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Kritischer Autoritarismus

Zu Adornos Anmerkungen zum Autoritären Charakter*

Chris Cutrone

Die Platypus Review Ausgabe #14 | November 2020

Immanente Kritik

Wann immer Adorno sich einem Phänomen nähert, ist seine Methode eine der immanenten dialektischen Kritik. Das Phänomen wird weder als zufällig noch als beliebig betrachtet, sondern als notwendige Erscheinungsform, die die Bedingungen der Möglichkeit für Veränderung anzeigt. Es ist ein Phänomen der Notwendigkeit von Veränderung. Die Bedingungen der Möglichkeit für Veränderung, die das betreffende Phänomen anzeigt, werden immanent, aus diesem selbst heraus erkundet. Die Möglichkeit von Veränderung wird durch die Selbstwidersprüche des Phänomens angezeigt, die sich aus diesem heraus entfalten; aus seiner Bewegung und seiner Entwicklung in seinem historischen Moment.

Nichts wird lediglich für das genommen, wie es ist, wie es gerade existiert, sondern als das, was es sein sollte und könnte, als Träger bis jetzt unrealisierter Potentiale und Möglichkeiten. Derart betrachtet Adorno auch das Phänomen des „Autoritarismus“. Für Adorno ist dabei wesentlich, inwiefern psychologischer Autoritarismus selbstwidersprüchlich ist und über sich selbst hinausweist. Adorno ist interessiert an der „Aktualität“ des Autoritarismus: wie Wilhelm Reich es ausdrückte, dem „progressiven Charakter des Faschismus“1; wie Walter Benjamin es formulierte, einem „positiven Begriff des Barbarentums“.2

Dies verlangt nach einer kritischen anstatt einer rein deskriptiven, positiv analytischen oder affirmativen Herangehensweise. Denn etwas kann nicht nur durch Rechtfertigung oder Legitimation affirmiert werden, sondern auch durch seine Denunziation. In beiden Fällen wird es belassen, wie es ist; während es für Adorno, als Marxisten, „darauf ankommt, sie zu verändern“.3

Was also sind die Möglichkeiten für Veränderung, die der Autoritarismus impliziert, und inwiefern weist die Freudsche Psychoanalyse auf diese Möglichkeiten hin? Für Adorno ist es verheerend, dass der gesellschaftliche Widerspruch sich von Ideologie und Politik hin zu individueller Psychologie verschoben hat (was tatsächlich Ausdruck eines politischen Scheiterns ist); doch dort ist er nun eben zu finden.4 Wie Adorno anmerkt, ist die „F-Skala“ insofern irreführend, als sie – obwohl sie als Skala dargestellt wird – als ein Unterschied der qualitativen Beschaffenheit als einer im Grad der Ausprägung verstanden wird. Das bedeutet, dass für Adorno jeder mehr oder weniger anfällig für Faschismus ist – jeder ist mehr oder weniger autoritär.

Die konkurrierenden Aspekte der individuellen Psyche zwischen liberaler Individualität und autoritären Tendenzen sind dabei selbst Ausdrücke des Selbstwiderspruchs des Autoritarismus, den Adorno zu erforschen suchte. Im Kapitalismus sind Liberalismus und Faschismus Kehrseiten derselben Medaille. Individualismus und Kollektivismus sind eine Antinomie, die den Widerspruch des Kapitalismus ausdrückt. Denn Individualismus verletzt wahre Individualität und Kollektivismus verletzt das wahre Potential der gesellschaftlichen Gesamtheit. Individualität und Kollektivität bleiben unerfüllte Desiderate, Bestrebungen und Ziele der bürgerlichen Gesellschaft: ihr emanzipatorisches  Versprechen. Für Adorno (wie auch für Marx) sind Individualität und Kollektivität im Kapitalismus Travestien, bloße Heuchelei.

Kundgebung Donald Trumps, Pensacola, Florida, 15.01.2016.

Autoritarismus ist ein Ausdruck dieser Travestie von Gesellschaft. Faschismus ist die geheuchelte Kollektivität, in welcher sich die geheuchelte Individualität versteckt; ebenso wie Liberalismus die geheuchelte Individualität ist, die die kollektive Beschaffenheit von Gesellschaft verdeckt. Diese kollektive Beschaffenheit ist kein Seinszustand; es ist eine Aufgabe der Notwendigkeit, jenseits des Kapitalismus Sozialismus herzustellen. Faschismus wie auch Liberalismus sind Ausdrücke dieser unerfüllten Notwendigkeit von und Forderung nach Sozialismus innerhalb des Kapitalismus.

Was würde es also bedeuten, Autoritarismus in immanent dialektischer Weise zu kritisieren? Was ist in Adornos Augen der kritische Wert des Autoritarismus? Wie werden potentielle Möglichkeiten, die über Kapitalismus hinausweisen, im Autoritarismus ausgedrückt und wie können sie aufgezeigt anstatt von Individualpsychologie verdeckt zu werden? Inwiefern wird im Autoritarismus kritisch enthüllt, dass Gesellschaft auf den Sozialismus verweist?

Psychologie

In Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie5 diagnostiziert Adorno die Trennung von Psychologie und Soziologie als ein Symptom des Widerspruchs der Gesellschaft selbst – als Symptom der tatsächlichen Trennung und Widersprüchlichkeit von Individuum und Kollektiv im Kapitalismus.

In den Studien zum autoritären Charakter6 schrieben Adorno et al., dass der faschistische Charakter geprägt sei durch Identifizierung mit Technologie, der Liebe für Instrumente als „equipment“. In exakt dieser Identifikation und Imitation verortete Adorno das emanzipatorische Potential jenseits des Kapitalismus: Es wird zum Gegenstand der Form der Individuation. In Ausschweifung, einem der Zusatz-Aphorismen der Minima Moralia, schrieb Adorno:

"Gewiß jedoch ist denen nicht etwa mehr zu vertrauen, die den Mitteln gleichen; den Subjektlosen, denen das historische Unrecht die Kraft lähmt es zu brechen, angepaßt an Technik und Arbeitslosigkeit, bündlerisch und verwahrlost, schwer zu unterscheiden von den Windjacken des Faschismus [...] und an ihren Fehlern [...] hat die Bourgeoisie selber stets sich geweidet: [...] am Untermenschen, der als Ausgeburt der Schmach diese nicht soll wenden können. [...]

Die Träger des technischen Fortschritts, heute noch mechanisierte Mechaniker, werden in der Entwicklung ihrer Spezialfähigkeiten den von der Technik bereits angezeigten Punkt erreichen, wo Spezialisierung gegenstandslos wird. Hat ihr Bewußtsein ins reine Mittel, ohne alle Qualifikation, sich verwandelt, so mag es aufhören Mittel zu sein, mit der Bindung an bestimmte Objekte die letzte heteronome Schranke durchschlagen; die letzte Befangenheit im Soseienden, den letzten Fetischismus gegebener Verhältnisse abstreifen, auch den des eigenen Ichs, das durch seine radikale Zurüstung zum Instrument zergeht. Aufatmend mag es der Unstimmigkeit zwischen seiner rationalen Entwicklung und der Irrationalität ihres Zweckes innewerden und danach handeln."7

In Zum Fetischcharakter der Musik und der Regression des Hörens versucht Adorno, den Autoritarismus zu erlösen, wenn er die Schlussfolgerung anbietet, dass „selbst Disziplin den Ausdruck freier Solidarität übernehmen [kann], wenn Freiheit zu ihrem Inhalt wird.“ Er fährt fort: „So wenig [Autoritarismus] ein Symptom des Fortschritts im Bewußtsein der Freiheit ist, so jäh vermag [er] doch umzuspringen, wenn jemals [Individualpsychologie] in eins mit der Gesellschaft die Bahn des immer Gleichen verlässt.“8 Was heißt: über den Kapitalismus hinauszugehen. Hier trifft sich kritischer Autoritarismus mit kritischem Individualismus: „Die kollektiven Mächte liquidieren [...] die unrettbare Individualität, aber bloss Individuen sind fähig, ihnen gegenüber, erkennend, das Anliegen von Kollektivität noch zu vertreten.“9

Was Adorno im Anschluss an Walter Benjamin als „Mimesis“10 bezeichnet, analysierte Freud psychologisch als „Identifikation“. Adorno schrieb, dass „der Druck, gehorchen zu dürfen, heute allgemeiner ist denn je.“

Doch das, was Marx die „industriellen Produktivkräfte“ nannte, ist im Kapitalismus eingeschränkt und verformt durch die bürgerlichen Produktionsverhältnisse. Ein homologer Widerspruch existiert in der individuellen Persönlichkeit.

In Reflexionen zur Klassentheorie schrieb Adorno:

"Entmenschlichung ist keine Macht von außen, keine wie immer geartete Propaganda, kein Ausgeschlossensein von Kultur. Sie ist gerade die Immanenz der Unterdrückten im System, die einmal wenigstens durch Elend herausfielen, während heute ihr Elend ist, daß sie nicht mehr herauskönnen, daß ihnen die Wahrheit als Propaganda verdächtig ist, während sie die Propagandakultur annehmen, die fetischisiert in den Wahnsinn der unendlichen Spiegelung ihrer selbst sich verkehrt. Damit aber ist die Entmenschlichung zugleich ihr Gegenteil. An den verdinglichten Menschen hat Verdinglichung ihre Grenze. Sie holen die technischen Produktivkräfte ein, in denen die Produktionsverhältnisse sich verstecken: so verlieren diese durch die Totalität der Entfremdung den Schrecken ihrer Fremdheit und bald vielleicht auch ihre Macht. Erst wenn die Opfer die Züge der herrschenden Zivilisation ganz annehmen, sind sie fähig, diese der Herrschaft zu entreißen."11

Gesellschaft

Karl Marx betrachtete die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats als ein Phänomen des Bonapartismus – Louis Bonapartes Aufstieg zur Macht als ein Resultat der gescheiterten Revolution von 1848 in Frankreich. Darin liegt Marx’ Differenz mit dem Anarchismus: die Erkenntnis der Notwendigkeit des Staates im Kapitalismus.12 Insofern sollte Marx mit Hinblick auf die Diktatur des Proletariats als „kritischer Bonapartist“ verstanden werden.13 Bonapartismus war eher der Ausdruck eines objektiven gesellschaftlichen Bedürfnisses als eine subjektive Haltung. Die bonapartistische Antwort auf die objektive gesellschaftliche Krise und Widersprüchlichkeit des Kapitalismus wies über sich selbst hinaus und verlangte somit nach einer dialektischen Kritik. Marx dachte, dass der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon insofern gescheitert sei, als dieser den Bonapartismus als objektiv determiniert behandelte, und somit entschuldigte; ebenso wie der sentimentale Sozialist Victor Hugo, der den Bonapartismus als monströsen historischen Unfall betrachtete, als einen Schlag aus heiterem Himmel.14 Fatalismus und Kontingenz waren zwei Seiten desselben Widerspruchs, die eine Notwendigkeit verdunkelten, die nur auf dialektischem Wege angemessen adressiert werden könnten. Dies sind die Bedingungen, unter denen Adorno „Autoritarismus“ adressierte.

Adornos „kritischer Autoritarismus“ widmete sich dem, was die „immanente dialektische Kritik“ des Autoritarismus bedeuten könnte; sowohl in beschreibenden, psychoanalytischen Begriffen als auch in denen der (abwesenden) Politik, die zum Sozialismus führen sollte. Adornos „Traumprotokolle“ zeichnen einen seiner Träume auf, in dem er, als Urszene des Faschismus, an einer Gruppenvergewaltigung teilnimmt.15

Homosexualität und Sadomasochismus des Autoritarismus in prä-ödipaler Psychologie; das Verlangen nach und die Angst vor der „Liquidierung des Ich“, in ihrer Ambivalenz gegenüber dem Individualismus; kritischer Individualismus (im Gegensatz zum methodologischen oder affirmativen); das Verlangen nach und die Angst vor Kollektivität innerhalb des autoritären Kollektivismus; Projektion, Identifikation und Gegen-Identifikation, die sozialen Zusammenhalt wie auch Trennung und Atomisierung ermöglichen – das sind die Themen Adornos kritischer Annäherung an Psychologie im Spätkapitalismus.

Zur gleichen Zeit artikulierte Frantz Fanon in Schwarze Haut, weiße Masken einen ähnlichen Gedanken, indem er den negrophoben Rassismus als „unterdrückte Homosexualität“ und als eine „narzisstische Störung“ diagnostizierte. Fanon beschreibt die Freudsche Behandlung von Vergewaltigungsphantasien, masochistischer Angst und Verlangen als internalisierte Projektion vor der elterlichen Autorität, als Selbst-Sadismus. Man fürchtet sich vor dem, wovon man sich wünscht, dass es geschehen möge; ein Wunsch ist ein Weg, einer Angst Herr zu werden, indem diese internalisiert wird; Angst ist ein Weg, einen Wunsch zu unterdrücken. Vergewaltigung ist so traumatisch, weil sie infantile Erfahrungen sowohl aktiviert als auch verletzt. Es besteht die Erfahrung elterlicher Verführung, rückverweisend auf die anale Phase der Libidoentwicklung, während der das Kleinkind sich nicht in der Lage sieht, seine eigenen Ausscheidungen zu kontrollieren. Dies wird als verstörend unfreiwillig empfunden: Die Schwierigkeit des Toilettentrainings ist ein Schlag gegen den Narzissmus des Kindes, während dieses gleichzeitig versucht, den Erwartungen der Eltern gerecht zu werden. Das Kleinkind empfindet es als lustvoll stimulierend, von den Eltern gesäubert zu werden, und internalisiert gleichzeitig Verlangen und Ekel, die Anziehung und Abstoßung der Eltern. Daraus erwächst ein Komplex von Gefühlen, eine Kombination aus Scham und Schuld mit Lust, welche das Kleinkind in seine eigenen Körperempfindungen aufnimmt. Demütigung und der Verlust von Selbstkontrolle sind die formative Erfahrung der Transformation von Narzissmus zu Identifikation. Das Verlangen des Kleinkindes nach den Eltern ist die Identifikation mit der gefürchteten Macht.16 Die Eltern verkörpern das Ich-Ideal der Selbstkontrolle. Dieser Umstand wird später durch geschlechtliche Objektlibido im Ödipuskomplex als genitale Lust kanalisiert, welche allerdings sado-masochistische Qualitäten der analen Phase beibehält, die der Geschlechtsidentifikation vorausgeht. Als Abkömmling der analen Phase weist Libido basalere, homosexuelle (ungeschlechtliche) Qualitäten auf, die die Anerkennung von Differenz und Individualität verhindern. In einer narzisstischen – autoritären –  Gesellschaft ist jeder gefangen in einer statischen und sich selbst bestätigenden Identität. Obwohl es eigentlich notwendig wäre, der Nicht-Identität der Freiheit Einlass zu gewähren: der Freiheit, „sich selbst zu überwinden“, die ein gesundes Ich ermöglicht.

"[Der] Wahnsinn der unendlichen Spiegelung ihrer selbst" Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking, 2008

Fanon versucht, eine Beschreibung dessen zu geben, wie „rassischer Narzissmus“ – das Scheitern des individuellen Selbst – über sich selbst hinausweisen könnte, spezifisch in seinem verräterisch dyadischen Charakter von Selbst und Anderem, zu jenem Bedürfnis, das blockiert wurde: „der Welt des Du“.17

Adorno rekurriert in seiner Diskussion der Studien zum autoritären Charakter auf einen der Schlüsseltexte von Fanons Schwarze Haut, weiße Masken: Jean-Paul Sartres Überlegungen zur Judenfrage, welcher, wie auch Adorno, den gegenwärtigen Antisemitismus als Norm betrachtet und nicht als Abweichung. Er konstatiert, dass erklärt werden muss, weshalb nicht alle Menschen antisemitisch sind. Doch dies verwies nicht auf ein Problem der Psychologie, sondern der Gesellschaft. Adorno pries Sartres Behandlung des Antisemitismus:

"Wir unterscheiden zwischen Antisemitismus als einem objektiven sozialen Phänomen und Antisemitismus als einem bestimmten Typus der Individualität, ähnlich wie Sartres Exposee, welches, aus guten Gründen, Portrait eines Antisemiten heißt und nicht Psychologie des Antisemitismus. Diese Art von Persönlichkeit ist einer psychologischen Analyse zugänglich. […] Es wäre aber unmöglich, das objektive Phänomen des heutigen Antisemitismus mit seinem uralten Hintergrund und all seinen sozialen und ökonomischen Implikationen auf die Mentalität jener zu reduzieren, die sich heute, um mit Sartre zu sprechen, mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Heute stehen alle Menschen ausnahmslos einer Masse von objektiv existenten Vorurteilen, Diskriminierungen und antisemitischen Attitüden gegenüber. Die akkumulierte Macht dieses objektiven Komplexes ist dermaßen groß und übersteigt offenbar individuelle Abwehrkräfte so sehr, dass man fragen könnte, weshalb Menschen nicht antisemitisch (sic) sind, anstatt zu fragen, weshalb gewisse Arten von Menschen antisemitisch sind. Dementsprechend wäre es naiv, eine Prognose des Antisemitismus, jene wahrhaft „gesellschaftliche" Krankheit, auf die Diagnose individueller Patienten zu stützen."

Das bedeutet, dass der Selbstwiderspruch, den (Nicht-)Rassismus ausdrückt, ebenfalls einer von Gesellschaft ist: Die rassistische Gesellschaft weist über sich selbst hinaus, subjektiv wie objektiv, gesellschaftlich wie individuell. Rassismus ist ein Problem, das den Schlüssel zu seiner eigenen Lösung in sich trägt.18 Antisemitische Demagogen identifizierten sich mit Juden, wenn sie deren stereotypische Manierismen imitierten19; weiße Rassisten der Jim-Crow-Ära führten mit schwarz geschminkten Gesichtern Minstrel-Shows auf.

Wie Fanon es formulierte: „Vor langer Zeit gab der Schwarze die unbestreitbare Überlegenheit des Weißen zu, und all seine Bemühungen zielen darauf, eine weiße Existenz zu erlangen“, „Für den Schwarzen gibt es nur ein Schicksal. Und das ist weiß.“20 Rassismus wird enden, wenn schwarze Menschen weiß werden. Oder, wie Adorno es in den Reflexionen zur Klassentheorie formulierte: „Erst wenn die Opfer die Züge der herrschenden Zivilisation ganz annehmen, sind sie fähig, diese der Herrschaft zu entreißen.“ Die Abschaffung des Rassismus wird seine Aufhebung sein: Sie wird seine Selbstaufhebung sein, seine Selbstvervollständigung wie auch seine Selbstnegation. Ebenso wird es sich mit der Überwindung des Autoritarismus im Kapitalismus allgemein verhalten.

Die berüchtigte F-Skala der Studien zum autoritären Charakter ist eine Skala, was bedeutet, dass Autoritarismus oder Prädisposition für Faschismus kein Unterschied der qualitativen Beschaffenheit ist, sondern ein Unterschied des Grades der Ausprägung: Jeder ist mehr oder weniger autoritär. Das Autoritärste wäre es, das zu verleugnen – und darin zu scheitern, den jeweils eigenen Autoritarismus anzuerkennen. |P

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Ursprünglich erschien dieser Artikel in der englischen PR #91, Novemberausgabe 2016. Er wurde von Stefan Hain ins Deutsche übersetzt und ist *hier* im Original verfügbar.

* Online zu finden unter: https://platypus1917.org/2016/11/08/remarks-authoritarian-personality-adorno-frenkel-brunswik-levinson-sanford

1          “[I]n der Massenbasis des Faschismus, im rebellierenden Kleinbürgertum, [waren] nicht nur die rückwärtstreibenden, sondern auch ganz energisch vorwärtstreibende soziale Kräfte in Erscheinung getreten; dieser Widerspruch wurde [von zeitgenössischen Marxisten] übersehen.” in: Wilhelm Reich, Die Ideologie als materielle Gewalt in Die Massenpsychologie des Faschismus [1933/46], (Fischer Taschenbuch Verlag, 1974), S. 29.

2          Walter Benjamin, Erfahrung und Armut [1933], Illuminationen, (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1977), S. 292.

3          Siehe Marx, Thesen über Feuerbach [1845]

4          Siehe  Max Horkheimer, On the Sociology of Class Relations [1943] und meine Diskussion dessen, Without a Socialist Party, there is no Class Struggle, only Rackets, Nonsite.org (January 11, 2016), online verfügbar unter: <http://nonsite.org/the-tank/max-horkheimer-and-the-sociology-of-class-relations>. In The Authoritarian State [1940/42], Horkheimer schrieb (im Original auf Englisch):

Sociological and psychological concepts are too superficial to express what has happened to revolutionaries in the last few decades: their will toward freedom has been damaged, without which neither understanding nor solidarity nor a correct relation between leader and group is conceivable. (The Essential Frankfurt School Reader, eds. Andrew Arato and Eike Gephardt [New York: Continuum, 1985], p. 95–117.)

5          Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie [1955], ursprünglich verfasst von Adorno  als Festschrift zur Feier von Max Horkheimers sechzigstem Geburtstag.
In Soziologische Schriften I, (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1972).

6          Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel Levinson, und Nevitt Sanford. In Deutschland veröffentlicht ohne Nennung der anderen Autoren unter: Theodor W. Adorno Studien zum autoritären Charakter,  (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1973).

7          Adorno, Ausschweifung, ein unpubliziertes Stück gedacht für Minima Moralia
[1944–47], veröffentlicht als Sektion X des Anhang der Minima Moralia, (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1951).

8          Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens [1938], in der Zeitschrift für Sozialforschung Jahrgang 7 [1938], (Deutscher Taschenbuch Verlag, 1980),S.  354.

9          Ebd., S. 315.

10        Siehe Benjamin, Über das mimetische Vermögen [1933], in Kairos,  (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2007), S. 168–172: “Das Kind spielt nicht nur Kaufmann oder Lehrer, sondern auch Windmühle und Eisenbahn” (S. 168).

11        Adorno, Reflexionen zur Klassentheorie, in Soziologische Schriften I, (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1972), S. 391.

12        Siehe Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [1852], Kapitel VII, wo Marx befand, dass politische Atomisierung unausweichlich zum autoritären Staat des Bonapartismus führt:

Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung, von denen der andern Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammenhang [...] besteht, die Dieselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Organisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden. Ihr Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie [..] beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt. [Ihr] politische[r] Einfluß [...] findet also darin seinen letzten Ausdruck, daß die Exekutivgewalt sich die Gesellschaft unterordnet.
(online verfügbar unter : <https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1852/brumaire/kapitel7.htm>.)

Marx’ Diskussion der französischen Bauern der Mitte des 19. Jahrhunderts trifft ebenfalls auf das zu, was er als Anhängerschaft  des Bonapartismus “das Lumpenproletariat” nannte. Und es würde ebenfalls auf die Arbeiterklasse im heutigen Kapitalismus zutreffen, in der keine Partei für den Kampf um den Sozialismus organisiert ist. Der “Kartoffelsack” oder die  “gleichnamigen Größen” sind es, die für unter anderem Adorno, die Massen im 20. Jahrhundert charakterisierten. (So schreibt beispielsweise Benjamin im Epilog des Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, dass der Faschismus den Massen die Möglichkeit bot, sich selbst auszudrücken, und sie gleichzeitig ihres Rechts beraubte, die Gesellschaft zu  ändern.)
Adorno paraphrasiert Marx, wenn er schreibt:

Die Massen werden zunehmend von oben geformt, sie müssen geformt werden, sollen sie im Zaum gehalten werden. Die überwältigende Maschinerie von Propaganda und Kulturindustrie bescheinigt die Notwendigkeit für diesen Apparat zur Verewigung eines abgekarteten Spiels gegen die Möglichkeiten, die dem status quo entwachsen sind. Da aber dieses Potential auch das Potential für einen effektiven Widerstand gegen den faschistischen Trend ist, ist es unerlässlich die Mentalität jener zu studieren, die an der Empfängerseite der heutigen gesellschaftlichen Dynamiken sitzen. Wir müssen sie studieren, nicht nur weil sie diese gesellschaftlichen Dynamiken spiegeln, sondern vor allem anderen, da sie deren intrinsische Antithese sind.

The masses are incessantly molded from above, they must be molded, if they are to be kept at bay. The overwhelming machinery of propaganda and cultural industry evidences the necessity of this apparatus for the perpetuation of a set-up the potentialities of which have outgrown the status quo. Since this potential is also the potential of effective resistance against the fascist trend, it is imperative to study the mentality of those who are at the receiver’s end of today’s social dynamics. We must study them not only because they reflect these dynamics, but above all because they are the latter’s intrinsic anti-thesis.

(Im Original Englisch, aus Remarks on the Authoritarian Personality; deutsche Übersetzung SH)

Der Ausdruck — und die potentielle Auflösung —  dieses Widerspruchs der Massen im Kapitalismus, die ansonsten im Bonapartismus resultierte, war die Politik des Sozialismus:
Marx’ “Diktatur des Proletariats” sollte erreicht werden durch die sozialistische Massenpartei.
Marx brach mit den Anarchisten, da diese sich weigerten “politisch” zu handeln und somit die Arbeiterklasse “sozialem” Handeln zu überlassen, was heißt: den notwendigen politischen Kampf um die Staatsmacht zu umgehen.

13        Siehe mein Proletarian dictatorship and state capitalism, Weekly Worker 1064 (June 25, 2015), online verfügbar unter: <http://weeklyworker.co.uk/worker/1064/proletarian-dictatorship-and-state-capitalism/>.

14        Marx, Vorwort zur 1869er Edition von Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [1852], online verfügbar unter: <https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1852/brumaire/vorwort2.htm>.

15        Adorno, New York, 8. Februar 1941 in Traumprotokolle (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2005), S.  5-6.

16        Siehe Anna Freud, Identifizierung mit dem Angreifer, Kapitel IX: Das Ich und die Abwehrmechanismen  [1936].

17        Frantz Fanon Black Skin, White Masks, [1952], trans., Charles Lam Markmann, (London: Pluto Press, 2002), S. 181.

18        Denn Adorno schreibt: “Jene, die unfähig sind, an ihre eigene Sache zu glauben, [...] müssen fortwährend sich selbst die Wahrheit ihrer Heilsbotschaft beweisen, durch die Realität und Irreversibilität ihrer Taten.” Gewalttätiges Handeln nimmt den Platz von Denken und Selbstreflexion ein; doch das deutet auch auf eine Umkehrung hin, dass nämlich kritisches Denken, solch desaströses Handeln verhindern könnte. Siehe Adorno, Erziehung nach Auschwitz in Kulturkritik und Gesellschaft II, (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1977), S. 647-691.
(Adorno auch hier im Original Englisch, aus Remarks on the Authoritarian Personality; deutsche Übersetzung SH)

“Those who are incapable of believing their own cause… must constantly prove to themselves the truth of their gospel through the reality and irreversibility of their deeds.”

19        Siehe Adorno, Freudian Theory and the Pattern of Fascist Propaganda [1951], in Soziologische Schriften I, (Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1972), S. 408–434.

20        Fanon, Black Skin, 178. [Meine Übersetzung. SH]

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