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Klassenbewusstsein (aus einer marxistischen Perspektive) heute

Von Chris Cutrone

Die Platypus Review Ausgabe #10 | Winter 2018

Für Marxisten ist die Teilung der Gesellschaft in sozioökonomische Klassen nicht die Ursache des Problems des Kapitalismus, sondern vielmehr dessen Auswirkung.

Moderne Klassen unterscheiden sich von altertümlichen Unterteilungen in Stände und Kasten. Die alten Unterteilungen verliefen zwischen dem Klerus bzw. der priesterlichen Kaste, der adligen Aristokratie bzw. Kriegerkaste und dem Großteil der Menschen, der „Nichtadligen“ oder solchen, die ungläubig und ehrlos waren. Für den größten Teil der Geschichte waren dies Bauern, die von der Subsistenzwirtschaft lebten – ein stummer Hintergrund des Prunks der alten Welt.

Die moderne „bürgerliche“ Gesellschaft, oder die Gesellschaft der modernen Städte, ist das Produkt der Revolte des Dritten Standes, der Bürgerlichen, welche kein anderes Eigentum hatten als ihre Arbeitskraft: „Selfmademen“. Während der französischen Revolution, in der sich der Dritte Stand von den anderen Ständen, dem Klerus und der Aristokratie, absonderte und die Nationalversammlung einberief, erfüllte sich die Aussage Abbé Sieyès‘ aus dessen revolutionären Pamphlet Was ist der Dritte Stand?: Während des ancien régime war der Dritte Stand „nichts“ gewesen, jetzt würde er „alles“ sein.

Theodor W. Adorno, Marxist und Vertreter der Kritischen Theorie des 20. Jahrhunderts, sagte dazu: „Gesellschaft ist ein Konzept des Dritten Standes“. Damit meinte er, dass der Dritte Stand die Idee hervorbrachte, dass sich Menschen zueinander in Beziehung setzen würden – ganz anders als in der altertümlichen Gesellschaft, in der sie gemäß der „Großen Kette des Seins“ ihrer göttlichen Bestimmung folgen sollten. Sie würden sich nun auf Grundlage ihrer täglichen „Arbeit“ bzw. ihrer gesellschaftlichen Betätigung aufeinander beziehen – allerdings nicht mehr auf der Grundlage einer strikten Hierarchie oder aufgrund traditioneller Werte, sondern durch den „freien Markt“ der Waren. Die Menschen wären frei, ihre eigenen Werte in der Gesellschaft zu finden.

Die moderne Gesellschaft ist deshalb die Gesellschaft des Dritten Standes, nach dem Umsturz der traditionellen Autorität von Kirche und Feudalismus. Sie basiert auf den Werten des Dritten Standes, die wiederum die Werte der Arbeit in den Mittelpunkt rücken. Die höchsten Werte dieser Gesellschaft sind deshalb auch nicht Religion oder die Krieger- und Soldatenehre, sondern Produktivität und Effektivität im materiellen Sinne, dass man also „ein produktives Mitglied der Gesellschaft“ ist. Aus dieser Perspektive, der moderner bürgerlicher Gesellschaft, erscheint die Geschichte als Geschichte unterschiedlich hoch entwickelter „Produktionsweisen“ – von denen der Kapitalismus die jüngste und höchste ist. Die Vergangenheit erscheint aus dieser Perspektive als eine Zeit, in der die Menschen in Ignoranz und Aberglaube lebten, zurückgehalten von konservativen Bräuchen und arroganten Eliten, die sie davon abhielten, ihre potentielle Produktivität und Genialität zu erkennen. Das paradigmatische Bild, die Verkörperung dieses Umstands, ist Galileo, der Wissenschaftler, der seine Erkenntnisse unter dem Zwang der Kirche widerrief.

Mit der erfolgreichen Revolte des Dritten Standes schien es, als würde die Menschheit endlich ihren „natürlichen“ Zustand der Aufklärung erreichen, sowohl hinsichtlich der natürlichen Umwelt wie auch der Beziehungen der Menschen untereinander. Scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten eröffneten sich, und das dunkle Zeitalter war endlich für beendet erklärt.

Im Zuge der Industriellen Revolution des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch ein neuer „Widerspruch“ in der bürgerlichen Gesellschaft: der des Werts des Kapitals gegenüber dem Wert der Arbeitskraft. Mit diesem Widerspruch trat auch ein neuer sozialer und politischer Konflikt zutage: der „Klassenkampf“ der Arbeiter für den Wert ihrer Löhne gegen das unbedingte Gebot der Kapitalisten, den Wert des Kapitals zu bewahren und zu vergrößern. Dieser erreichte einen gewissen Höhepunkt in den 1840er Jahren (zu dieser Zeit auch als „hungrige 40er“ bekannt): die erste weltweite Wirtschaftskrise nach der Industriellen Revolution, welche über eine bloße Anpassung an den Markt hinauszugehen schien und auf neue, tiefere Probleme hindeutete.

Dieser neue Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Wunsch nach „Sozialismus“ ausgedrückt: danach, dass Gesellschaft wahrhaftig zu sich selbst finden solle; dass alle Mitglieder der Gesellschaft Anerkennung dafür finden, dass sie an Gesellschaft mitwirken; dass jedem ermöglicht wird, sich an der Entwicklung und politischen Ausrichtung der Menschheit zu beteiligen. Ausdruck dieses Wunsches waren die Revolutionen von 1848, „der Frühling der Nationen“ in Europa, welcher aus der Krise 1840 hervorging. Diese Revolutionen forderten eine „soziale Republik“ oder „Sozialdemokratie“, d.h. eine Demokratie, die den Bedürfnissen der Gesellschaft als Ganzes angemessen ist.

Für die Sozialisten dieser Zeit demonstrierten die 1840er Krise und die Revolutionen 1848 die Notwendigkeit und Möglichkeit, über den Kapitalismus hinauszukommen.

Gegen Ende des Jahres 1847 – im Vorfeld der am Horizont aufgehenden Revolutionen – wurden zwei junge Boheme-Intellektuelle, Karl Marx und Friedrich Engels, vom Bund der Kommunisten dazu aufgefordert, ein Manifest zu schreiben. Das Kommunistische Manifest wurde kurz vor den Revolutionen 1848 veröffentlicht und war eine Bestandsaufnahme des widersprüchlichen und paradoxen Zustands der modernen Gesellschaft im Kapitalismus, ihrer radikalen Möglichkeiten auf der einen und ihrer selbstzerstörerischen Tendenzen auf der anderen Seite.

Alphonse de Lamartine (Bildmitte, mit erhobenem Arm) verwehrt am 25. Februar 1848 Sozialrevolutionären mit der roten Fahne das Eindringen ins Pariser Rathaus (Ölgemälde von Henri Felix Emmanuel Philippoteaux)

Für Marx und Engels, als gute Anhänger der hegelschen Dialektik der Geschichte, war das Phänomen des Widerspruchs die Erscheinung von Möglichkeit und Notwendigkeit für Veränderung.

Marx und Engels konnten sich der offensichtlichen, manifesten Krise moderner Gesellschaft und ihrem Ruf nach radikaler Veränderung sicher sein. Sie waren nicht die Erfinder des Sozialismus (oder des Kommunismus), sondern versuchten vielmehr, die historischen Erfahrungen im Kampf für den Sozialismus zu bündeln. Sie wollten den Arbeitern nicht ihr Interesse an der Überwindung des Kapitalismus aufdrücken, sondern zu einer Klärung dieses geschichtlichen Moments, der Krise der bürgerlichen Gesellschaft, beitragen und damit ein Bewusstsein über ihre Situation ermöglichen.

Was Marx und Engels herausfanden und was sie vielleicht von anderen Sozialisten unterscheidet, war ihre Erkenntnis, dass der Charakter der modernen, post-industriellen revolutionären Arbeiterklasse einzigartig war. Was die moderne Arbeiterklasse oder das Industrieproletariat besonders machte, war, dass sie der Massenarbeitslosigkeit ausgesetzt war. Marx und Engels verstanden Arbeitslosigkeit nicht als vorübergehendes und zufälliges Phänomen, das auf Grund von Marktschwankungen oder technischem Fortschritt Arbeitsplätze überflüssig machte. Sondern vielmehr erkannten sie sie als ein permanentes Element moderner Gesellschaft nach der Industriellen Revolution, in welcher es einen ständigen Konflikt zwischen dem Wert des Kapitals und dem Wert der Arbeitslöhne gibt. Im Gegensatz zur präindustriellen Ära von Adam Smith, in der höhere Löhne und niedrigere Profite die Produktivität der Gesellschaft als Ganzes erhöht haben, war die Situation nach der Industriellen Revolution eine andere. Höhere Produktivität war nicht mehr durch eine höhere Effizienz der Arbeiter bedingt, sondern durch eine höhere Effizienz von Maschinen. Diese hätten, so Max Horkheimer, Direktor des marxistischen Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, „anstatt der Arbeit die Arbeiter überflüssig gemacht.“

Auf globaler Ebene sorgte Produktivität also nicht für einen Zuwachs von Beschäftigung und Wohlstand, sondern von Arbeitslosigkeit und Verelendung. Der Kapitalismus zerstörte traditionelle Lebensweisen (wie zum Beispiel das Bauerntum), ohne aber gleichzeitig bedeutsame produktive Beschäftigung und damit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu gewährleisten – wie es sich die Revolte des Dritten Standes ursprünglich vorgestellt hatte und es in der bürgerlichen Revolution gegen die Hierarchie des ancien régime versprochen wurde. Das Versprechen der modernen Stadt wird durch das weltweite Wuchern von Slums verspottet. Die alte Welt wurde zerstört, aber die neue ist kaum besser. Das Versprechen der Freiheit wird grausam ausgeschlachtet, aber seine Hoffnung zerschlagen.

Marxisten waren die ersten, die die Natur und den Charakter der Widersprüchlichkeit dieser modernen Gesellschaft erkannt haben – und sind immer noch die beständigsten darin.

Der Unterschied zwischen Marx‘ Zeiten und unseren liegt nicht im wesentlichen Problem der Gesellschaft – seiner widersprüchlichen Wertform zwischen Arbeitslohn und Kapital –, sondern vielmehr in den sozialen und politischen Konflikten, welche nicht mehr, wie zu Marx’ Zeiten, die Form des „Klassenkampfs“ zwischen Arbeitern und Kapitalisten annehmen. „Klasse“ wurde zu einer passiven, objektiven Kategorie, anstatt eine aktive, subjektive wie sie es zu Marx‘ Zeiten und der Zeit des historischen Marxismus war. Was Marxisten einmal mit „Klassenbewusstsein“ meinten, gibt es nicht mehr.

Das verleiht der Erfahrung von „Klasse“ heutzutage eine gewisse Melancholie. Sowohl Privileg als auch Benachteiligung erscheinen als willkürlich und zufällig; unabhängig von der Wertung sozialer Rollen in der Gesellschaft, nur von Glück, gutem oder schlechtem Schicksal abhängig. Es scheint unmöglich, Politik aus einem Klassenstandpunkt heraus abzuleiten – also nimmt andere Politik ihren Platz ein. Kultur-, ethnische und religiöse Konflikte ersetzen den Kampf um den Kapitalismus. Verarmte Arbeiter greifen nicht die Ordnungen an, deren Privilegien extrem fragwürdig sind, sondern lieber sich gegenseitig in gemeinschaftlichem Hass. Das Bewusstsein über die allgemeine Klassensituation scheint komplett verdunkelt und ausgelöscht zu sein.

Heutzutage haben wir nicht, wie Marx vorhersah, Arbeiter vor uns, die nichts zu verlieren haben als ihre Ketten, sondern arbeitslose Massen, die ihre Ketten als Waffen gegeneinander verwenden. Währenddessen, im Hintergrund, allem zugrunde liegend und alles übergreifend, lebt der Kapitalismus fort – aber es wird nicht mehr erkannt. Dies wiederum ist nicht überraschend, da eine angemessene Erkenntnis des Problems nur durch eine praktische Auseinandersetzung mit ihm möglich wäre. Die Frage ist: Warum scheint genau das nicht mehr erstrebenswert? Warum haben Menschen aufgehört, für den Sozialismus zu kämpfen?

Wir hören, dass wir mitten in einer sich vertiefenden ökonomischen und sozialen Krise sind, die größte seit der Großen Depression des frühen 20. Jahrhunderts. Aber gleichzeitig sehen wir keine politische Krise in derselben Größenordnung. Es ist nicht wie damals in den 1930ern, als Kommunismus und Faschismus den Kapitalismus von Links und Rechts herausforderten und derart zu massiven Sozialreformen und politischen Veränderungen beitrugen.

Der Grund dafür liegt in der Entzauberung der Idee des Sozialismus – der Idee einer Gesellschaft, die wahrhaftig zu sich selbst ist. Damit ist auch der Klassenkampf der Arbeiter gegen die Kapitalisten erloschen, der das Versprechen der Freiheit verwirklichen sollte. Er wurde ersetzt von konkurrierenden Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit, die ihre Ideen aus altertümlichen Werten schöpfen. Aber da sich die Ursprünge solcher altertümlichen Werte, zum Beispiel Religionen, in einem Konflikt befinden, kann der Kampf um Gerechtigkeit nicht auf eine Veränderung der Gesellschaft als Ganzes hinwirken. Stattdessen bewirkt er vielmehr seine eigene Degeneration in konkurrierende Werte unterschiedlicher „Kulturen“. In den USA scheint es heutzutage mehr darum zu gehen, wer in einem „roten oder blauen Staat“ lebt, welche „Rasse, Sexualität und Geschlecht“ man hat, als darum, ob man ein Arbeiter oder ein Kapitalist ist – was immer das auch heißen mag. Kulturelle Zugehörigkeit scheint mehr Gewicht zu haben als sozioökonomische Interessen, da letztere untergehen. Menschen klammern sich an ihre Ketten, an dem einzigen, was sie kennen. |P

Chris Cutrone ist Mitglied der Platypus Affiliated Society. Sein Artikel erschien ursprünglich in der englischen PR #51, Novemberausgabe 2012. Sein Artikel wurde von Hannah Schroeder ins Deutsche übersetzt.

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