Wenn es nur eine Wahrheit gibt, brauchen wir keine Kunst
Ausgabe #41 | September/Oktober 2026
Ein Interview mit Ronja Brainstorm über das Verhältnis von Kunst und Politik und die Grenzen künstlerischer Freiheit
Ronja Brainstorm ist Künstlerin. Mit ihrem selbst erfundenen Alter Ego „The Art Whore“ untersucht sie die Rolle von Scham und Angst im künstlerischen Schaffen. Im vergangenen Jahr initiierte sie an der Kunsthochschule in Leipzig gemeinsam mit dem niederländischen Kollektiv The Unsafe House ein Ausstellungsprojekt, das einen öffentlichen Skandal auslöste.
Im Juni 2026 sprach sie über ihre Arbeit und das Projekt. Es folgt eine gekürzte und editierte Version des Gesprächs.
Was ist „Art Whorism“ und womit beschäftigst du dich in deiner Kunst?
In den letzten Monaten hatte ich sehr viel damit zu tun, was es bedeutet, wenn eine politische Botschaft durch ein Kunstwerk entsteht oder zum Ausdruck gebracht wird. Ich habe 2018 angefangen, an der Kunsthochschule in Halle (Saale) zu studieren, und dort mein Diplom gemacht. Das war zur Zeit dieser großen identitätspolitischen Welle: Wokismus und ähnlichen Spannungen. Natürlich hat mich das extrem geprägt, als Studierende, als Künstlerin und auch als Mensch. Vielleicht ist es ein zeitlicher Zufall, dass ich mich so stark dafür interessiere. Andererseits ist es eben das, was man macht als Künstlerin: Den Moment, in dem man lebt, intensiv beobachten und möglichst versuchen, zu verstehen. Wenn man ihn dann verstanden hat, dieses Verständnis wieder herauszufordern und auf den Kopf zu stellen.
Während meines Werdegangs als Künstlerin habe ich einen Dogmatismus beobachtet, den ich fragwürdig finde. Deswegen habe ich letztes Jahr ein Projekt an der Kunsthochschule in Leipzig machen wollen, das extrem schiefgelaufen ist. Aber es ist auch etwas richtig Interessantes dabei herausgekommen. Das versuche ich jetzt als mein kunstschaffendes System einzufangen und zu vermitteln durch mein Masterprojekt: mein „Art Whorism“.
Was ist Spannendes für dich dabei herausgekommen bei diesem Projekt? Wo würdest du sagen, dass es gescheitert ist?
Das Experiment zuerst war ganz konkret. Ich wollte zwei widerstrebende Kräfte miteinander verbinden und schauen, was dabei herauskommt. Ich empfinde die Kultur – oder Subkultur – an der Kunsthochschule als nicht fördernd für ein freies Denken. Zugleich hatte ich eine große Faszination für zwei unterschiedliche niederländische Kunstkollektive, die ich schon seit meinem ersten Jahr als Kunststudierende entdeckt habe. Ich bin dann mit einem dieser Kollektive in Kontakt getreten, The Unsafe House, und habe sie eingeladen, nach Leipzig zu kommen, um gemeinsam mit mir eine Ausstellung an der Kunsthochschule zu machen.
Mir war von Anfang an klar, dass das explosiv werden könnte. Allein der Name Unsafe House. Aber das ist eben das, was mich angezogen hat. Ich fand sie auch deshalb so spannend, weil sie etwas ganz anderes anbieten, das Gegenteil von dem, was ich an der Kunsthochschule in Leipzig erlebt habe. Dabei wollte ich auch provozieren, und ich war mir des Provokationspotenzials dieses Experiments bewusst. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, wie sehr ich selbst dabei untergehen würde.
Schon von Anfang an gab es in der Zusammenarbeit viele Red Flags, und es wurden oft fragwürdige Sachen gesagt. Aber das war ja eben das, was ich wollte: dass man einen offenen Rahmen schafft innerhalb einer Kunstinstitution. Es sollte an der Kunsthochschule in Leipzig passieren, weil dort das größte Spannungsfeld oder der größte Kontrast war.
Ich wollte einen Rahmen schaffen, in dem man durch Kunst Freiheit feiert, weil ich frei sein will als Künstlerin. Das bedeutet für mich, dass ich mich keiner politischen Überzeugung zuschreiben und keinem Meinungsdogma unterwerfen möchte.
Was bedeutet Freiheit für dich, und welches Potenzial hat Kunst im Verhältnis zur Freiheit?
Künstlerinnen sollten möglichst versuchen, Selbstzensur zu vermeiden, weil Kunst ein ziemlich stabiler Rahmen ist für Experimente, für Subversion und für Denkvorschläge. Man kann sich sehr bewusst sein über das System, in dem man lebt: die politischen Zusammenhänge, die Fehler um einen herum, das ganze Leid, den ganzen Schmerz. Natürlich muss man als Künstlerin sehr aufmerksam sein. Aber ich finde, es ist eine ihrer feinsten Aufgaben, eine Alternative anzubieten, oder ein Was-wäre-wenn, ein Gegenpol zum Konsens. Kunst und Konsens hängen in meiner Vorstellung einfach nicht zusammen. Wenn es nur eine Wahrheit gibt, brauchen wir gar keine Kunst.
Einen großen Teil von meinem Projekt habe ich konsequent „The Project“ genannt. Es ging darum, Scham und Angst möglichst abzulehnen. Wir brauchen keine Angst zu haben, wir sind nur Künstler. Damals war ich davon überzeugt, dass wir keine Scham und keine Angst haben sollten, sondern wir machen sollten, was wir wollen. Wir sind Künstlerinnen, und wir sind hier, um die Welt auf den Kopf zu stellen, ein neues Spektrum zu eröffnen, in Prismen statt in Schwarz-Weiß zu denken.
Für mich ist es mit dem ganzen Wokismus irgendwann schiefgelaufen. Das, was Wokismus eigentlich will, sind gute Sachen: das Brechen mit binären Systemen, einander auf eine neue Art und Weise begegnen, offen, tolerant und neugierig sein. Das sind für mich eigentlich alles linke Werte, die insbesondere für Künstler sehr wichtig sind. Ich weiß nicht genau, warum es schiefgelaufen ist. Irgendwann dachte ich auf einmal, dass jetzt einfach das älteste binäre System reproduziert wird – Gut und Böse. Ist es das, was hier passiert?
Daraus habe ich die These entwickelt, dass Menschen, die stark von Angst geprägt sind, vielleicht auch fürchten, ausgestoßen zu werden. Deswegen wollte ich etwas anderes anbieten: Ihr braucht keine Angst zu haben. Wenn ihr für ein Kunstwerk aus irgendeinem Grund in einem Shitstorm landet, ist das nicht schlimm, weil das bedeutet, dass es funktioniert hat. Ihr habt etwas vorangebracht und etwas bewegt. Auch Scham brauchen wir nicht zu haben. Denn das Einzige, wofür man sich eigentlich schämen sollte, ist, schlechte Kunst zu machen. Das war mein Credo.
Ein anderer wichtiger Punkt, auf dem ich die ganze Zeit beharrt habe: Man soll differenzieren – „separating the art from the artist“ – dass es innerhalb eines künstlerischen Systems auch Differenzen gibt, zum Beispiel zwischen der Kunst und der Künstlerin. Man sollte sich möglichst mit vielen unterschiedlichen Menschen und Meinungen umgeben, um stimuliert zu sein und dabei gute Ideen zu schaffen. Das ist eigentlich auch die Grundidee von Diversity, die dann in diesem ganzen Woke-Wahnsinn gescheitert ist.
Aber irgendwann kam ich an meine eigenen Grenzen mit The Unsafe House, als sie auf einmal Curtis Yarvin einbrachten und der Skandal losging. Ich habe hart dafür gekämpft, Curtis Yarvin außen vor zu lassen und zu sagen, ich arbeite nicht mit ihm, sondern mit den Leuten vom Kollektiv zusammen. Aber es wurde ineinander verwickelt. Dann bin ich in diesem Shitstorm gelandet und wurde ausgestoßen. Ich habe selbst gemerkt, wie es wirklich ist, plötzlich Persona non grata zu sein, aus Gründen, die für mich nicht so klar waren. Bis heute habe ich nicht das Gefühl, dass die Strafe, sozial ausgestoßen zu werden, so richtig zu meiner Tat gepasst hat.
Dass man oft vergisst, was eine Person eigentlich getan hat, und sie dann auf einmal einfach eine Verbrecherin ist, gehört zu den gefährlichen Dynamiken der Cancel Culture. Dann kam ich in eine Situation, in der ich völlig unterdrückt war von tiefer Scham und Angst. Ich fand es schmerzhaft ironisch, dass ich am Anfang gesagt hatte: Scham und Angst brauchen wir nicht, wir lehnen das alles ab. Wir machen einfach Kunst. Und dann kam irgendwann dieser große Hammer auf mich drauf.
Du hast gesagt, dass Wokismus gekippt ist, kannst du versuchen, festzuhalten, wo und wann es gekippt ist?
Das hat viel mit dem digitalen Zeitalter zu tun. Auf einmal haben wir alle einen offenen Zugang bekommen zu Plattformen, auf denen wir uns austauschen können und unsere Meinungen sagen können. Es ist ein akzelerationistischer Kommunikationsmodus, bei dem es auf einmal sehr schnell geht mit Likes und Shares. Es ist ein bisschen gekippt, dadurch dass das Gespräch in der Realität nicht mehr richtig stattfindet.
Die Ideen des Wokismus sind gut, aber die Methoden sind falsch. Zum Beispiel wollen wir mehr Awareness über Sexismus und über sexistische Strukturen schaffen. Callouts sind dann so eine Art von Methode. Aber dort ist es gekippt. Jetzt können wir einfach auf einmal alle die ganze Zeit outcallen und keiner weiß mehr warum. Es ist so eine Art von Schafmentalität, bei der niemand mehr so richtig hinterfragt. Wir laufen einfach irgendwie mit.
Das hat sich aber schon ein bisschen in den letzten zwei Jahren geändert. Es ist, als ob wir uns ein bisschen mehr bewusst geworden sind, dass die ganze Awareness-Wahnsinns-Phase vielleicht nicht so gut war.
Du sagst, dass eine der Aufgaben von Kunst ist, Alternativen darzustellen. Ich erinnere mich an ein Interview von Curtis Yarvin mit der New York Times, wo er das auch für sich beansprucht hat: dass er die Ideen, die er in den Raum wirft, versteht als Was-wäre-wenn. Im Sinne eines, was ist, wenn wir etwas Neues zur Debatte stellen, abseits des Status quo.
Worin unterscheidet sich Curtis Yarvin gegenüber dem, was gute Kunst deinem Verständnis nach liefern könnte?
Ich finde, das hängt sehr stark von der Person ab, die das sagt. Ein Unterschied besteht für mich darin, dass Curtis Yarvin eine sehr klare Vorstellung davon hat, wo er mit der Welt hin will. Er hat ein klares politisches Programm, eine klare politische Ideologie. Er kann nicht behaupten, dass er einfach ein Künstler ist, der als Andersdenkender unterwegs ist und ein bisschen provozieren will. Wenn er so etwas sagt – und er ist in einer relativ mächtigen Position –, hat das eine andere Wirkung, als wenn zum Beispiel ein Künstler wie Jonathan Meese oder Anselm Kiefer ein künstlerisches Projekt machen, in dem sie den Hitlergruß zeigen. Das hat einfach eine andere Bedeutung, als wenn Elon Musk dasselbe bei einer AfD-Kundgebung machen würde oder vor laufender Kamera.
Es kommt darauf an, wer gerade das Mikrofon hat und warum. Curtis Yarvin würde Kunst instrumentalisieren, um seine politische Agenda durchzuziehen. Das wäre Propaganda und nicht mehr freie Kunst.
Darf Kunst politisch sein? Soll Kunst politisch sein?
Dürfen ja, sollen nein. Aber ich sehe es nicht so getrennt. Politik und Kunst sind sehr verstrickt. Es ist nicht so, dass sich Politik und Kunst zusammentun und dann entsteht ein Produkt – oder eben nicht. Sie sind intersektional, aber es ist viel komplexer als das. Man kann zum Beispiel ein Werk oder ein Buch mit einer ganz klaren politischen Agenda schreiben. Oder man kann eine Person mit einer eindeutigen politischen Überzeugung sein und aus dieser Überzeugung heraus ein Werk schaffen. Dann ist das Werk auf jeden Fall ein politisches Werk, weil es die Welt verändern will, oder dazu beitragen will. Man kann eine politische Message durch ein Kunstwerk vermitteln, und das kann sehr powerful sein, wenn man es gut macht.
Anders formuliert: Es ist nicht die Kunst, die die Politik braucht, sondern die Politik, die die Kunst braucht. Denn wenn man eine politische Nachricht durch die Kunst schreit, kann das sehr stark sein.
Moralisierende Kunst, die vorschreibt, was das Richtige ist, stört mich. Kunstwerke, bei denen ich das Gefühl habe, dass ich erzählt bekomme, wie ich zu denken habe. Es ist aber auch eine Gratwanderung. Kunst dreht sich darum, die Welt zu bewegen, ohne zu moralisieren und zu patronisieren.
Der Schweizer Pavillon bei der Biennale dieses Jahr ist ein gutes Beispiel für eine nicht gelungene Verschmelzung von Kunst und Politik. Man wurde dort von allen Seiten zugeballert mit Schildern, auf denen so relativ altbackene Sprüche standen, im Sinne von „Patriarchy is bad“.
Ein anderer Aspekt ist, dass in der Form eines Kunstwerks eine politische Botschaft enthalten sein kann. Beispielsweise kann eine Malerei als eine sehr konservative Kunstform angesehen werden, und eine Performance vielleicht eher als liberal und progressiv (in etwa die Performance-Installation „SEAWORLD VENICE“ von Florentina Holzinger im österreichischen Pavillon bei der Biennale). Auf inhaltlicher Basis und in der Form des Kunstwerks öffnen sich unterschiedliche Aspekte, wie sehr Kunst und Politik miteinander zusammengehen können.
Der amerikanische Pavillon von diesem Jahr war komplett art déco. Das waren einfach nur große, schöne Objekte in einem Raum – nicht mal mit einem Titel. Es ist gruselig, weil die Vereinigten Staaten gerade jetzt eigentlich eine starke Künstlerin brauchen, die versucht, das System mit ihrer Kunst zu verwerfen. Ich denke, das sagt viel über die Lage der Vereinigten Staaten. Fast habe ich gedacht, dass es cool gewesen wäre, wenn The Unsafe House und Curtis Yarvin diesen Pavillon bekommen hätten.
Du hast gesagt, dass gute Kunst die Welt bewegen kann. In was für eine Richtung kann oder muss die Welt bewegt werden?
Für mich ist Kunst eine Art von Entität, die die Welt braucht, um in ihrem Status quo herausgefordert zu werden. Die Kunst sollte Avantgarde bleiben und nicht Mainstream werden. Man kann ein Erlebnis durch Kunst haben, durch das man sich danach transformiert fühlt. Das ist das, was die Biennale will. Es gibt Millionen Besucher bei der Biennale. Wenn jedes Individuum dort ein bisschen oder sehr bewegt wird, dann kann das auf einer großen Skala etwas in Bewegung setzen. Ich weiß nicht genau was, aber ich glaube, das ist so.
Dem Verständnis des Begriffs Avantgarde nach, geht avantgardistische Kunst voraus. Wie könnte man andere Personen davon überzeugen, einer Avantgarde zu folgen, wenn man gar nicht genau weiß wo diese hingeht?
Kann man als Künstlerin nicht auch in einem Untersuchungsprozess sein, bei dem man erst viel beobachtet – innerlich und äußerlich? Also noch nicht ganz weiß, wo man selber damit hin will. Man hat so eine Energie, die man einfach unbedingt verfolgen muss, und dann guckt man, was dabei am Ende entsteht.
Am Ende ist es dann halt auch nur ein Kunstwerk. Es kann scheitern und es kann nicht scheitern. Eigentlich sollte man nicht so viel Angst davor haben, zu scheitern. Dann gibt es ein Werk, das im schlimmsten Falle bedeutungslos ist.
Aber klar, manche Kunstwerke, die in der Geschichte bestehen, sind die, die in Richtung Zukunft geblickt haben. Aber ich glaube nicht notwendigerweise, dass die Künstler sich dieser Richtung bewusst waren.
Würdest du sagen, dass auch jetzt Werke entstehen könnten, die in hundert Jahren genauso erinnert werden, wie die Avantgardewerke im 20. Jahrhundert?
Klar, ich hoffe doch. Die Frage ist auch, was für ein Werk. In Dänemark gibt es einen Dichter. Sein erstes Buch hat einen extrem rechten Ansatz. Zum einen besteht es aus sehr viel Hass, zum anderen beinhaltet es Antiglobalisierung, Anti-Araber und weitere Antihaltungen. Die Literaturszene in Dänemark ist sehr kritisch gegenüber dem Buch. Da bin ich in einem Zwiespalt. Vielleicht ist das Buch wichtig, weil es zeigt, wo wir hinkommen. Oder braucht es genau aus diesem Grund diese Ablehnung? Vielleicht ist es auch deswegen ein gutes Werk?
Was wäre im Gegensatz dazu ein linkes Werk?
Ich finde, dass man als Künstlerin vor allem offen bleiben muss und da sind wir dann wieder bei Freiheit oder Zensur.
Es gibt aber auch eher rechts konnotierte Werte oder Charakteristiken, die vielleicht auch wichtig sind für Künstlerinnen. Zum Beispiel, dass man kompromisslos ist, dass man individualistisch ist. Das muss vielleicht gar nicht so eingestuft werden in so rechts und links. |P

