Mar-a-Gaza
Platypus Review Ausgabe #37 | November/Dezember 2025
von Chris Cutrone
Donald Trump erwarb Mar-a-Lago lange nachdem es als Präsidentenresidenz („Winter White House“) aufgegeben wurde, wofür es ursprünglich gebaut und der US-Regierung gespendet worden war. Die Regierung hatte es verkauft, und Trump erwarb es mehrere Jahrzehnte vor seiner politischen Karriere zu einem Schnäppchenpreis. Er verwandelte es von einer heruntergekommenen Immobilie zu seinem privaten Anwesen, wodurch er es schließlich seinem ursprünglichen Zweck zuführte.
Diesen Winter sagte Trump, dass die Vereinigten Staaten sich „um Gaza kümmern“ und dort „einen Job erledigen“ werden. Wie bei allen Dingen, die Trump sagt, handelt es sich entweder um seine aufrichtige Absicht oder den Eröffnungszug einer Verhandlungsposition. Im Gegensatz zu anderen ähnlichen Äußerungen war dies kein spontaner Kommentar, sondern eine vorbereitete Bemerkung, vorgelesen aus schriftlichen Notizen am Rednerpult einer Pressekonferenz.
Nur wenige Wochen nach Beginn seiner zweiten Amtszeit bekundete Trump, persönlich die Verantwortung für die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zu übernehmen. Obwohl dieses Vorhaben die Welt schockierte, war es eindeutig ein mit seinem Team sorgfältig ausgearbeiteter Vorschlag. Benjamin Netanjahus angespanntes Lächeln zeigte, dass er im Voraus Bescheid wusste und deshalb weder überrascht noch sonderlich glücklich darüber war.
Einen Tag vor Bibis (Benjamin Netanjahus) Besuch hatte Trump die Größe seines Stiftes mit der Größe seines Schreibtischs, dem „Resolute Desk”, verglichen und erklärte, dass der Stift das kleine Israel im größeren Nahen Osten repräsentiere. Doch wie Alan Dershowitz bemerkte, ist „dieses Statement zweischneidig.“
Um alle Zweifel auszuräumen, sagte Trumps Nationaler Sicherheitsberater Mike Waltz am nächsten Tag, dass die Vereinigten Staaten ein 10- bis 15-jähriges Engagement eingehen möchten, um Gaza wieder aufzubauen.
Trumps Kernkompetenz ist nicht nur „the Art of the Deal”, sondern auch das Denken „outside the box“. In diesem Fall ist es die tödliche Box des Israel-Palästina-Konflikts. Er beschrieb den Nahen Osten einmal als „long blood-stained sand“ (lange blutgetränkte Sandfläche). Trump empfindet der Geschichte gegenüber keine Sentimentalität, seine Haltung ihr – wie allem anderen – gegenüber ist völlig pragmatisch. Er sagte schlicht, dass die Palästinenser und Israelis die nächsten hundert Jahre damit verbringen könnten, dasselbe zu tun, was sie die letzten hundert Jahre getan haben – „aber das will niemand“.
Trump hat vor, ihnen den Konflikt abzunehmen. Netanjahu muss grinsen und es ertragen. Gaza soll weder Israel noch der Hamas gehören.
Der amerikanische Präsident will Frieden und besteht darauf, dass Israel das auch will. Der evangelikale Christ Mike Huckabee wurde als Trumps Botschafter nach Israel entsandt. In ihm müssen die Israelis dem Antlitz des christlichen Zionismus gegenübertreten, welcher, anders als sie, das Armageddon erwartet. Ist das die Zukunft, die sie wollen – die Erfüllung der Prophezeiung anderer?
Der Krieg in Gaza konnte eigentlich nur auf eine Weise enden – doch nun wird den Kriegsparteien unerwartet eine internationale Lösung von außen aufgezwungen.
Das wäre ein Hindernis für das „Eretz Israel”,1 welches Gaza und das Westjordanland territorial einschließen würde. Trump bietet an, Palästina wieder aufzubauen. Wird es bei Gaza bleiben?
Trump hat sich beschwert, dass er sich von Netanjahu verraten fühlte: nicht wegen der Anerkennung von Bidens Wahlsieg 2020, sondern wegen dessen Versagen, Frieden zu schließen. Trump warf Netanjahu vor, ihn getäuscht zu haben, indem er nur so tat, als wolle er Frieden. Im Gegensatz dazu nannte Trump den Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, eine „Vaterfigur“. Abbas seinerseits war einer der Ersten, der Trump nach dem Attentatsversuch alles Gute wünschte, in einem Brief, den Trump noch vor der Wahl stolz vorzeigte.
Trump versprach den arabischen Amerikanern ein Ende des Gemetzels. Der 7. Oktober war ein Ereignis, das keine Rückkehr zum Status quo zulässt. Das gilt nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die Israelis. Eine fundamentale Veränderung ist unvermeidlich.
Trumps erzwungener Waffenstillstand wird von ihm selbst nun potenziell gefährdet, indem er das Endspiel verändert. Doch diese scheinbar neuartige Idee war immer der Plan, der Jared Kushner2 vorschwebte und dessen Abschluss in Trumps erster Amtszeit
nicht umgesetzt werden konnte. Der 7. Oktober eröffnete nun die Gelegenheit, an einem ähnlichen Punkt anzukommen. Die Hamas war immer von sekundärer Bedeutung; ihre Selbstzerstörung Gazas hat das Ergebnis lediglich beschleunigt.
Trump wird ein Kapitel der Geschichte beenden, das scheinbar nicht mehr von Bedeutung ist, ohne dass das geschehene Leid einander gegengerechnet wird. Manches kann nicht repariert, sondern nur zurückgelassen werden. Trump will mit den Trümmern der Vergangenheit aufräumen.
Walter Benjamin schreibt in „Der destruktive Charakter“:
„Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen. Nicht immer mit roher Gewalt, bisweilen mit veredelter. Weil er überall Wege sieht, steht er selber immer am Kreuzweg. Kein Augenblick kann wissen, was der nächste bringt. Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.”3
Marx und Engels schreiben ĂĽber die moderne kapitalistische Gesellschaft:
„Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. [...] Sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge. [...] Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.”4
In Anbetracht der Verwüstung ist Trumps Vision atemberaubend, aber in ihrer Einfachheit ernüchternd. Auf sich allein gestellt, könnten sich die Israelis und Palästinenser zu Grunde richten. Nur Amerika kann sie davor bewahren. Denn die Vereinigten Staaten sind nicht nur Israels sicherster Verbündeter, sie sind auch der einzige zuverlässige Freund der Palästinenser.
Netanjahu sagte zu Trumps Plan: „Sie können gehen, sie können zurückkommen, sie können umgesiedelt werden und zurückkommen, aber man muss Gaza wieder aufbauen.“ Das wäre keine ethnische Säuberung, geschweige denn „Genozid”, sondern lediglich der Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Krieges.
Obwohl es als Immobilienentwicklung dargestellt wird, ist es ein politischer Schachzug, um die Vereinigten Staaten als feste Größe vor Ort zu etablieren, die aktiv das Ende des Konflikts vermittelt.
Die USA waren schon immer die größten Geldgeber der Palästinenser und Trump ist im Hinblick auf ihre Angelegenheit wahrscheinlich der mitfühlendste Präsident bisher. Sein Engagement, Verantwortung für Gaza und die Bewohner Gazas zu übernehmen, erhöht den Einsatz und entlarvt die Komplizenschaft der arabischen Staaten, insbesondere des benachbarten Ägyptens unter Präsident Abdel Fattah el-Sisi und Jordaniens unter König Abdullah, die bereits seit langem Friedensabkommen und normale Beziehungen zu Israel unterhalten und der Hamas und dem Islamischen Dschihad mindestens ebenso feindlich gegenüberstehen wie Netanjahus Israel. Trump erhöht den Einsatz und macht deutlich, dass es jetzt für alle an der Zeit ist, entweder Flagge zu zeigen oder den Mund zu halten.
Trump entblößt sie als das, was sie im besten Fall immer gewesen sind: Gutwetterfreunde der Palästinenser. Im Gesamten betrachtet, müssen die Monarchien der Golfstaaten und Saudi-Arabiens, die bestehenden und zukünftigen Partner der Abraham Accords,5 nun Trumps Engagement für Gaza und die Palästinenser im Allgemeinen entsprechen. Wenn sie das tun, führt das zu einer geeinten Front, die den Israelis ein Angebot machen wird, das sie nicht ablehnen können.
Und zu ihrem gemeinsamen Feind, der Islamischen Republik Iran, hat Trump gesagt, dass er die Executive Order für den „maximalen Druck“ gegen Teheran nur widerwillig unterzeichnet habe. Eine der ersten Amtshandlungen nach seiner Wahl war es, Elon Musk als Gesandten zu schicken, um der iranischen Delegation bei den Vereinten Nationen seine Absicht zu versichern, die Friedensverhandlungen wieder aufnehmen zu wollen. Wie schon in seiner ersten Amtszeit hat Trump kein Interesse daran, den Iran anzugreifen.
Weit davon entfernt, Netanjahus Politik zu unterstützen, arbeitet Trump daran, deren Begründungen zu untergraben. Er zwingt Israel erfolgreich an den Verhandlungstisch und, beginnend mit dem Waffenstillstand, zu Zugeständnissen – im Gegensatz zu Biden, dessen „Bärenumarmung“ Netanjahu nicht effektiv einschränken konnte. In seinem üblichen Stil macht Trump Bidens gescheiterte „humanitären Pier“ für Gaza auf größtmögliche Art und Weise wahr.
Trumps Absicht ist klar: Wenn Biden unbeabsichtigt den „Genozid“ an den Bewohnern Gazas begünstigt hat, dann wird Trump sie retten, indem er den Prozess scheinbar vollendet und die Gefahr einer „ethnischen Säuberung“ beseitigt, indem er sie zur vollendeten Tatsache erklärt. Selbst die Eskalation Israels im Westjordanland ist lediglich Teil desselben Prozesses – nicht der Vertreibung der Palästinenser, sondern der Klarstellung, dass es keine Alternative gibt. Trump will sich den Umstand zunutze machen, dass er die Palästinenser und Israelis genau dort hat, wo er sie haben will.
Die Alternative zu einem Genozid konnte und kann niemals etwas anderes als Kapitulation sein. Washington hat seit über vierzig Jahren – seit Jimmy Carters Camp-David-Abkommen mit Anwar el-Sadat6 – versucht, die Kapitulation der Palästinenser vor dem israelischen Sieg zu verhandeln. Netanjahu hat die Möglichkeit einer palästinensischen Kapitulation erfolgreich hinausgezögert, um ihre Schwäche möglichst effektiv auszunutzen. Trump hingegen stoppt Netanjahus Vormarsch, indem er dessen Ergebnisse bestätigt und ihm alles gibt, was er öffentlich fordert – so wie er Jerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hat, in Erwartung einer Gegenleistung für die Palästinenser –, sodass eine daraus resultierende Zwei-Staaten-Lösung nicht als „Belohnung des Terrorismus“ oder Kapitulation vor der Strategie der Hamas angesehen werden kann – die mit dem Angriff am 7. Oktober nicht darauf abzielte, Israel zu zerstören, sondern zu Verhandlungen zu zwingen.
Wenn nur Nixon nach China gehen konnte, dann kann nur Trump das langfristige, überparteiliche Ziel eines Endes des Israel-Palästina-Konflikts durch die endgültige Errichtung eines palästinensischen Staates erreichen. Die taktischen Unterschiede zu den Demokraten und allen anderen betreffen nicht die Grundsätze oder Zwecke, sondern nur die Mittel. Trumps bescheidener Vorschlag wurde wie üblich im größtmöglichen Stil präsentiert, ist aber nur eine Geste: Er hat bereits versprochen, dass weder amerikanische Truppen noch Gelder für diese Angelegenheit eingesetzt werden.
Wie gewöhnlich wird er nicht Besitzer, sondern nur Namensgeber sein – von Trumps Frieden. |P
Der vorliegende Text erschien am 07. Februar 2025 in Compact Magazine und wurde von Johannes K. ins Deutsche übersetzt sowie durch Endnoten ergänzt.
1. Hebräisch für „Land Israel”. Bezeichnet in der zionistischen Haltung das historische Gebiet, das Juden als ihr biblisches Heimatland beanspruchen. Der Begriff umfasst geografisch das heutige Israel, den Gazastreifen, das Westjordanland und teilweise auch Gebiete der Nachbarstaaten.
2. Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn (verheiratet mit Ivanka Trump), war während Trumps erster Amtszeit Senior Advisor des Präsidenten. Er spielte eine zentrale Rolle bei der Nahost-Politik, insbesondere bei der Aushandlung der Abraham-Accords 2020.
3. Walter Benjamin: „Der destruktive Charakter“. In: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1972, S. 396-398, hier S. 397.
4. Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei (1848). In: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, Berlin: Dietz Verlag 1959, S. 459-493, hier S. 464-465. Online abrufbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/1-bourprol.htm
5. Die Abraham Accords sind eine Serie von Normalisierungsabkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten, die im September 2020 unter Vermittlung der Trump-Regierung geschlossen wurden. Die Abkommen markierten einen historischen Durchbruch, da die arabischen Staaten erstmals diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Israel aufnahmen, ohne eine vorherige Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts zu fordern.
6. Die Camp-David-Abkommen wurden 1978 unter Vermittlung von US-Präsident Jimmy Carter zwischen dem israelischen Premierminister Menachem Begin und dem ägyptischen Präsidenten Anwar el-Sadat geschlossen. Sie führten 1979 zum ersten Friedensvertrag zwischen Israel und einem arabischen Staat und zur Rückgabe des Sinai an Ägypten.

