen. Auch mit dem Gesellschaftsvertrag, der Gewerkschaften ermöglicht. Anstatt die Produktion einzustellen, wie wir es bei Streiks tun, sollten wir sie für die Kontrolle der Arbeiter öffnen. Jedes Problem muss die organisatorischen Fähigkeiten fördern, um es selbst zu lösen, ohne sich nur an die Mächtigen zu wenden, damit sie es in unserem Namen tun. Das wäre eine fundamentale Neufassung der Regeln des Gewerkschaftswesens, wie sie die Zweite Internationale immer hochgehalten hat. Die Kapitalisten werden versuchen, Mamdani und jegliche ehrliche sozialistische Bestrebung fertigzumachen.

Können wir die Staatsmacht nutzen, um Kommunen und Kollektive zu finanzieren und zu vergrößern? Darin bestand der großartige Beitrag von Hugo Chávez, wie er im letzten Monat in der Monthly Review als Teil der sozialistischen Struktur und des Übergangs in den Sozialismus beschrieben wurde.4 Diese unterscheiden sich von den Komitees in Nicaragua und Kuba, da jene mehrheitlich für die Verteilung der Güter zuständig waren, aber nicht für ihre Produktion. So ein System spielt bereits Arbeiter in Gärten gegen Arbeiter aus, die Wohnungen brauchen. Arbeiter wollen nicht vergiftet werden, aber sie sind bereit, eine bestimmte Menge an Gift zu akzeptieren. Können solche Kommunen in New York City aufgebaut werden? Ein Bürgermeister kann gute Dinge tun, wenn er ein Sozialist ist. Es geht darum, die Arbeiterklasse in Gemeinschaften als Basis für die demokratische Kontrolle der Gesellschaft zu organisieren, um über den gegenwärtigen Standpunkt hinauszugehen. Wie sollte sich der neue sozialistische Bürgermeister verhalten, wenn zum Beispiel die Pharmaindustrie den Arbeitern vorschreibt, sich entweder mit experimentellen Medikamenten zu impfen oder andernfalls ihren Job zu verlieren? Der Bürgermeister wird versuchen, Entscheidungen zu treffen, während er mächtigen Kapitalisten und dem Druck des Marktes ausgesetzt ist. Kann dies überhaupt auf Wahlweg passieren, ohne dass man das gesamte kapitalistische System entwurzelt? Und wenn ja, wie?

Das sind einige unbeantwortete Fragen. Man wird darangehen, den Sozialismus zu zerschlagen, wenn Mamdani und der städtische Apparat nicht jetzt die Strukturen aufbauen. Es geht noch tiefer: Faschismus wird zurĂĽckkehren und die Macht ergreifen. Das ist mein Vorwurf an Mamdanis Administration. Ich mag ihn und die Dinge, die er anstößt. Wer will nicht kostenlos mit dem Bus fahren? Aber es geht eben noch tiefer, und die Strukturen mĂĽssen aufgebaut werden, damit sozialistische Politik und Programme gegen die Kapitalisten verteidigt werden können, die sie zu Fall bringen wollen. 

Daniel Lazare: Ich bin froh, dass du den Ausbruch des Ersten Weltkriegs angesprochen hast. Ich stimme zu, dass dies ein unglaublicher Verrat an der Arbeiterbewegung war. Diese Fragen sind nie einfach. Ein Führer der französischen Sozialistischen Partei sagte beispielsweise, wenn sie nicht für die Kriegskredite gestimmt hätten, hätten ihre eigenen Mitglieder sie auf der Straße gelyncht, weil die Kriegsbegeisterung so groß war und Deutschland Frankreich angriff. Was ich daraus schließe, ist, dass es Zeiten gibt, in denen man Unpopuläres tun muss. Man muss mit der öffentlichen Meinung, der Parteimeinung und der vorherrschenden politischen Meinung innerhalb der Linken brechen und sich querstellen, sie infrage stellen.

Das bringt mich zu Mamdani. Sein Sieg bei den Vorwahlen hat fĂĽr Begeisterung gesorgt. Die Menschen sind begeistert, und alle feiern ihn als den Beginn einer neuen Ă„ra. Endlich bekommt Trump seinen sozialistischen Widerstand. Ich bin skeptisch, denn ich habe das alles schon einmal erlebt. Denken wir einfach einmal anderthalb Jahrzehnte zurĂĽck. Was haben wir alles durchgemacht? 2011: Occupy Wall Street. 2016: Bernie Sanders. 2017: die Pussy-Hat-Proteste und dann die #MeToo-Bewegung. 2018: der Aufstieg von „The Squad“: Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Ayana Pressley und Rashida Tlaib. Und 2020: der Aufstieg von BLM. Jedes Mal gab es diesen Ausbruch der Begeisterung: „Ist das nicht groĂźartig! Die Revolution ist da; stĂĽrzen wir uns einfach in diesen neuesten Kampf!“ Was ist das Ergebnis? Wir befinden uns mitten in der Trump-Ă„ra, die ganze Welt – bis nach Nepal – drängt nach rechts. Die Menschen haben das Vertrauen in die Idee der demokratischen Selbstverwaltung verloren und suchen nach starken Männern wie Trump, die fĂĽr sie denken. 

Im Ausland kam es zwischen 2012 und 2015 zum Aufstieg von SYRIZA in Griechenland, einer Koalition linker Parteien, die schließlich zusammenbrach, als sie ein Referendum über das jüngste EU-Rettungspaket genehmigte.5 Das Ergebnis lautete 61 zu 39 für ein „Nein“. Trotzdem verabschiedete die SYRIZA-Regierung das Paket. Im Jahr 2015 kam es in Spanien zum Aufstieg von Podemos. Die Partei war die drittgrößte im spanischen Parlament, scheiterte jedoch schließlich. Im Jahr 2015 kam es zum Aufstieg von Jeremy Corbyn. Im Jahr 2019 erlitt die Labour-Partei ihre schlimmste Niederlage seit den 1930er Jahren, und Corbyn wurde zum Rücktritt gezwungen.

Gerade jetzt, während sich Linke für Mamdani begeistern, gründen Corbyn und Zarah Sultana eine neue Partei, die vorläufig den Namen „Your Party“ trägt. Als sie ihre Pläne bekannt gaben, gewannen sie innerhalb weniger Tage 800.000 Abonnenten; dies zeugt von einer massiven Welle der Begeisterung und Unterstützung, wie wir sie in den letzten 15 Jahren immer wieder erlebt haben. Nun bröckelt „Your Party“, weil Corbyn und Sultana sich in den Haaren liegen. Vor zwei Wochen organisierte Tommy Robinson, der Vorsitzende der English Defence League,6 in London eine Demonstration. Der Begriff „Faschist“ wird übrigens überstrapaziert, insbesondere im Zusammenhang mit Israel, aber Tommy Robinson scheint sich zu einem echten Faschisten zu entwickeln. Zu seiner Demonstration sind möglicherweise bis zu 300.000 Menschen gekommen. Es gab 10.000 Gegendemonstranten, die von „Say No to Racism“ organisiert wurden, einer Gründung der Socialist Workers Party (UK). Sie mussten von der Polizei geschützt werden! Sie waren zahlenmäßig im Verhältnis 30 zu 1 unterlegen! „Your Party“, die neue linke Partei, stirbt also schon im Keim und löst sich in kleinlichen Streitereien auf, weil ihre Politik völlig zersplittert ist. Unterdessen organisiert die radikale Rechte die größte rechtsextreme Demonstration in Großbritannien seit den 1930er Jahren.7 Das zeigt nur, wie die Lage da draußen wirklich aussieht.

Die Ergebnisse der Vorwahlen von Mamdani sind wirklich faszinierend. Unter den Wählern mit Hochschulabschluss gewann Mamdani mit 62 zu 38. Unter denen ohne Hochschulabschluss gewann Andrew Cuomo mit 61 zu 39! Das spiegelt ziemlich genau wider, was 2024 zwischen Trump und Kamala Harris geschah: Trump gewann die Stimmen derjenigen, die weniger als vier Jahre College-Ausbildung hatten, und Harris gewann die der besser Gebildeten. Deshalb wird Trump als Vertreter der Arbeiter- und Mittelschicht angesehen. Mamdani wiederholt genau das gleiche Muster, das wir 2024 gesehen haben – und das zu Trump und einer Katastrophe geführt hat! Diese Art von Mittelschichts-Sozialismus führt letztendlich dazu, dass die Arbeiterklasse entfremdet und in die Arme der Rechten getrieben wird. Nun ist Cuomo zwar kein Rechter wie Trump, aber er steht dennoch etwas weiter rechts. Was bei Mamdani geschieht, ist weit weniger beeindruckend, als uns vorgemacht wird. Wir sehen, dass er die alten Muster nicht durchbricht, sondern sie in gewisser Weise sogar verstärkt. Er vertritt eine Art Mittelschichts-Sozialismus, halb liberal, halb quasi-sozialistisch, und er gewinnt die Arbeiter nicht für sich.

Was sollte Mamdani tun? Ich gehe davon aus, dass er gewinnen wird. Während Mamdani sein Amt antritt, wird Trump einfach ĂĽber alles hinwegwalzen. Das wird ihm gefallen. Er wird New York und Mamdani einfach bestrafen können. Mobilisiert Mamdani die Arbeiterklasse dagegen? Nein, tut er nicht; er trifft sich mit Gouverneurin Kathy Hochul. Das ist absolut enttäuschend. Es ist eine Fortsetzung der machtlosen linksliberalen Politik, die wir seit der Finanzkrise 2008 beobachten. Das wird zu weiterer Enttäuschung fĂĽhren. Genauso wie die französische Sozialistische Partei 1914 einen schweren Fehler begangen hat, begehen Liberale, Linke und Sozialisten einen schweren Fehler, wenn sie ihr Urteilsvermögen aussetzen und sich unkritisch hinter Mamdani versammeln. 

Sebastian LM: Ich wurde mit 14 zum Organizer, noch bevor ich Sozialist wurde. Ich komme aus Harlem und bin aufgrund der materiellen Lebensumstände Sozialist geworden. Wir sprechen hier abstrakt von der Arbeiterklasse, aber wir sehen, dass es vor allem diese Rhetorik der Erschwinglichkeit ist, die die Wähler anspricht. Wir gehen von zwei Annahmen über die Menschen aus, die wir ansprechen wollen. Erstens: Vor allem wenn sie aus der Bronx, Queens oder Brooklyn kommen, ist das Wählen das Einzige, was die Menschen kennen, wenn es um die Linke oder allgemein um vage progressive Kreise geht. Und zweitens: Die Arbeiterklasse hat zu kämpfen. Das sind zwei Realitäten. Ich stimme im Großen und Ganzen dem zu, was zuvor gesagt wurde: Der Kapitalismus wird versuchen, sowohl reformistische als auch nicht-reformistische Reformen zu sabotieren. Aber was noch wichtiger ist: Wir erleben den völligen Zusammenbruch der grundlegenden Lebensqualität in New York. Private-Equity-Firmen besitzen alles. Ein Palantir-Manager ist der CEO von Partiful. Die stehlen eure Daten. Nutzt Partiful nicht. Ein Freund von mir hat eine alternative App entwickelt.

Was wichtig und ideologisch ist, insbesondere wenn es um die DSA geht, ist die Frage, was es bedeutet, jemanden tatsächlich zu mobilisieren oder Klassenbewusstsein aufzubauen. Tatsache ist, dass der Akzelerationismus nicht funktioniert. Dan hat die zehn entscheidenden Krisen der letzten 50 Jahre aufgezählt, die alle von Menschen ausgenutzt wurden, die oft Akzelerationisten waren und behaupteten, COVID würde eine Art Basisbewegung auslösen, und dass die BLM-Bewegung eine solche Basisbewegung sein würde, in der wir massiven Widerstand und direkte Aktionen erleben würden. Das hat nicht funktioniert, weil die Menschen – insbesondere während der Pandemie – zu kämpfen hatten. Sie konnten sich nicht organisieren.

Es ist generell ein Raum, der der Organisation entgegensteht. Wenn die Bedingungen im Herzen des Imperiums schlecht sind, können wir uns nicht organisieren und keinen starken Widerstand aufbauen, sei es in Form einer Partei, einer Proto-Formation oder durch die Organisation rund um identitätsbezogene Themen und themenbezogene Kampagnen.

Zohran Mamdani führt keine Revolution an. Zohran ist eigentlich gar kein Sozialist. Wenn wir davon sprechen, dafür zu sorgen, dass die U-Bahn sauber ist, dann geht es darum, die Lebensqualität zu verbessern, damit die Menschen anfangen können, darüber nachzudenken, was jenseits ihrer Ausbeutung liegt und was jenseits dieser seltsamen Form eines sich immer weiter verschlechternden Kapitalismus liegt.

Der Sozialismus erfordert Klassenbewusstsein und damit auch Organisation. Was die Bedeutung von Zohrans Politik in diesem Zusammenhang angeht, bin ich in bestimmten Punkten anderer Meinung, insbesondere was die Haltung zur Polizeiarbeit betrifft. Ich habe tatsächlich an der Ausarbeitung des ursprünglichen Programms zum „Office of Community Safety“ mitgewirkt. Ich habe Teile der Richtlinien zu Inhaftierung und Einzelhaft verfasst, insbesondere in Bezug auf Trans-Personen und Menschen mit psychischen Erkrankungen. Über einiges davon wird in den Mainstream-Medien nicht mehr gesprochen, und anderes wird nicht vollständig umgesetzt. Wenn wir über Alternativen zur Polizeiarbeit sprechen, wenden wir uns nun von dem ab, was Zohran über die Personalausstattung der Polizei sagt, und von seinen Entschuldigungen, weil er die „Strategic Response Group“ abschaffen will.8 Wir sprechen über eine Alternative zum derzeitigen Verständnis von Polizeiarbeit. Man ist von der „Broken-Windows“-Polizeistrategie unter Rudy Giuliani zu einer Fortsetzung dieser Strategie unter Mike Bloomberg und dann zu de Blasio übergegangen. Ihr solltet euch einmal The NYPD Files ansehen.9

Was würde es bedeuten, Alternativen zur Polizeiarbeit zu haben? Was Zohrans Vorhaben in Bezug auf Polizeiarbeit oder Wohnungswesen angeht, handelt es sich dabei nicht unbedingt um revolutionäre Ideen. Ein Mietpreisstopp wurde beispielsweise bereits unter de Blasio umgesetzt. Der Sinn dieser Reformen besteht darin, die fortschreitende Verdrängung der schwarzen Bevölkerung – wie in Brooklyn und der Bronx – zu verhindern und sicherzustellen, dass wir tragfähige Organisationsfronten haben, in denen wir frei von anhaltender Unterdrückung sind. „Ist das nicht dieselbe Rhetorik, die wir bei Kamala Harris verwendet haben?“ Ja, aber diesmal trifft sie tatsächlich zu.

Ich möchte dieser Frage nach einem Vorsprechen für eine neue Demokratische Partei widersprechen. Ich habe einige Kritikpunkte daran, wie Zohran und das Übergangsteam an die Demokratische Partei herangehen wollen, insbesondere was die Annahme von Unterstützungsbekundungen und die Bereitschaft betrifft, künftig mit Hochul zusammenzuarbeiten. Abgesehen davon geht es hier nicht um eine Revolution. Letztendlich ist eine Revolution in den USA notwendig, aber die DSA und ihr Wahlprojekt sind nicht revolutionär. Wenn jemand bereit ist, das zu akzeptieren, können wir zum Kern der Diskussion kommen. Wenn das Projekt nicht revolutionär ist, worum geht es dann? Es geht darum, kurzfristig bessere Bedingungen für die Arbeiterklasse zu schaffen. Das DSA-Projekt ermöglicht zudem den Aufbau weiterer vorläufiger Parteikoalitionen. Es geht darum, genügend Solidarität innerhalb der Gewerkschaften und lokaler Gemeinschaftsgruppen aufzubauen, den Widerstand im Sinne der gegenseitigen Hilfe zu unterstützen oder auch nur direkte Aktionen zu fördern, die in Zukunft ausgeweitet werden können.

Was sollten wir zur Normalität machen? Ich möchte hier kurz auf Lenin eingehen. Mir gefällt der Ausschnitt zu einem Thema rund um Attentate, der vor ein oder zwei Wochen im Umlauf war,10 in dem Lenin direkte Aktionen und individualistischen Opportunismus in Frage stellte.11 Um Solidarität aufzubauen, muss man sich mit seinen Nachbarn auseinandersetzen. Aber es muss einen Raum geben, in dem wir über bessere Plattformen und eine bessere Grundlage verfügen, um einen Mieterverein, eine Gewerkschaft am Arbeitsplatz usw. aufzubauen. Und das erfordert oft – und ist oft auch einfach leichter – einige nicht-reformistische Reformen.

Ich bin nicht hier, um Zohran zu verteidigen, und was die Äußerungen zur Zweiten Internationale angeht, werde ich Reinheitsprüfungen niemals verurteilen. Ich möchte Zohran zur Rechenschaft ziehen. Ich habe mich für seine Wahl eingesetzt, weil dies wahrscheinlich die beste verfügbare Option ist, um die Grundlagen für zukünftige Organisationsarbeit zu schaffen. Es geht nicht unbedingt darum, ob Zohran die Revolution anführen wird. Tatsächlich ist er ein wenig egoistisch, alle Politiker sind ein wenig seltsam. Aber wenn die Arbeit geleistet wird, um eine gewisse Organisationsfähigkeit zu bewahren, ist das etwas, wofür man sich einsetzen sollte. Halte ich den Personenkult, der um Zohran entstanden ist, für gut? Nein, er ist ein natürliches Nebenprodukt der aktuellen Demokratischen Partei, gegen den wir bei zukünftigen Wahlen vorgehen sollten.

Hat die DSA diese Geschichte der kriegsbefürwortenden Haltung hinter sich gelassen? Wir fragen die Republikanische Partei ja auch nicht, ob sie immer noch Abolitionisten sind, oder? Parteien verändern sich, oder Vorläufer von Parteien verändern sich. Die Demokratische Partei ist immer noch rassistisch, aber ihr Rassismus ist keiner, der den Stolz des Südens verherrlicht. Das führt zurück zu der Frage, worin die Notwendigkeit besteht, dass die Partei Zohran unterstützt. Für die DSA ging es lediglich um die Basisbewegung. Es ging darum, Menschen zu mobilisieren, die nur den Wahlkampf kennen, und ihnen zumindest andere Formen der Organisation näherzubringen. Diese Bedingungen für die Organisation zeigen: Wenn wir keine ausreichend starke Basis haben, sind wir nicht in der Lage, sie zu einer handlungsfähigen Massenbewegung auszubauen.

Wir sprechen hier von Zohran in einem großen Vakuum. Wir sprechen von Zohran gegen den Rest der Welt oder als einer Persönlichkeit, die als Mittelpunkt dessen hervorgehoben wird, was die Linke in den USA sein kann. Das trifft aus medienpolitischer Sicht zu. Wir vergessen dabei, dass zum Beispiel ein Großteil der Agenda über das State House laufen muss. Viele Abgeordnete der State Assembly unterstützen mittlerweile Zohrans Agenda: Sie haben zugestimmt, die Reichen zu besteuern, was kein Sozialismus ist. Ich muss es wiederholen. Der Punkt ist, dass bei jeder Bewegung – sei es nun bei der „Squad“ oder bei BLM – ein Volksaufstand stattfindet, den man nutzen muss. Wir können diesen Moment immer noch nutzen, sei es, indem wir Zohrans Freiwillige mobilisieren, sie radikalisieren, damit sie Sozialisten oder Kommunisten werden, oder indem wir revolutionäre Stimmungen schaffen, die keine Stimmen ausgrenzen.

Abschließend noch ein Wort zu den Ergebnissen: Die Bronx ist der einzige Ort, den Zohran verloren hat und der eine Hochburg der Demokraten war. Aber ich möchte etwas klarstellen: Zohran hat die weißen, asiatischen und hispanischen Wähler für sich gewonnen. In Harlem gewann er mit 10 Punkten Vorsprung. In East Queens und East Brooklyn gewann Zohran. Das sind Bezirke mit mehrheitlich schwarzer und indo-karibischer Bevölkerung, in denen erneut Wahlwerbung betrieben wurde und wo die Idee eines Mietstopps und kostenloser Busse tatsächlich vertreten wurde. In der Bronx haben wir nicht viel Wahlwerbung betrieben, weil wir dort keine Freiwilligen hatten. Aber in den Gebieten, in denen wir Wahlwerbung betrieben haben, haben wir gewonnen. Wir haben bei jungen schwarzen Wählern gewonnen, von denen viele aus New York stammen. Die Demokratische Partei bittet ihre Stammwählerschaft um Unterstützung. Zohran konnte nicht nur einige Menschen aus diesen Bevölkerungsgruppen für sich gewinnen, sondern auch alle anderen in der Demokratischen Partei. Ich würde diese Kritik akzeptieren, wenn Zohran alle schwarzen Wähler aus der Arbeiterklasse verlieren würde, aber das wird nicht passieren.

Damit „die Partei“, also die Koalition – sei es die DSA oder die progressive Bewegung hinter Zohran – tatsächlich funktionieren kann, müssen diejenigen mobilisiert werden, die nicht gewählt haben, oder auch diejenigen, die zwar gewählt haben, Zohran aber noch skeptisch gegenüberstehen. Zohrans Projekt wird kein sozialistisches sein, aber es schafft die Voraussetzungen dafür, in Zukunft ein solches in großem Maßstab zu verwirklichen. Es könnte 2028 zu einem Streik, hoffentlich einem Generalstreik, im ganzen Land führen12 oder zu einer tatsächlichen Revolution. Das wird wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, da wir die Menschen, die entweder nicht hinter Zohran stehen oder die zwar hinter ihm stehen, aber lediglich Liberale sind, noch nicht vollständig radikalisiert haben.

Melvyn Dubofsky: Ich sollte etwas kaltes Wasser der Geschichte über die Diskussion schütten. Die Ära, in der kommunalpolitischer Sozialismus tatsächlich existierte und funktionierte, war eine völlig andere Zeit. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es über eintausend Städte in den USA, die völlig oder teilweise sozialistisch regiert wurden, Milwaukee war hier das bekannteste Beispiel. New York City hatte eine einflussreiche sozialistische Bewegung. All diese Phänomene waren mit einer im Aufstieg befindlichen Arbeiterbewegung („labor movement“) verbunden. Der Sozialismus in Milwaukee basierte auf den Gewerkschaften der Stadt. In New York bekam die sozialistische Bewegung wichtige Impulse aus den Textilarbeiter-Gewerkschaften, die offen und erklärt sozialistisch auftraten. Und in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg schien der Sozialismus im Aufwind zu sein.

Ist es schon sieben Jahrzehnte her? Da habe ich in der alten Tamiment Library recherchiert, die nicht Teil der NYU, sondern der Rand School of Social Science war, an der 7 East 15th Street.13 Wenn man sie betrat, sah man eine Büste von Karl Marx, Morris Hillquit, der als Mitglied der Sozialistischen Partei für das Amt des New Yorker Bürgermeisters kandidierte, und Meyer London, sozialistisches Mitglied des Kongresses aus New York. Und wir fanden, versteckt im Mauerwerk, die Unterlagen der Ortsgruppe 1 der Sozialistischen Partei von New York City. Damals war ich Doktorand. Ich war erstaunt, als ich die Mitgliederliste der Ortsgruppe sah. Sie enthielt so gut wie jeden berühmten Künstler oder Literaten – die intellektuelle Elite. Und dann, unter sehr merkwürdigen Umständen, fand ich drei Briefe mit Austrittserklärungen, die zusammengeheftet waren. Ich weiß nicht, wer diesen besonderen Sinn für Geschichte hatte, aber die drei zusammengehefteten Austrittserklärungen gehörten zu Walter Lippmann, der ein berühmter Journalist wurde, W. E. B. Du Bois, einem der bekanntesten afroamerikanischen Intellektuellen seiner Zeit, und Frances Perkins, die in der Regierung Franklin D. Roosevelts Arbeitsministerin wurde.

Die Sozialistische Partei vor dem Ersten Weltkrieg war ein wirklich integraler Bestandteil der US-Politik. In den archivierten Dokumenten der Partei fand ich Briefe von prominenten Republikanern und Demokraten, in denen sie den Sozialisten bedeutende Verbesserungen zuschrieben. Der Weltkrieg und die bolschewistische Revolution rissen das auseinander. Der Sozialismus in den USA hat sich von den Auswirkungen des Krieges und der bolschewistischen Revolution, die die Linke faktisch spaltete, nie erholt.

Milwaukee/Wisconsin, Reading/Pennsylvania und Bridgeport/Connecticut blieben sozialistische Hochburgen von den 1920ern bis in die 1950er. Milwaukee konnte sich seit Beginn der sozialistischen Regierung einen Ruf als gesündeste Stadt des Landes aufbauen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine medizinische Grundversorgung und weitere Dienstleistungen für die ärmsten Bevölkerungsteile, Impfungen, Milch für Kinder und beeindruckende Parkanlagen. Sozialismus in einzelnen Städten konnte viele Vorteile bieten, aber nicht das größere Umfeld verändern. In gewisser Weise wiederholte New York ab den 1930ern bis in die 50er Milwaukee. Fiorello LaGuardia, der Bürgermeister in den 1930ern und 40ern, kam aus dem New Yorker (sozialistischen) Arbeitermilieu der Vorkriegszeit. Er profitierte davon, dass die Roosevelt-Regierung der Stadt viel Kapital zur Verfügung stellte. Er konnte tun, was er tat, weil die New-Deal-Demokraten in Washington an der Macht waren. Robert Moses, der von LaGuardia beauftragte Baumeister, ließ wunderschöne Parks in den Arbeitervierteln der Stadt errichten. Ich wuchs in dieser Ära auf. Zwei der kommunalen Colleges wurden direkt durch den New Deal und LaGuardia unterstützt: Das Brooklyn College und das Queens College wurden beide mit New-Deal-Geld erbaut. New York errichtete kommunale Wohnprojekte, die funktionierten. Diese wurden zu Beginn mehrheitlich von Weißen bewohnt, die Vollzeit arbeiteten. Für sie boten die Projekte immense Verbesserungen der Lebensbedingungen.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten wir, was Wirtschaftshistoriker die große Kompression („great contraction“) nennen, als die Ungleichheit ihren tiefsten Punkt erreichte. Es war eine Zeit, in der ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung gewerkschaftlich organisiert war. Dieses Drittel sorgte dafür, dass eine große Anzahl an nicht-organisierten Arbeitern die gleichen Vorteile erhielt. Es war eine bemerkenswerte Zeit. Heute scheint sie unvorstellbar. Als ich jung war, konnte man im örtlichen Park wunderschöne Baseball- und Softball-Felder, Basketballplätze, riesige Schwimm- und Tauchbäder nutzen – in einem Arbeiterviertel. Die Tickets für die U-Bahn kosteten 5 Cent. Mit weiteren 25 Cent und einem Schülerausweis konntest du den Madison Square Garden betreten – der war damals in der 8th Avenue zwischen der 49th und 50th Street – und ein professionelles Basketball- oder Hockey-Spiel sehen. Oder man ging am selben Tag zum alten Polo-Gelände – damals gab es noch keine Luxuslogen – und guckte sich ein Footballspiel der New York Giants an. Es war eine andere Stadt als heute. Wie der Stadthistoriker Josh Freeman bemerkte, war es praktisch eine Form von kommunalpolitischem Sozialismus. In keinster Weise wie heute.

Ich rechne damit, dass Mamdani die Wahl gewinnt. Aber er wird kein LaGuardia sein. LaGuardia wäre nicht gewesen, wie er war, ohne die New-Deal-Regierung in Washington. Ich weiß wirklich nicht, was Mamdani erreichen kann, wenn es keine Unterstützung aus Trumps Washington geben wird. Das wird extrem schwer. Vor 30 bis 40 Jahren waren Gewerkschaften noch stärker, hatten Geld. Seht euch die tollen Wohnhäuser der Stadt an. Die Amalgamated Housing Cooperative in der Bronx; Stuyvesant Town auf der Lower East Side; das riesige Bauprojekt in Brighton Beach in Brooklyn: All das wurde größtenteils mit Gewerkschaftsgeldern finanziert. Solche Ressourcen sind für uns heute nicht zugänglich – es ist einfach eine andere Welt.

Und anderswo sieht es ähnlich trostlos aus. In den 80ern war ich Teil eines gemeinsamen akademischen Austauschprogramms der USA und der Sowjetunion. Die Sowjets waren dreimal hier und wir waren dreimal dort. Die ersten zwei Besuche der Sowjetunion, 1981 und 1985, waren trostlos. Wir trafen ausschließlich Apparatschiks. Der letzte Besuch 1987 fand in der Zeit nach Gorbatschows Amtsantritt statt. Es war eine grundlegend neue Situation. Und das Bemerkenswerte war, dass die Gorbatschow-Leute das in der Sowjetunion auf die Beine stellen wollten, was die Franzosen die Goldenen 30 Jahre nennen: 1945–1975. Sie wollten eine Form einer sowjetischen – wie kann man es am besten nennen? – Sozialdemokratie. Das Scheitern Gorbatschows war eine große Tragödie.

Ich weiß nicht, wie die Zukunft nach dem wahrscheinlichen Wahlsieg Mamdanis im November aussehen wird. Und ich glaube auch nicht, dass Arbeiter ohne College-Abschluss notwendigerweise konservative Wähler waren. Das Problem ist, dass nur so wenige von ihnen heute in Gewerkschaften aktiv sind. Dabei hat New York noch vergleichsweise viele Gewerkschaftsmitglieder – aber selbst hier sind sie eine kleine Minderheit und außerdem meistens im öffentlichen Dienst angestellt. Wenn man die Lehrer und die Beamten nicht mitzählt – wie viele Gewerkschaftsmitglieder bleiben dann noch übrig? Und weil die Gewerkschaften keine eigenen politischen Programme oder Bildungsinitiativen haben, driften die Arbeiter in ihren politischen Positionen auseinander und sind isoliert. Organisiert sie und dann verändert sich was. Aber es ist schwierig geworden, Leute zu organisieren, weil das Gesetz, wie es existiert und funktioniert, gewerkschaftliche Organisierung unterminiert. Ich weiß nicht, was es bringen soll, einen Sozialdemokraten in einer Stadt an die Macht zu bringen. Wie Trotzki argumentierte: Du kannst nicht Sozialismus oder Kommunismus in einem Land erreichen, es braucht eine globale Revolution. Sozialismus kann in einer Stadt nicht überleben. Trotzdem möchte ich die Begeisterung nicht zu sehr abkühlen. Aber ich habe schon zu lange gelebt, daher habe ich nicht mehr viel Zukunft vor mir.

Antwortrunde

MC: Wir mĂĽssen jetzt anfangen aufzubauen. Wir mĂĽssen alle möglichen Themen auf die Tagesordnung bringen, zum Beispiel Fragen der Umweltpolitik: keine Pestizide, keine Gentechnik, keine Gain-of-Function-Forschung, keine Umweltverschmutzung und keine Abfallverklappung durch Unternehmen. Wie können wir auf diese Weise erfolgreich organisieren, wenn wir gleichzeitig attackiert werden von, ja, Faschisten und ja, Trump, und ja, auch von anderen in Israel? Wie können wir jetzt einen Kern aufbauen, der den kommenden Angriffen widerstehen kann? Wer kann sich auf die unternehmerische, kapitalistische Struktur fokussieren? Wer kann gegen die Banken vorgehen? Kann Zohran, oder irgendeine andere Person, helfen, das jetzt auf die Beine zu stellen? Das wird jetzt gebraucht und nicht erst morgen. Es gibt kein Morgen. Es gibt nur das Jetzt. 

DL: Keine Gain-of-Function-Forschung?

MC: Absolut.

DL: Also schlieĂźt du dich dem Angriff auf die Wissenschaft an, der von der Trump-Regierung ausgeht? Und du willst eine sozialistische Bewegung aufbauen?

MC: Absolut. Die Trump-Regierung ist ja nicht die einzige Instanz, die das kritisiert.

DL: Ich bin der einzige Optimist an diesem Tisch. Es gibt großes revolutionäres Potenzial in Amerika. Amerika hat eine 238 Jahre alte Verfassung, die komplett in Trümmern liegt. Was von ihr übrig ist, wird auch noch aufgehoben. Sie ist komplett dysfunktional. Deswegen ist Trump gewählt worden, weil wir zuvor einen 30-jährigen Stillstand erlebt haben. Wir haben einen Senat, der extrem unausgewogen ist, ein durch Wahlkreismanipulationen verzerrtes Repräsentantenhaus, einen Supreme Court, der sowohl extrem reaktionär als auch unveränderlich ist, und wir haben ein Electoral College, das stark auf weiße, ländliche Bundesstaaten ausgerichtet ist. Das muss sich ändern. Das System fällt auseinander. Es wird ein Punkt kommen, an dem sich Amerika rekonstituieren und sich dieser Verfassung aus dem 18. Jahrhundert entledigen muss. Das wird ein revolutionärer Akt. Amerika wird dort stehen, wo Frankreich 1789 oder Russland 1917 stand, als es zu verfassungsgebenden Versammlungen kam.

Amerika ist mit fundamentalen Veränderungen konfrontiert: entweder Diktatur unter Trump oder eine revolutionäre Rekonstituierung durch die Arbeiterklasse. Wenn der globale Hegemon diesen Punkt erreicht, werden viele Optionen möglich. Es sieht dĂĽster aus und viele Möglichkeiten scheint es nicht zu geben, aber das kann sich dramatisch ändern: 1789, 1917 und die 2020er. Amerika ist ein Land in einer Sackgasse, aber die dauern nicht ewig. Sie können zertrĂĽmmert werden und wenn sie zertrĂĽmmert sind, werden auĂźergewöhnliche Dinge möglich. 

SLM: Optimismus ist etwas anderes, als zu verstehen, dass die Basis unserer Organisationen komplett unvorbereitet für diese Art von monumentalem Wandel ist. Wir sehen das in LA, wo es Widerstand gab, aber die Nationalgarde rückte ein und der Gouverneur und der Bürgermeister haben nur zugeschaut und nichts Produktives folgte daraus. Weder kurzfristige noch langfristige Basis-Organisierung, abgesehen von Widerstand durch unmittelbare Aktion, die ich für gut und notwendig halte, aber das funktioniert in LA besser als beispielsweise in DC. Es zeigt, dass wir – als Sozialisten oder als breite progressive Bewegung, die hoffentlich an unserer Seite steht – unvorbereitet sind.

Wenn die Bedingungen ein bisschen besser sind, ist es einfacher, zu organisieren und Menschen zu politisieren. Ich nehme diesen revolutionären Optimismus wahr, dass etwas passieren wird und dass wir darauf vorbereitet sein werden. Dann ist da noch die allgemeinere Frage, wie Zohran jenseits der Organizer wirken wird und wie wir unsere Macht ausbauen werden. Ich sehe das alles auch, aber es gibt für mich keine konkreten Alternativen, was viel über unsere Organisationsarbeit zum jetzigen Zeitpunkt aussagt.

MD: Es läuft schlecht und es fällt schwer, an ein Versprechen von Besserung zu glauben. Zu sagen „je schlechter, desto besser“ – ich glaube nicht, dass das wirklich jemals funktioniert hat. Der größte Impetus für Veränderung in den letzten zwei Jahrhunderten war Krieg. Ich denke nicht, dass wir das für die Zukunft wollen. Die Dinge haben sich einfach verschlechtert. Vor 50 Jahren habe ich ein Jahr lang in Israel gelehrt. Die Realität vor Ort sah damals anders aus als heute. Netanjahu ist Teil einer Strömung innerhalb des Likud, die vor 50 Jahren noch eine Minderheit darstellte. Um es ganz offen zu sagen: Er vertritt eine faschistische Tradition. Das war eine Minderheitenposition in Israel vor 50 Jahren. Heute, in gewisser Hinsicht, ist sie dominant. Wir können die Auswirkungen alle sehen. Ich lebe einfach schon zu lange und ich bin nicht bereit, in einer trumpistischen Nation zu sterben.

Fragerunde

Ich bin Leser des Worker’s Vanguard und des Spartacist. Im Moment gibt es in der DSA eine Fraktion namens „Just break already“ (JBA), die nun einen klaren Bruch verlangt. Du sagtest, Mamdani sei kein wahrer Sozialist, also warum werft ihr ihn nicht einfach aus der DSA heraus? Für die DSA ist gefühlt immer noch der vierte August 1914.14 Bei der letzten DSA-Konferenz gab es einen Antrag auf Abmahnung von Alexandria Ocasio-Cortez, da sie nicht konsequent genug gegen den Zionismus vorging. Wir brauchen Leninismus und Trotzkismus. Die JBA treten der DSA im Moment auf dieselbe Art und Weise bei, auf die die Trotzkisten Amerikas einst der Socialist Party beitraten. Wenn Mamdani in der DSA bleiben möchte, dann sollte er alle Gelder ablehnen und mit der Demokratischen Partei brechen.

SLM: Ich hasse die Innenpolitik der DSA. Ich hasse Innenpolitik insgesamt und ergreife dort keine Partei. Ich mache viel Training praktischer Fähigkeiten und arbeite an der Basis mit Mietervereinigungen und Gewerkschaften zusammen. Die JBA-Fraktion und die interne Politik der DSA sind in ihrer Substanz unabhängig von Zohrans Wahlkampf, sowohl im Guten als auch im Schlechten. Die DSA haben eine anti-zionistische Resolution beschlossen, die nationale DSA hat Alexandria Ocasio-Cortez und Jamaal Bowman ihre Unterstützung entzogen und es gibt interne Beschlüsse, die darauf abzielen, Zohran mithilfe von Parteimechanismen verantwortlich zu halten. Warum stellt man Zohran dann überhaupt als Kandidaten auf, obwohl er kein Sozialist ist? Weil man im Moment einfach nicht als Sozialist regieren kann.

Kann Zohran Staatsgewalt nutzen, um die Bewegung und Organisationen aufzubauen, die wir benötigen? Kann man den Staat nutzen, um eine sozialistische Basis zu schaffen, oder geht der Weg in die andere Richtung? 

SLM: Die Unterstützung einer sozialistischen Basis unterscheidet sich grundsätzlich nicht von der Zustimmungswelle, die nötig ist, um sie zu schaffen. Eine sozialistische oder kommunistische Bewegung setzt nicht voraus, dass vorher ein sozialistischer oder kommunistischer Präsident regiert. Auf der administrativen Ebene ist New York ein schwacher Selbstverwaltungsstaat („home-rule state“), was bedeutet, dass der Großteil der Staatsgewalt von der Landesregierung und nicht von den Stadtverwaltungen ausgeht, was wiederum bedeutet, dass das Bürgermeisteramt in New York City das einzige mit realer Macht darstellt. Der Bürgermeister kontrolliert die Budgetplanung, darum hat sich Zohran gerade für dieses Amt aufstellen lassen.

Auf theoretischer Ebene können wir beobachten, dass Bürgermeister und Tammany Hall noch vor fast einem Jahrhundert die ethnischen Enklaven von New York City stützen konnten. Das ist zwar noch keine Politisierung der Gemeinschaften der Arbeiterklasse, aber es zeigt, dass Bündnisse zur Unterstützung von Personen in Machtpositionen Menschen aus der Arbeiterklasse zu Gewerkschaften, stärkeren Nachbarschaftsvereinen, Mietervereinigungen usw. zu bewegen.

DL: Aber Sebastian, dann widersprichst du dir selbst, wenn du sagst, Mamdani sei kein Sozialist. Wie sollte die Wahl von einem Nicht-Sozialisten den Sozialismus aufbauen können?

SLM: Mamdani ist persönlich Sozialist, aber er kann nicht als Sozialist regieren. Allerdings glaube ich, dass die Macht des Bürgermeisters zur Gestaltung von Reformen verwendet werden kann, die bessere Bedingungen zur Organisation schafft oder zumindest keine Proteste unterdrückt und wirklich dabei hilft, die Menschen zu radikalisieren. Es gibt keinen wesentlichen Unterschied darin, wie Sozialisten und Nicht-Sozialisten an der Basis interagieren.

DL: Es scheint mir so, als würde Mamdani die Arbeiterklasse gegen die bevorstehenden Angriffe von Seiten Donald Trumps mobilisieren, wenn er ein Sozialist wäre. Denn wenn Mamdani tatsächlich zum Bürgermeister gewählt wird, wird Trumps Zorn New York mit voller Wucht treffen. Und er sollte die Arbeiterklasse dagegen mobilisieren, aber das tut er einfach nicht – er verhandelt stattdessen mit Kathy Hochul um ihre Unterstützung.

MD: Man kann Sozialismus nicht von oben nach unten schaffen. Es muss eine Wechselwirkung geben, und es braucht ein Fundament darunter. Dieses Fundament und sein Überbau, um es so auszudrücken, müssen sich gegenseitig aufbauen. Im frühen 20. Jahrhundert waren es regionale sozialistische Gruppierungen und Gewerkschaften, die den Sozialismus stark machten. Der Ursprung ihrer Macht lag nicht darin, dass hier und da Amtsträger gewählt wurden, die sich eine Anhängerschaft aufbauen konnten. Diese Macht kam größtenteils von unten. Als die Basis einige ihrer Anführer an die Macht brachte, war die Aufgabe dieser Anführer, ihre Bewegungen zu vergrößern. Heute befinden wir uns in einer anderen Situation. Mamdani kann zwar Verbesserungen innerhalb der Stadt ermöglichen, aber auf regionaler oder nationaler Ebene wird das für den Sozialismus nicht viel ändern.

Die DSA kann absolut nicht als Nachfolgerin der Zweiten Internationale betrachtet werden. Was Mamdani durch seinen Sieg in der Vorwahl erreicht hat, ist, dass er das letzte Bisschen des wackeligen Gerüsts der Demokratischen Partei von vor dem Vietnamkrieg weggefegt hat; von Melvyns Jugend, von der er noch so eloquent sprach – ich will nicht in diese Welt zurückgehen. Es gibt etwas komplett Neues, das nicht aufgebaut werden kann. „Sewer socialism“ würde im 21. Jahrhundert anders aussehen als im 20. Jahrhundert.

Ich bin überrascht, dass die pro-palästinensischen Demonstrationen noch nicht in der Diskussion genannt wurden. Viele, die an diesen Aktionen teilnahmen, haben sich jetzt restlos Mamdanis Wahlkampf angeschlossen. Allerdings war schon von Anfang an ein umstrittenes Thema, ob dies wirklich eine linke Protestaktion darstellt. Für viele Teilnehmer hatten die Demonstrationen nichts mit linker Politik zu tun, wurden aber von ihnen als Möglichkeit erkannt, öffentliches Interesse am Sozialismus zu wecken. Nun sind ein oder zwei Jahre vergangen und niemand redet mehr wirklich über die Palästinafrage, und die Leute unterstützen Mamdani. Und jetzt erfahren wir auch noch, dass Mamdani gar kein wirklicher Sozialist sein soll, aber trotzdem der Arbeiterklasse nützen könnte. Aber wenn das Ziel nur Verbesserungen ihrer materiellen Bedingungen beinhalten soll, warum sollte sich Mamdani nicht einfach Trump anschließen? Warum sollten wir Mamdani nicht genau dazu bewegen und das Budget des New Deal von 2025 mitnutzen, um New York sowohl auf- als auch auszubauen?

MC: Ich bin schon seit langer Zeit in sozialen Bewegungen aktiv, die die Palästinafrage seit 40 Jahren stellen – und sie wurden immer entweder ignoriert, abgeblockt oder von Liberalen, Sozialdemokraten und auch anderen marxistischen Parteien abgelehnt. Ich stimme zu, dass es wichtig ist, dass dieses Problem in New York City von Mamdani angesprochen wird. Aber lässt sich das in laufende Aktivität und Strukturen übersetzen?

DL: Die Palästinabewegung ist tot, aber der Krieg hat nicht aufgehört. Die Verwüstung in Gaza verstärkt sich, und Netanjahu bewegt sich hin zur letzten Phase, in der er Gaza-Stadt dem Erdboden gleichmacht und die gesamte Bevölkerung weit in den Süden vertreibt, wo sie im besten Fall Umstände erleiden werden, die denen eines Konzentrationslagers gleichen – wenn sie nicht in Massen vertrieben werden. Der Krieg neigt sich seinem Höhepunkt zu. Trump spricht – sehr zur Freude Netanjahus – offen von einer ethnischen Säuberung gewaltigen Ausmaßes in Gaza. Trotzdem ist die Palästinabewegung gestorben. Ich habe bereits für die Platypus Review darüber geschrieben15 und habe mich ziemlich unbeliebt damit gemacht, zu behaupten, dass das Problem der Bewegung darin liegt, das Hamas-Problem nicht anzusprechen. Die Hamas ist eine rechtsextremistische Bewegung, deren Existenz die pro-palästinensische Bewegung verdrängt hat. Die daraus hervorgehenden Probleme waren sowohl für die Bewegung selbst als auch für die palästinensische Bevölkerung katastrophal. Dass du mit der Frage, warum sich Mamdani nicht mit Trump verbündet, provozieren willst, ist mir klar.

Warum denn nicht?

DL: Weil Trump keinen Wohlstand erzeugen wird. Trump treibt die zunehmende Verarmung der amerikanischen Gesellschaft an. Es wird vorteilhaft sein für eine kleine Elite, aber für die Arbeiterklasse wird es nichts als Regression geben unter Trump: auf demokratischer, ökonomischer, kultureller und medizinischer Ebene. Trump ist eine Katastrophe für die Arbeiter, deshalb können wir Trump nicht unterstützen. Wir müssen den Trumpismus entschieden ablehnen, aber wir müssen auch das System ablehnen, das zum Aufstieg von Trump geführt hat. Das ist wichtig, weil wenn man 2026 oder 2028 einfach die Demokraten wählt, dann sind wir wieder da, wo wir unter Biden waren, und alles wird wieder den Bach runtergehen, was wieder zu einem neuen Trump führen wird.

Wir haben über „sewer socialism“ und sein Verhältnis zur Socialist Party in Milwaukee gesprochen. Die Polizeifrage ist ausschlaggebend, um Zohrans Zusammenarbeit mit und unausgesprochene Unterstützung der Polizei und das Verhältnis der Sozialisten in Milwaukee zur Polizei – die Einsetzung eines neuen Polizeichefs – zu durchdenken und wie das reale Probleme für diesen Moment verursacht hat. Sebastian behandelt die Polizei wie ein Problem von vielen, wobei doch die Polizeifrage den gesamten Kampf untermauert; der gesamte Kampf für soziale Reformen wird ein Kampf gegen die Polizei sein.

DL: In Bezug auf die Cops widerspreche ich dir. Die Cops sind ein Problem am Ende der Kette. Die Strukturen von Amerika sind so abgrundtief undemokratisch und rassistisch, sie rufen Polizeigewalt hervor, nicht umgekehrt.

MD: Ich möchte euch mit einem Aphorismus von Antonio Gramsci zurücklassen: „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“

Mitchel, du hast argumentiert, dass wir über die Formen der Zweiten Internationale hinausgehen sollten und dass die Zweite Internationale mitverantwortlich für die DSA ist, wie wir sie heute haben. Aber Melvyn schien fast das entgegengesetzte Argument zu machen: dass es während der Zweiten Internationale bis zu ihrer Spaltung um den Ersten Weltkrieg und der Revolution 1917 größere und breitere Formen des Organisierens der Arbeiterklasse gab als jemals danach.

DL: Die Zweite Internationale hat bestenfalls eine durchwachsene Bilanz in Bezug auf Rassismus: Eines der meistverkauften SPA-Pamphlete in den USA erschien 1914 und war eine Attacke gegen die Integration am Arbeitsplatz. Das Pamphlet besagte, dass es furchtbar sei, dass Arbeitgeber weiße und schwarze Arbeiter zwangen, von derselben Kelle zu trinken, und dass die Arbeiterklasse dagegen vorgehen sollte. Rassentrennung war in Gewerkschaften üblich. Eugene V. Debs war persönlich sehr human und hat sehr eloquent über die Rassenfrage gesprochen, aber Debs war, wie ihr sicher wisst, ein Passivist. Er hat nicht daran geglaubt, dass der Kampf gegen Rassismus eine besondere Rolle in der SPA einnehmen sollte.16 Wir können die SPA also nicht romantisieren, und ihr Scheitern, mit diesem Problem umzugehen, hat letztendlich zur Zerstörung der Linken geführt. Es war kein goldenes Zeitalter, das wir romantisieren können.

MC: Die Zweite Internationale sah sich mit der Kriegsfrage konfrontiert und all die hohen Tiere in der Führung der sozialistischen Parteien haben den Ersten Weltkrieg unterstützt. Dan hat gesagt, dass sie das teilweise nur gemacht haben, weil ihre eigenen Mitglieder sie gelyncht hätten. Dinge verändern sich innerhalb von Wochen, und im August 1914 haben sie sich verändert.

Was ist die Rolle des Staates? Sollten Sozialisten in der Lage sein, den Staat zu kritisieren? Dan, wird eine bestimmte Kritik des Staates ausgenommen, weil Trump diese Kritik selber macht? Was wäre eine linke Kritik des Staates? Wie verhält sich das zu Mamdani, der direkt sagt: „Man braucht den Staat“ und „Der eigentliche Punkt ist es doch, einen stärkeren Staat zu haben“?

DL: Natürlich wollen wir den kapitalistischen Staat umstürzen. Wir wollen ihn mit einem sozialistischen Staat ersetzen: einem starken demokratischen sozialistischen Staat, der die Arbeiterklasse zum Wiederaufbau ihrer Gesellschaft mobilisieren wird. Ich habe kürzlich Trotzkis Terrorismus und Kommunismus gelesen, in dem er freimütig die Erschaffung eines sozialistischen Superstaates erörtert – der Staat erreicht sein Crescendo. Das ist gewiss die Art des Staates, die wir bauen müssen, aber er muss so demokratisch wie souverän und kräftig sein.

MC: Ich stimme dem einfach nicht zu. Es sind die Arbeiter selbst, die eine neue Gesellschaft bauen, und wir brauchen einen von Sozialisten geführten Staat, um diesen Prozess zu unterstützen, zu untermauern und die nötigen Kommunikationsverbindungen herzustellen, wo sie gebraucht werden. Es sind die Arbeiter selbst, die durch unsere direkten Aktionen den Aufbau des Sozialismus vollbringen, nicht der Staat. Wir kämpfen gegen den kapitalistischen Staat und den Staat selbst als Verkörperung der kapitalistischen Klasse. |P

1. Online abrufbar unter: https://youtu.be/8lrl-7qua70.

2. Siehe die entsprechende Szene in „Die Faust im Nacken“ (Originaltitel „On the Waterfront“). Online abrufbar unter: https://youtu.be/IYBAPVjJykY.

3. Siehe W. I. Lenin: „The Draft Resolution of the Left Wing at Zimmerwald“, in: Lenin Collected Works (Bd. 21), Progress Publishers, Moskau 1974, S. 348–351.

4. Chris Gilbert und Cira Pascual Marquina: „A Special Issue on Communes in Socialist Construction“, Monthly Review 3 (Jg. 77, Juli–August 2025). Online abrufbar unter: https://monthlyreview.org/articles/a-special-issue-on-communes-in-socialist-construction.

5. Siehe den Artikel des ehemaligen SYRIZA-Wirtschaftsberaters John Milios: „The Greek Left tradition and the SYRIZA phenomenon“, Platypus Review 86 (Mai 2016).

6. Die English Defence League wurde 2009 gegründet und war bis in die späten 2010er Jahre aktiv. Sie lehnte den radikalen Islamismus in England ab.

7. Oswald Mosleys British Union of Fascists organisierte in den 1930er Jahren Massendemonstrationen.

8. Die Strategic Response Group ist eine 2015 gegründete Einheit des New York City Police Department, zuständig für Terrorismusbekämpfung, Aufstandsbekämpfung und weitere Aufgaben.

9. Siehe „The NYPD Files“, ProPublica. Online abrufbar unter: https://www.propublica.org/series/the-nypd-files.

10. Die Ermordung von Charlie Kirk am 10. September 2025 hat zur Diskussion ĂĽber Attentate gefĂĽhrt.

11. Siehe W. I. Lenin: „Revolutionäres Abenteurertum“, in: Werke (Bd. 6), Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1962, S. 199–212.

12. Siehe Sarah Lazare: „The Call is Out for Mass, Simultaneous Strikes in 4 Years“, The Nation, 14. Oktober 2024. Online abrufbar unter: https://www.thenation.com/article/activism/general-strike-2028-unions-labor-movement.

13. Die Rand School of Social Science, später in Tamiment Institute and Library umbenannt, wurde 1906 von der Socialist Party of America gegründet, um die Arbeiterklasse zu bilden.

14. Die SPD hat am 4. August 1914 den Kriegskrediten zugestimmt.

15. Daniel Lazare: „1914 redux: Why the Left gets Hamas wrong . . . and U.S. imperialism too“, Platypus Review 171 (November 2024). 

16. Siehe Eugene V. Debs: „The Negro in the Class Struggle“, International Socialist Review 5 (Jg. 4, November 1903). Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/archive/debs/works/1903/negro.htm: „We have nothing special to offer the Negro, and we cannot make separate appeals to all the races.“