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Zur Rekonstruktion revolutionärer Theorie bei Hans-Jürgen Krahl

Ein Schlaglicht auf das Verhältnis von Marxismus und Revolutionstheorie

von Marcel Kleufer

Die Platypus Review Ausgabe #17 | Winter 2022

Als Hans-Jürgen Krahl im Alter von 27 Jahren am Abend des 13. Februar 1970 in einem Autounfall starb, war dies gleichbedeutend mit dem Ende der antiautoritären Studentenbewegung in Westdeutschland und hatte die offizielle Auflösung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) zur Folge. Hans-Jürgen Krahl gilt heute neben Rudi Dutschke als zweiter Kopf des SDS, als der intellektuelle Kopf der Studentenbewegung, als marxistischer Robespierre von Frankfurt Bockenheim und als der Quälgeist Theodor W. Adornos. Krahls Marxismus, der sich allen voran in posthumer Niederschrift mündlicher Aussagen nachvollziehen lässt, behandelt weitgehend die Aktionen der Studentenbewegung und hat in einem sehr strikten Sinne seine Grenzen an den Themen seiner Zeit, die sich in gegebener Kürze nur reduziert und in eklektischer Auswahl vorstellen lassen. Krahls Thema probandum von 1967 bis 1970 war dabei die Theorie der Revolution im Spätkapitalismus.

PROPAGANDA DER SCHÜSSE UND PROPAGANDA DER TAT

Für Krahl bedeuteten

der erfolgreiche Widerstand des vietnamesischen Volkes gegen die gigantische technologische Gewaltmaschine der USA, das sozialistische Modell Kuba und die revolutionären Kämpfe der Guerilleros in Lateinamerika […] die qualitativ neue weltgeschichtliche Aktualität der Revolution.1

Es sei für ihn nicht nur offensichtlich, dass die Armee der USA am Widerstand in Vietnam scheitern könne. Zusätzlich, so Krahl in seiner Rede auf dem Berliner Vietnam-Kongress im Februar 1968, deuteten Widersprüche zwischen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und den Vereinigten Staaten darauf hin, dass das System des Spätkapitalismus im internationalen Maßstab vulnerabel sei. Dabei war für Krahl Georg Lukács‘ Kategorie der „Aktualität der Revolution“ maßgeblich, mit der Lukács das Zentrum von Lenins Denken und Aktion bezeichnete, gleichsam Gegenwart, Legitimität und Möglichkeit der Revolution.2 In seinen Angaben zur Person schilderte Krahl im Oktober 1969 seinen persönlichen Werdegang vom rechtsextremen Ludendorff-Bund, zur CDU und schließlich zum SDS, von Meister Eckhardt, über Martin Heidegger, zum logischen Positivismus und schließlich zu Karl Marx. Indirekt lernen wir dadurch auch über den politischen Bildungsprozess der Studentenbewegung: Die Kämpfe in der Dritten Welt boten den Studenten einen veränderten Bezugspunkt, der sowohl eine Distanzierung von der Sowjetunion, der Theorie der friedlichen Koexistenz, als auch vom Kapitalismus und Antikommunismus der Bundesrepublik der Nachkriegszeit ermöglichte. Der verbale Bezug auf diese Kämpfe drückte eine Bewusstseinsalternative aus. In der Dritten Welt trat für Krahl der Charakter des Spätkapitalismus offen zu Tage: Es herrsche offene und terroristische Unterdrückung. Die Solidarität mit dem Widerstand in der Dritten Welt habe den Studenten ermöglicht, die Gewalt der Ausbeutung, die auf Tauschverkehr und Vertrag beruhe, zu durchschauen: „Che Guevara, Fidel Castro, Ho Tschi Minh und Mao Tse-tung sind Revolutionäre, die uns eine politische Moral kompromissloser Politik vermittelten.“3

Schon im Organisationsreferat mit Dutschke im September 1967 spielte die Dritte Welt und insbesondere der Guerillero eine zentrale Rolle. In diesem Referat, das die antiautoritäre Ausrichtung des SDS während der Hochphase der Studentenbewegung begründen sollte, forderten Dutschke und Krahl die „Urbanisierung ruraler Guerilla-Tätigkeit“ durch Ergänzung der

„Propaganda der Schüsse“ (CHE) in der „Dritten Welt“ […]  durch die „Propaganda der Tat“ in den Metropolen […]. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.4

Diese Aussagen, die sowohl auf Dutschkes Beschäftigung mit Régis Debray, als auch auf das Pathos der großen Weigerung Herbert Marcuses bezogen sind, verweisen ebenfalls  – und das ist wohl Krahl zuzurechnen – auf Carl Schmitts Theorie des Partisanen. Der faschistische Staatsrechtler und Theoretiker des Dezisionismus bestimmte die Irregularität als Grundmerkmal des Partisanen, der bei Dutschke und Krahl als Guerillero figurierte.5

ANTIAUTORITARISMUS UND LINKSFASCHISMUS

Das Organisationsreferat hatte nicht nur einen verbandsinternen, sondern auch einen spezifisch lokalen Kontext: den „Hausstreit“ zwischen Krahl und den Leuten, die ihn umgaben, auf der einen und Jürgen Habermas und Adorno auf der anderen Seite. Treibend für diesen Konflikt war zunächst die Auseinandersetzung mit Habermas, der zu Krahls Privatfeind werden sollte. Aber auch Adorno wurde Stück für Stück in den Konflikt hineingezogen. Schon im Juni 1967 auf einem Kongress in Hannover, der nach der Beerdigung des von einem Polizisten am 2. Juni erschossenen Benno Ohnesorgs stattfand, wurde der Grundstein für den Konflikt gelegt. Dort sprach sich Krahl für eine Taktik friedlicher Provokation aus und votierte für eine Praxis an der Hochschule, die von direkter Kritik in Seminaren bis zu „Destruktion des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebes und der Errichtung qualitativer Gegenseminare“ reichen sollte.Veränderungen von Hochschule und Gesellschaft waren für ihn komplementär. Mit Bezug auf Habermas, der vor einer masochistischen und voluntaristischen Praxis der Studenten warnte, verwarf Krahl das aus der „traditionellen Dezisionismuskritik“ stammende Argument, dass die „Provokation von Gewalt faschistisch sei“.Wenig später äußerte Habermas in Erwiderung auf Rudi Dutschke, aber mit indirektem Bezug auf Krahl, dass dieser „eine voluntaristische Ideologie entwickelt [hat], die man im Jahre 1848 utopischen Sozialismus genannt hat, und der unter heutigen Umständen […] linken Faschismus nennen muß [sic].“8  Der Linksfaschismus-Vorwurf machte Schlagzeilen.Im Organisationsreferat antworteten Dutschke und Krahl auf Habermas:

Durch die globale Eindimensionalisierung aller ökonomischen und sozialen Differenzen ist die damals praktisch berechtigte und marxistisch richtige Anarchismuskritik, die des voluntaristischen Subjektivismus, daß Bakunin sich hier auf den revolutionären Willen allein verlasse und die ökonomische Notwendigkeit außer acht lasse, hinfällig.9

Und noch im Mai 1968 behauptete Krahl: „Die seinerzeit praktisch richtige und theoretisch wahre Polemik Marxens gegen den idealistisch abstrahierenden Voluntarismus der Bakunisten scheint vom kapitalistischen Geschichtsverlauf selbst außer Kraft gesetzt.“10 Dem entgegnet Adorno wiederum im Frühjahr 1969 in seinem Rundfunkvortrag Resignation, bei dem Titel und Themen auf Vorwürfe Krahls verweisen:

Auch politische Tathandlungen können zu Pseudo-Aktivitäten absinken, zum Theater. Kein Zufall, daß die Ideale unmittelbarer Aktion, selbst die Propaganda der Tat, wiederauferstanden sind, nachdem ehemals progressive Organisationen sich willig integrierten und in allen Ländern der Erde Züge dessen entwickeln, wogegen sie einmal gerichtet waren. Dadurch aber ist die Kritik am Anarchismus nicht hinfällig geworden. Seine Wiederkehr ist die eines Gespensts.11

Sowohl die Erwähnung der „Propaganda der Tat“ als auch die Zurückweisung des Anarchismus bezogen sich auf das Organisationsreferat und spätere Aussagen Krahls. Hier ist nicht nur bereits der grundlegende Konflikt zwischen den Frankfurter Schülern und den Lehrern angelegt,  die mit der Besetzung des Instituts für Sozialforschung im Frühjahr 1969 eskaliert. Es werden auch die zentralen Bezugspunkte für Krahls Marxismus deutlich, nämlich die Analyse des Spätkapitalismus und der Rolle der Hochschule sowie der wissenschaftlichen Intelligenz in ihm. Grundsätzlicher Anlass der Hochschulrevolte waren einerseits die veralteten feudalen Strukturen der Ordinarienuniversität, anderseits Reformen, die die Hochschule im Sinne des Kapitals formell subsumieren und den Lehrbetrieb im Sinne einer Berufsausbildung reformieren sollten. In diesem Kontext bestand zwischen Schülern und Lehrern Einigkeit über die notwendige Demokratisierung der Hochschule, die die Studenten in die Gestaltung des Lehrbetriebs einbinden sollte. Über Ausmaß und Wahl der Mittel bestand aber Uneinigkeit. Der Eskalation des Streits, der kaum noch Diskussion ermöglichte, lagen verschiedene Auffassungen über die Aktualität der Revolution, der Verfasstheit des Spätkapitalismus und einer entsprechenden Strategie zugrunde. Für Dutschke und Krahl stellte sich „das Problem der Organisation als Problem revolutionärer Existenz“ des städtischen Guerillero. Für diesen gelte: „Die Universität bildet seine Sicherheitszone, genauer gesagt, seine soziale Basis, in der er und von der er den Kampf gegen die Institutionen, den Kampf um den Mensagroschen und um die Macht im Staate organisiert.“12  Der Spätkapitalismus sei nicht nur im globalen Maßstab und durch Kämpfe im Trikont vulnerabel, auch universitäre und partikulare Anliegen könnten prinzipiell systemsprengend sein. Der Bezugsrahmen war eine Randgruppenstrategie, von der sich Krahl später distanzierte.13  Im Organisationsreferat wurde der Aktionismus von Randgruppen zum Komplementärbegriff der Diagnose, dass die Bundesrepublik ein System des integralen Etatismus im Sinne Max Horkheimers sei: Der Staat werde durch die Liquidation der Zirkulationssphäre zu einer ökonomischen Potenz. Die Arbeiter galten Dutschke und Krahl dabei nicht einfach als integriert, es habe eine Veränderung in der Wertsubstanz selber stattgefunden: Abstrakte Arbeit werde durch ein „institutionelles Manipulationssystem artifiziell reproduziert“, denn wenn

der technische Fortschritt der Maschine zwar potentiell die Arbeit abschafft, aber faktisch die Arbeiter abschafft und eine Situation eintritt, in der die Herrschenden die Massen ernähren müssen, wird die Arbeitskraft als Ware tendenziell ersetzt. Die Lohnabhängigen können sich nicht einmal mehr verdingen, die Arbeitslosen verfügen nicht einmal mehr über ihre Arbeitskraft als Ware. […] Diese Tendenz ist begreifbar nur im Rahmen der durch den technischen Fortschritt zur Automation bewirkten Konstellationsveränderung im Verhältnis von toter und lebendiger Arbeit. […] Diese Konstellationsveränderung [bewirkt], daß nicht mehr das Wertgesetz, die objektiv sich durchsetzende Arbeitszeit, den Wertmaßstab abgibt, sondern die Totalität des Maschinenwesens selber.14

Wenig später, im April 1968, wiederholte Krahl seine Theorie des Spätkapitalismus auf einem Podium des Deutschen Soziologentags, der unter Vorsitz Adornos zum Thema Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft tagte. Mit der permanenten Notwendigkeit von Eingriffen des Staates in die Ökonomie sei auch die Krise permanent. Eine revolutionäre Bewegung müsse nicht mehr auf die ökonomische Reife für eine Revolution warten.15  Dieselbe gesellschaftliche Situation, durch die ein neuer Faschismus drohe, sollte die Revolution ermöglichen. Die Theorie des autoritären Staates wurde antiautoritär in eine Aktionstheorie umgedeutet. Die Analyse bezog sich auf die Wirtschaftskrise von 1966/67. Sie bedeutete nicht nur das Ende des „Wirtschaftswunders“, sondern auch die Herausbildung einer ersten Großen Koalition und somit den Sturz des Neoliberalen Ludwig Erhards. Die SPD, knapp zehn Jahre zuvor zur Volkspartei transformiert, war das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte an einer Regierung beteiligt. Die Gesellschaft schien sich zu einem großen Block zusammenzuschließen. Ökonomisch wurde von der SPD eine Phase keynesianischer Globalsteuerungsversuche der Wirtschaft, die „konzertierte Aktion“, eingeleitet. Die Angst vor einer autoritären Wende wurde durch Diskussionen um Veränderung des Wahlrechts, Veränderungen im Demonstrationsrecht und vor allem durch die Notstandsgesetze, die eine Notstandsverfassung in das Grundgesetz implementierten, bestärkt.16 

ORGANISATION UND REVOLUTIONSTHEORIE

Die Verabschiedung der Notstandsgesetze im Mai 1968 wurde zum Höhe- und Verfallspunkt der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik. Die Proteste gegen die Notstandsgesetze markierten für Krahl einen Wendepunkt, den er später als eine aktionspraktische „große Hinwendung zum Proletariat“ ansehen sollte.17 Der Mai 1968 war gekennzeichnet von einer teilweise gelingenden Verbindung von Studenten und Arbeitern im gemeinsamen Protest. Für die Studenten bedeutete die Besetzung der Frankfurter Universität in der letzten Maiwoche den Höhepunkt des Protestes. Das Scheitern des Protestes mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze ließ die vermeintliche Allianz von Studenten und Arbeitern wiederum schnell zerbrechen. Dennoch stellte sich die Organisationsfrage für Krahl nun anders als im Organisationsreferat.

Für Krahl zeigten die Ereignisse in Paris im Mai ‘68 und die Rolle der kommunistischen Partei im politischen System Frankreichs, dass dieser Parteitypus eine „angemessene proletarische Objektivierung“ verhindere.18  Das Kampfmittel der Wahl müsse vielmehr der Generalstreik sein. Zu diesem hatte er zuvor Schüler, Studenten und Arbeiter in seiner Römerbergrede im Kampf gegen die Notstandsgesetze vergeblich aufgefordert.19 Die angestrebte revolutionäre Organisation durfte für Krahl kein Verhältnis von Führung und Truppe reproduzieren, sondern es bedürfe einer angemessenen Arbeitsteilung. Dabei hätten die Studenten die bürgerlichen Ideale von Solidarität und herrschaftsfreier Kommunikation zu verwirklichen.20  Krahl bestand fortdauernd darauf, Organisationsfrage und Emanzipationsproblematik in ein Spannungsverhältnis zu bringen:

Wir machen solange individuelle und vereinzelte Bildungsprozesse mit allen Entstellungen und Narben durch, solange wir entweder Mitglieder der herrschenden Klasse oder der unorganisierten, in sich zerrissenen Arbeiterklasse sind, in der jeder einzelne gezwungen ist, seine Haut zu Markt zu tragen; […] solange wir vereinzelt sind und nicht organisiert, solange wir uns den Ideologien der herrschenden Klasse und des kapitalistischen Maschinenparks unterwerfen müssen. In dem Augenblick aber wird unser Bildungsprozess ein kollektiver, nicht im Sinne der Vernichtung von Individualität, sondern überhaupt erst in der Herstellung von Individualität, so wie er metaphysisch in Hegels Phänomenologie des Geistes, materialistisch in Marxens und psychoanalytisch in den Theorien Freuds formuliert ist, indem wir diese Gesellschaft als ein totales Ausbeutungssystem durchschauen, in dem die produktive Lebenstätigkeit der Menschennatur verkümmert. Wir machen Bildungsprozesse durch, die überhaupt erst Individualität wieder herstellen und das, was Individualität ist, in einem emanzipativen Sinne rekonstruieren, indem wir uns im praktischen Kampf gegen dieses System zusammenschließen.21

Der leninistische Parteitypus als klassisches Modell der Organisation korrespondiere mit seiner Betonung der Fabrikdisziplin keiner Bedürfnisstruktur mehr. Dennoch bedürfe es, so argumentierte Krahl angesichts der Krise der Studentenbewegung im Frühjahr ’69, ihres Zerfalls in maoistische K-Gruppen und antiautoritäre „Spontis“, ein gewisses Maß an Disziplin, d.h. an Bedürfnisunterdrückung, da sonst jede Organisation durch Emanzipationsegoismen zersetzt werde.22  So sehr hier Krahls Organisationsideal deutlich wird, so schön die Worte auch sind, so sehr handelte es sich um Schwindel: Seine Aussagen im Oktober 1969 versuchen vergebens über den Zerfall der Studentenbewegung ab Mai 1968 hinwegzutäuschen.

Am 30. Mai 1968 ändern Studenten den Schriftzug über dem Eingang des Jügelhauses, damaliges Hauptgebäude der Goethe-Universität Frankfurt, zu „Karl Marx Universität“. © UAF 850/573

DER KOLLEKTIVE THEORETIKER DES PROLETARIATS

Revolutionstheorie musste für Krahl mehrere Aspekte in der Organisation reflektieren: die wachsende objektive Überflüssigkeit von Arbeit, die Emanzipationsproblematik, die Dimension der Bedürfnisse und der Gebrauchswerte. Überdeutlich wird dieser Zusammenhang in Krahls Beitrag zur so genannten Strategie und Organisationsdebatte des SDS: Ein Versuch zur Lösung des Dilemmas aus Organisationsfrage und negativen Entwicklungen der antiautoritären Bewegung waren Krahls Thesen zum allgemeinen Verhältnis von wissenschaftlicher Intelligenz und proletarischem Klassenbewusstsein. Dieser Text, der sein Spätwerk werden sollte und zu einem der wenigen ausgearbeiteten Texte Krahls zählt, wurde im Dezember 1969 veröffentlicht und sollte wohl ein Manifest für die Zukunft werden. Sowohl die Behauptung, dass die wissenschaftliche Intelligenz kleinbürgerlich sei als auch, dass es sich bei ihr um die „neue Arbeiterklasse“ handele, wies er implizit zurück.23  Die Aufgabe der Studenten war für ihn vielmehr

im praktischen Kampf die Theorie zu entfalten […], die für das Proletariat, seine Sprach- und Bewusstseinswelt die Herrschaft hier im Spätkapitalismus verständlich macht, die so unendlich manipulativ und integrativ überdeckt ist, sie entschleiert und aufdeckt; dass es unsere Funktion ist, als politische Intellektuelle unser Wissen in den Dienst des Klassenkampfes zustellen.24

Krahl wollte die Frage nach dem Verhältnis von antiautoritärer Studentenbewegung, wissenschaftlicher Intelligenz, Emanzipationsbedürfnissen und proletarischem Klassenkampf beantworten. Dabei wollte er einerseits nicht in einen Traditionalismus zurückfallen, der stillschweigend Modelle der Oktoberrevolution übernähme, andererseits die historisch neue Rolle der Wissenschaft im Produktionsprozess, als Produktivkraft, beachten:

Mit der fortschreitenden Vergesellschaftung des Kapitals und der produktiven Arbeit und der technologischen Verwissenschaftlichung der Produktion wird auch das unmittelbare Industrieproletariat immer mehr zum Moment im Gesamtarbeitsprozess. Es repräsentiert weniger denn je die Totalität produktiver Arbeit.25  

Aus der funktionellen Integration der Wissenschaftler in den Gesamtarbeiter folge, dass  „Technik und Wissenschaft […] ein produktiv umgesetztes Entfaltungsstadium von systemsprengendem Ausmaß erreicht“26  haben. Durch ihre Politisierung sollte Wissenschaft – um mit Lukács zu sprechen – ihren kontemplativen Charakter verlieren. Gegen die Restauration eines Leninismus, der nicht auf den Bedürfnisbegriff reflektiere, sowie gegen einen Antiautoritarismus, der Emanzipation individualisiere, wendete er ein, Klassenbewusstsein sei „ein ans Durchschauen der Wertabstraktion gebundenes, parteiliches Totalitätsbewusstsein und an die Befriedigung von Bedürfnissen geheftetes produktives Konsumtionsbewusstsein.“27  Durch die Übertragung zentralistischer Organisationsmodelle auf Westeuropa entstehe, so Krahl,  eine unvermittelte Dualität zwischen der Partei, die um die Kategorien aus der Kritik der politischen Ökonomie wisse, und den Massen, die ein Konsuminteresse hätten. Somit fielen das theoretische und das empirische Bildungsmoment von Klassenbewusstsein auseinander. Die Massen würden so zur Passivität verdammt. Die Agitation des SDS habe daher die Emanzipationsbedürfnisse der Massen zu berücksichtigen.28  Krahl warnte deshalb, in einer Zeit, wo sich die Produzenten selten als diese begreifen würden, dezidiert vor der „strategische[n] Fehleinschätzung eines industrieproletarisch verengten Klassenbegriffs“.29 Für Krahl ergaben sich so für die Konstitution von Klassenbewusstsein drei revolutionstheoretische Probleme: 1. das Problem

einer Rekonstruktion revolutionärer Theorie als einer Lehre, deren Aussagen die Gesellschaft unter dem Aspekt radikaler Veränderbarkeit begreifen. 2. Der Wiedergewinnung einer Dimension materialistischer Empirie von Bedürfnisbefriedigung und Interessenerzeugung. 3. Das Problem der Umsetzung der Theorie ins Bewusstsein des Proletariats.30

Dazu sei erstens eine „[e]rkenntniskritische Selbstreflexion der Einzelwissenschaften […] [als] ein konstitutives Moment des Klassenbewusstseins wissenschaftlicher Intelligenz“31 nötig. Durch immanente Kritik an den positivistischen Wissenschaften solle ermöglicht werden, dass die Wissenschaftler sich als Produzenten begreifen. Die Bedürfnisse der Massen ließen sich zweitens nicht theoretisch ableiten, sondern nur im politischen Kampf ermitteln. Diese praktische Erfahrung sei im Zusammenhang mit der Wissenschaftskritik zu theoretisieren. Drittens sei das Verhältnis von Theoretiker und Proletariat noch ungeklärt. Bisher sei die Konstitution von Klassenbewusstsein und Einheit von Theoretikern und Proletariern nur in einer Partei immer schon vorausgesetzt worden.32 Daraus folgerte Krahl seine Version der Einheit von geistiger und körperlicher Arbeit: „Die Bewegung wissenschaftlicher Intelligenz muss zum kollektiven Theoretiker des Proletariats werden – das ist der Sinn ihrer Praxis.“33

ANTI-HABERMAS

Krahl beschäftigte die grundsätzliche Frage, ob die Kritik der politischen Ökonomie im Sinne einer revolutionären Theorie und der Selbstanwendung des Historischen Materialismus auf sich selbst nicht vielmehr als Kritik der politischen Technologie fortzuführen ist.34  Diese Überlegung war für die Hochschulrevolte unerlässlich, da sie die Rolle der Wissenschaft im Produktionsprozess und die Frage technologischer Rationalität adressiert. Die Verwissenschaftlichung der Produktion wurde dabei  selbst als eine Entwicklung der Wissenschaft zur Produktionskraft begriffen. Krahl entwickelte seine Analyse in Abgrenzung zu Habermas, der sich ebenfalls dieser Problematik etwa in seinem Werk Technik und Wissenschaft als „Ideologie“ annahm. Dessen Ansatz überzeugte Krahl allerdings nicht, denn Habermas verfehle grundlegende marxsche Konzeptionen. So hatte er an anderer Stelle, in Erkenntnis und Interesse – dem Werk, in dem er Gesellschaftskritik als Erkenntniskritik zeichnet – behauptet:

In seinen inhaltlichen Analysen begreift Marx die Gattungsgeschichte unter Kategorien der materiellen Tätigkeit und der kritischen Aufhebung von Ideologien, des instrumentellen Handelns und der umwälzenden Praxis, der Arbeit und der Reflexion in einem; aber Marx interpretiert, was er tut, in dem beschränkteren Konzept einer Selbstkonstitution der Gattung allein durch Arbeit. Der materialistische Begriff der Synthesis ist nicht weit genug gefaßt, um die Hinsicht zu explizieren, in der Marx der Intention einer im wohlverstandenen Sinne radikalisierten Erkenntniskritik entgegenkommt.35

Bei Habermas zerfällt der Begriff gesellschaftlicher Arbeit oder der Begriff von Produktion in eine Dualität von Arbeit und Interaktion.36 Krahl sieht Habermas‘ zentralen Vorwurf gegen Marx darin, „daß MARX [Herv. i. Orig.] auf der kategorialen Ebene erkenntnistheoretischer Selbstreflexion den Konstitutionsprozeß der Menschengattung auf instrumental-technische Arbeit reduziere.“37 Gegen Habermas opponierte Krahl, der in jenem einen Liberalen sah, vor allem in seinem letzten Referat Produktion und Klassenkampf vom 6. Februar 1970. Habermas habe zwar berechtigterweise das Verhältnis von Produktion und Klassenkampf erkenntnistheoretisch problematisiert, aber gegen ihn spräche seine Reduktion des Arbeitsbegriffs. Dieser meine nämlich als gegenständliche Tätigkeit nicht nur den Stoffwechsel von Mensch und Natur, sondern auch das Verhältnis der Menschen untereinander, die sich verdinglicht aufeinander beziehen. Habermas reduziere allerdings Interaktion, den gesellschaftlichen Verkehr der Menschen, auf sprachliches Handeln. Er zahle dergestalt den Preis für seinen reduzierten Produktionsbegriff, der eigentlich alle Momente gesellschaftlicher Praxis umfasse. Dies führe zur „Entmaterialisierung revolutionärer Praxis, die Eliminierung der Problemstellung von Gewaltanwendung und Klassenkampf zugunsten sprachlichen Handelns.“38  Für Krahl behandelt Habermas Marx wie einen Anthropologen und enthistorisiert den Arbeitsbegriff.

DAS ERBE KRAHLS

Für Krahl war grundsätzlich das Verhältnis von Kritik der politischen Ökonomie und Revolutionstheorie noch ungeklärt. Marx gehe von einer apriorisierten „Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution“ aus.39  Die Frage nach „Bedingungen subjektiver Art des Entstehens von Revolutionen, der Bildung von Klassenbewußtsein und der Konstitution von Organisationen anzugeben, [kommt] überhaupt nicht auf.“40  Materialistische Erkenntniskritik war für Krahl ein entscheidendes Moment eines Begriffs von Klassenbewusstsein der wissenschaftlichen Intelligenz im Spätkapitalismus. Sein Projekt war ein „philosophiekritisch reflektierte[r] Marxismus“.41

Die Frage nach der Konstitution revolutionärer Subjektivität war daher das andauernde Zentrum seines Denkens. Sowohl Krahls Überlegungen im Jahr 1967 als auch diejenigen kurz vor seinem Tod drehten sich um ein und dasselbe Problem: der Rekonstruktion des Marxismus als revolutionärer Theorie. Eine Beantwortung der Frage blieb Krahl aufgrund seines frühzeitigen Unfalltodes verwehrt. Die anarchistischen bzw. existenzialistischen Elemente seines Denkens waren dabei nicht einfacher Ausdruck einer individuellen Fehlleistung, sondern können durchaus als eine Reflexion der objektiven Verfasstheit der Studentenbewegung verstanden werden. Krahl wollte dieser kein abstraktes Organisationsmodell aufzwingen. Seine Hoffnung, dass die wissenschaftliche Intelligenz zum „kollektiven Theoretiker des Proletariats“ werde, wurde durch die Regression der Neuen Linken in Linksterrorismus, K-Gruppen und Alternativbewegung widerlegt. In seiner philosophischen Abstraktion der Organisationsproblematik verbirgt sich das zwar unzeitgemäße, doch unabgegoltene Erbe Hans-Jürgen Krahls. Dass auch Krahl gescheitert ist, darf dabei aber nicht vergessen werden. |P


1 Hans-Jürgen Krahl: Redebeitrag, in: Der Kampf der Vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus, Hrsg. SDS-Westberlin und Internationales Nachrichten- und Forschungsinstitut: Internationaler Vietnam-Kongreß-Westberlin, Westberlin 1968, S. 142.
2 Georg Lukács: „Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken“, in: Georg Lukács, die Oktoberrevolution und Perestroika, Hrsg. Detlev Claussen, Frankfurt a. M. 1990, S. 44-50.
3 Krahl: „Angaben zur Person“, in: ders.: Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution, Frankfurt a.M. 2008, S. 23-24.
4 Rudi Dutschke / Krahl: „Organisationsreferat“, in: Hans-Jürgen Krahl: Vom Ende der abstrakten Arbeit. Die Aufhebung der sinnlosen Arbeit ist in der Transzendentalität des Kapitals angelegt und in der Verweltlichung der Philosophie begründet, Frankfurt a.M. 1984, S. 58-59.
5 Vgl. Carl Schmitt: Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen, Westberlin 1963. Zur Verbindung zwischen Dutschke und Debray siehe: Rudi Dutschke / R. Käsemann / R. Schöller: Vorwort, in: Regis Debray / Fidel Castro / K.S. Karol / Gisela Mandel: Der lange Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika, München 1968, S. 7-24.
6 Krahl: Redebeitrag, in: Bedingungen und Organisation des Widerstandes. Der Kongreß in Hannover (Voltaire Flugschrift 12), Hrsg.: Bernward Vesper, Frankfurt a.M. 1967, S. 72.
7 Ebd.
8 Jürgen Habermas: Redebeitrag, in: ebd., S. 101.
9 Dutschke/Krahl: „Organisationsreferat“, S. 58.
10 Krahl: „Zur Geschichtsphilosophie des autoritären Staates“, in: ders.: Konstitution und Klassenkampf, S. 225.
11 Theodor W. Adorno: „Resignation“ in: Kulturkritik und Gesellschaft II, Hrsg. Rolf Tiedemann, Frankfurt a.M. 2003, S. 797. Zu den Vorwürfen Krahls gegen Adorno siehe bspw. Krahls Nachruf auf Adorno aus dem August 1968, der einige Vorwürfe des Konflikts, die einzeln zu verschiedenen Zeitpunkten geäußert worden, zusammenfasst: Krahl: „Der politische Widerspruch der kritischen Theorie Adornos“, in: Konstitution und Klassenkampf, S. 291-294.
12 Dutschke / Krahl: „Organisationsreferat“, S. 59.
13 Krahl: „Angaben zur Person“, S. 25.
14 Dutschke / Krahl: „Organisationsreferat“, S. 58-59.
15 Vgl. Krahl: Diskussionsbeitrag, zit.n. Hans Paul Bahrdt: Protokoll der Diskussion, in: ders. (Hrsg.): Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft? Verhandlungen des sechzehnten Deutschen Soziologentages, Stuttgart 1969, S. 65.
16 Grundsätzlich hierzu die Ausführungen zur sozioökonomischen Entwicklung bei Gerd Rudel: „Die Entwicklung der marxistischen Staatstheorie in der Bundesrepublik“, Frankfurt a.M. / New York 1981. Zudem in manchen Aspekten repräsentativ für die antiautoritär-marxistische Theoriebildung und Einschätzung der politisch-ökonomischen Entwicklung der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre: Hans Henning Herzog / Paul Oehlke: „Intellektuelle Opposition im autoritären Sozialstaat“, Neuwied 1970.
17 Krahl: „Autoritäten und Revolution“, in: Autorität – Organisation – Revolution, S‘Gravenhage 1972, S. 28.
18 Krahl: „Diskussionsbeitrag zu ‚Autoritärer Staat und Faschismus“‘, in: Universität und Widerstand. Versuch einer Politischen Universität in Frankfurt, Hrsg. Detlev Claussen / Regine Dermitzel, Frankfurt a.M. 1968, S. 59.
19 Vgl. Krahl: „Römerbergrede“, in: ders.: Konstitution und Klassenkampf, S. 158.
20 Vgl. Krahl: „Angaben zur Person“, S. 25.
21 Ebd., S. 29.
22 Vgl. Krahl: „Zur Ideologiekritik des antiautoritären Bewusstseins“, in: ders.: Konstitution und Klassenkampf, S. 284-290.
23 Vgl. bspw. Serge Mallet: „Die neue Arbeiterklasse“, Neuwied 1972.
24 Krahl: „Angaben zur Person“, S. 23.
25 Ebd., S. 340-341.
26 Ebd.
27 Ebd., S. 344.
28 Vgl. ebd., S. 344-345.
29 Ebd., S. 346.
30 Ebd., S. 349-350.
31 Ebd., S. 350.
32 Vgl. ebd.
33 Ebd.
34 Krahl: „Zur Geschichtsphilosophie der autoritären Staates“, S. 218.
35 Habermas: „Erkenntnis und Interesse“, Hamburg 2008, S. 57. (kursiv im Original)
36 Vgl. Habermas: „Arbeit und Interaktion“, in: ders.: Technik und Wissenschaft als „Ideologie“, Frankfurt a.M., S. 33
37 Krahl: „Produktion und Klassenkampf. Schweppenhäuser-Referat“, in: ders.: Vom Ende des abstrakten Arbeit, S. 187.
38 Ebd., S. 190.
39 Ebd., S. 184.
40 Ebd.
41 Krahl: „Zur Geschichtsphilosophie des autoritären Staates“, S. 211.