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Einen roten Stern gebÀren!

Das links–nietzscheanische1 Moment und seine tragische Geschichte

von Paul Stephan

Die Platypus Review Ausgabe #15 | Sommer 2021

„Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Halte heilig deine höchste Hoffnung!“

  • Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

„Leuchte mein Stern, auf jedem Hut, in jedem Herz, in jedem Haus. Leucht‘ roter Stern und gib mir Mut, leuchtet mein Stern weit hinaus.“

  • Lied der Freien Deutschen Jugend

Was ist der Links–Nietzscheanismus?

In meinem Buch Links–Nietzscheanismus. Eine EinfĂŒhrung2 untersuche ich erstmals in umfassender Form einen nahezu ĂŒbergangenen Bestandteil der Geschichte der Linken. Weder in der allgemeinen Geistesgeschichte noch in der Historiographie der linken Bewegung hat diese Strömung die Aufmerksamkeit erhalten, die sie eigentlich verdiente. Es ist Zeit das zu Ă€ndern – nicht zuletzt, weil mit dem Etikett „Links–Nietzscheanismus“ ein unabgegoltenes Erbe verbunden ist. Dieses zu verstehen kann dabei helfen, das Scheitern des linken Experiments an sich zu begreifen – und es vielleicht in Zukunft besser zu machen.

Die Ignoranz bĂŒrgerlicher wie linker Geschichtsschreibung gegenĂŒber dem Links–Nietzscheanismus hat eine gewisse Berechtigung darin, dass es sich um eine sehr heterogene und dazu marginale Strömung handelt. Nietzsches Werk ist in sich unglaublich heterogen und seine Rezeption erfolgt daher meist Ă€ußerst selektiv. Es ist keineswegs klar, welche Lehrinhalte man genau unterschreiben muss, um als „Nietzscheaner“ zu gelten – zumal sich die meisten Nietzscheaner, ihrem Meister treu3, als ungebundene Freigeister und nicht als Angehörige einer bestimmten Schule verstehen. Betrachtet man die Dinge jedoch genauer, ergeben sich durchaus auffĂ€llige KontinuitĂ€tslinien, die es berechtigen, trotz der Vielstimmigkeit von einem „links–nietzscheanischen Chor“ zu sprechen – ein Chor freilich, der, anders als der Freudianismus oder der Marxismus einen Ă€ußerst unsteten Dirigenten hat, der auch mal den Einsatz vergeigt oder selbst einen Misston hineinplĂ€rrt, wenn es zu harmonisch wird. Und der von Anfang an ein Ă€ußerst polyphones StĂŒck auffĂŒhrt.

Doch die grĂ¶ĂŸten Fragezeichen eines solch ambitionierten Projekts wirft womöglich nicht der zweite, sondern der erste Bestandteil des Namens auf: Was ist ĂŒberhaupt schon „links“? Der entscheidende Punkt am linken Projekt besteht darin, das Utopische in die Politik einzufĂŒhren: Linke Politik ist niemals bloße Interessenpolitik im Namen dieses oder jenes Kollektivs, sondern – sofern sie ihrem Ideal entspricht – Politik unter dem Gesichtspunkt der Utopie, ganz „große Politik“ in Nietzsches Sinne. Linke Politik ist stets Politik orientiert am roten Stern, am radikalen Ziel einer Gesellschaft ohne Entfremdung, fĂŒr die nach Marx das bekannte Motto „Jeder nach seinen FĂ€higkeiten, jedem nach seinen BedĂŒrfnissen“ gilt.

Ohne dieses radikale, authentisch-linke oder auch links-linke4 Moment verliert linke Politik ihre eigentliche Kraftquelle und verkĂŒmmert zu seichtem Linksliberalismus, prinzipienloser Sozialdemokratie, kleingeistiger IdentitĂ€tspolitik. „Links“ sein bedeutet dann nur noch, sich als der bessere Sachverwalter des realexistierenden Kapitalismus aufzuspielen – eine Haltung, die, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, zum Niedergang der linken Bewegung fĂŒhrt, zu ihrem Zerfall von innen heraus. Links-Sein ist dann bestenfalls eine sĂ€kulare Alternative zu einer christlichen Gesinnung, schlimmstenfalls nur ein Etikett, das man sich anklebt, um an Pöstchen ranzukommen.

Der Sieg des „letzten Menschen“  ĂŒber die Utopie

Man mag sich nun wundern: Ist Nietzsche nicht gerade der VerkĂŒnder der „ewigen Wiederkunft“, der Verspotter der „Hinterweltler“, der Kritiker aller Utopie? Nicht nur rechte und bĂŒrgerliche Interpreten haben uns dieses Bild von Nietzsche in den letzten Jahrzehnten geradezu eingetrichtert, sondern auch Rezipienten wie Georges Bataille, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jacques Derrida oder Judith Butler, die gelegentlich der „Linken“ zugeordnet werden. Diese postmoderne, neue Linke hat sich vermeintlich im Anschluss an Nietzsche vom utopischen Impuls abgeschnitten, der fĂŒr die Frankfurter Schule oder den Existenzialismus noch selbstverstĂ€ndlich war. Zwar spielte eine, oft sehr diffuse, Vorstellung von Gerechtigkeit, eine liberale Kritik an Repression oder an autoritĂ€ren, starren IdentitĂ€tsmodellen eine gewisse Rolle bei diesen Autoren und sie Ă€ußerten wiederholt Sympathien fĂŒr  linke Bewegungen, doch unterm Strich trug ihr Wirken dazu bei, den praktischen, politischen und theoretischen Verfall der Linken zu beschleunigen, nĂ€mlich durch Preisgabe des â€žĂŒbermenschlichen“ Moments, das der linken Bewegung bis in die 1970er Jahre hinein ihre StĂ€rke und ideologische Konsistenz gegeben hatte.

Doch auch die Erben der Frankfurter Schule ĂŒbernehmen dieses Bild vom Anti-Utopisten Nietzsche: In Der philosophische Diskurs der Moderne von 1983 warf JĂŒrgen Habermas etwa dem Post-Strukturalismus vor, eine Philosophie der GegenaufklĂ€rung mit Nietzsche als wichtigstem Vordenker zu propagieren; Ă€hnliche Überlegungen finden sich auch bei Ernst Bloch und Georg LukĂĄcs. WĂ€hrend fĂŒr die letztgenannten Marxisten der utopische Impuls eine Sache revolutionĂ€rer Praxis war, womit sie eine klare militante Parteinahme fĂŒr die sozialistische Bewegung verbanden, verwĂ€sserten ihn Habermas und seine SchĂŒler zu einer Art Kantschen regulativen Idee, von der man mit Nietzsche sagen mĂŒsste: „Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch; die Idee sublim geworden, bleich, nordisch, königsbergisch.“5

Dass es in den letzten Dekaden zu einer Aussöhnung von Post-Strukturalismus und Habermasscher Kritischer Theorie gekommen ist, verwundert vor diesem Hintergrund eigentlich nicht: WĂ€hrend auf  Frankfurter Seite der utopische Impuls immer mehr moralisiert wurde, baute ihn der Post-Strukturalismus teilweise mit besonders radikaler Geste, doch wieder in sein theoretisch-politisches Projekt in moralisierter Form ein. Zentral ist hier die gemeinsame Abkehr vom Marxismus als Projekt der praktischen Realisierung der Utopie im Klassenkampf – und die, mehr oder weniger direkt ausgesprochene, UnterstĂŒtzung des „links“-neoliberalen Hegemonieprojekts.

Was also zu beobachten ist, ist eine völlige Abwendung vom Stern Utopia einerseits, seine Abstraktifizierung zu einer rein moralischen Idee andererseits. Man kann sich darĂŒber moralisch echauffieren und dem verlorenen utopischen Elan vergangener Dekaden hinterhertrauern: Diese Entwicklung ist zunĂ€chst einmal ein Fakt, den es zu akzeptieren gilt. Unsere RealitĂ€t ist derjenigen von Habermas und Foucault weitaus Ă€hnlicher als jener von LukĂĄcs oder Bloch aus dem schlichten Grund, dass es heutzutage kein revolutionĂ€res Subjekt im Marxschen Sinne mehr gibt. Blochs gesamte Philosophie fußt etwa auf der Überzeugung, dass es in Gestalt der kommunistischen Bewegung eine praktische Statthalterin der Utopie gĂ€be – in der Abwesenheit einer revolutionĂ€ren Praxis, die aufs Utopische zielt, die also im emphatischen Sinne links-links ist, ist sie als Gesamtentwurf nur noch bedingt ĂŒberzeugend. Es hat einen beeindruckenden kulturellen Sieg des neoliberalen Individualismus gegeben.

Der Grund fĂŒr seinen bemerkenswerten Erfolg liegt darin, dass er es wie kaum eine andere politische Ideologie verstanden hat, sich als einzige ĂŒbriggebliebene realistische Utopie zu verkaufen. Zwar verliert auch diese letzte Utopie mehr und mehr ihre Zugkraft – der Erfolg der Neusten Rechten bestĂ€tigt das –, doch gerade in den LĂ€ndern der Peripherie des Weltsystems bleiben die neoliberalen Gesellschaften Sehnsuchtsorte, in denen das bĂŒrgerliche GlĂŒcksversprechen, dass jeder, der sich anstrengt und ein bisschen GlĂŒck hat, wenn nicht vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r, so doch zumindest zum TellerwĂ€scher mit Smartphone und Dreizimmersingleappartement werden kann. Besonders lockt dabei der mit dem neoliberalen Individualismus verbundene Hedonismus und die Vision sexueller FreizĂŒgigkeit: das Versprechen, selbst ohne große finanzielle Mittel in Clubs zu gehen, Drogen zu konsumieren und erotische Abenteuer zu genießen. Ein Versprechen, das sich natĂŒrlich fĂŒr die meisten Menschen auf den ungehinderten Konsum von Pornofilmchen reduziert. Werden die Menschen unzufrieden, lockt man sie, indem man das nĂ€chste Rauschmittel legalisiert und die sittlichen Schranken ein klein wenig weiter öffnet. Der Neoliberalismus hat nicht zuletzt deswegen gesiegt, weil er eine ĂŒberzeugende Sexualpolitik entwickelt hat.

Der „letzte Mensch“, der nihilistische Hedonist, der sich am Ende der Geschichte wĂ€hnt, von dem Nietzsche in Also sprach Zarathustra spricht: Sein Sieg war wohl nie so vollkommen wie heute und so hoffnungslos die Lage fĂŒr all diejenigen, die sich den Sinn fĂŒr das utopische Mehr nicht nehmen lassen.

Pathos und Eros – Die beiden Kernthemen des Links–Nietzscheanismus

Wie eine genuin links-linke Sexualpolitik aussehen könnte, kann man den Werken links–nietzscheanischer Autoren wie Otto Gross (der wenig bekannte BegrĂŒnder des Freudomarxismus), Wilhelm Reich, Ernst Bloch oder auch Luce Irigaray entnehmen: Sie mĂŒsste sich ausrichten nicht an einem primĂ€r quantitativen VerstĂ€ndnis sexueller Eroberung, wie es bereits in der Pionierzeit der Moderne der Sexualpolitiker de Sade in seinen pornographischen Essays propagierte, sondern an einem qualitativen VerstĂ€ndnis sexueller ErfĂŒllung, in der SexualitĂ€t an die romantische Vision erfĂŒllter Liebe gekoppelt ist. Ein Feld, in das sich selbst der nĂŒchterne Friedrich Engels in seiner Schrift Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats vorwagte, in der er dem nietzscheanischen Impuls so nahe kommt wie sonst nirgends. Er bezieht sich dabei auf die in jener Zeit intensiv gefĂŒhrte Debatte um ein „Ur-Matriarchat“, eine egalitĂ€re mutterrechtliche Ordnung ohne Privateigentum, Klassenunterschiede und Staatlichkeit, die von Nietzsches Freund und Kollegen Johann Jakob Bachofen entfacht worden war und in links–nietzscheanischen Zirkeln bis heute fortlebt. NatĂŒrlich kann eine solche Vision nicht getrennt werden von der Aufhebung des Privateigentums auf dem Gebiet des Sexuellen – sprich: der Beseitigung der bĂŒrgerlichen Monogamie –, doch zugleich hĂ€tte sie nichts von den vermeintlich „befreiten“ Orgien, die der Liberalismus verheißt, wo Polygamie zum Zwangsprinzip wird und das Leistungsprinzip noch das Privateste bestimmt.

Pathos und Eros, Leidenschaft und Liebe, das sind ĂŒber alles Philosophische hinaus die beiden Kernthemen des Links–Nietzscheanismus und dasjenige, was er als Beitrag eigenen Rechts in die linke Diskussion einzubringen hĂ€tte. Es ginge darum, den Horizont reiner Interessenpolitik zu transzendieren. Sicherlich hat Bertolt Brecht Recht mit seinem berĂŒhmten Diktum ĂŒber das Primat des Fressens. Doch eine sozialistische Revolution ist eben keine Hungerrevolte. Die zu entfaltende These lautet, dass der linke Kampf stets Siege verbuchte und den „Stern Erde“ (Bloch) ein kleines StĂŒck Richtung Utopia verschob, wenn in ihm materielle Not und pathetische Dimension eine konkret-praktische Einheit bildeten. Zerspringt diese selbst leidenschaftliche (und deswegen nicht immer einfache) Beziehung, macht sich ErnĂŒchterung breit und die Stunde der Moralisten und Nihilisten hat geschlagen. Dann gewinnen die antiutopischen KrĂ€fte an Boden, die es in dieser Situation besser verstehen, das BedĂŒrfnis der Menschen nach Ă€sthetischen Werten zu stillen. Das Antihoffnungssymbol Hakenkreuz – das  seinem handgreiflichen Gehalt nach fĂŒr die Antiutopie, fĂŒr die „ewige Wiederkehr“ steht – wurde zum Zeichen der „Hoffnung von Millionen“6, weil die Menschen von der bĂŒrgerlichen Libertinage enttĂ€uscht waren und weil der rote Stern scheinbar aufgehört hatte zu glĂŒhen.

Der entscheidende philosophische Beitrag von Nietzsche liegt in einer vierfachen Entdeckung: 1) Der Mensch ist von einem BedĂŒrfnis nach Sinn getrieben, das sich nicht auf materielle Triebe reduzieren lĂ€sst, 2) das Experiment der Moderne scheitert daran, dieses BedĂŒrfnis nicht befriedigen zu können, 3) dies fĂŒhrt zum Attraktivwerden von spektakulĂ€ren Sinnprothesen, die jedoch das Sinnvakuum der modernen Welt letztlich nur vertiefen, 4) ein wirklicher Ausweg könnte nur der Entwurf einer gĂ€nzlich neuen Sinnordnung auf Basis der wirklichen BedĂŒrfnisse der Menschen und ihrer entsprechenden FĂ€higkeiten sein. Modernistische Denker wĂŒrden darauf beharren, dass Option 4) eben keine reale Möglichkeit darstellt und man sich mit dem Nihilismus der modernen Welt abfinden mĂŒsse – was auch der Weg des Postmodernismus ist, auch wenn sich teilweise, vor allem bei Deleuze, radikalere Aspekte finden lassen. Links– wie Rechts–Nietzscheaner hingegen eint, dass sie diese Option zumindest denkbar halten möchten – auch wenn sie dem jeweiligen Widerpart vorwerfen, keinen wirklichen Ausweg aus dem modernen Nihilismus zu bieten. Nietzsches politische Vieldeutigkeit ergibt sich nicht zuletzt daraus, dass er in diesem entscheidenden Punkt Ă€ußerst vage bleibt und mal VorschlĂ€ge unterbreitet, die eher nach links7 und solche, die eher nach rechts8 deuten.

Die marxistische Linke, angefangen bei Marx und Engels selbst, war weitgehend blind fĂŒr diese Dimension des Menschlichen – die sozialdemokratische Linke hingegen gab eine rein moralisch gedeutete Sinnorientierung vor, der jedes GespĂŒr fĂŒr das BedĂŒrfnis nach Ă€sthetischer und spiritueller Sinnstiftung abging. Rechte Ideologien stellen demgegenĂŒber jenen Aspekt des Menschlichen oftmals ins Zentrum ihres Menschenbilds (man denke etwa an Heideggers Begriff der „Stimmung“) und bewĂ€hren sich dadurch, trotz ihres vermeintlich „irrationalistischen“ Charakters, oftmals erstaunlich gut in der politischen Praxis. Man sah es kĂŒrzlich erneut: Trotz des moralisch fragwĂŒrdigen Charakters seines Agierens, stimmten die Menschen zu Millionen fĂŒr Trump, weil er genau an jene emotionale Seite in ihnen appelliert. Umgekehrt war die Linke stets dann stark, wenn es ihr gelang, ein die Massen ĂŒberzeugendes Angebot der Sinnstiftung zu machen – das gesamte realsozialistische Experiment fußte darauf, aber auch die sozialistische Bewegung in den westlichen Staaten: Die klassischen linken FĂŒhrer wie Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Wladimir I. Lenin oder Fidel Castro hatten eben, oftmals trotz ihrer Theorien, ein  intuitives GespĂŒr dafĂŒr, wie man die Massen begeistern kann: Sie sprachen nicht nur zum Bauch und zum Kopf der Proletarier, sondern auch zu ihrem Herz, verbanden das sozialistische Experiment mit dem Hauch einer unverbrauchten, authentischen SpiritualitĂ€t.

Freilich steckt genau in diesem Aspekt auch die Problematik des links–nietzscheanischen Experiments: Droht es nicht linksfaschistisch auszuarten? Erringt man praktischen Erfolg um den Preis statt einer befreiten Gesellschaft eine autoritĂ€re Diktatur zu errichten, die am Ende auf einer unglaubwĂŒrdig gewordenen Staatsreligion fußt, die dem Liberalismus wenig entgegenzusetzen hat? Dieser Einwand ist sehr berechtigt und wenn er zutrĂ€fe, dann hĂ€tte die „links“-neoliberale Ideologie Recht damit, dass es heute keinen Platz mehr fĂŒr ein genuin links-linkes Projekt jenseits von Liberalismus, Konservativismus und Faschismus gibt.

Die Geschichte des Links–Nietzscheanismus – Ein sehr kurzer Abriss

Diese Gefahr des Umschlagens der praktischen BemĂŒhungen in den eigenen Zwecken gĂ€nzlich entgegengesetzte Intentionen wurde von den Akteuren des Links–Nietzscheanismus durchaus erkannt und auf vielfĂ€ltige Art und Weise beantwortet. Allerdings muss man anerkennen, dass es sich hier im Wesentlichen um eine Folge gescheiterter Experimente in zweierlei Hinsicht handelt: die Mainstream-Linke9, zu der die Links–Nietzscheaner meist in einem ambivalenten VerhĂ€ltnis standen, scheiterte daran, den nietzscheanischen Impuls aufzugreifen; die Links–Nietzscheaner scheiterten umgekehrt meist daran, ihn der Mainstream-Linken verstĂ€ndlich zu machen, geschweige denn, fĂŒr ihre konkreten positiven Antworten auf die Frage nach einer „Umwertung aller Werte“ zu werben. Ihren kĂŒhnen Versuchen war meist dasselbe Schicksal wie Nietzsche beschieden: Sie waren isolierte und weitgehend verkannte EinzelgĂ€nger, die oft dem Wahnsinn verfielen oder tatsĂ€chlich – wenn auch nur sehr selten – ideologisch umkippten und Rechte wurden.

Die Geschichte des Links–Nietzscheanismus lĂ€sst sich grob in drei Wellen gliedern, in denen jeweils unterschiedliche Aspekte von Nietzsches vielfĂ€ltigem und widersprĂŒchlichem Denken in den Vordergrund traten. Die erste ist untrennbar verwoben mit dem, was man als „Lebensreformbewegung“ bezeichnet: Zwischen 1890 und 1914 kam es weltweit zu einem gewaltigen kulturellen Aufbruch im Zeichen der Suche nach dem, was man eine „alternative Moderne“ nennen könnte. Man wollte eine positive Antwort auf die Sinnfrage finden, doch nicht konservativ oder gar reaktionĂ€r, sondern nach vorne gerichtet: durch das Erfinden ganz neuer Lebensweisen, Ă€sthetischer Darstellungsformen und politischer Strukturen. Eine klassen- und lĂ€nderĂŒbergreifende Massenbewegung, fĂŒr die Nietzsche der zentrale ideologische Bezugspunkt war, dem geradezu die Rolle des Propheten eines neuen Zeitalters zukam. Seine Werke wurden ab 1890 geradezu schlagartig auf der ganzen Welt rezipiert und erreichten Auflagen in Millionenhöhe. Nietzsche, der stets den Nimbus der UnzeitgemĂ€ĂŸheit vor sich hertrug, war nun plötzlich zum Popularphilosophen geworden, der fĂŒr viele derjenige war, der in Stil und Inhalt den Geist der Zeit am besten wenn nicht auf den Begriff brachte, so doch in leicht zugĂ€ngliche, zu eigenen Schöpfungen inspirierende Metaphern und Bildern fasste. Entscheidende Protagonisten dieser ersten Welle sind beispielsweise Ludwig Klages, Gustav Landauer, Emma Goldman, Lilly Braun, Helene Stöcker, Hermann Hesse, Rudolf Steiner und Harry Graf Kessler. Trotz ihres Nietzscheanismus (so scheint es jedenfalls, wenn man nur den postmodernen dunklen Nietzsche kennt) verband sie ein ungeheurer Optimismus: Sie waren ĂŒberzeugt davon, dass aus einer verĂ€nderten Kultur ein „neuer Mensch“ hervorgehen könnte, sodass die Wunden des Modernisierungsprozesses nicht nur vernarben, sondern heilen könnten. Ihre Hoffnung galt dabei vor allem dem Leib, den sie geradezu als „revolutionĂ€res Subjekt“ entdeckten, als Ursprung aller menschlichen Leidenschaft und Lebensfreude. Die individuelle wie kollektive Besinnung auf den Leib sollte zu einem Umdenken fĂŒhren, zu einer Wiederentdeckung des von der Zivilisation verschĂŒtteten echten, natĂŒrlichen Lebens. Einige von ihnen tendierten nach links im engeren Sinne, andere eher zu romantischen oder individualistischen Vorstellungen.

Die Arbeiterbewegung tat sich von Anfang an schwer damit, dieses gĂ€nzlich neue kulturelle MassenbedĂŒrfnis in sich zu integrieren. Schon 1890 wurden einige Nietzscheaner, bekannt als „die Jungen“, aus der SPD ausgeschlossen und aufstrebende marxistische Parteiintellektuelle wie Franz Mehring, Eduard Bernstein und Kurt Eisner verfassten spitze Polemiken gegen Nietzsche und die seinen, die die wesentlichen Argumente von LukĂĄcs und Habermas vorwegnahmen. Weitgehend einig waren sie sich darin, dass man Nietzsche nicht wirklich ernst zu nehmen brauche: Er sei ein Modephilosoph, der dem Proletariat nichts zu sagen habe, der allenfalls ein paar verwirrte kleinbĂŒrgerliche Spinner ansprĂ€che, die in der Arbeiterbewegung ohnehin nichts verloren hĂ€tten.

Es gab freilich auch Mitglieder der Arbeiterbewegung, die sich anders zu Nietzsche verhielten. 1905 durfte etwa der stark von Nietzsche inspirierte KĂŒnstler Fidus – Vertreter eines bemerkenswerten proletarischen Jugendstils, der leider ab 1914 nach rechts abdriftete – das Titelblatt der Mai-Sonderausgabe des SPD-Organs VorwĂ€rts gestalten mit einer Zeichnung, in der er der nietzscheanischen Vision einer befreiten Menschheit konkret-sinnlichen Ausdruck verleiht. Doch der Mainstream war entweder marxistisch oder kantianisch ausgerichtet. Bei anderen sozialen Bewegungen wie der Frauenbewegung verhielt es sich Ă€hnlich: Sowohl der bĂŒrgerliche als auch der proletarische FlĂŒgel der Frauenbewegung grenzte sich vom lebensreformerischen FlĂŒgel ab. Besonderen Anstoß erregte dabei in beiden Lagern die propagierte wie auch gelebte sexuelle Libertinage zahlreicher Links–Nietzscheanerinnen.

Der Kriegsausbruch 1914 markierte eine ZĂ€sur, die die erste Welle brechen ließ. Auch wenn die Themen dieser ersten Generation von Links–Nietzscheanern bestimmend blieben – an sie knĂŒpften etwa die in dieser Zeit sozialisierten spĂ€teren unorthodoxen Marxisten Walter Benjamin und Ernst Bloch an –, konnte sie nie zu jenem kĂŒhnen Optimismus, jenen ungehemmten Geist des Experimentierens zurĂŒckfinden, der welthistorisch seinesgleichen sucht. WĂ€hrend die einen, gefĂŒhrt von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, dem „Burgfrieden“ beitraten und versuchten Nietzsche – der eigentlich eher Pazifist gewesen war – dem Mainstream als „Bismarck im Professorenrock“ (O-Ton E. F.-N.) schmackhaft zu machen und die Kriegsbegeisterung gar (wie etwa Thomas Mann) als ErfĂŒllung ihrer kulturrevolutionĂ€ren Hoffnungen interpretierten, radikalisierten sich die anderen nach links und traten dem pazifistischen Lager bei. Es kam zu einer Spaltung der zuvor zwar heterogenen, aber nicht regelrecht gespaltenen Nietzsche-Gemeinde, die deren Diskurs bis heute bestimmt. (Ein Bruch und ein Verrat, von dem freilich auch die marxistische Arbeiterbewegung nicht verschont blieb!)

Neben Benjamin und Bloch – die ihren nietzscheanischen Wurzeln treu blieben –, waren es etwa Figuren wie Theodor Lessing oder Rudolf Rocker, die noch in der Weimarer Republik fĂŒr eine klar links–nietzscheanische Haltung im Geiste der Lebensreformbewegung eintraten. Zu nennen ist auch der eher in Vergessenheit geratene sozialdemokratische Politiker Julius Leber, Veteran des Ersten Weltkriegs, Mentor von Willy Brandt und HauptreprĂ€sentant des linken FlĂŒgels des Stauffenberg-Kreises, der nach seiner Inhaftierung durch die „braunen Bataillonen“ 1933 im GefĂ€ngnis eine bemerkenswerte Schrift mit dem Titel Die Todesursachen der deutschen Sozialdemokratie verfasste. In dieser sagt er sich unter dem Eindruck des Siegs des Faschismus von Hegel und Marx los und erblickt in Nietzsche den Philosophen, mit dem man das Scheitern der Arbeiterbewegung am besten erfassen könne: Gescheitert sei sie nĂ€mlich nicht an materiellen Faktoren oder an mangelnder theoretischer Analyse, sondern an ihrem Moralismus und Intellektualismus, der zu zahlreichen strategischen Fehlentscheidungen gefĂŒhrt habe. und zu einer zunehmenden Entfremdung von der eigenen WĂ€hlerschaft, insbesondere von den Kriegsheimkehrern, die sich vom Pazifismus der Mainstream-SPD abgestoßen gefĂŒhlt hĂ€tten. Anstatt zum Aufstand aufzurufen, habe man letztlich vor dem Faschismus kapituliert und damit den eigenen Untergang besiegelt.

Doch von 1914 bis 1945 bestimmte in Deutschland wesentlich der Rechts–Nietzscheanismus das Nietzsche-Bild. Nietzsches Aufruf zur Schaffung neuer Werte wurde so interpretiert, dass es darum ginge, nicht mehr konservativ vormoderne RestbestĂ€nde zu bewahren, sondern „konservativ-revolutionĂ€r“ bzw. faschistisch unter Rekurs auf eine vermeintliche „archaische Ursubstanz“ eine hierarchische soziale Ordnung neu zu begrĂŒnden. Man muss eingestehen, dass es von der Bejahung des Leibes zu jener tumben Mystik nur ein kleiner Schritt ist – wenn auch kein notwendiger. Die beiden politischen Bewegungen, die sich am offensivsten auf Nietzsche bezogen, waren ironischerweise genau diejenigen, die er selbst als dem Ressentiment zugeordnet hatte: Faschismus und Anarchismus.10 SekundĂ€r ist dabei die Frage, wieviel Hitler, Mussolini oder Goebbels tatsĂ€chlich von Nietzsche ĂŒbernahmen: Es waren vor allem Realpolitiker, die sich dadurch behaupteten (hierin eben womöglich durchaus von Nietzsche geschult) einen klaren Sinn fĂŒr die emotionale Seite des politischen Kampfes zu haben. Aus heutiger Sicht sehr ernst zu nehmen sind die zahlreichen theoretischen Versuche, auf Grundlage von Nietzsches Philosophie ein reaktionĂ€res Weltbild zu begrĂŒnden, sei es etwa seitens Oswald Spenglers, Ernst JĂŒngers oder Martin Heideggers.11 Es gĂ€lte diese Denker nicht einfach als irrationalistische Spinner abzutun, wie es Nietzsches Schicksal war, sondern sie zumindest als fĂ€hige „Seismographen“ (JĂŒnger ĂŒber Nietzsche) ihres Zeitgeists zu deuten, die ein feines GespĂŒr fĂŒr einige  kulturelle Tendenzen besaßen, die ihren linken Antipoden weitgehend entgingen.

Parallel zu diesen beiden Wellen der allgemeinen Nietzsche-Rezeption entwickelte sich ab etwa 1900 eine bis in die Nachkriegszeit hineinwirkende zweite Welle der linken Nietzsche-Rezeption, die Nietzsche, anders als die erwĂ€hnten Lebensreformer, nicht als Propheten, sondern als Theoretiker, als Psychologen und Sozialdiagnostiker, betrachtete. Ihr Ursprung liegt einerseits in der klassischen deutschen Soziologie (z. B. Max Weber und Georg Simmel), andererseits in der Psychoanalyse. Diese beiden Strömungen vereinigten sich nach dem Ersten Weltkrieg zum Freudomarxismus und der klassischen Frankfurter Schule, die sich durchaus als links–nietzscheanische Formation bezeichnen lĂ€sst. Die Diagnose von Theoretikern wie Wilhelm Reich, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und auch dem erwĂ€hnten Bloch und Benjamin Ă€hnelt zumindest hinsichtlich der zentralen Problemstellung derjenigen Lebers: SchwĂ€che des traditionellen Marxismus sei die VernachlĂ€ssigung der Psychologie gewesen. BestĂ€tigt wurde dies in den Augen dieser Theoretiker durch den strikt materialistisch nicht erklĂ€rbaren Sieg des Faschismus. WĂ€hrend Marcuse, Bloch und Reich als positive Antwort auf diese Erkenntnis den Weg einer Emotionalisierung des Politischen von links wĂ€hlten, erhofften sich Adorno und Horkheimer von derlei Experimenten wenig. Sie beschieden sich in ihrem SpĂ€twerk mit einer eher konservativen Haltung der Bewahrung bĂŒrgerlicher TraditionsbestĂ€nde. Die in jenen Jahren gefĂŒhrten Debatten markieren nach wie vor eine Passhöhe, hinter der die Frankfurter Schule leider im Zuge ihrer Moralisierung durch Habermas und Co. zurĂŒckgefallen ist.

Zuletzt ist die dritte Welle der linken Nietzsche-Rezeption, ihre französische Variante, zu nennen. WĂ€hrend die deutschen Links–Nietzscheaner Nietzsches theoretische Einsichten mit einer universalistischen Grundhaltung, einer klaren Orientierung hin auf Utopia verbanden, vertraten ihre französischen Zeitgenossen, ausgehend vor allem von Georges Bataille und seinen Partnern rund um die Zeitschrift AcĂ©phale, einen Nietzsche des sich selbst bejahenden fröhlichen Nihilismus, also gewissermaßen eine spiegelbildliche Umkehr des faschistischen. Interessanterweise nahmen die Vertreter des Instituts fĂŒr Sozialforschung (Benjamin lebte zu dieser Zeit in Paris und war mit Bataille befreundet) dieses Experiment durchaus zur Kenntnis, lehnten es aber ab und erblickten in ihm sogar ein gewisses faschistisches Potential. Bataille selbst stellte in seiner Schrift Die psychologische Struktur des Faschismus von 1933 eine Ă€hnliche Diagnose wie Adorno & Co.: Der Faschismus habe gesiegt, weil es der linken Bewegung nicht gelungen sei, die aus modernen „homogenen“ Gesellschaften ausgeschlossenen „heterogenen“ Elemente an sich zu binden. Den auf Ordnung abzielenden Mythos des Faschismus mĂŒsse man, um seinen Sieg zu verhindern, mit einem antifaschistisch-dionysischen Mythos des Chaos konfrontieren. Wie bei den Faschisten geht es hier ganz dezidiert um eine RĂŒckkehr zu archaischen UrsprĂŒngen: Nur werden die von Bataille und den seinen im Sinne eines diffusen Ur-Chaos gedeutet. Das Ziel ist dabei fĂŒr Bataille, anders als fĂŒr die meisten seiner postmodernen SchĂŒler, dennoch relativ eindeutig eine kommunistische Gesellschaft. Das utopische Moment wird bei ihm allerdings dadurch gebrochen, dass es stark mit rauschhaft-diffusen Assoziationen und von de Sade inspirierten Visionen einer Entfesselung der SexualitĂ€t gerade auch in ihrer perversen, dunklen Dimension verkoppelt ist. Wie auf dieser Grundlage eine tragfĂ€hige sozialistische Realpolitik aussehen könnte, ist unklar. Batailles postmoderne Nachfolger knĂŒpfen denn auch eher an seinen Anti-Utopismus an und geben das bei ihm noch vorhandene utopische Moment mehr oder weniger ganz auf.

Freilich gibt es im französischen Links–Nietzscheanismus auch gegenlĂ€ufige Tendenzen: Sartre, Camus und andere Existenzialisten entnahmen Nietzsches Denken einen Ă€hnlichen, sich bejahenden Nihilismus wie Bataille und Co., distanzierten sich jedoch von den antisubjektivistischen und dionysischen Anwandlungen dieser Kreise: Im Mittelpunkt stand, in AnknĂŒpfung an Nietzsches eigenen Individualismus, das freie Subjekt und seine AuthentizitĂ€t. Belehrt durch die Erfahrung des faschistischen Kampfes transzendierten sowohl Sartre als auch Camus diesen Individualismus in Richtung eines sehr ernsthaften linken Engagements, in dem es darum ging, die Utopie auch im Wissen um ihre Unerreichbarkeit anzustreben. Eine heroische Welthaltung, die als Antidot zum Konformismus der Mainstream-Linken sicherlich sympathisch ist.

„Wir sind Dynamit.“ – Graffiti fotografiert vom Autor am Rande einer Gelbwestendemonstration in Montpellier. Nietzsche hatte sich in Ecce homo als „Dynamit“ bezeichnet.

Als weitere links-linke Außenseiter im französischen Nietzscheanismus seien kurz die Situationisten erwĂ€hnt, eine um ‘68 herum agierende Theoretiker- und KĂŒnstlergruppe. Sie umfasste einen eher hegelmarxistischen, von Guy Debord reprĂ€sentierten, und einen eher links–nietzscheanisch-existenzialistischen FlĂŒgel um Raoul Vaneigem. Beide FlĂŒgel einte eine klare Ablehnung der Mainstream-Linken und eine Betonung der Notwendigkeit authentischer Erfahrung, eines entschiedenen individuellen Widerstands gegen dasjenige, was sie als die „Gesellschaft des Spektakels“ bezeichneten. Etwas vom revolutionĂ€ren Geist dieser radikalen Gruppe lebt fraglos im heutigen Kampf der Gelbwesten und im Kampf gegen die repressive Corona-Politik fort. Als kleiner Beleg dafĂŒr sei hier ein Graffiti beigefĂŒgt, das ich selbst am Rande einer Gelbwestendemo in Montpellier photographiert habe und auf dem, leicht abgewandelt, Nietzsche zitiert wird: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“12

Fazit: FĂŒr einen Links–Nietzscheanismus heute

Ob die Gelbwesten oder die kurdische Befreiungsbewegung, deren geistiger FĂŒhrer Abdullah Öcalan Nietzsche als „stĂ€rkste[n] oppositionelle[n] Prophet[en] der kapitalistischen Periode“13 bezeichnet, ob das queere Suchen  einer IdentitĂ€t jenseits der aufgezwungenen Zweigeschlechtlichkeit, sofern es von einem authentisch utopischen Impuls durchzogen ist, oder die BemĂŒhungen linker Studenten um eine authentische Wiederaneignung des linken Kanons: Der links–nietzscheanische Geist lebt und ist nicht auszumerzen, weil das BedĂŒrfnis nach Sinnstiftung nicht totzukriegen ist; das BedĂŒrfnis nach AuthentizitĂ€t, KreativitĂ€t, Lebensfreude, erotischer ErfĂŒllung, emotionalem Überschwang 
 kurz: einem Leben jenseits des „stahlharten GehĂ€uses“ (Max Weber) der modernen Gesellschaft. Sicher hat der postmoderne Kapitalismus nach ‘68 Impulse der links–nietzscheanischen Subversion aufgegriffen – doch von ihren genuin utopischen Ambitionen abgelöst und sie damit der Möglichkeit ihrer echten ErfĂŒllung beraubt. Die Unzufriedenheit mit den Angeboten des „Spektakels“ ist noch immer vorhanden und die Sehnsucht nach einem ernsthaften, gesellschaftlichen Wandel brach sich zuletzt in der hochemotionalisierten Klimabewegung Bahn.

Die jĂŒngsten KĂ€mpfe um die Ausrichtung der Corona-Politik zeigen deutlich das Dilemma, in dem die linke Bewegung steckt: Von neoliberaler Seite wird eine offen verkĂŒndete Politik der negativen Emotionalisierung betrieben, also die Mobilisierung von Affekten wie Angst, Misstrauen und Hass gegenĂŒber „Leichtsinnigen“ mit dem Ziel, einen autoritĂ€ren Konsens zu schaffen. Eine positive, hoffnungsgeladene Politik, freilich losgelöst von jedwedem echten utopischen Impuls, wird – wenn ĂŒberhaupt – eher von klassisch-liberaler und rechter Seite betrieben, von faschistischer Seite vermengt mit dem Verbreiten panischer GerĂŒchte, bei der Corona-Politik handele es sich um einen verdeckten autoritĂ€ren Putsch. In diesem Strudel der Emotionalisierungen kann sich die Linke mit ihrem Beharren auf einer rationalen, faktenbasierten und sozial gerechten Corona-Politik kaum behaupten, obwohl in dieser Krise das Scheitern des neoliberalen Systems offenkundig hervortritt. Sie tut sich vor allem schwer damit, die neoliberale wie rechte Politik der Angst klar zurĂŒckzuweisen und hoffnungsvolle, nach Utopia hin orientierte Impulse der Widerstandsbewegung aufzugreifen. Diese Leute, obwohl eigentlich nicht nach rechts orientiert, fĂŒhlen sich dafĂŒr ihrerseits von der Linken im Stich gelassen und lassen sich ĂŒber kurz oder lang von den Rechten einfangen: Bei den Gelbwesten war es Ă€hnlich und auch bei der Klimabewegung steht zu befĂŒrchten, dass ihre Aktivisten, desillusioniert, ĂŒber kurz oder lang nach rechts kippen werden – es gibt bereits Stimmen aus dem rechten Lager, die dafĂŒr werben, das Thema Umweltschutz nicht den Linken zu ĂŒberlassen.14

Das grundsĂ€tzliche Problem besteht darin, dass Emotionen notwendig partikular sind, selbst wenn sie von utopischem Geist erfĂŒllt sind. Die RationalitĂ€t ist hingegen ihrer Natur nach universell. Linke Bewegungen werden daher immer ein Problem mit den Emotionen und  dem Leib haben und eher der Macht der Sprache, des Arguments und der Vernunft vertrauen – oder eben der nackten Gewalt der GewehrlĂ€ufe. Doch muss das wirklich notwendig so sein?

Zu versuchen wĂ€re jedenfalls die Schaffung einer neuen linken Massenbewegung, deren Radikalismus sich nicht darin erschöpft, SteuerbetrĂŒger zu maßregeln und mehr Arbeitslosengeld zu fordern, und deren Wagemut darin gipfelt, AfD-Politikern den Handschlag zu verweigern. Das Potential dafĂŒr ist da, das zeigt sich in den letzten Jahren beinahe monatlich: Es gibt eine ausgeprĂ€gte Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung und eine wachsende Einsicht in den Bankrott der neoliberalen Utopie. Zugleich gibt es neben aller Wut, allem Hass, aller Verachtung auch ZĂŒge einer hoffnungsvollen, positiven Emotionalisierung, ein Überschießen der Bewegungen ĂŒber bloße realpolitische Ziele der „kleinen Politik“ hinweg auf eine „große Politik“, auf eine Überwindung der neoliberalen Ordnung hin. Black Lives Matter sowie Me too konnte man noch mit neoliberaler Quotenpolitik und ein wenig Symbolismus befriedigen, ebenso die Klimaschutzbewegung – doch die eigentlichen Ursachen der Unzufriedenheit sind innerhalb der neoliberalen Ordnung nicht adressierbar. Sie kann sich nur erhalten, weil die verschiedenen KĂ€mpfe keinerlei Konsistenz aufweisen, sie bewusstlos, hoffnungs- und orientierungslos sind. Die Menschen mĂŒssten innehalten und den Blick nach oben richten: Sie wĂŒrden den roten Stern erblicken, der heller strahlen könnte als jemals zuvor, wenn sie ihren KĂ€mpfen eine höhere Einheit, sie unter einem Ziel: Sozialismus, zu bĂŒndeln wĂŒssten.

Die Gelbwesten waren bereits nicht mehr integrierbar und ebenso die Proteste gegen die Corona-Politik. Der neoliberale Staat zeigt hier immer deutlicher seine repressive Seite und verliert dadurch weiter an Zuspruch. Er kann sich diesen nur mĂŒhsam durch eine Politik der Angst und des Hasses versichern – womit er DĂ€monen beschwört, die ihn schon bald zerfletschen werden. Eine Wiederholung der antifaschistischen KĂ€mpfe der 1920er und -30er Jahre steht an, damit werden wir uns in den nĂ€chsten Jahren zu konfrontieren haben. Eine Linke, die sich selbst ernstnimmt, darf in dieser nĂ€chsten Runde des revolutionĂ€ren Kampfes nicht bloß in der Defensive bleiben: Denn sie weiß, dass die Verteidigung des Neoliberalismus letztlich auf eine Verteidigung der Wurzeln des Faschismus hinauslĂ€uft. Sie muss offensiv in den Ring steigen, was nur möglich sein wird, wenn es ihr endlich gelingt, das nietzscheanische Moment in sich zu integrieren. Hic rhodus, hic salta – solange diese Herausforderung nicht ernstgenommen wird, wird der Kampf zwischen Liberalismus und Faschismus ewig das Schicksal der Menschheit bleiben und Millionen von sinnlosen Opfern kosten.

Wer diesen Kampf aus vornehmem Pessimismus heraus gar nicht erst beginnt, hat ihn schon verloren, und Bloch, der trotz aller oberflĂ€chlichen Abkehr von den „nietzscheanischen Flausen“ seiner Jugend bis zum Schluss doch im Herzen ein Nietzscheaner blieb und die wohl tiefgreifendste Nietzsche-Kritik marxistischer Provenienz entwickelte, schrieb zu Recht in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung:

Zum Unterschied von einem Pessimismus, der selber zur FĂ€ulnis gehört und ihr dienen mag, verneint ein geprĂŒfter Optimismus, wenn die Schuppen von den Augen fallen, nicht den Zielglauben ĂŒberhaupt; kontrĂ€r, nun heißt es, den richtigen zu finden, zu bewĂ€hren. Deshalb ist selbst ĂŒber einen bekehrten Nazi mehr mögliche Freude als an sĂ€mtlichen Zynikern und Nihilisten. Deshalb ist der sturste Feind des Sozialismus nicht nur, wie verstĂ€ndlich, das große Kapital, sondern ebenso die Menge der GleichgĂŒltigkeit, Hoffnungslosigkeit; sonst stĂŒnde ja das große Kapital allein.15

Brechen wir mit dem Zynismus und Pseudohedonismus der neoliberalen Milieus, halten wir uns auch fern von den rechten RattenfĂ€ngern: Bewahren wir uns Hoffnung und aufrechten Gang im Sinne Nietzsches, von dem Bloch diese Motive ĂŒbernimmt. Hoffnung hat die eigentĂŒmliche Kraft, sich als docta spes, belehrte Hoffnung, selbst zu realisieren – Verzweiflung hat diese Kraft leider auch. |P


1       Um den unĂŒberbrĂŒckbaren Abgrund, den Nietzsche selbst von seinen linken wie von seinen rechten AnhĂ€ngern trennt, graphisch hervorzuheben, schreibe ich die Begriffe „Rechts–“ und „Links–Nietzscheanismus“ konsequent mit einem Gedanken– statt einem Bindestrich.

2       Vgl. Paul Stephan: Links–Nietzscheanismus. Eine EinfĂŒhrung. Stuttgart 2020 (2 Bd.) Sowie die  BroschĂŒre: Paul Stephan: Die Linke neu leben. Thesen fĂŒr einen linken Nietzsche heute. Eine Streitschrift. Berlin 2019. Im Folg.: Stephan: Links–Nietzscheanismus.

3       „Geh nur dir selber treulich nach: – / So folgst du mir – gemach! gemach“, schreibt Nietzsche im 7. Abschnitt des Vorspiels der Fröhlichen Wissenschaft seinen Fans ins Stammbuch (Friedreich Nietzsche: „Die fröhliche Wissenschaft“, in: Kritische Gesamtausgabe (Bd. 3), MĂŒnchen 2011, S. 343–651; 354).

4       FĂŒr den Begriff der „Links-Linken“ vgl. atta boy: Streitschrift fĂŒr eine Politisch Unkorrekte Links-Linke. Bonn 2018, der ich auch sonst zahlreiche Anregungen verdanke.

5       Nietzsche: „Götzen–DĂ€mmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert“, in: Kritische Gesamtausgabe Bd. 6. MĂŒnchen 2011, S. 55–161; 82.

6       Vgl. die berĂŒchtigte Parteihymne der NSDAP, das Horst-Wessel-Lied.

7       Wie die Vision vom „Übermenschen“ als die gesamte Menschheit vereinigendes Ziel (Vgl. insb. Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch fĂŒr Alle und Keinen. MĂŒnchen 2011, S. 74–76).

8       Vgl. die in Zur Genealogie der Moral anklingende Hoffnung auf eine Wiedergeburt der Antike und die im SpĂ€twerk grassierende Sympathie fĂŒr das altindische Kastensystem.

9       Mit „Mainstream-Linke“ meine ich die innerhalb des linken Diskurses hegemonialen KrĂ€fte, insbesondere die dominanten Tendenzen innerhalb der großen linken Parteien und Organisationen.

10     Vgl. Nietzsche: „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift.“, in: Kritische Gesamtausgabe (Bd. 5), MĂŒnchen 2012, S. 309.

11     FĂŒr Carl Schmitt, der in dieser Reihe fehlt, spielt Nietzsche interessanterweise keine Rolle und wenn er ihn erwĂ€hnt, dann grenzt er sich polemisch von seinem ‚bĂŒrgerlichen Individualismus‘ ab.

12     Nietzsche: „Ecce homo. Wie man wird, was man ist,“ in: Kritische Gesamtausgabe (Bd. 6), MĂŒnchen 2011, S. 255–374; 365.

13     Zit. n.: Stephan: Links–Nietzscheanismus, Bd. II, S. 434.

14     Entsprechende AnsĂ€tze finden sich bereits bei Ludwig Klages, der die Zerstörung der Natur mit der modernen ethnischen Homogenisierung assoziierte. 2019 wurde die Zeitschrift Die Kehre. Zeitschrift fĂŒr Naturschutz begrĂŒndet, in der fĂŒr einen rechten Naturschutz geworben wird.

15     Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt a. M. 1985, S. 517f.