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Podiumsdiskussion: 1917 - 2017

Zum 100. Jubiläum der Russischen Revolution von 1917 veranstaltete Platypus am 03. November 2017 eine Podiumsdiskussion in Frankfurt mit Frank Ruda (Philosoph), Lars Quadfasel (Hamburger Studienbibliothek), Anton Stortchilov (Die LINKE) und Rafael Rehm (Der Funke). Es folgt ein editiertes und gekürztes Transkript der Veranstaltung.

Die Platypus Review Ausgabe #7 Januar 2018


Eingangsstatements

Frank Ruda:

2017 hat man sich an einiges zu erinnern und, wie immer, vergisst man vieles dabei. Vor fünfhundert Jahren soll Martin Luther symbolträchtig seine Thesen buchstäblich an die Tür der Wittenberger Schlosskirche gehämmert haben (ich habe gestern gelernt, das sei falsch). Vor 50 Jahren starb nicht nur Che Guevara, sondern es trug sich auch eine der wohl entscheidendsten Episoden der Chinesischen Kulturrevolution zu, die Kommune von Shanghai – eine ziemlich einzigartige Allianz zwischen Arbeitern und der revolutionären Bewegung der Roten Garden, die ein reichlich blutiges Ende nahm. Und vor 100 Jahren fand die Russische Revolution statt. So sehr das Jubiläum der Reformation Anlass zahlreicher Festivitäten bot, so selten spielen bei diesen die politischen Komplikationen der Reformation – man denke etwa an Luthers spätere Verdammung der revolutionären Bauernbewegung mit Münzer usw. – eine Rolle; wird überhaupt der Shanghaier Kommune gedacht, so zumeist nur als einem weiteren und weit entfernten dunklen Kapitel der Chinesischen Kulturrevolution, über die das Urteil letztlich immer schon gesprochen ist.

Wie steht es aber um das Jubiläum der Russischen Revolution? Zahlreiche Bücher sind erschienen, ihre Verläufe scheinen einigermaßen bekannt und noch mehr gilt das wohl für ihre politischen, sozialen und ökonomischen Probleme und geschichtlichen Auswirkungen. Obgleich heute seltener Vergleiche von Stalin und Hitler angeführt werden, um jede Reflexion auf das Jahr 1917 und seine Folgen bereits im Keim zu ersticken, wirft Stalin (und zwar ganz unabhängig von Hitler) seinen dunklen Schatten zurück auf die Jahre und geschichtlichen Ereignisse, die seinen Weg an die Macht bereiteten. Die Russische Revolution, so das Urteil, bereitete eine Diktatur, einen totalitären Staat vor. Der Schatten Stalins bezieht seine Reichweite und spezifische Dunkelheit gerade aus der Verbindung der Revolution mit den Begriffen der „Diktatur“ und des „Totalitarismus“. Deswegen kann man sie und muss man sie sogar zu einem Studienobjekt machen und analysieren, wo und wie bereits in ihren Anfängen – etwa in Lenins Versuch, die gescheiterte Revolution 1905 in eine siegreiche und die politische Macht übernehmende zu transformieren oder in seiner Deutung der praktischen Lehren der Pariser Kommune von 1871, dieser „endlich entdeckten politischen Form“ (Marx) – ihr totalitärer und diktatorischer Schrecken bereits angelegt war. Denn, wie heute jedes Kind wissen soll, die politische Diktatur ist eine Ausdrucksform des „Totalitarismus“, den es – und das ist die entscheidende Lehre des 20. Jahrhunderts – zu vermeiden gilt.

2017 erinnert man sich allerorten an die Russische Revolution – in Universitäten, außeruniversitären Kolloquien, in Museen, Zeitungen und auch Theatern. Man erinnert sich an sie als einem diktatorischen und totalitären Fehler, den man in einer Zeit begehen konnte, in der nicht nur ein großer Teil der Bevölkerung mit ihren Lebensbedingungen unzufrieden war – denn das gilt heute augenscheinlich nicht minder –, sondern in der man zudem noch glauben konnte, dass es anders, grundlegend anders geht. Die Lehre, die man so aus der Russischen Revolution zieht, lautet, dass es nur dann anders geht, wenn man vermeidet, es ganz anders zu machen. Wie André Glucksmann, der französische „neue Philosoph“ einmal pointiert argumentiert hat, indem er die reichlich schreckliche „Verteidigung der offenen Gesellschaft“ (Popper) um noch eine Drehung erweiterte, sei die Lehre der Geschichte: Sobald man das allgemein Gute will, führt dies immer zum allgemein Bösen und zu einer Verallgemeinerung von Gräueltaten, sodass das eigentlich Gute darin besteht, zu vermeiden, das Gute für alle zu wollen. Es ist also gerade Lenins Universalismus, der in der Russischen Revolution eine Rolle spielt – der Gedanke, das Leben aller „gut“ zu machen –, der so zum Wegbereiter des diktatorischen Totalitarismus erklärt wird. Davon zeugt dann noch Lenins Überzeugung, auch kleine, alltägliche Dinge – im Sinne einer Kulturrevolution avant la lettre – nur dann ändern zu können, wenn man die gesamte Organisation der Gesellschaft und letztlich aller Gesellschaften ändert, sowie sein Glaube daran, dass sich Menschen daran gewöhnen können, in ganz anderer und neuer Weise zusammen zu leben und dieses Leben gemeinsam gestalten wollen werden. Man erinnert sich gern an 1917 als einer Zeit, in der man solche Dinge noch glauben konnte. Aber dies ist passé. Man kann ihrer nur gedenken, und die Erinnerung sagt uns eindringlich, dass und wieso ihre Zeit – die Zeit der Revolution – unwiederbringlich vorüber ist.

Ein kurzer Blick in Lenins Werk scheint diese Sachlage zu bestätigen und noch zu verschlimmern. Nicht nur verteidigt er immerzu die Bewaffnung der gesamten Bevölkerung und spricht sich daher für einen allgemeinen, geschlechterübergreifender Wehrdienst aller, von 15 bis 65 Jahren (eine Position, die für jeden „Pazifisten“ intolerabel scheinen muss) und für die vielzitierte „Diktatur des Proletariats“ (die nicht nur Diktatur, sondern überdies entscheidender Orientierungspunkt kollektiven Handelns sein soll) aus, sondern er legitimiert noch die Anwendung der Höchststrafe für Wirtschaftsbetrüger (was nicht nur die stalinistischen Schauprozesse zu antizipieren scheint, sondern schon deswegen unmöglich, weil ökonomische Verbrechen kaum länger als Kapitalverbrechen gelten; in Deutschland zeugte davon zuletzt die Causa Uli Hoeneß). Zugleich kehren aber heute, wie beständig lamentiert wird, Elemente dessen wieder, was man für unwiederbringlich vergangen halten möchte – und zwar in der Form politischer Symptome. Es gibt eine Wiederkehr und Wiedergänger des Vergangenen, die dieses plötzlich eigentümlich gegenwärtig erscheinen lassen: Nicht nur ist man sich einig, dass der „Populismus“, ein Ausdruck sozialer und politischer Ausgrenzung angesichts einer globalisierten Wirtschaft, deswegen problematisch ist, weil er den Menschen suggeriert, die Dinge seien letztlich doch einfacher (zu verstehen und zu verändern) als allgemein behauptet wird; nicht nur treten immer wieder nicht-demokratisch legitimierte Organe in gegenwärtigen Demokratien als eigentliche Entscheidungsinstanzen zu Tage (man erinnere sich an die Allianz aus Merkel, Obama und anderen, die die Welt vor dem wirtschaftlichen Kollaps „retten mussten“), die Anzeichen einer „Diktatur der Bourgeoisie“ (Lenin) zu sein scheinen, die jeder expliziten Zurückweisung der Diktatur eigentümlich entgegensteht. Überdies ist das Alltagsleben wohl der meisten Bewohner der westlichen Welt durch eine Überbürokratisierung bestimmt – einen „Markt-Stalinismus“ (Mark Fisher) –, die eigentlich mit Stalin von deren Bildfläche hätte verschwinden sollen.

Was tun – angesichts dieser Situation? Freud hat nicht vor 100, sondern vor 103 Jahren einen Text unter dem Titel „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“ veröffentlicht. Dieser rekonstruiert die Entwicklungsgeschichte der Psychoanalyse: von ihren Anfangsjahren und dem Versuch, Patienten durch Hypnose von ihren Symptomen zu kurieren, zu ihrer mittleren Phase und dem Projekt, ihnen durch Aufhebung der Widerstände Zugang zu den durch diese verdeckten Erlebnissen zu ermöglichen, zu ihrer für Freud letzten Phase, in der es nicht länger um die Wiederherstellung verdrängter Erfahrungen geht, sondern allein um die Analyse der Verfasstheit und Erscheinungsform der Widerstände. Freud argumentiert, dass Analysanden sich immer an bestimmte Dinge erinnern können, aber wiederholen, was sie nicht erinnern können (indem sie etwa den Analytiker behandeln als sei dieser ihr Vater). Wiederholung ist unbewusste Erinnerung von Nichtverarbeitetem. Um nun deren Ökonomie zu durchbrechen, genügt es nicht, sich zu erinnern – das geht nämlich auch nicht –, sondern es bedarf des „Durcharbeitens“. Dieses betrifft überraschenderweise nun nicht bloß den Analysanden, sondern zugleich den Analytiker, der etwa annimmt, dass eine angemessene Deutung den Analysanden von seinen Symptomen kurieren müsste und selbst nicht erinnert, dass der Analysand der Einzige ist, der weiß – auch wenn er nicht weiß, dass er es weiß –, warum er wiederholt. In der „gemeinsamen Arbeit“ (Freud) zwischen Analytiker und Analysand wird so ein Punkt erreicht, an dem letzterer – der, das sollte man nicht vergessen, freiwillig in der Analyse ist – sich wieder vom Analytiker freizumachen vermag. Indem er einsieht, dass nur er allein eine Deutung und Veränderung seines Verhaltens, seiner Wünsche und seiner Widerstände bewirken kann. Mir scheint das Freud‘sche Begriffsgerüst auch für das gegenwärtige Verhältnis zur Russischen Revolution instruktiv zu sein. Wendet man es an, würde ein erster notwendiger Schritt dann nicht nur darin bestehen, ernst zu nehmen, dass die Russische Revolution grausam gescheitert ist, sondern dieses Scheitern als eigenes Scheitern zu begreifen. Als eines, das im eminenten Sinne uns – alle, die sich für politische Emanzipation interessieren und dies nicht aufgeben wollen – betrifft. Es würde dann bedeuten, den Zusammenhang unwillkürlicher Wiederholungen und distanzierendem Andenken an die Russische Revolution zu durchbrechen und mit dem politischen Durcharbeiten zu beginnen. Das scheint mir eine der Vorbedingungen für eine freiwillige Wiederholung derselben.

Rafael Rehm:

Ich möchte Trotzkis Position zu 1917 vorstellen. 1917 und auch danach gab es keine homogene Bewegung, sondern verschiedene Strömungen. Vorab sei angemerkt, dass schon der Begriff „trotzkistisch“ eine Zuschreibung der Gegnerschaft in der Sowjetunion war. Genauso wie auch später im antisemitischen Diskurs in der Sowjetunion wurde dieser Begriff erst gegen Trotzki und seine Anhänger salonfähig gemacht. Es gibt plausible Gründe anzunehmen, dass Trotzkis Theorie der permanenten Revolution als Narrativ für dieses Ereignis 1917 in gewisser Weise bestätigt.

Es gibt zwei Grundpositionen, mit denen oft argumentiert wird. Die erste ist die zu sagen, 1917 hätten ein paar Barbaren die marxistische Theorie benutzt, um ein totalitäres Regime zu installieren – eine Position, die bis Putin reicht. Diese Lesart versteht 1917 und die Russische Revolution lediglich als die Installation einer Schreckensherrschaft. Auf der anderen Seite gibt es immer noch die Leute, die behaupten, die Russische Revolution habe in ihrem späteren Verlauf tatsächlich zum Sozialismus geführt. Im Januar 1933 wurde auf dem Plenum der KPdSU durch die Führung festgesetzt, dass man offiziell im Sozialismus angelangt sei. Wer diese Position vertritt, hat selbstverständlich Probleme, weil uns heutzutage klar sein sollte, dass es unheimlich viele Widersprüche in der Sowjetunion gegeben hat; volle Arbeitslager und die Vernichtung von Oppositionellen. Gegen diese zwei Positionen erscheint mir Trotzkis Theorie die vernünftigste.

Es ist erwiesen, dass das Proletariat in Russland eine marginale Gruppe war. Trotzki ist sich dieser Tatsache immer bewusst gewesen: Er hat nie gesagt, dass die Massen Arbeitermassen waren. Ihm ging es nicht um eine Proletarisierung der Gesellschaft, die dann erst reif für den Sozialismus wird, sondern die Reife in Bezug auf das Wachstum des Proletariats stand für Trotzki immer in Relation dazu, ob es in der Lage war, die Macht zu ergreifen. Das Proletariat hat unter seiner Führung, d.h. unter den Bolschewiki, insofern die Macht ergriffen, als es die Bauern mobilisieren konnte und die Fragen angegangen ist, die die Sozialrevolutionäre nicht gelöst haben. Die Sozialrevolutionäre hatten einen unheimlichen Zuwachs, auch weil sie den Bauern versprochen hatten, die Agrarfrage zu lösen. Diese Agrarfrage wurde allerdings nicht gelöst, und ebenso wenig wurde Frieden geschaffen, was in der Übergangsphase von Februar bis Oktober 1917 ganz klar zum Vorschein kam. Man kann also nicht sagen, dass die Bolschewiki hinter dem Rücken und gegen den Willen des Volkes der Macht habhaft geworden wären – im Gegenteil, sie haben die Macht im Sinne der Bevölkerung ergriffen, weil sie die Aufgaben, die die Bevölkerung gelöst haben wollte, angegangen sind.

1917 ist nicht als einmaliges Ereignis in der Geschichte zu diskutieren, sondern als eines mit einer Nachwirkungsgeschichte und als ein Kampf der Diskurse. Trotzki nimmt schon früh, also ab dem Jahr 1906, in seiner Schrift „Ergebnisse und Perspektiven“ seinen Kampf gegen den sogenannten Vulgärökonomismus auf.i Dieser tritt historisch gesehen in drei Formen auf: Einmal in der Sozialdemokratie, ab der Spaltung der Dritten Internationale, und zweitens in der Theorie der Menschewiki. Dieses vulgärökonomistische Paradigma wird, drittens, fortgesetzt auf der Ebene der Theorie des „Sozialismus in einem Lande“, die sich Mitte der 1920er Jahre in der Führung der KPdSU entwickelt. Dazu hat Trotzki uns ein sehr interessantes und wesentliches Zitat hinterlassen: „Die Epigonen“ – damit meint Trotzki diejenigen Leute in der KPdSU, die diese Theorie verfechten – „machen eine mechanische Trennung zwischen der demokratischen Diktatur und der sozialistischen. Sie trennen die nationale sozialistische Revolution von der internationalen. Die Eroberung der Macht im nationalen Rahmen betrachten sie im Wesentlichen nicht als den Anfangsakt, sondern als den Schlussakt der Revolution. Danach folgt die Periode der Reformen, die zur nationalen sozialistischen Gesellschaft führt.“ii

Als die Theorie des „Sozialismus in einem Land“ nach dem Bürgerkrieg aufkommt, einigt man sich, ihn aufzubauen. Das zentrale Argument dabei ist, dass man die Revolution aufgrund der Isolation nicht weiter vorantreiben könne. Genau an diesem Punkt zeigt sich wieder das vulgärökonomistische Argument, die Linie der KPdSU: aufgrund der Entwicklung der Ökonomie könne man die Revolution nicht weitertreiben. Trotzki, der die Totalität der krisenhaften Ökonomie des Kapitalismus betrachtet, vertritt dagegen die Position, dass das Problem der Führung nicht ist, dass die Ökonomie ihr etwas nicht zugesteht, sondern dass sie Möglichkeiten ausgelassen hat. Bei Trotzki verlagert sich also etwas von der ökonomischen in die politische Sphäre. Man kann sagen, dass Trotzki in diesem Kontext der erste ist, der darauf aufmerksam macht, wie Marxismus selbst zur Ideologie werden kann – zur Ideologie, die die sogenannten Klassenwidersprüche verdeckt. Verdeckt in dem Sinne, dass es nicht so gedacht ist, sich zum Beispiel durch die Erschießung von Priestern Widersprüchen zu entledigen. Widersprüchen kann sich eben nur durch die Entwicklung der Ökonomie entledigt werden.

Michael Löwy gibt uns einen wichtigen Hinweis, der Trotzki richtig einordnet. Die Russische Revolution hat auf der Ebene der Ökonomie einen Fortschritt der Installation der planwirtschaftlichen Elemente und der Verstaatlichung der Produktionsmittel hervorgebracht. Auch auf der politischen Ebene hat es diese Fortschritte teilweise gegeben. Aber sie sind von Trotzki nie mit Sozialismus identifiziert, sondern als Anfang der Weltrevolution verstanden worden. Doch die Führung der KPdSU wollte ihre Privilegien sichern und hat dadurch bewusst Möglichkeiten ausgelassen.

Ein neues Paradigma ist notwendig, in dem der Marxismus als wissenschaftlicher Sozialismus fortleben kann: 1917 als ein Moment, in dem mit der Geschichte der Unterdrückung gebrochen wird. Dieser Moment führt zu einer nächsten Bedingung der Möglichkeit: zu einer Übernahme des Staatsapparates, die letzten Endes gescheitert ist, weshalb die Geschichte von einer Unentschiedenheit geprägt ist. Diese Unentschiedenheit gibt uns einen historischen Auftrag, der darin liegt, das Bewusstsein wieder dafür zu schaffen, dass wir diese Niederlagen nicht einfach auf die Ökonomie zurückzuführen haben oder, wie poststrukturalistische Analysen sagen, auf die inhärente Ordnung von Revolution, die angeblich immer zum Scheitern führe. Das ist ein anderer Determinismus, der jenem ähnlich ist, dass man notwendig durch die Ökonomie in den Sozialismus gelangt. Trotzki vertritt die Mittelposition, die 1917 in diesem Möglichkeitsfeld verortet. Insofern gibt es doch noch eine Aktualität von 1917 im Modus der Möglichkeit.

Anton Stortchilov:

Ich möchte einige Überlegungen dazu anstellen, was man als Anhänger oder Funktionär der Linkspartei von Lenin und den Ereignissen im Oktober 1917 heute noch lernen kann. Wer irgendwann einmal beschlossen hatte, ein Revolutionär zu werden, kann nicht umhin, Lenin um seine großartigen Arbeitsbedingungen zu beneiden. Nicht nur, dass er als Landadeliger kaum eine persönliche Notwendigkeit darin sah, der Lohnarbeit nachzugehen. Er musste auch keine Räume bei der Universitätsverwaltung buchen, keine Flugblätter vor Fabriktoren verteilen, keine Büchertische aufstellen, keine Kader anwerben. Die künftigen Kader kauften sich seine Zeitungen und Bücher einfach und lasen sie. Wenn sie, wie Trotzki, erstmal nicht überzeugt waren, oder, wie Dserschinski, zunächst weiterhin den regionalen linken Strukturen angehören wollten, war es auch nicht schlimm: Als die Frage aufkam, ob man jetzt die Revolution unterstützt oder sich auf die Zuschauertribüne setzt, kamen die Kader von selbst. Die Partei hatte zahlreiche brillante Theoretiker in ihren Reihen und wusste öffentlich zu streiten, dabei aber in der Hauptsache eine eiserne Disziplin zu wahren. Das für die Parteiarbeit benötigte Geld wurde von Genossen aufgebracht, die eben an die Notwendigkeit der Revolution in der allernächsten Zeit glaubten.

Auch die Massen kamen von selbst. Die Massen wissen eigentlich schon, was sie wollen, und 1917 wollten sie Brot und Frieden. Die Bauern wollten eine Landreform, die Arbeiter wollten anständig leben. Vor allem letztere waren oft der Meinung, dass der Sozialismus dazu beitragen könnte, dass sie anständig leben würden. Als der Zar das nicht liefern wollte, vertrieben sie den Zaren. Die provisorischen Regierungen von Miljukow und Kerenski konnten das auch nicht liefern, und die Massen vertrieben – unter den Bannern der Bolschewiki – auch sie. Als die in der Konstituante dominierenden Parteien – also die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre – den Krieg als genauso alternativlos erklärten wie alle Parteien vor ihnen, hat Lenin sie im Namen der Massen fortgeschickt. Ob das die Mehrheit so wollte, kann man gar nicht sagen – Frieden wollte sie. Indessen ist fraglich, inwieweit alles Spätere noch ein Mandat der Massen notwendig gehabt haben muss. Jedenfalls waren die Bauern von Tambow oder die Arbeiter von Ischewsk eher bereit, im Namen der kleinbürgerlichen Parteien Waffen gegen die Bolschewiki zu ergreifen.

Bei den Kriegen von heute wird die deutsche Arbeiterklasse nicht so heftig von Granaten traktiert. Die Bauern wollen Agrarsubventionen und bessere Preise bei den Discountern. Die von den Volksparteien abwechselnd angebotene alternativlose Politik verdrießt die Massen zwar schon, aber lange nicht in dem Maße, in dem sie ernstlich erwägen würden, zu den Waffen zu greifen. Überhaupt neigen vornehmlich junge Länder zu Revolutionen – solche, wo viele junge Menschen beim Heranwachsen merken, dass sie gar keine Perspektive im Leben haben. Wenn man hingegen als Einzelkind von den beiden Großelternpaaren (von anderen Vermögenswerten gänzlich abgesehen) einfach jeweils ein Haus zu erben gedenkt, in dem einen wohnen will, das andere für eine Million verkaufen kann, hat man eine Perspektive. Diese Menschen haben kein Interesse an einer Vermögensabgabe. Sie interessieren sich nur mäßig für einen Mindestlohn – dadurch, dass Arbeit teurer wird, wird ihr Besitz weniger wert. Sie wollen Zinsen und gute Anlagemöglichkeiten und werden alle bis in den Tod bekämpfen, die ihnen ihre „bürgerliche Existenz“ streitig machen wollen.

Wen nimmt da wunder, dass auch das korrekte Befolgen von Lenins Erfolgsrezept in Deutschland keinen Erfolg verspricht – weder heute noch im Rest des 20. Jahrhunderts, und auch nicht auf absehbare Zukunft? Freilich, das stört niemanden daran, es zu versuchen. Mit einer sozialistischen Weltmacht im Rücken konnte man als DKP recht entspannt Strukturen aufbauen, die hilfreich sein könnten, falls der Kalender wieder 1917 anzeigt. Die Maoisten haben kraft finanzieller Auspressung der eigenen Mitglieder erst dieses Jahr einen Wahlkampf hingelegt, in dem sie halb Deutschland zuplakatiert haben. Die trotzkistischen Internationalen konnten bequem die jeweiligen sozialdemokratischen Parteien ihrer Länder infiltrieren und dort auf sozialistischen Seelenfang gehen. Manche von ihnen sitzen mithilfe der Liste der Linkspartei im Bundestag.

Die Linkspartei hingegen selbst ist keine Partei nach Lenins Rezept. Ihre Führungsspitze hat – trotz verbreiteter Doktorwürden – keine Bücher verfasst, die an der gesellschaftlichen Relevanz der Werke Lenins, Bucharins, Trotzkis in ihrer Zeit auch nur kratzen könnten. Das Programm ist keine Kampfansage im Sinne der Aprilthesen, sondern neben viel Trade-Unionismus vornehmlich ein Bekenntnis zu einem „demokratischen Sozialismus“iii diffuser Art, den kein Menschewik anstößig gefunden hätte. Sie kann und soll auch keine leninistische Partei sein, oder sich zu einer entwickeln. Und das ist auch nicht schlimm. Wenn ich alles völlig falsch analysiere und die Massen irgendwann plötzlich doch wieder eine revolutionäre Perspektive suchen, werden sie sich halt von der Linkspartei abwenden – sie ist kein Wert an sich – und den sich rechtzeitig in unversöhnliche Abspaltung begebenen Genossen von der IMT folgen. Was die Linkspartei in der gegenwärtigen Situation hingegen tun kann, ist die Minderheit nach besten Kräften unterstützen und vertreten, die weder Aussicht auf eine Erbschaft noch auf einen „Existenzaufbau“ über Lohnarbeit hat. Die 20% im Niedriglohnsektor. Die Migranten, Geflüchteten, Diskriminierten. Und sie kann und sollte gegen die Neue Rechte kämpfen, denn eine weitere Lehre aus dem 20. Jahrhundert ist, dass Faschismus – von Mussolinis Italien über Pinochets Chile bis in den Iran des Ayatollah – nicht etwa die Klassengegensätze auf die Spitze treibt, sondern jede linke Theorie und Praxis recht erfolgreich unterbindet.

Was aber kann die Linke nun von Lenin lernen? Auch wenn uns Lenins Weg zur Revolution erst einmal verbaut ist, ist seine Kritik etwa der auf parlamentarische Reformen bedachten Linken ja zutreffend. Wie Wolfgang Pohrt in einem schlechten Buch zutreffend schrieb: „Von solchen katastrophalen Pleiten, wie 1914 eine war, erholt sich keiner mehr.“ Die andere Erkenntnis des Oktobers ergibt sich aus der Praxis der Bolschewiki: das rote Arcanum Imperii lautet, dass die Massen nicht auf Dauer das wollen werden, was man selbst als Kommunist gut und richtig findet und was für alle allgemein sinnvoll ist; dass man also statt „alle Macht den Räten“ zu übergeben, die Macht den Kommunisten übergeben musste, um auch nur den Versuch zu unternehmen, den Sozialismus aufzubauen. Für die Linkspartei folgt daraus freilich nicht, dass sie für eine hemmungslose Erziehungsdiktatur Partei ergreifen müsste, sondern dass sie schlichtweg keine revolutionäre Perspektive hat. Ihr ganzer Sinn besteht darin, eine legale Partei zu sein, parlamentarische Bühnen zu nutzen, dem Autoritarismus im Weg zu stehen und die Entwicklung und die Bedingungen für linke Theorie und Praxis mithilfe der zur Verfügung stehenden parlamentarischen Mittel aufrechtzuerhalten und vielleicht sogar zu verbessern.

Lars Quadfasel:

100 Jahre Oktoberrevolution – das hat immer etwas leicht Museales, einen pflichtbewussten Festaktcharakter. Der Gegenstand schlägt sich selbst, ist Vergangenheit. Alles, was von ihm geblieben ist, sind Putin und die Gazprom. Und dasjenige, was versucht, es wieder neu zu inszenieren, als „Roter Aufbau Waterkant“ o.ä., ist Kulturindustrie und Lifestyle. Damit sind auch die leidenschaftlichen Debatten erledigt, die einmal mit diesem Gegenstand verbunden waren: Trotzkisten gegen Stalinisten, Maoisten gegen Moskautreue, Anarchisten gegen Marxisten. Niemand muss sich mehr schützend vor die Sowjetunion stellen und noch den größten Blödsinn verteidigen. Niemand muss wegen seiner Verbeamtung höllisch aufpassen, nur nicht in den Geruch zu kommen, es mit dem realexistierenden Sozialismus zu halten, denn selbst der gute alte Antikommunismus will nicht mehr so recht zünden. Heutige Veröffentlichungen triefen nicht mehr vor Geifer und Verachtung, sondern haben eher den Charakter einer Freakshow: „Schaut mal Kinder, was es da Bizarres gegeben hat. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.“

Unter diesen Bedingungen scheint es eigentlich am naheliegendsten, sich dem Gegenstand gegenüber historiographisch zu verhalten, also sine ira et studio, ohne Zorn und Eifer, ganz wissenschaftlich-nüchtern die Entwicklung nachzuzeichnen und geschichtlich einzuordnen. Ist es nun eher eine Modernisierungsdiktatur gewesen, oder der Ausfluss einer spezifisch russisch-eschatologischen Tradition, oder einfach eine psychotische Reaktion auf den Ersten Weltkrieg und die darauffolgende Verzweiflung? Andernfalls müsste man eben ausweisen, was es ist, das daran überhaupt noch aktuell ist. Was es ist, das untergründig eben doch bis heute nachwirkt. Was in einem gewissen Sinne geschichtlich daran unabgegolten ist. Ein Stachel, den man nicht loswird.

Dass es sowas gibt, um ausnahmsweise einmal biographisch zu reden, ist durchaus nicht evident. Meine politische Sozialisation fiel zumindest in eine Zeit, in der die Erfahrung der Sowjetunion und des realexistierenden Sozialismus aus einer einzigen großen Tristesse bestand. Dieser Tristesse folgte dann der wenig ruhmreiche Abtritt zugunsten völkischer Banden. Für mich war es daher als Perspektive erstmal ziemlich befreiend, wie z.B. Robert Kurz einfach zu sagen, dass dies alles warenproduzierende Moderne – ob West oder Ost – sei, und wenn die eine Hälfte weg ist, so wird die andere schon bald folgen.

Es brauchte einige Zeit, um festzustellen, dass es vielleicht so einfach dann doch nicht ist. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, was es denn eigentlich war, wo ich dann dachte, dass doch irgendetwas Überschießendes an dieser Oktoberrevolution dran war. Nämlich, im Sinne eines guten Bürgerkindes, eine künstlerische Erfahrung: die Tatsache, dass sich in den 1920er Jahren Architekten Gedanken darüber gemacht haben, wie man Wohnungen bauen kann, die man hin und her verschieben und immer wieder zu neuen Konstellation zusammenbasteln kann, damit die Leute nicht immer am gleichen Ort wohnen. Das fand ich beeindruckend und stellte dann fest, dass ein Ereignis, welches diese Art von Fantasie entzündet hat, nicht ganz ohne geschichtlichen Wert sein kann.

So angefangen, versuchte ich mir diesen Stein im Schuh zu erarbeiten und mich damit herumzuschlagen, was es mit diesem merkwürdigen Roten Oktober auf sich hat. Man könnte sagen: „Gut, dass die Bolschewiki die Revolution gemacht haben, blöd, dass sie sie nicht besser gemacht haben“ – was unbestreitbar wahr, aber zu salomonisch ist. Vielleicht besteht die Wahrheit genau darin, diese beiden gegensätzlichen Gedanken zugleich zu denken und festzuhalten: dass die Oktoberrevolution ein Geschichtszeichen im Kant‘schen Sinne war (etwas, das Kant über die Französische Revolution gesagt hat). Ein Ereignis also, das, obgleich sich materiell gar nicht so viel ändert oder das, was sich geändert hat, auch spurlos wieder verschwinden kann, doch trotzdem danach alles anders ist, weil die Idee nun einmal in der Welt ist, dass die Verdammten dieser Erde sich tatsächlich gegen ihre Unterdrücker erheben können.

Dieses Zeichen, dass dies eine reale Drohung ist, haben die Unterdrücker verstanden, und zum Teil bis heute besser als die Unterdrückten. Ein Geschichtszeichen also einerseits und andererseits ebenso ein Trauma: nämlich die Erfahrung, dass gerade der lauteste Versuch der Befreiung nicht einfach aufgrund individueller Defekte oder aufgrund der Determination durch die geschichtliche Situation, sondern Kraft ihrer eigenen Dynamik tatsächlich in einem namenslosen Grauen – in der stalinistischen Konterrevolution und im Anschluss daran in einer Datschaprovinzialität mit einigen zusätzlichen Goldmedaillen – enden kann.

Reaktionen

Frank Ruda:

Ich fange mit Rafaels These an, dass der Marxismus zur Ideologie wird. Am Anfang von „Staat und Revolution“ beginnt Lenin mit der Feststellung, dass sich heutzutage alle „Marxisten“ nennen, und versucht dann, Kriterien einzuführen, was diese „Marxisten“ – die gar nicht Marxisten sind, sich aber auf den Marxismus beziehen – von wirklichen Marxisten unterscheidet. Diese „Marxisten“ betreiben zwar ökonomische Analyse, aber Lenins Unterscheidungskriterium ist die Diktatur des Proletariats, von der Lenin glaubt, dass man sie als Marxist verteidigen muss. Das Interessante, was dann passiert, ist, dass es eine eigentümliche Aneignung und Reifizierung des Namen Marx gibt. Ich habe mich gefragt, wie sich das eigentlich verhält, denn das ist eine eigentümliche Form von Ideologiekritik, die das notwendig macht: Eine Kritik an denen in den eigenen Reihen. Ist das nicht ein relevanter Punkt, an dem man gut Lenin mit Trotzki verbinden kann?

Zu Anton: Lenin bringt seit 1917 immer ein Argument hervor, und ich habe mich gefragt, wie man sich dazu verhält, ausgehend von einer Verteidigung der Notwendigkeit der parlamentarischen Partei: Nämlich, dass Demokratie, die demokratische Form, eine der perfidesten Herrschaftsformen sein kann. Das ist eine Analyse, die Lenin 1917 immer wieder artikuliert. Lenins Kritik ist letztlich, dass Demokratie eine Staatsform ist. Aber die Demokratie als Staatsform funktioniert sehr spezifisch, weil sie Freiheit und freie Wahl suggeriert, de facto aber etwas anderes macht. D.h. sie ist in gewisser Weise die „endlich entdeckte politische Form“, um ein ökonomisches System zu verteidigen. Sie ist viel problematischer und effektiver als andere, weil sie nicht mehr nach Autorität und Autoritarismus riecht.

Lars, ich finde es ein gutes Argument zu sagen, dass die Russische Revolution ein Geschichtszeichen ist. Kant spezifiziert es so, dass die Revolution eine ist, „die sich nicht vergisst“, und dass Geschichtszeichen drei Effekte haben. Irgendwas wurde demonstriert, das zeigt das Zeichen und das weist in gewisser Weise auf die Zukunft hin. Für Kant heißt das, dass die Geschichte der Menschheit irgendwie besser wird. Die Frage zur Russischen Revolution als Geschichtszeichen: Impliziert sie das auch?

Rafael Rehm:

Wenn man davon spricht, dass der Marxismus zu Ideologie geworden ist, muss man auch sagen: Ihm wurden die Zähne gezogen, um in der entsprechenden Weise zu funktionieren. Das ist ein Kampf um einen bestimmten Diskurs, der auch jenseits der Sowjetunion geführt worden ist. Ich glaube, dass hier die Überlieferungen und das Werk von Trotzki in unserem Zeitalter einen wichtigeren Stellenwert haben als das Werk von Lenin. Das liegt aber nicht daran, dass ich sie gegeneinander ausspielen möchte und sage, dass Trotzki so toll war. Er hat einfach das „Privileg“ gehabt, den Niedergang dieser ganzen Revolution zu analysieren und von einem marxistischen Standpunkt aus eine immanente Kritik zu entwickeln.

Ich teile deine Analyse der Linkspartei, Anton. Man muss mit dem umgehen, was da ist – es macht überhaupt gar keinen Sinn, z.B. Mosaiklinke zu verteufeln. Man muss erstmal versuchen, diese Phänomene zu verstehen. Wie kam es zu gewissen Transformationen? Genau das Gleiche gilt für die sogenannten postmodernen Denker. Es bringt nichts, sie aus dem marxistischen Diskurs auszuschließen, sie gehören da rein.

Anton Stortchilov:

Es ist bekannt, dass Lenin die parlamentarische Demokratie als perfide bezeichnet hat. Andererseits war er selbst ein großer Idealist im Sinne seiner Vorstellung, wie eine andere Demokratie, nämlich eine Rätedemokratie, zu verwirklichen ist. In diesem Sinne war er auch kein paternalistischer Onkel, der gesagt hat: „Ich erziehe euch alle.“ Ihm war klar, dass er gewisse Sachen umsetzen möchte, und das lässt sich nun mal am besten in einer Diktatur machen. Aber er war keineswegs jemand, der Diskussionen innerhalb der Partei nicht ernst nahm. In diesem Sinne kann man Lenin nicht einfach zu einem Feind der Demokratie machen. Wir wissen aus der historischen Erfahrung, dass sie besser ist als eine militante rechte Reaktion, die dich totschlagen will. Sie ist einfach besser für jede linke Praxis. Es hat sich innerhalb der Faschismen, innerhalb der Regime der Reaktion niemals irgendetwas Linkes gebildet.

Indessen konnte die Sozialdemokratie in Deutschland, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gerade mit den Freikorps totgeschlagen hat und die dementsprechend folgerichtig zum linken Flügel des Faschismus erklärt wurde, in Frankfurt das Institut für Sozialforschung ermöglichen. Und später hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung einiges an trotzkistischer Literatur herausgebracht und dem Trotzkismus gewisse Möglichkeiten eingeräumt, weil sie die Notwendigkeit sahen, gegen den „bösen Sowjet-Bolschewismus“ vorzugehen. In Francos Spanien war es nicht so ohne Weiteres möglich, so etwas herauszubringen. Außerdem muss man sich eine parlamentarische Demokratie natürlich leisten können. Parlamentarische Regime unterscheiden sich in der Hinsicht von autoritären Regimen, dass sie relativ stabil sind; dass die es sich erlauben können, zu sagen „Wählt das oder das“ – es kommt nichts Schlimmes dabei raus. Demokratie ist ein Zeichen des Wohlstands, nicht der Wohlstand eine Folge der Demokratie: Wenn die Sowjetunion hinreichend Kapital gehabt hätte, glaube ich durchaus, dass sie die Möglichkeit gehabt hätte, das Rätesystem eben besser, freier zu betreiben, weil die Bevölkerung dann zufriedener gewesen wäre.

Lars Quadfasel:

Du hast grade davon gesprochen, was gewesen wäre, wenn die Sowjetunion selbst mehr Kapital akkumuliert oder bereits im Zarenreich akkumuliertes Kapital vorgefunden hätte – es ist aber schwer, als Sozialismus Kapital zu akkumulieren, oder es stimmt etwas nicht. Was richtig ist: Je besser die Verhältnisse, desto einfacher ist es mit der Revolution. Die besten Verhältnisse für die Revolution gibt es dann, wenn es allgemeinen Reichtum gibt und alle Menschen aufgeklärte Kommunisten sind. Das Problem ist nur, dass es dann natürlich gar keine Revolution mehr braucht. Es gehört zum Begriff der Revolution, dass sie unter beschissenen Bedingungen stattfindet. Deswegen ist es mir ein bisschen zu einfach zu sagen, dass die Verhältnisse so furchtbar waren und man deshalb mehr nicht aus ihnen herauskommen konnte. In der Tat waren die Verhältnisse furchtbar, aber genau das macht es notwendig sich zu überlegen, wie man besser und sinnvoller aus ihnen herauskommt.

Die Argumentation, dass solange nichts geht, es besser sei, ein paar gute Taten im sozialdemokratisch-reformistischen Sinne zu tun, mag irgendwo seine Wahrheit haben. Ich möchte aber doch darauf hinweisen, dass Lenin das ein bisschen anders sah. Gerade als er 1914, nach dem Zusammenbruch der Zweiten Internationale, das Gefühl hatte, dass nichts mehr geht, hat er nicht gesagt: „Dann gucken wir jetzt, dass wir wenigstens ein paar kleine Verbesserungen durchsetzen“, sondern er hat erst einmal Hegel gelesen. Mir liegt das näher. Ich glaube, es ist für die Verbesserung der Verhältnisse sinnvoller, wenn die Leute erst einmal Hegel lesen, statt sich in der Linkspartei zu organisieren.

Zum Geschichtszeichen: Kant hat das als empirischen Beweis dafür gesehen, dass es eine allmähliche Verbesserung des Menschengeschlechtes gibt, und hier stellt sich natürlich die Frage: Sind wir heute in einer besseren Situation als 1917? Einerseits könnte man sagen, dass Russland 1917 wirklich ein Land in totaler Gesellschaftszerrüttung war, vor einem Zivilisationszusammenbruch stand oder ihn schon erlitten hatte. Im Vergleich dazu geht es uns heute wunderbar. Andererseits könnte man so argumentieren: Da wollten die Leute noch etwas erreichen und man musste kaum etwas machen. In diesem Sinne sind wir heute in einem viel zerrütteterem Zustand, weil es gar nicht mehr die Vorstellung gibt von Leuten, die sich zusammenschließen, um die Herrschaft abzuschütteln. Insofern darf man das Geschichtszeichen nicht einfach als Verweis auf ein stetiges Verbessern lesen. Ich würde es eher als eine Potenz interpretieren.

So, wie ich es vorhin angebracht habe, begreift Kant es als empirischen Beweis dafür, dass Freiheit möglich ist. Das heißt einerseits: In der Natur ist alles kausal und dadurch auch determiniert. Andererseits muss ich aber auch zugleich und nebeneinander eine andere Sphäre denken, in der Freiheit möglich ist. Die sieht er empirisch in der Französischen Revolution verwirklicht. Hier kommt man mit dem, was ich an Lenin am interessantesten finde, weiter: dem Bruch mit dieser Kette der Kausalitäten, in der ein Ereignis das nächste determiniert. In Lenins ungeheurem Misstrauen gegen alles, was sich organisch, naturwüchsig, von selber entwickelt – deshalb Hegel. Dem Interesse daran, aus einem solchen Zustand tatsächlich herauszuspringen und eine neue Qualität herzustellen, die sich eben nicht unmittelbar aus dem Vorangegangenen ableiten lässt. Genau daran würde ich bei einem Geschichtszeichen denken, und das wäre zu aktualisieren – aber nicht in dem Sinn, die Rezepte nochmal anzuwenden und die Schlachten von damals nochmal zu schlagen.

Q&A

Frank, Du hast am Ende deines Vortrags von „politisch durcharbeiten“ gesprochen – was bedeutet das für Dich konkret?

Trotzki meinte, das 19. Jahrhundert sei nicht umsonst vergangen. Daran anschließend stellt sich mir die Frage, was uns das 20. Jahrhundert gelehrt hat. Hat es dem Marxismus des 19. Jahrhunderts etwas hinzuzufügen?

Trotzki schreibt in den „Lehren des Oktobers“, dass die ursprünglichen Lehren von 1917 sind, dass das Proletariat eine unabhängige Partei braucht und sich nicht in Multiklassenformationen bewegen darf. Ihr habt viel über die Diktatur des Proletariats gesprochen. Abgesehen von Lars Quadfasel scheinen alle einen positiven Bezug dazu zu haben. Gilt es für euch noch, dass das Proletariat eine unabhängige Partei braucht? Ist dies nach wie vor eine Aufgabe für die Linke?

Frank Ruda:

Ich glaube, dass Lenin selbst das politische Durcharbeiten leistet, und das hat mit der zweiten Frage nach dem 20. Jahrhundert zu tun. Immer wieder ist die Pariser Kommune das Paradigma, ganz ähnlich wie ein Geschichtszeichen: Da ist eine Form gefunden, die mit einem spezifischen, zweifachen Problem einhergeht. Erstens ist sie zeitlich beschränkt (sie wird einfach irgendwann zerschlagen) und zweitens lässt sie sich nicht räumlich ausdehnen. Wie verallgemeinert man dieses Modell? Lenin versucht, auf diese spezifischen Probleme, die durch die Erfahrungen der Pariser Kommune in die Welt gebracht wurden, eine politische Antwort zu finden. Und ein Name dafür ist „Partei“, weil die Partei ermöglicht, eine räumliche Ausdehnung eines Models zu sichern und auf Dauer zu stellen, also: Stabilität. Die Sowjets sollen das leisten: Eine bestimmte Organisationsform auf Dauer zu stellen, d.h. Zeit und Raum zu organisieren. Diese Antwort geht indes manchmal mit Problemen eigener Natur daher. Diese Probleme, dass bestimmte Bürokratisierungstendenzen heute überall auftauchen, scheinen mir nicht erledigt. Man muss sich diese Probleme in der einen oder anderen Weise zu eigen machen und die Frage stellen, was das eigentlich alles heißt. Dafür braucht man ein historisch spezifisches Verständnis von dem, was passiert ist und ab wann es problematisch wird. Ab wann tauchen Bürokratisierungstendenzen auf? Lenin sieht das 1918 schon relativ deutlich: Er redet immer davon, dass irgendeine Form von Organisation ohne Bürokratie gebraucht wird, es nur jetzt gerade nicht geht. Es geht um die Probleme, die auftauchen, und um die Frage, wie man das räumlich und zeitlich auf Dauer stellt. Die Partei ist eben eine hoch problematische Form, und das hat was mit der Frage der Diktatur des Proletariats zu tun.

In gewisser Weise bedeutet dies zu sagen: Entweder es gibt die Diktatur der Bourgeoisie oder die Diktatur des Proletariats – keine anderen Optionen. Alle, die etwas anderes sagen, verkennen die Situation, in der man gerade ist, und die muss man ausnutzen, weil durch den Krieg die Leute bewaffnet sind usw. Dies soll nicht die Form sein, in der das beständig so weitergeht; das ist ein historisch spezifisches, konjunkturelles Modell, aber nicht die Antwort par excellence. In dieser Situation ist das aber nötig, und man kann sich fragen: Sind wir heute in einer solchen Situation? Lässt sich das überhaupt objektiv feststellen?

Rafael Rehm:

Die Frage, was uns das 20. Jahrhundert lehrt, ist interessant. Engels hat die Pariser Kommune noch als Diktatur des Proletariats bezeichnet. Trotzki widerspricht dem: Er sagt, die Pariser Kommune war keine Diktatur des Proletariats an sich. Das klingt ein bisschen komisch: Was soll sie denn sonst gewesen sein? Worauf er hinaus will, ist gerade der Unterschied, dass die KPdSU, deren Errungenschaften auf der ökonomischen Ebene die Verstaatlichung der Produktionsmittel war, die Eigentumsformen nicht unangetastet gelassen hat. Die Pariser Kommune hat im Gegensatz dazu die Eigentumsformen in keinem Moment wirklich verändert. Der Fehler liegt dann aber darin, so wie es später die KPdSU tat, das Ende der Revolution bekannt zu geben. Es hat fast etwas Theologisches, vom Ort der befreiten Menschheit aus zu sprechen, von dem aus man das Wahre und Richtige bestimmen kann; die ganze Welt hat sich nach diesem Ort zu richten. Genau in diesem Moment wird der Marxismus zur Herrschaftsform.

Zur Partei: Die Partei existiert nicht einfach losgelöst vom Proletariat als Schicht. Sie hat teilweise die vorzüglichsten Elemente des Proletariats innegehabt, z.B. diejenigen, die Funktionäre geworden sind oder jene, die gute Ausbildungen hatten. Die politische Sphäre bzw. der traditionelle „Überbau“ hat eine gewisse Eigendynamik und steht in Wechselwirkung zur Basis. Er wirkt genauso auf die Basis ein. Es ist problematisch, wenn man sich die Geschichte betrachtet und behauptet, dass der Film der Geschichte notwendig so abgerollt ist, wie er abgerollt ist. Das minimiert auch die Kraft, die Gewalt oder die Entscheidungen, die Leute in Führungspositionen haben. Ich denke, dass es nicht so ist und dass in diesem Sinne Trotzkis Theorie sehr plausibel ist. Sie trägt etwas Wichtiges in den marxistischen Diskurs hinein, das bei dieser völlig katastrophalen Sekundärliteratur, die von ideologischen Kämpfen durchforstet ist, untergeht.

Was fügt denn Trotzki der Lehre des Marxismus aus dem 19. Jahrhundert hinzu? Was lehrt Trotzki über das 20. Jahrhundert?

Was wir davon lernen können, ist einerseits diese starke Konzentration auf die politische Sphäre, und andererseits die Idee eines Übergangsstadiums (planwirtschaftliche Elemente zu installieren und Eigentumsformen in die Hand zu nehmen) und dass man dadurch einen großen ökonomischen Fortschritt erreichen kann. Das hat Trotzki in „Verratene Revolution“ gezeigt.iv Natürlich kann man jetzt richtigerweise einwenden: Weshalb ein Übergangsstadium? Ich glaube, dadurch zeigt sich so etwas wie eine Art revolutionärer Habitus. Man muss letzten Endes immer den Sozialismus setzen. Wenn ich den Sozialismus als Ziel setze, dann muss ich – wenn ich mir bewusst bin, dass er nur als Idee gesetzt ist – mir auch bewusst sein, dass selbst die Französische Revolution nicht abgeschlossen ist. Man muss in diesem Paradigma noch weitergehen – dann hatten wir auch keine Französische Revolution. Und heute reden wir von der Französischen Revolution als einer großen internationalen Sache.

Von der Russischen Revolution lernt man nicht so, aber gerade aus dem Grund, dass die Russische Revolution gescheitert ist. Zu dieser Zeit hat man einen stark diskriminierenden Diskurs aufgemacht: Da ist einerseits der Barbar Lenin und auf der anderen Seite der große Humanist Marx. Dabei wird zum Beispiel immer vergessen, dass Marx die Erschießung der Geiseln in der Pariser Kommune befürwortet hat. Dass das Proletariat die Macht ergreift, ist etwas fundamental Neues. Dann muss man aber immer auch darüber reden, was die Diktatur des Proletariats ist und was sie ausmacht. Anscheinend sind es nicht nur ökonomische Errungenschaften, es braucht dazu auch ein politisches Bewusstsein – sonst wird man die Eigentumsfrage nicht stellen.

Anton Stortchilov:

Ich möchte daran erinnern, dass auch die Französische Revolution massiv gescheitert ist. Es gab Meere von Blut. Am Ende transformierte sie sich in ein Imperium, welches Krieg gegen die ganze Welt geführt hat und letztendlich wieder von einer Restauration der Monarchie abgelöst wurde. Wir fragen uns nicht, ob die Französische Revolution hätte erfolgreich sein können; ob sie plötzlich eine Demokratie hätten aufbauen können, die bis heute ohne irgendwelche Anpassungsmöglichkeiten weiterbestanden hätte. Dieses „Hätte, wäre, wenn“ interessiert uns nicht. Wir sehen heute Demokratien, die ganz selbstverständlich existieren. In diesem Sinne ist die Absage an dieses historische Alternativdenken zu verstehen. „Wenn nur Stalin nicht gewesen wäre, wenn nur die Kronstädter Matrosen nicht erschossen worden wären, wenn nur Chruchtschow nicht das Andenken Stalins besudelt hätte“ – je nachdem, wo man steht. Es kann uns eigentlich trösten, dass die folgenden bürgerlichen Revolutionen nach der Französischen Revolution alle relativ blutarm verliefen und deutlich erfolgreicher waren. Daher müssen wir uns nicht an diese verlorenen Möglichkeiten klammern.

Zum Bürokratismus: Ich bin vielleicht ein wenig unorthodox, dass ich kraft einschlägiger Erfahrung und jahrelanger Arbeit in verschiedenen Kontexten doch zu dem Schluss gekommen bin, dass Bürokratismus gar nicht mal so schlecht ist. Wenn in der KPdSU das Recht für die linke Opposition festgeschrieben worden wäre, wenn sie ein Parteischiedsgericht gehabt hätte und deren Möglichkeit, ihre Meinung zu äußern, verteidigt worden wäre, wäre das vielleicht gar nicht so blöd verlaufen. So sind sie überstimmt worden, dann rausgeflogen und danach alle umgebracht worden, weil Stalin der bessere Netzwerker war. Denn wo sich keine formellen Hierarchien befinden, bilden sich informelle. Es bilden sich Seilschaften, die dann jemand wie Stalin benutzen konnte, um seine Gegner auszumanövrieren. Stalin war im persönlichen Umgang offensichtlich der geschicktere Mensch als Trotzki, der sich trotz seiner Berühmtheit sehr viele Feinde geschaffen hatte. Stalin hat es geschafft, Menschen für sich zu gewinnen und konnte deshalb auch Trotzki sowie zuletzt auch die bürokratische Klasse ausmanövrieren.

Die wichtigste und beste Lehre aus dem 20. Jahrhundert war 1914. Da haben wir gesehen, dass tatsächlich die Auswahl zwischen Kommunismus und Barbarei besteht, dass der Fall der Profitrate katastrophale Lösungsansätze herbeiführen kann und dass es manche Zeiten gibt, wo man zwar erstmal Hegel liest, aber vielleicht doch irgendwann Hegel wieder weglegt, in den Zug steigt und Revolution macht. Oder eben zu seiner Zeit, an seinem Ort das Möglichste macht, um das zu erhalten, was irgendwie noch ein zivilisiertes Leben für ein paar weitere Jahre ermöglicht. Je nachdem, was einem vernünftig erscheint.

Lars Quadfasel:

Das 20. Jahrhundert hat gelehrt, dass man es möglichst schnell verlassen sollte, weil es ein Jahrhundert der Katastrophen war und den Begriff des Fortschritts selbst problematisch gemacht hat. Das ist eine Lehre – vielleicht aber auch eine, auf die man gerne verzichtet hätte, weil eine Welt, die Auschwitz nicht kennt, natürlich eine bessere ist. Was das 20. Jahrhundert auch gelehrt hat – und damit setze ich einen Kontrapunkt zu dem, was ich vorher mit dem Geschichtszeichen meinte –, ist, dass eine Revolution, die verloren geht, nicht einfach wieder den Status quo ante wiederherstellt, sondern die Welt tatsächlich schlechter, weil die Menschen dümmer macht. Wer von der Idee der Befreiung noch nie etwas erfahren hat, für den kann das eine neue Perspektive sein. Wer aber die Idee der Befreiung schon einmal erfahren hat und sich dann mit diesem Scheitern arrangieren muss, für den ist es eine geradezu übermenschliche Anstrengung, dieses Scheitern nicht irgendwie zu rationalisieren und zu ideologisieren, sich also in der Niederlage einzurichten. Das ist etwas, das wir durch das ganze 20. Jahrhundert immer wieder erlebt haben, zuletzt als die Farce der 68er, die dann alle Kanzleramtsberater wurden. Insofern wäre vielleicht die Lehre aus dem 20. Jahrhundert, dass alles immer schlimmer wird, ohne dass es je besser gewesen wäre.

Zur Frage der Partei und der Diktatur des Proletariats. Braucht das Proletariat eine autonome revolutionäre Partei? Es hat ja Angebote bekommen, aber offensichtlich wollte es nicht. Dies bedeutet zunächst einmal, dass es nicht möglich ist, nach Lenin‘schem Strickrezept wieder eine Kaderpartei zu schaffen, zumindest nicht voluntaristisch. Wenn etwas an der Idee der Partei bewahrenswert ist, dann wäre es grade das, wofür Lenin besonders kritisiert wird, nämlich die Idee des berühmt-berüchtigten Hereintragens von Klassenbewusstsein in das Proletariat. Das wird von anarchistischer, linkskommunistischer Seite immer als das Misstrauen gegenüber dem Proletariat beschrieben. Man könnte aber auch sagen, dass dieses Misstrauen völlig zurecht besteht, denn das Proletariat ist ein Produkt von Herrschaft, von Unterdrückung und von Depravierung. Es ist also nichts wesenhaft Gutes; Not und Elend lehrt erstmal nichts Kluges. Es braucht also eine Instanz des Anderen, die die zukünftigen Revolutionäre aus ihrer naturwüchsig vorgezeichneten Bahn, dem berühmten trade-unionistischen Bewusstsein, herausschleudert. Als diese Instanz des Anderen, des Bruchs ist die Idee der Partei unbedingt zu bewahren. In welcher Form sie sich dann umsetzt, ist jedoch eine andere Frage.

Was ich von der Diktatur des Proletariats halte, ist teilweise eine akademische Frage, weil sie sich leider akut so schrecklich wenig stellt. Die Diktatur des Proletariats im Sinne einer Mystifikation einer bestimmten empirischen Gruppe von Menschen, als die durch ihr Schicksal Besseren, Einsichtigeren, Klügeren, ist grober Unsinn. Ich glaube, eines der Probleme der Sowjetunion war auch – wie ich in meinem letzten Konkret-Artikel geschrieben habev – wie sicher sich die Leute waren, dass alles schon von selbst läuft, wenn das Proletariat erst einmal durch Räte an der Macht ist. Das Proletariat würde dann auch alles machen, was in seinem Interesse ist, und die Kombination aus Fabrikdisziplin und proletarischer Partei würde es schon richten – viel mehr Gedanken muss man sich nicht machen. Laut den Linkskommunisten läuft es nur dann falsch, wenn noch nicht genügend Proletarier in Machtpositionen waren. „Wer einmal an der Werkbank stand, steht immer auf der richtigen Seite“ – von dieser Form der Fetischisierung halte ich nichts. Wenn „Proletariat“ aber folgendes meint, würde ich natürlich sagen, dass die Diktatur des Proletariats die richtigen Leute ärgert:

a) Das Proletariat als die durch nichts anderes bestimmten Depravierten. Nicht nur verelendete, sondern auch verächtliche Wesen, wie Marx es schreibt, die aber sich mit dieser Verächtlichkeit ihrer eigenen Verächtlichkeit nicht mehr abfinden wollen.

b) Diejenigen, die nicht im Namen der Geschichte agieren wollen, sondern wirklich in ihrem eigenen Namen; also die Verantwortung für ihr Tun nicht an irgendeine Autorität, den Weltgeist, die vorgegebene Abfolge der Gesellschaftsstadien oder sonst etwas delegieren wollen, sondern tatsächlich im eigenen Namen die Revolution verantworten und damit auch immer im Bewusstsein, wie furchtbar das Ganze scheitern kann.

Von Lars wurde gerade Lenins Parteikonzeption angesprochen. Diese war aber bereits Common Sense in der 2. Internationale, so zitiert Lenin Kautsky in „Was tun?“ mehrfach. Anton hat davon gesprochen, dass die Massen einfach Brot, Land und Frieden wollten. Das halte ich aber für vereinfacht, weil es die Propagandaarbeit der 2. Internationalen im 19. Jahrhundert unterschätzt. Worin seht ihr die Bedeutung der 2. Internationalen für die Russische Revolution?

Anton Stortchilov:

Die Bedeutung der Zweiten Internationale ist nicht zu unterschätzen: Sie popularisierte die Marx‘schen Schriften und formulierte die Ziele, an denen sie 1917 mit Pomp scheiterte. Diese Internationale war mit Sicherheit ein großer Vorteil für die Menschen, nur können wir nicht zu ihr zurück. Damals hat man die Wissenschaft der Geschichte entdeckt, heute sind wir in einer ganz anderen Situation. Genauso wenig, wie wir einfach eine Partei aus dem Boden stampfen können, kann man eine Internationale aus dem Boden stampfen. Die hat sich auch aus Gründen in ihrer Zeit ergeben.

Lars Quadfasel:

Es stimmt, dass Lenin sich in „Was tun?“ auf Kautsky beruft, aber man muss es auch vom Resultat her betrachten. Dann kann man sagen, dass das Misstrauen gegenüber dem Proletariat mit dem Namen Lenin und nicht mit dem Namen Kautsky verknüpft ist. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass der eine das doch ernster genommen hat als der andere, der den freien Austausch der Meinungen im Parlament lieber hatte.

Inwiefern hat die Oktoberrevolution die marxistische Linke und ihren Blick auf sich selbst verändert? Inwiefern hat sie dazu beigetragen, dass wir an unserem jetzigen Punkt stehen?

Frank Ruda:

Zumindest hat sie sehr fundamental bestimmte Dinge klargemacht und Probleme aufgeworfen, die vorher nicht so klar waren. So wurden nach 1917 auf einmal Umbenennungen nötig, z.B. wurde der Name der Sozialdemokratie problematisch. Es passiert mit Slogans, mit bestimmten Losungen, die zu „Phrasen“ werden – das ist Lenins Begriff dazu. Die werden einfach immer wieder benutzt, kontextunabhängig und ohne Analyse. Es gibt interne Reifizierungen in der Linken, in der kommunistischen Bewegung – und das wird später z.B. relativ bestimmendes Element und zwar in problematischer Weise, sowohl bei Stalin als auch im Rahmen der Kulturrevolution. Das ist erstmal ein Problem, weil es gar nicht so einfach ist, diese Reifizierungen zu erkennen. Das ist ein Problem, das in der ein oder anderen Weise schon in der Französischen Revolution auftaucht: Wer ist wirklich revolutionär? Und dann ist die Antwort darauf: nur derjenige, der eine revolutionäre Gesinnung hat. Das Problem ist, dass revolutionäre Gesinnungen sich nur sehr schwierig überprüfen lassen. Robespierre wird an einer Stelle sagen, dass „jeder, der nur einmal an dem, was wir hier tun, gezweifelt hat“, schuldig ist. Selbst solche Signifikanten wie „Marx“ oder „Sozialismus“ heißen nicht per se irgendetwas politisch Richtiges, Angemessenes oder Gutes – das scheint mir eine der konstitutiven Lehren zu sein. Ich habe selbst Zweifel daran, ob „Linke“ ein guter Begriff ist.

Lars Quadfasel:

Dem würde ich mich anschließen, aber noch ergänzen, dass vielleicht der Bruch wirklich ein Niveau gesetzt hat, von dem es sich abzustoßen lohnt. Es würde also die ganze Tradition des westlichen Marxismus, der neuen Marx-Lektüre, die Bedeutung des Fetischkapitels und die ganze Kritische Theorie nicht geben ohne den Bruch der SPD und der KPD entlang der Oktoberrevolution und dem Verzweifeln der Leute daran. Das Institut für Sozialforschung war ursprünglich als ein Think Tank der KPD intendiert. Dann sind die Leute daran verrückt geworden, wie wenig die KPD wirklich Think Tanks haben wollte. Daran lohnt es sich überhaupt erst zu verzweifeln – an der SPD lohnt sich das nicht.

Rafael Rehm:

Zum einen hat es seit den 1960ern eine ungeheure Diskursverschiebung gegeben. Viele Dinge hat die kapitalistische Gesellschaft einfach gefressen, die sind ein für alle Mal weg; ein gewisser Diskurs, mit dem man noch politisch agieren konnte. Zum anderen gibt es aber auf der Seite der Linken selbst ein großes Problem. Ich habe im Archiv an der Universität Jena zahlreiche marxistische Analysen gesehen, von denen fast jede von einer Prämisse ausgeht. Die eine Seite der Arbeiten hat einen defensiven Charakter und geht meistens von einer Betrachtung der Entstehung der Konterrevolution sowie der Entwicklung der kapitalistischen, postsowjetischen Gesellschaft aus und versucht dadurch Lösungen zu entwickeln. Die andere Seite will marxistisch untersuchen, was passiert ist. Es wird gesetzt, dass es gescheitert ist, es wird aber nie versucht, den Gesamtkontext darzustellen. Sehr selten wird mit genauen Zahlen arbeitet. Insofern bildet Trotzkis Arbeit „Verratene Revolution“ eine der großen Ausnahmen, da sie versucht, mit Zahlen zu arbeiten. Oft wird die Verantwortung nach außen geschoben oder man diskreditiert sich selbst. Das führt auch dazu, dass es solche kleinen Grüppchen gibt, die sich selbstgenügsam hinsetzen und erklären, dass die Welt so furchtbar antimarxistisch ist und ihren Hegel-Lesekreis veranstalten. Zum anderen gibt es solche, die „Rettet den Regenwald“ rufen und für die alles andere schon wieder zu totalitär ist. Das müsste man auch aufsprengen.

Anton Stortchilov:

Und dann gibt es auch noch dritte Grüppchen, die so tun, als könnten sie eine Partei sein. Aber zu der anderen Angelegenheit: Was die Oktoberrevolution tatsächlich verändert hat, ist, dass sie jeden revolutionären Marxisten dazu zwang, konkret zu werden. Sie warf die Frage auf: Wie hältst du es mit der Oktoberrevolution? Wie hältst du es mit den Taten der Bolschewiki? Wie hältst du es mit Kronstadt? Jeder revolutionäre Marxist musste seinen Entwurf vom Sozialismus an dem real existierenden messen. Es ist auch heute noch so, dass marxistische Gruppen, Parteien und Bewegungen versuchen, ihren Marxismus an Lenin zu messen, anstatt Lenin als einen Theoretiker unter vielen zu sehen. Das hat selbstverständlich jede revolutionäre Perspektive verändert. Auch die reformistischen Marxisten mussten ihrerseits die Fragen beantworten, inwiefern sie etwas anderes erreichen wollen, als das, was in der Sowjetunion verwirklicht wurde. Dementsprechend war das ein riesiger Umbruch, in dem Praxis anschaulich wurde.

Das Vertrackte an der Oktoberrevolution ist, dass sie – anders als z.B. die Pariser Kommune, aus deren Scheitern man lernen konnte – keine Bedingungen für einen wie auch immer gearteten Fortschritt schafft, sondern in eine historische Sackgasse führt. Was bedeutet es, mit dieser Sackgasse umzugehen? Gibt es eine spezifisch marxistische Art und Weise, eine Antwort darauf zu finden? Was macht es mit dem Marxismus selbst, wenn er aus einer Theorie des sozialen Fortschritts zu einer Deutung sozialer Regression wird?

Lars Quadfasel:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Prämisse der Frage richtig verstanden habe. Ist das denn wirklich ein anderes Scheitern? Man kann natürlich sagen: Die Pariser Kommune dauerte 60 bis 90 Tage, die Oktoberrevolution und ihr Nachwirken 70 Jahre. Aber ich weiß nicht, ob man bei dem der einen sagen kann: Das ist eine Revolution, nach deren Scheitern man sich hinsetzen und genau sagen kann, dass bestimmte Fehler gemacht worden sind und man es beim nächsten Mal besser machen wird, und beim anderen ist es eine Sackgasse. Nach der Pariser Kommune gab es auch erstmal ungefähr 50 Jahre Revolutionsfunkstille. Das war eine Niederlage, die die Leute erstmal verdauen mussten. Es ist nicht so, dass hinterher sofort die Fehler benannt wurden und man es besser gemacht hat. Das war auch eine traumatische Erfahrung, die über die Jahre für eine ziemliche Friedhofsruhe gesorgt hat. Die Oktoberrevolution hatte das „Pech“, dass sie nicht gleich in Blut erstickt wurde und man deswegen ganz romantisch auf sie zurückblickt.

Es gibt einen sehr schönen Text von Lenin, den er kurz vor seinem Tod geschrieben und den ich nur jedem ans Herz legen kann, „Über das Besteigen hoher Berge“.vi In diesem beschreibt er genau, wie es als Bergsteiger ist, wenn man den Weg zu einem Gipfel gesucht hat, auf dem noch niemand war und dann festgestellt hat, dass der Weg nicht direkt dorthin führt. Man muss dann herunterklettern. Das Herunterklettern ist frustrierend: Es ist gefährlicher, es fehlt einem der Schwung, und dann sind da unten auch noch die ganzen Leute, die herumschreien: „Das haben wir immer schon gesagt! Das wird doch nie klappen!“ Die anderen sagen: „Genau deswegen haben wir euch geraten, es euch gut zu überlegen und mit dem Hochklettern lieber zu warten.“ Aber zum Glück wird der Kletterer so weit oben sein, dass er diese Stimmen gar nicht hört. Denn sonst könnte er vielleicht die Konzentration und den Tritt verlieren. Der Text besagt meines Erachtens genau das: Wir müssen einen neuen Anlauf wagen, d.h. wir können nicht die gleichen Rezepte, bloß vielleicht mit ein bisschen besseren, integren Menschen und etwas weniger Bürokratie, nochmal anwenden. Nein, wir müssen erst wieder runterklettern und einen neuen Weg suchen. Das gilt heute erst recht, und ich wüsste nicht, warum das heute im Wesen etwas so viel anderes ist als anderes revolutionäres Scheitern.

Rafael Rehm:

Ich glaube schon, dass es einen Unterschied gibt. Der springende Punkt, warum es etwas anderes ist, ist, dass es eben eine Partei braucht, um das überhaupt als eine universalgeschichtliche Niederlage zu begreifen. Wenn man jetzt nach Russland auf das Paradigma über 1917 schaut, ist 1917 sicherlich nicht als Niederlage gekennzeichnet. Der Punkt ist eben das Narrativ von 1917 als Niederlage, und dieses Narrativ hatten wir nicht. Bei der Kommune gab es sofort einen gewissen Diskurs innerhalb des linken Spektrums, welches über diese Niederlage gesprochen hat. Es war etwas anderes, dass es eine Niederlage war, die man, wie Marx das zum Beispiel getan hat, auf die Umstände beziehen konnte.

Anton Stortchilov:

Soweit ich den russischen Diskurs betrachten kann, wird 1917 in Russland genau wie 1991 durchaus als eine Katastrophe verstanden – für die Staatlichkeit und für die Menschen.

Sowohl Bewegungen zur Auflehnung gegen Herrschaft wie auch für den Kommunismus gab es bereits vor 1917. Mich würde insbesondere das Jahr 1848 interessieren: Inwiefern kann man 1917 als Wiederholung von 1848 ansehen. Wo liegen die Unterschiede? Inwiefern ist Bonapartismus, den Marx im 18. Brumaire thematisierte, ein Phänomen, das 1917 und vielleicht auch noch heute verfolgt?

Anton Stortchilov:

Ich sehe zwischen 1848 und 1917 keine Parallele. 1917 gab es eine gut organisierte revolutionäre Partei, die die Revolution gemacht und anschließend einen Bürgerkrieg ausgefochten hat – also ihre Revolution, so gut sie eben konnte, verteidigt hat. Im Gegensatz dazu haben 1848 in Frankreich wie auch in Deutschland eher mit der Februarrevolution vergleichbare spontane Aufstände gegen die Macht stattgefunden. Die griff dann die damals auch schwache Bourgeoisie mehr schlecht als recht auf und versuchte, sie in eine Umsetzung ihrer politischen Forderungen zu gießen. Daran ist sie aber auf ganzer Front gescheitert. Die Weltgeschichte wiederholt sich grundsätzlich nicht, aber diese Ereignisse sind sich besonders wenig ähnlich.

Lars Quadfasel:

Ich bin mir auch nicht sicher, wie weit man diese Parallelen ziehen kann. Wenn man eine suchen will, dann könnte man vielleicht sagen, dass was Marx im 18. Brumaire analysiert – nämlich die Unfähigkeit und der Unwillen der Bourgeoisie, im eigenen Namen selbstbewusst zu herrschen – sich 1917 viel drastischer wiederholt hat, und zwar in Form der völligen Unfähigkeit des Bürgertums in Russland, eine liberaldemokratische Ordnung zu eröffnen. Man kann ziemlich sicher sein, dass es ohne die Oktoberrevolution keine liberaldemokratische Ordnung in Russland gegeben hätte, von der viele Leute heute träumen. Sondern entweder eine Schwarzhunderter-Diktatur oder ein Auseinanderfallen in einzelne Warlord-Regionen wie zu dieser Zeit in China.

Die Frage, wie es dazu kommt, dass die Bourgeoisie so verdammt unfähig ist, selbstbewusst zu herrschen und immer irgendwie ihre Anachronismen bemühen muss – irgendwelche Fürsten, Grafen, Kaiser oder Könige – finde ich eine sehr interessante theoretische Frage, die ich aber wiederum viel grundsätzlicher als nun ausgerechnet an 1917 diskutieren würde. Nämlich an der Frage des Auseinanderfallens von politischer und ökonomischer Ausbeutung; an der Frage, in welcher Form das Mehrprodukt in der Gesellschaft angeeignet wird und warum es immer notwendig zum Bewusstsein des Bürgers gehört, dass er sich als Einzelner erfährt, dem seine Gesellschaftlichkeit entfremdet und verdinglicht gegenübersteht und er deswegen gar nicht in der Lage ist, offensiv ein Klasseninteresse zu formulieren, sondern immer gleich in Fraktionen und Koterien auseinanderfällt. Ich finde die Frage des 18. Brumaire sehr aktuell, aber ich würde sie eher an Trump als an 1917 stellen.

Frank Ruda:

Das finde ich sehr interessant. Aus Lenins Perspektive ist Geschichte in gewisser Weise ein Kampfplatz, was bedeutet, dass man geschichtliche Verläufe nicht einfach irgendwelchen anderen Leuten überlassen soll. Die Darstellung des Scheiterns oder des Niedergangs der Russischen Revolution kann man eben auch nicht einfach den Leuten überlassen, die von vorneherein sagen, dass das doch zum Scheitern verurteilt oder gar keine Revolution war, sondern maximal ein Putsch. Wenn man sich anguckt, in welche geschichtlichen Filiationen zumindest Lenin sie stellt, ist es zunächst die Französische Revolution. Er spricht immer wieder von einer Unterscheidung: Es gibt Jakobiner mit und Jakobiner ohne Volk. Die Jakobiner ohne Volk sind Worthelden, die nur von Revolution reden und es meistens nicht so meinen. Die anderen versuchen tatsächlich das zu entwickeln, was Mao später eine Massenlinie nennt – also mit Leuten zusammenzuarbeiten. Und dann ist die Pariser Kommune der Beschreibungshorizont, der das Problem stellt, um das es da geht.

Die Frage nach dem 18. Brumaire und einer bestimmten Selbstrepräsentation der Bourgeoisie ist interessant, weil auch Lenin die Kategorie des Bonapartismus benutzt. Das sind die, die so tun, als ob sie über den Klassenverhältnissen stehen. Sie geben einfach eine neutrale Beschreibung, wie man das so kennt: „Schluss mit Ideologie, das sind einfache Probleme, lasst sie uns doch neutral besprechen.“ Was mit dem Trump-Punkt zu tun hat (vielleicht ist es kein Zufall, dass da ein selbst ernannter Leninist eine Zeitlang dabei war) ist die Betonung darauf, dass es in der Politik nicht einfach eine objektive Wahrheit gibt. Es ist fast wie eine eigentümliche Aneignungstendenz der Bourgeoisie. Es ist so, als würde die Bourgeoisie sagen: Es gibt Klassenkampf, nur – wir haben gewonnen. Wenn das so sein sollte, dann kann man nicht mehr einfach sagen: „Es gibt aber Klassenkampf“ – sondern dann muss man irgendwie einen Schritt weitergehen.

Frank, Du meintest eben, Du seist Dir nicht so sicher mit dem Begriff „der Linken“. Kannst Du vielleicht darauf eingehen, wie man das verstehen soll?

Ruda:

Damit wollte ich nur sagen, dass der Begriff „der Linken“ vielleicht eine Zeitlang ein gewisses Orientierungspotential hatte. So redet schon Kant: Wenn ich irgendwo im Wald bin und nicht weiß wohin und wie weiter: Was hilft mir dann zur Orientierung? Linke und rechte Hand! Und politisch ist es nun mal auch so: Ohne Orientierung ist es halt doof. Aber jetzt gibt es das Problem, dass manchmal die linke Hand gar nicht so richtig die linke Hand ist (zumindest ist das bei Signifikanten so). Deswegen habe ich auch darauf verwiesen, dass schon Lenin sagt, da würden überall Marxisten rumrennen, die sich aber gar nicht dafür interessieren, wovon Lenin denkt, dass sich ein Marxist für interessieren sollte. Das heißt, es gibt eine Reifizierungstendenz von Signifikanten, von Wörtern, die für das stehen, was Orientierung stiftet. Und dann ist es in gewisser Weise noch schlimmer. Denn was Orientierung zu versprechen scheint, hilft nicht weiter. Leute denken dann „Dann frage ich mal einen Marxisten, was man machen soll.“ Aber der oder die gibt dann nicht die Antworten, an denen man sich orientieren könnte. Das ist ein Problem! In diesem Kontext glaube ich, ist „die Linke“ als Signifikant vor dieser Dynamik nicht gefeit. Man muss darüber reden, was die „die Linke“ heißen kann, wofür sie eigentlich steht.

Anton:

Ich würde vielleicht kurz noch einfügen, dass dieses Problem in gewisser Weise ein Luxusproblem ist. Es ist zunächst einmal schön, wenn alle Leute Marx gelesen haben – auch wenn es die meisten nicht ernst damit meinen. Es ist erst einmal schön, wenn es eine „Linke“ gibt. Nicht wie in Polen, wo entweder Liberalismus oder Rechtsautoritarismus zur Auswahl steht. Ich denke, man sollte die kleinen Sachen im Leben nicht ganz so verdammen.

i Trotzki, Leo: Ergebnisse und Perspektiven. Die treibenden Kräfte der Revolution. URL: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1906/erg-pers/index.htm.

ii Trotzki, Leo: Die Permanente Revolution. Einleitung. URL: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/permrev/ltperm01.htm.

iii Vgl. Ausgabe 6 der Platypus Review mit Interviews mit verschiedenen Politikern der Linkspartei, u.a. zum Begriff des „demokratischen Sozialismus“. URL: https://platypus1917.org/die-platypus-review/.

iv Trotzki, Leo: Verratene Revolution. URL: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/verrev/index.htm.

v Quadfasel, Lars (2017): Good Guy Lenin. In: Konkret 11/2017.

vi Lenin, V.I. (1977): Notizen eines Publizisten. In: Lenin, V.I.: Werke 33, S. 188-190. Berlin: Dietz Verlag.

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