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Der verwirrte Anti-Imperialismus der PalÀstina-Kritiker

Ausgabe #38 | MĂ€rz/April 2026

von Fakhry Al-Serdawi

Die Aussicht, in Gaza bald durch Bildungsreformen von Jared Kushners stolzer „unpolitischer Technokratie“ ĂŒber Auschwitz zu lehren, lĂ€uft auf das hinaus, was Theodor Adorno als „die Kodifizierung des Unaussprechlichen“ bezeichnet hat.1 Diese BemĂŒhungen werden scheitern – nicht nur wegen der von Joseph Klein beschriebenen „Neudefinition des Antisemitismus“ durch die NGOs in Washington und Tel Aviv, welche zu noch mehr Antisemitismus fĂŒhrt2 – sondern auch, weil die Grundprinzipien der individuellen Freiheit des Menschen besagen, dass man den Opfern des Holocaust nur durch eine weitgehend persönliche, autodidaktische Auseinandersetzung mit dem Thema gerecht werden kann. Was mich selbst betrifft, habe ich aus zwei Quellen ĂŒber den Holocaust gelernt: Einerseits von meinem Lehrer an der öffentlichen Schule in Bir Zait – keinem Kushner-Technokraten, sondern einem Teilzeitfahrer aus der Arbeiterklasse aus den 2000ern – und andererseits von Philip K. Dick.

Es wĂ€re großartig, wenn palĂ€stinensische Kinder The Man in the High Castle lesen könnten, weil es auch eine Auseinandersetzung mit dem Leben unter Fremdherrschaft ist. Hier in Form einer alternativen Geschichte, in der die Nazis Amerika erobern. Der Roman aus dem Jahr 1962 ist eine kontemplative Auseinandersetzung mit der existenziellen Krise des Lebens unter fremder Besatzung, ein Aspekt, der in der Amazon-TV-Adaption des Buches verlorengegangen ist. Diese ist vielmehr eine lautstarke Feier des antifaschistischen Volksfrontismus und des antiimperialistischen bewaffneten Widerstands, welche auf die Befriedigung der Empfindlichkeiten der CNN-Demokraten wĂ€hrend Trumps erster Amtszeit abzielt. Dazu merkte Adi Robertson an, „Weiße Amerikaner der Mittelschicht lieben es in der Regel, sich als Underdogs darzustellen. Wir lieben die Vorstellung, den UnabhĂ€ngigkeitskrieg noch einmal zu fĂŒhren, reduziert von einer globalen Supermacht zu einer zusammengewĂŒrfelten Bande von Rebellen.“3

Jeder ist Antiimperialist, aber niemand ist frei 

Antiimperialismus ist ein PhĂ€nomen der Mittelschicht in einer vollstĂ€ndig kapitalistischen Welt. Die Neue Linke glaubte an das Potenzial des Antiimperialismus, den kapitalistischen Westen zu besiegen. Ironischerweise war es gerade das Vokabular des antiimperialistischen Widerstands, das zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitrug, dem „ersten postimperialen Staat der Welt“, der von seinen BĂŒrgern am Ende seiner Existenz als „groß angelegtes System der Fremdherrschaft“4 betrachtet wurde. In diesem Moment konnte der neue Mensch im Osten seine Entfremdung als Antiimperialismus kanalisieren.

Die westliche Linke trug ebenfalls dazu bei, den Antiimperialismus als fetischisiertes Konsumgut der Mittelschicht zu festigen, insbesondere seit den 1980er Jahren, nachdem nordamerikanische UniversitĂ€ten die Ideen der Dekolonialen Schule aus dem Globalen SĂŒden importiert hatten.

Dekoloniale Denker im Westen, Ă€hnlich wie Kritiker des sowjetischen Imperialismus in Osteuropa, rĂŒckten die Kritik am kapitalistischen Imperialismus ebenfalls in den Hintergrund und entschieden sich stattdessen fĂŒr eine therapeutische Dekolonialisierung der europĂ€ischen Kultur.

Das globale GefĂŒhl der Fremdherrschaft ist berechtigt, weil das Kapital eine zutiefst entfremdende Macht ist. Doch das Kapital selbst kanalisiert dieses GefĂŒhl in drei Arten des Antiimperialismus der Narren: Erstens, den Antisemitismus, der den Imperialismus als globale jĂŒdische Verschwörung fetischisiert. Zweitens, den „Antiwestismus“, der den gesamten Westen als unverĂ€nderliche und unverbesserliche Kolonialmacht betrachtet. Drittens den Orientalismus, der normalerweise als imperialistische Ideologie verstanden wird, aber auch als antiimperialistische Ideologie fungieren kann, die die Figur des orientalischen Despoten als Gesicht des wahren Imperialismus fetischisiert.

Neben dem allgemeinen GefĂŒhl der Fremdherrschaft gegenĂŒber dem Kapitalismus, unterscheiden sich die palĂ€stinensischen Gebiete durch die Existenz einer tatsĂ€chlichen Fremdherrschaft, verursacht durch eine direkte militĂ€rische Besatzung, welche von den Antiimperialismen der globalen Mittelklasse historisch verdrĂ€ngt wird. WĂ€hrend das Leben unter der Besatzung – neben den sich verschlechternden materiellen Bedingungen – tatsĂ€chlich eine existenzielle Krise darstellt, dient der vulgĂ€re Antiimperialismus der Mittelschicht im Gegensatz dazu als identitĂ€tsstiftendes Instrument, das StabilitĂ€t und Vereinfachung in die Wahrnehmung von sich selbst und anderen bringt.

Die zynischste Version davon ist das GefĂŒhl israelischer und pro-israelischer Aktivisten, unter auslĂ€ndischer Herrschaft zu stehen, welche an Catherine Lius Beschreibung der Liberalen in den USA als „virtue hoarders“ erinnert.5 Antiimperialistische Zionisten sind „legitimacy hoarders“ in einer Welt, in der Israel zunehmend an LegitimitĂ€t verliert. Ein gutes Beispiel dafĂŒr ist die liberale Technokratin Bari Weiss von CBS News, die ebenfalls den Begriff der Selbstbestimmung verwendet, um die israelische Politik zu rechtfertigen.6

Das fĂŒhrt uns zu allen drei Arten des Imperialismus der Narren: 

Erstens, Antisemitismus: Ein Beispiel hierfĂŒr ist Steve Bannons Behauptung, dass die wahren Feinde Israels die progressiven jĂŒdischen MilliardĂ€re in Amerika seien. 

Zweitens, „Antiwestismus“: Einige Kommentatoren des Tablet Magazine betrachten Israel in einem Krieg mit den „westlich orientierten Eliten“.7 Sie glauben, dass die USA eine imperialistische Macht sind, welche die SouverĂ€nitĂ€t Israels „manipuliert“ hat8 und fĂŒr den 7. Oktober „verantwortlich“ ist,9 wĂ€hrend sie behaupten, dass die amerikanische Regierung im Verlauf des Krieges nicht auf der Seite Israels stand, sondern im Gegenteil sich in einem „Krieg gegen die Juden“ befindet.10 Aus diesem Grund mĂŒsse Israel sich vom verrĂ€terischen imperialistischen Westen lösen und neue VerbĂŒndete in Asien finden.11

Drittens, Orientalismus: Douglass Murray betrachtet den Iran als die „grĂ¶ĂŸte Kolonialmacht im Nahen Osten“12 und verurteilt die Linke dafĂŒr, dass sie den historischen Imperialismus des Iran,13 des Islams oder der Araber ignoriere.14 Dies wird einerseits gegen die PalĂ€stinenser eingesetzt, etwa durch die Begin-Sadat-Denkfabrik, die die Theorie des palĂ€stinensischen Siedlerkolonialismus vertritt.15 Andererseits kann es von Israelis genutzt werden, um vorzugeben, sich fĂŒr die Selbstbestimmung der PalĂ€stinenser gegen einen arabischen Imperialismus einzusetzen. Das gilt fĂŒr Efraim Karshs Behauptung, der islamische Imperialismus habe die nationalen Bestrebungen der PalĂ€stinenser sabotiert,16 so wie fĂŒr den alternative Geschichtsroman If Israel Lost the War von 1969, in dem die Autoren behaupteten, die siegreichen Ägypter, Syrer und Jordanier hĂ€tten PalĂ€stina unter sich aufgeteilt und die PalĂ€stinenser an der UnabhĂ€ngigkeit gehindert.17

Neoliberalismus (war immer) ohne palÀstinensische Selbstbestimmung

Einige behaupten, man könne den palĂ€stinensischen Nationalismus bekĂ€mpfen, nicht durch den Antiimperialismus der Narren, sondern durch abstrakte Opposition gegen die Globalisierung. Hierbei handelt es sich um eine opportunistische Kritik, die ignoriert, dass es innerhalb des Neoliberalismus nie Raum fĂŒr palĂ€stinensische Selbstbestimmung gab. Zudem artet sie leicht zu einem Angriff auf eine globalisierte FeindidentitĂ€t aus, wie die Behauptung des Tablet Magazine von einem „globalen Imperium PalĂ€stinas“, in dem die PalĂ€stinenser „die UnterstĂŒtzung der heutigen weltweiten Machtbroker haben“.18 Dieser selektive Angriff drĂŒckt die Annahme der AnhĂ€nger Netanjahus aus, die PalĂ€stinenser wĂŒrden durch die transnationale Kapitalistenklasse unterstĂŒtzt.

Es gibt jedoch noch eine weitere Kritik, nach der die globale BĂŒrokratie eine Form der auslĂ€ndischen Herrschaft ĂŒber die PalĂ€stinenser darstellt. Dieses Argument wird derzeit von allen Seiten vorgebracht: Mainstream-Linke, Netanjahu-Zionisten und orthodoxe Marxisten werfen den Hilfsorganisationen vor, „die PalĂ€stinenser zurĂŒckzuhalten“.

Nach der Mainstream-Linken hĂ€lt die Hilfe die PalĂ€stinenser davon ab, unter der Besatzung aufzubegehren. Netanjahu-AnhĂ€nger denken, dass die Hilfsorganisationen keine gute Arbeit leisten, um dieses metaphysische Ding namens „Hass“ aus den PalĂ€stinensern zu vertreiben. Und orthodoxe Marxisten glauben, dass die „AbhĂ€ngigkeit von Hilfe“ die PalĂ€stinenser daran hindert, sich der internationalen Arbeiterklasse anzuschließen. Chris Cutrone bezeichnet die Vereinten Nationen in ihrer Beziehung zu PalĂ€stina als „BeschwerdebĂŒro der US-gefĂŒhrten globalen Weltordnung“19 und die UNRWA, die wichtigste Organisation fĂŒr palĂ€stinensische FlĂŒchtlingsangelegenheiten, als imperialistische Institution. Die Mainstream-Linke kritisiert er dafĂŒr, dass sie nur die Auflösung der USAID feiert, ohne die BemĂŒhungen zur Auflösung der UNRWA zu wĂŒrdigen.20

Die Mainstream-Linke konzentriert sich in ihrer Analyse auf die Besatzung, glaubt jedoch in vielen FĂ€llen, das Problem der Hilfsorganisationen bestehe darin, dass sie nicht antizionistisch genug seien, was zu einer vereinfachten Rhetorik ĂŒber die politische Ökonomie der Besatzung fĂŒhrt. Die zionistische Sichtweise kann man kaum als ausgewogen oder aufrichtig behandeln. Die orthodoxe marxistische Sichtweise kritisiert zwar manchmal Netanjahu, projiziert jedoch abstrakt ihre eigene Entfremdung von der euro-amerikanischen liberalen Technokratie auf den Konflikt und verdrĂ€ngt zunehmend das Problem, das die PalĂ€stinenser am meisten zurĂŒckhĂ€lt, nĂ€mlich die Besatzung und hegemoniale Macht Israels.

Hilfsorganisationen die Schuld zu geben, ist eine verwirrte und insbesondere fĂŒr amerikanische Marxisten irrefĂŒhrende libertĂ€re WohlfĂŒhlgeschichte, die alles auf die Verwaltungsmacht und das Fehlen einer „freieren“ Marktwirtschaft zurĂŒckfĂŒhrt – welche vermeintlich die internationale Vernetzung der Arbeiterklasse fördere. Diese „Hilfskritik“ ignoriert die wesentliche Tatsache, dass es in den besetzten Gebieten eine Marktwirtschaft gibt und dass die israelische Besatzung die vollstĂ€ndige politische Kontrolle ĂŒber die öffentliche Umverteilung der palĂ€stinensischen Steuereinnahmen hat.

Chris Cutrone hĂ€tte den Weg von Theodor Adorno einschlagen können und das Denken ĂŒber den Nahen Osten angesichts der ĂŒberwĂ€ltigenden Fokussierung auf die Praxis sowohl durch die antiimperialistische Mainstream-Linke als auch durch die UN-BĂŒrokratie verteidigen können. Es wĂ€re legitim, wenn Cutrone sich nicht zum unmittelbaren Handeln terrorisieren ließe. Doch er bleibt nicht bei Adornos Denken stehen, sondern erliegt selbst dem Sog von Praxis und Aktionismus, in diesem Fall dem Trumps. Cutrone glaubt, dass Donald Trump tatsĂ€chlich einen umfassenden, authentischen sozialen Wandel herbeifĂŒhrt, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Gaza. Dieses produktive FĂŒhrerbild von Trump erinnert wiederum an folgende Stellen bei Adorno: 

Das Misstrauen gegen den der Praxis Misstrauenden reicht von solchen, welche die alte Parole „Genug geredet“ auf der Gegenseite nachreden, bis zum objektiven Geist der Reklame, die das Bild – das Leitbild nennen sie es – des aktiv tĂ€tigen Menschen, sei er WirtschaftsfĂŒhrer oder Sportsmann, verbreitet.21

Cutrones Alternative zur „imperialistischen“ UNRWA ist Trumps Board of Peace in Gaza. Er sei zwar nicht unbedingt mit allen Details des Trump-Plans einverstanden, steht diesem Plan jedoch ĂŒberwiegend unkritisch gegenĂŒber, „da dies ohnehin geschehen werde“. Zudem wĂŒrden dabei realistische wirtschaftliche Überlegungen fĂŒr den Gazastreifen Vorrang gegenĂŒber idealistischen Überlegungen zur Selbstbestimmung haben, um ein umfassenderes Wirtschaftsprojekt im Nahen Osten unter der FĂŒhrung der Golfstaaten und Israels zu erreichen. FĂŒr die Verwirklichung dieses Ziels wĂ€re es unabdingbar, sich nicht nur von der palĂ€stinensischen Sache oder vom unpragmatischen „River to the Sea“-Volksfrontismus zu lösen, sondern auch von jeglicher authentischen Zwei- oder Ein-Staaten-Lösung.22

Was das Argument des Realismus angeht, so basiert der Nahe Osten bereits seit mindestens vier Jahrzehnten auf Realismus. Der syrische Schriftsteller Yassin Al-Haj Saleh sagte, dass Hafez Al-Assad, Anwar Sadat, Hosni Mubarak, Saddam Hussein und, kurz nach ihnen, Muammar Gaddafi das politische Leben unter dem Vorwand des „Antiwestismus“ abgeschafft hĂ€tten, wĂ€hrend sie sich paradoxerweise fĂŒr Realismus in ihrem VerstĂ€ndnis mit dem Westen entschieden hĂ€tten, der die TĂŒr fĂŒr jede echte VerĂ€nderung gegen die hegemoniale internationale Ordnung verschlossen habe.23  Ich befĂŒrchte, dass Cutrone hier implizit einer neueren Version des autoritĂ€ren Panarabismus mit israelischen Merkmalen zustimmt, oder wie es der Ă€gyptische Marxist Mohammed Naim nennt: „negativer Panarabismus“.24

Was das Argument des Ökonomismus angeht, könnte das Wirtschaftsprojekt eine Farce und die neoliberale Entwicklung dieses kleinen Gebiets namens Gaza nur eine symbolische Form der regio-nalen Verteilung von Wohlstand sein, die keine wirkliche VerĂ€nderung im Leben der Arbeiterklasse im Nahen Osten bewirken wird. Trump ist nicht in der Lage, Amerika zu reindustrialisieren. Wie kann man da glauben, er könne die industrielle Revolution im Nahen Osten vorantreiben, indem er Gaza in eine Touristenattraktion verwandelt, deren einziges Motto „wenigstens sind wir nicht im Krieg“ lautet – Ă€hnlich wie das Motto der Demokratischen Partei „Wenigstens sind wir nicht Trump“.

„Wohlbefinden“ vor „Denken“

Es gibt jedoch auch einige philosophische Überlegungen zum Argument des wirtschaftlichen Realismus in Gaza, bei denen Adorno herangezogen werden kann. Ich möchte nicht beurteilen, ob Cutrone „resigniert“ hat oder „aufgehört hat zu denken“, da er die KomplexitĂ€t und WidersprĂŒche von Trumps Praxis durchaus anerkennt. Doch seine Analyse bewegt sich zugleich im Geiste Adornos als auch gegen ihn.

Die Elemente, die sich gegen Adornos Denken wenden, basieren auf der Tendenz, die Kritik an der Linken als Hauptaufgabe fĂŒr eine Linke zu erklĂ€ren, insofern diese dazu neigt, nur die Aspekte der RealitĂ€t zu erkennen oder hervorzuheben, die im Widerspruch dazu stehen, was die Linke jeweils sagt. Dieser enge und obsessive Standpunkt fĂŒhrt zu einer Gegenresignation. Seine Methodik beschrĂ€nkt sich nicht auf die legitime Kritik an der Nutzlosigkeit der Linken, ihrem Mangel an tatsĂ€chlicher Organisation und ihrer Besessenheit von einem externen Thema im Nahen Osten. Stattdessen wird sie selbst Teil dieser Nutzlosigkeit und verliert sich in obsessiven Gegendarstellungen ebenjenes externen Themas im Nahen Osten.

Abgesehen von seiner Reaktion auf die Linke, glaube ich, dass Cutrone auch ein genuines persönliches Interesse an der PalĂ€stinenserfrage hat. Das Problem mit Cutrone ist nicht, dass er sich nicht um die PalĂ€stinenser kĂŒmmert; im Gegenteil, das Problem ist, dass er sich vielleicht sogar zu sehr um sie kĂŒmmert, mit genauso guten Absichten wie jeder Mainstream-Linke, den er ablehnt. In einem Interview mit Douglas Lain wurde er emotional, als er seine Vision beschrieb, dass sich die PalĂ€stinenser (durch die Abraham-Abkommen) der globalen Arbeiterklasse anschließen wĂŒrden.25 Zu Beginn des Krieges sagte er: „Gaza wird von den Arbeitern der Welt wieder aufgebaut werden, palĂ€stinensischen und anderen.“26 Cutrone bewegt sich in der Frage der palĂ€stinensischen IdentitĂ€t im Sinne Adornos, wĂ€hrend er sich in der Frage der palĂ€stinensischen Arbeit gegen ihn stellt – insbesondere wenn er Arbeit, Massenproduktion und das, was Adorno als Modell des „Do-it-yourself“ bezeichnet, als einzige Alternative zum Völkermord darstellt: 

Praxis hieß nur noch: gesteigerte Produktion der Produktionsmittel; Kritik wurde nicht mehr geduldet außer der, es werde noch nicht genug gearbeitet.27

Ich möchte Cutrone nicht als resigniert bezeichnen, aber seine Darstellung der Frage als „entweder vollstĂ€ndige Zerstörung oder vollstĂ€ndige Produktion“ ist nĂ€her dran an impulsivem Aktionismus, als man auf den ersten Blick meinen könnte, und blockiert das Denken durch eine falsche Alternative. WĂ€hrend die pro-destruktive AIPAC-AnhĂ€ngerschaft zur Entpolitisierung des amerikanischen Geisteslebens beitrĂ€gt, verurteilen die pro-produktiven liberalen, leninophoben, Anti-Tankie-Linken den Einsatz von Panzern im Nahen Osten nur dann, wenn es sich nicht um amerikanische, NATO- oder israelische Panzer handelt. 

Diese Anti-Tankie-Linke ist besessen von dem, was Agosto Del Noce als „Wohlstandsgesellschaft“ bezeichnet hat.28 Die neue palĂ€stinensische Frage ist fĂŒr sie eine des „Wohlbefindens“ der PalĂ€stinenser, die nicht weniger dogmatisch und gedankenfeindlich ist als der bewaffnete Volksfrontismus. Sie lehnt die RealitĂ€t ab, indem sie eine PseudorealitĂ€t schafft, in der die palĂ€stinensische Frage so schnell wie möglich liquidiert werden sollte, selbst wenn dies bedeutet, dass die PalĂ€stinenser in andere LĂ€nder auswandern mĂŒssen, wenn dies in ihrem unmittelbaren Interesse zu liegen scheint.

Wenn man im Nahen Osten erwĂ€hnt, dass man Denken, Theorie, Demokratie, Supranationalismus, Sozialismus, Selbstbestimmung und ja, auch den leninistischen Antiimperialismus – die Ablehnung des autoritĂ€ren kapitalistischen Staates im In- und Ausland – als wichtig erachtet, wird man sofort von der Anti-Tankie-Linken im Nahen Osten mit dem Vorwurf konfrontiert, ein „herzloser elitĂ€rer Intellektueller“ zu sein, der außerhalb von Gaza lebt und kein VerstĂ€ndnis fĂŒr die BedĂŒrfnisse der Bewohner Gazas hat. Denn die einzige Alternative sei Kushners Wohlergehen oder Netanjahus Völkermord.

Schluss: Zur Befreiung des Nahen Ostens aus der Praxis 

Die Niederlage aller Aktionen bezĂŒglich PalĂ€stina unterstreicht nur, dass Denken der beste und einzige Ausweg ist; die Liquidierung der palĂ€stinensischen Sache ist zwar möglich, aber das Gleiche gilt nicht fĂŒr die palĂ€stinensische Frage. Die PalĂ€stinenser haben sich bereits der Arbeiterklasse vieler LĂ€nder angeschlossen; dafĂŒr brauchen sie nicht den Segen der Abraham-Abkommen. Der Wunsch, dass sie „loslassen“ oder durch ihre Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse â€žĂŒber ihre nationale Selbstbestimmung hinwegkommen“, ĂŒberlĂ€sst die Frage dem resignativen Aktionismus des liberalen, staatlichen Kulturbetriebs.

Diese Niederlage der Praxis, verbunden mit dem Sieg des Denkens, gilt auch fĂŒr die Frage des Panarabismus, der nach dem Sturz des syrischen Regimes aus den repressiven Fesseln der Baath-Praxis befreit wurde; die Übernahme des kapitalistischen Staates zur Verwirklichung des Panarabismus ist gescheitert und das ist gut so. Dazu sagte der syrische Schriftsteller Maurice Aaek: „Die Bedeutung des Arabismus ist eine Wette, ĂŒber die unsere Völker entscheiden, eine offene Arena fĂŒr den Kampf um die Definition dessen, was wir von ihm wollen, einschließlich seiner vollstĂ€ndigen Aufgabe. Es ist eine Bedeutung, zu deren Definition wir alle beitragen, unabhĂ€ngig vom endgĂŒltigen Ergebnis.“29

Adorno schrieb: „[Im kompromisslos kritisch Denkenden] ist das utopische Moment desto stĂ€rker, je weniger es – auch das eine Form des RĂŒckfalls – zur Utopie sich vergegenstĂ€ndlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert.“30 Das ist es, was die Produzenten der Serie The Man in the High Castle an dem Buch nicht verstanden haben: Wir brauchen keine spektakulĂ€re neue Volksfront, um das Imperium zu besiegen, und wir mĂŒssen uns auch nicht zurĂŒckziehen und kapitulieren; Imperialisten befinden sich immer in der Niederlage, insofern man immer ĂŒber eine alternative Welt ohne Imperialismus denken kann.  |P

Fakhry Al-Serdawi ist Rechtsanwalt im Bereich des Völkerrechts und Doktorand an der Rechtswissenschaftlichen FakultĂ€t der Anwaltskammer Mexican Bar Association. Er hat sechs Jahre lang im Bereich des Atomwaffensperrvertrags im Nahen Osten, in Wien und Genf gearbeitet. Er ist Marxist, beeinflusst von Robert Cox’ Kritischer Theorie der internationalen Beziehungen und der Schule der Kritischen Terrorismusforschung, die 2006 nach dem Irakkrieg in Großbritannien gegrĂŒndet wurde.

In der englischsprachigen Platypus Review erschien von ihm „In defense of Palestinian populism: A response to Chris Cutrone“31 und „Would Adorno have had a Twitter account? Resignation and counter-resignation on October 7“32 sowie „The Sectarianism & Spectacle of Palestine-Skeptic Marxism“33 in Sublation Magazine.

1. Vgl. Chris Cutrone: „Israel-PalĂ€stina und die Linke“, Platypus Review 32 (Juli/August 2024). Online abrufbar unter: https://platypus1917.org/2024/07/09/cutrone_israel_palaestina/

2. Joseph (Jake) Klein: „Redefining ‚Antisemitism‘ To Mean Anti-Zionism Is Endangering Jews“, Sublation Magazine (4. August 2025). Online abrufbar unter: https://www.sublationmag.com/post/redefining-antisemitism-to-mean-anti-zionism-is-endangering-jews.

3. Adi Robertson: „The Man in the High Castle never lets us believe its alternate-history nightmare“, The Verge (19. Januar 2015). Online abrufbar unter: https://www.theverge.com/2015/1/19/7852355/the-man-in-the-high-castle-amazon-philip-k-dick.

4. M. R. Beissinger: „Soviet Empire as ‚Family Resemblance’“, Slavic Review 65(2) (2006), S. 294–303. Online abrufbar unter: https://doi.org/10.2307/4148594

5. Vgl. Catherine Liu: Virtue Hoarders, University of Minnesota Press, 2021.

6. Bari Weiss: „The Bad Optics of Fighting for Your Life“, The Free Press (13. Mai 2021). Online abrufbar unter: https://www.thefp.com/p/the-bad-optics-of-fighting-for-your.

7. Gadi Taub: „Herzl’s Children“, Tablet Magazine (Februar 2024). Online abrufbar unter:  https://www.tabletmag.com/columns/gadi-taub-herzl-children.

8. Jacob Siegel, Liel Leibovitz: „The Harsh Realities of US Aid to Israel“, Tablet Magazine, (16. Juli 2023). Online abrufbar unter: https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/end-american-aid-israel.

9. Liel Leibovitz: „America’s Betrayal of Israel“, Tablet Magazine (7. Oktober 2023). Online abrufbar unter: https://www.tabletmag.com/sections/israel-middle-east/articles/americas-betrayal-of-israel.

10. Julie Strauss Levin: „President Biden’s War Against the Jews“, Tablet Magazine (27. MĂ€rz 2024). Online abrufbar unter: https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/president-biden-war-against-jews.

11. Robert Besser: „As the West Dies, Israel’s Future Lies with Rising Asia“, Israel National News (1. Juli 2025). Online abrufbar unter: https://www.israelnationalnews.com/news/410921.

12. Fox News: „Iran is the ‚biggest colonial power‘ in the Middle East, Douglas Murray says“ (1. Februar 2026). Online abrufbar unter: https://www.foxnews.com/video/6388652442112.

13. A. J. Caschetta: „Academics Ignore Iranian Colonialism“, National Review (27. Dezember 2019). Online abrufbar unter: https://www.nationalreview.com/2019/12/academics-ignore-iranian-colonialism/.

14. Jan Kapusnak: „The Colonialism No One Talks About: Arab Imperialism“, Jewish News Syndicate (JNS) (16. September 2025). Online abrufbar unter: https://www.jns.org/the-colonialism-no-one-talks-about-arab-imperialism/.

15. Alex Joffe: „Palestinian Settler-Colonialism“, Begin-Sadat Center for Strategic Studies (BESA Center) (3. September 2017) Online abrufbar unter: https://besacenter.org/palestinians-settlers-colonialism/.

16. Efraim Karsh: Islamic Imperialism: A History. New Haven: Yale University Press, 2006.

17. Robert Littell, Richard Z. Chesnoff, Edward Klein: If Israel Lost the War. New York: Coward-McCann, 1969.

18. Lee Smith: „The Global Empire of Palestine“, Tablet Magazine (19. Dezember 2023). Online abrufbar unter: https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/global-empire-of-palestine.

19. Cutrone: „Israel-PalĂ€stina und die Linke“.

20. Sublation Media: On Trump’s Plan for Gaza (14. Februar 2025). Online abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=stFhy3GKCQQ..

21. Theodor W. Adorno: „Resignation“, in: Gesammelte Schriften (Bd. 10.2), Hrsg. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1997, S. 794-795.

22. Ich respektiere Cutrone dafĂŒr, wenn er ehrlich sagt, dass dies möglicherweise nicht zu einer Ein-Staaten-Lösung fĂŒhren wird.

23. Yassin Al-Haj Saleh, „Retrenchment, Realism, and Dignity: The Romanticists of Hazem Saghieh“, Al-Jumhuriya, (9. September 2021). Online abrufbar unter: https://aljumhuriya.net/ar/2021/09/09/Ű§Ù„Ű§Ù†ÙƒÙŰ§ŰĄ-ÙˆŰ§Ù„ÙˆŰ§Ù‚ŰčÙŠŰ©-ÙˆŰ§Ù„ÙƒŰ±Ű§Ù…Ű©-Ű±ÙˆÙ…Ù†Ű·ÙŠÙ‚/.

24. Mohammed Naim: „Arab Liberation from Arab Occupation“ Al-Manassa (31. Oktober 2024). Online abrufbar unter: https://manassa.news/stories/19799.

25. Sublation Media: Chris Cutrone on Jared Kushner and Gaza (31. Oktober 2025). Online abrufbar unter: https://youtu.be/TOJK7u52_pc.

26. Cutrone: „Israel-PalĂ€stina und die Linke“.

27. Adorno: Resignation, S. 795.

28. Leander Harding: „The Crisis of Modernity: A Recommendation of Augusto Del Noce“, The Living Church (4. September 2019). Online abrufbar unter: https://livingchurch.org/covenant/the-crisis-of-modernity-a-recommendation-of-augusto-del-noce/.

29. Maurice Aaek: „Can New Meanings of Arabism Be Produced?“, Al-Jumhuriya (20. Februar 2024). Online abrufbar unter: https://aljumhuriya.net/ar/2024/02/20/هل-يمكن-Ű„Ù†ŰȘۧۏ-مŰčŰ§Ù†Ù-ŰŹŰŻÙŠŰŻŰ©-للŰčŰ±ÙˆŰšŰ©ŰŸ/.

30. Adorno: Resignation, S. 798.

31. Fakhry Al-Serdawi: „In defense of Palestinian populism: A response to Chris Cutrone“, Platypus Review 165 (April 2024). Online abrufbar unter: https://platypus1917.org/2024/04/01/in-defense-of-palestinian-populism-a-response-to-chris-cutrone/. 

32. Fakhry Al-Serdawi: „Would Adorno have had a Twitter account? Resignation and counter-resignation on October 7“, Platypus Review 174 (MĂ€rz 2025). Online abrufbar unter: https://platypus1917.org/2025/03/01/would-adorno-have-had-a-twitter-account-resignation-and-counter-resignation-on-october-7/. 

33. Fakhry Al-Serdawi, Arturo Desimone: „The Sectarianism & Spectacle of Palestine-Skeptic Marxism“, Sublation Magazine (7. Juni 2024). Online abrufbar unter: https://www.sublationmag.com/post/the-sectarianism-spectacle-of-palestine-skeptic-marxism.