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Wieso nicht Grönland?

Die Zukunft gehört Amerika – so auch Grönland 

Platypus Review Ausgabe #37 | November/Dezember 2025

von Chris Cutrone

KĂĽrzlich wurden, in einer an die X-Files erinnernden Szene, durch die Aufnahmen eines NASA-Satelliten die Ăśberreste einer alten US-Atomwaffenbasis auf Grönland entdeckt. Das eigentlich vom Permafrost bedeckte „Camp Century” ist ein Relikt des Kalten Kriegs und ihr Wiederauftauchen eine treffende Metapher fĂĽr Donald Trumps Vorschlag, das US-Territorium auf den zirkumpolaren Norden auszudehnen. Das scheinbar aus dem Nichts kommende Vorhaben hat in Wirklichkeit eine weit zurĂĽckreichende Geschichte. 

Als Nazi-Deutschland 1940 Dänemark eroberte, besetzten Großbritannien und später die Vereinigten Staaten Island. Vier Jahre danach erklärte sich Island zur unabhängigen Republik und löste sich somit vom dänischen Königreich ab. Grönland hätte diesem Beispiel folgen können. Beide Inseln sind seitdem strategisch wichtige Standorte für die NATO, was Trumps Vorschlag, Grönland aus militärischen Gründen zu erwerben, überflüssig erscheinen lässt: So besetzt Grönland ohnehin bereits eine vorgeschobene Position in Hinblick auf die Arktis und russische Bedrohungen. Vielleicht aber ist Trumps Ziel die Abschaffung der NATO – wie er es angedroht hat und seine Kritiker ihm vorwerfen. Und vielleicht ist dieses Vorhaben mehr als nur eine Täuschung oder eine Verhandlungsposition. Grönland scheint Teil dieses Plans zu sein.

Trumps Vorschlag hat die indigene Bevölkerung Grönlands dazu veranlasst, ihre Unabhängigkeit zu fordern. Währenddessen hat der König von Dänemark Grönland und die Färöer-Inseln in sein königliches Wappen aufgenommen. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sendete widersprüchliche Signale und Don Jr. besucht Grönland, während ich diesen Artikel schreibe.

Trumps Bezeichnung Kanadas als „51. Staat“ führte zum Rücktritt von dessen „Gouverneur“, Premierminister Justin Trudeau. Der designierte Präsident hat seitdem die Vorteile einer Union mit Kanada dargelegt, die die „künstliche Grenze“ beseitigen würde. Doch politische Grenzen spiegeln die Geschichte und ihre Nachwirkungen wider. Das gilt auch für Grönland: Der frühe skandinavische Kontakt – durch die Wikinger – mit der Neuen Welt untermauert den dänischen Anspruch auf die Insel. (Die Inuit, die heute die Mehrheit der Bevölkerung stellen, kamen tatsächlich später.)

Die Grenze zwischen den USA und Kanada ist die Grenze
der Amerikanischen Revolution. Benjamin Franklin forderte den Anschluss Kanadas gegenüber Großbritannien in den Vertragsverhandlungen zum Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Nach dem Bürgerkrieg bot die siegreiche Union an, Kanada als Entschädigung für die britische Unterstützung der Konföderation zu übernehmen. Außenminister William H. Seward1 musste sich allerdings mit dem Kauf Alaskas begnügen. Kanada blieb somit die Grenze der Konterrevolution nach beiden amerikanischen Revolutionskriegen. Es blieb der europäischste Teil der westlichen Hemisphäre. Das war nichts Gutes.

Trumps Versprechen, Amerika „Great Again“ zu machen, bedeutet zunächst einmal, Amerika wieder zu Amerika zu machen. Grönland und Kanada zu amerikanisieren, ist Teil dieser Initiative. Trump erklärte den Golf von Mexiko zum Golf von Amerika. Eine Tatsache so unverblĂĽmt auszudrĂĽcken, kann man geschmacklos finden. Ob wörtlich oder bildlich gemeint – die Geste ist unmissverständlich. Dies ist kein Imperialismus, sondern eine Erinnerung an das Reich der Freiheit, das Thomas Jefferson als Mission der neuen Vereinigten Staaten erklärte. Es ist ein immerwährendes Versprechen. Amerika ist revolutionär, oder es ist nichts. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben die Welt zweimal befreit – dreimal mit dem Kalten Krieg. Ihre Mission geht weiter. 

(Dies ist nicht der Zeitpunkt, die Monroe-Doktrin ĂĽber Bord zu werfen, bei der es nicht um die Vorherrschaft der USA, sondern um den Schutz der amerikanischen Freiheit ging.)

Seit dem Bürgerkrieg haben die Vereinigten Staaten von ihren Feinden bedingungslose Kapitulation gefordert. Sie haben alle ihre Gegner wie die Konföderation behandelt – als Echos der Konterrevolution, als Bedrohung, die Revolution rückgängig zu machen. Die Konföderierten hielten die Werte der Revolution – Leben, Freiheit und das Streben nach Glück als allgemeine, unveräußerliche Rechte – für falsch. Das haben auch alle weiteren Gegner Amerikas getan. Sie waren und sind Sklavenstaaten.

Doch die Revolution kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Frage ist, wie Grönland, Kanada, Panama, Mexiko oder der Rest der Amerikas – der Rest von Amerika – ihr folgen können, statt sich ihr zu widersetzen.

Entscheidender aber ist, wie Amerika selbst der Revolution noch folgen kann. Trump scheint ihrem Ruf zu folgen. Die Vereinigten Staaten wollen nicht herrschen, sondern lediglich Menschen und Orte befreien. Wie sie das tun, ist inzwischen fraglich. Aber es wird keinen RĂĽckzug in ein Little America geben. Das schiere AusmaĂź der amerikanischen Macht wird es nicht zulassen. Kann sich Amerika an diesen Grenzen wiederfinden – sich selbst wiederfinden? 

Das von Nixon und Kissinger geschmiedete BĂĽndnis zwischen Washington und Peking ging mit der Niederlage der Sowjetunion zu Ende. Es sollte das nächste Jahrhundert prägen, und tat das auch. Leider war die ursprĂĽngliche Absicht des Paktes, dass die beiden Länder – beide Sieger des Zweiten Weltkriegs, wenn auch eines durch den Krieg stärker geschädigt – sich gegenseitige Neutralität zusichern wĂĽrden. Doch diese Abmachung scheiterte nicht nur hier, sondern ebenso zwischen den ursprĂĽnglichen Alliierten: den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. 

Wladimir Putin erklärte in Interviews, die vor Trumps erster Amtszeit und nach der russischen Einnahme der Krim Oliver Stone mit ihm fĂĽhrte, dass er zwar die amerikanische Vorherrschaft akzeptiere, Washington aber unmöglich die Welt regieren könne. Er erinnerte daran, dass Russland in der Geschichte der USA in allen Kriegen bis auf einen (den Krieg von 1812 – die Napoleonischen Kriege) ihr VerbĂĽndeter war, und riet dazu, Regionalmächten wie Russland und China ihre eigenen Gebiete zuzugestehen. Das Problem ist, dass ihre Nachbarn nicht zustimmen werden und stattdessen auf amerikanischen Schutz hoffen. 

Trump wird von seinen politischen Gegnern in der Demokratischen und der Republikanischen Partei als „Isolationist“2 verunglimpft – ein altes Schimpfwort aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Aber seit Woodrow Wilsons „Krieg zur Beendigung aller Kriege“, der Amerika von Europa (d. h. von der Konterrevolution) aufgezwungen wurde, ist die amerikanische Beteiligung an globalen Angelegenheiten eine Selbstverständlichkeit. Theodore Roosevelt hatte bereits 1905 das Ende des Russisch-Japanischen Krieges ausgehandelt und davor gewarnt, dass Amerika in einen Konflikt mit Japan oder Deutschland geraten könnte, der aus seiner Sicht drohte.

Trump hat eine militärische Lösung für die von ihm identifizierten Probleme mit Grönland oder dem Panamakanal nicht ausgeschlossen. Allerdings schloss er eine solche für Kanada aus – ironischerweise, wenn man bedenkt, dass das Land ursprünglich ein Bollwerk der Feinde Amerikas im Revolutionskrieg war. Ist Trumps kühne Ouvertüre seiner zweiten Amtszeit der Auftakt zu einem neuen geopolitischen Wettbewerb – einem neuen Kalten Krieg oder gar einem Dritten Weltkrieg? Oder ist es eher ein Vorgeschmack auf eine wiederhergestellte amerikanische Weltherrschaft, wie sie Trump offenbar beabsichtigt?

Der Schlüssel für harte Verhandlungen ist die Bereitschaft, auf ein Geschäft zu verzichten, anstatt schlechte Bedingungen zu akzeptieren. Trump setzt darauf, dass seine Verhandlungspartner mindestens ebenso friedensbedürftig sind wie Amerika und dass die Welt nach der Großen Rezession und der Covid-Krise auf die Erholung Amerikas angewiesen ist.

Die Gefahr besteht darin, dass die Vereinigten Staaten ihr Blatt ĂĽberschätzen könnten. Es ist vielleicht nicht die Zeit fĂĽr einen Konfrontationskurs oder ein Kräftemessen. Sondern fĂĽr eine Ăśbereinkunft der Interessen. 

Washington hat sich im neuen Jahrtausend durch politische Sackgassen und einen deutlichen Mangel an Visionen festgefahren. Der ehemalige Abgeordnete Joe Walsh,3 der 2020 kurzzeitig gegen Trump um die republikanische Präsidentschaftskandidatur antrat, spekulierte auf der „Never-Trump“-Republikaner-Gegenkonferenz 2024 in Milwaukee, dass Amerikas Sieg im Kalten Krieg seinen Untergang bedeutete. Er könnte damit gemeint haben, dass China der ultimative Nutznießer des Falls der Sowjetunion war. Doch solcher Pessimismus ist unrealistisch. Die Krise nach dem Kalten Krieg wird in der Tat von Trump bewältigt, wenn auch zum Leidwesen von Walsh und der alten GOP-Garde.4 Anders als China oder Russland verfügt Amerika über größere Ressourcen für einen politischen Richtungs- und Führungswechsel. Trumps Kritiker weigern sich, in Bezug auf Trump das Offensichtliche zu sehen: Er ist es, der „Hope and Change“ verkörpert, was für Obama vor ihm lediglich ein Marketing-Slogan war.

Die Gravitationskraft der Vereinigten Staaten liegt in ihrer sozialen und nicht nur in ihrer wirtschaftlichen Macht. Das erstreckt sich auch auf ihre politischen Fähigkeiten. Es gibt viele Quellen der Macht, nicht nur eine, dies schafft eine weitaus widerstandsfähigere Gesellschaftsordnung, als man sie bei den potenziellen Feinden Amerikas findet.

Im Laufe der amerikanischen Geschichte gab es alle 40 oder 50 Jahre eine Krise, die eine nationale Erneuerung erforderte. Jeffersons Revolution von 1800, Jacksons Wahl von 1828, der Bürgerkrieg, die progressive Ära, der New Deal und die Reagan-Revolution veränderten allesamt die politischen Parteien und die Art ihres Wettbewerbs. Sie erfüllten damit die Prognose Jeffersons, dass in etwa jeder Generation eine Revolution nötig sein würde. Einen solchen Wandel erleben wir auch jetzt.

Es gibt zwar nicht unbedingt einen Plan, aber eine Vision. Dass Trump sein Augenmerk auf Grönland richtet, scheint den Eindruck zu erwecken, dass seine Kritiker mit ihrer Einschätzung über die Gefährlichkeit seiner Torheit recht haben. Es symbolisiert die scheinbare Absurdität des Augenblicks. Doch es wäre falsch, deshalb auf den Mangel an Vorstellungskraft zurückzufallen, der die US-Politik viel zu lange geplagt hat.

Die vergessene dänische Kolonie in der westlichen Hemisphäre spiegelt einen Teil von Trumps Charakter wider, der groĂźspurig, aber nicht ohne Substanz ist. Wo andere selbstgefällig Räume ungenutzt gelassen haben, hat er sich ans Bauen gemacht. Könnte dies auch auf der größten Insel der Welt geschehen? Wo andere nur eine Einöde sehen, sieht Trump nicht nur Möglichkeiten, sondern Notwendigkeiten – die Notwendigkeit fĂĽr das Wachstum und den Wandel Amerikas. 

In diesem und anderen Bereichen erkennt Trump die Notwendigkeit einer weitreichenden amerikanischen Zukunft. Vielleicht mĂĽssen die Grenzen des Reiches der Freiheit, angesichts des bevorstehenden 250. Jahrestags der Amerikanischen Revolution, neu verhandelt werden. |P

Der vorliegende Text erschien am 09. Januar 2025 in Compact Magazine und wurde von Johannes K. ins Deutsche übersetzt, sowie durch Endnoten ergänzt.


1. William H. Seward (1801-1872) war US-AuĂźenminister unter Präsident Lincoln und Johnson. Er verhandelte 1867 den Kauf Alaskas von Russland, der zunächst als „Seward’s Folly” (Sewards Torheit) verspottet wurde. 

2. Als „Isolationisten” wurden in den USA vor dem Zweiten Weltkrieg jene bezeichnet, die eine Nichteinmischung in europäische Konflikte forderten. Der Begriff wurde diffamierend verwendet, nachdem Pearl Harbor die USA zur Teilnahme am Zweiten Weltkrieg zwang.

3. Joe Walsh ist ein ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter und Radio-Moderator, der 2020 erfolglos gegen Trump um die republikanische Präsidentschaftskandidatur antrat und sich als scharfer Trump-Kritiker profilierte.

4. Grand Old Party, ist der Beinamen der Republikanischen Partei. Die „alte Garde” bezeichnet hier die etablierten, traditionellen Republikaner, die sich von Trumps Politik distanzieren.