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Die Naturalisierung des Schnabeltiers

Anmerkung zu Geschichtsphilosophie und Naturalisierung der Verhältnisse bei Spencer A. Leonard 

Platypus Review Ausgabe #37 | November/Dezember 2025

von Julian Bierwirth

Die Gruppe Platypus veranstaltet seit einigen Jahren auch im deutschsprachigen Raum Diskussions- und Vortragsveranstaltungen zu linker Theoriegeschichte. Dabei ist nicht nur der unorthodoxe Mix aus Trotzkismus und Kritischer Theorie auffällig, sondern auch die positive Bezugnahme auf einige progressive Klassiker der bürgerlich-liberalen Tradition, insbesondere Adam Smith und Jean-Jacques Rousseau. Einen zentralen Aufsatz zur Begründung dieser Tradition ist von Spencer A. Leonard vorgelegt worden. Am Beispiel dieses Textes lassen sich die Probleme, in die sich die Platypus-Society mit ihrem theoretischen Framing bringt, darstellen.

Geschichtsphilosophie und verkĂĽrzte Kritik bei Leonard

Leonard betrachtet die Entstehung der kapitalistischen Gesellschaft vor dem Hintergrund des Historischen Materialismus. Er versteht sie als Fortschrittsgeschichte im Vergleich zu vormodernen Herrschaftsverhältnissen und fasst die von Smith beschriebenen Neuerungen tendenziell einseitig als Verbesserungen auf. Leonard bejaht die sich neu herausbildende Vereinzelung der Individuen, ihre Abhängigkeit von der Lohnarbeit und die Transformation aller Menschen in Bourgeois. Für ihn ist der Kapitalismus im Wesentlichen „eine Welt, in der sie nicht auf das Wohlwollen oder die Nachsicht des Bäckers, des Metzgers, des Brauers oder irgendeiner anderen Person angewiesen sind, um ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen im Rahmen des Gesetzes zu führen.“1

Er interpretiert Smith als einen Autor, der die Arbeitswerttheorie entwickelt und wesentliche Beiträge zu ihrer Ausarbeitung geleistet hat. Leonard sieht die moderne Gesellschaft nach Smith als das Ergebnis der Emanzipation einer neu entstehenden Klasse von Stadtbewohnern, die von feudalen Bindungen und traditionellen Privilegien befreit wurden. Diese Stadtbewohner, sowohl Arbeiter als auch Kaufleute, teilen eine gemeinsame Freiheit, die es ihnen ermöglicht, ihre Arbeitskraft oder Produkte auf dem Markt frei zu tauschen. In diesem Sinne interpretiert Leonard den Kapitalismus primär als eine Geschichte der Befreiung. Er legt seinen Fokus einseitig auf die Aspekte, die er als Überwindung historischer Abhängigkeiten versteht, und lässt dabei die neuen Formen der Unterdrückung außer Acht, die mit dieser „Befreiung“ einhergehen.

In Übereinstimmung mit dieser Lesart beschreibt Leonard die Befreiung der Menschen von ihren „feudalen Fesseln“ (Marx/Engels) metaphorisch als das Ergebnis eines „Sklavenaufstands“. Die Menschen seien nun als Arbeiter:innen und Kaufleute gleichberechtigte Akteure auf dem Markt und nicht länger in feste gesellschaftliche Hierarchien eingebunden. Es etabliert sich ein System, das auf dem Tausch von Arbeitsprodukten beruht und das Leonard als Grundlage einer demokratischen Gesellschaftsorganisation versteht. In dieser Annahme könnten die Menschen über die Ergebnisse ihrer Arbeit als ihr Eigentum selbstbestimmt und frei verfügen.

Einen Fortschritt stellt die bürgerliche Marktgesellschaft für Leonard nicht zuletzt deshalb dar, weil sie die irrationalen Ansprüche früherer Herrschaftsklassen entlarvt. Ganz in der marxistischen Tradition argumentiert er, dass die Herrschaftsbeziehungen im Kapitalismus nun einfacher und offensichtlicher werden, da sie sich nicht länger auf religiöse oder traditionelle Dogmen stützen. Diese Vorstellung findet sich beispielsweise im Kommunistischen Manifest, wenn es dort heißt:

„Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, unterscheidet sich jedoch dadurch, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“2

Leonard betont dabei besonders den emanzipatorischen Charakter, den er der modernen Arbeitsgesellschaft zuschreibt. Er verweist auf die Forderung nach Arbeit, die bedeute, „nur der sozialen Macht unterworfen zu sein, die dem Geld rechtmäßig zukommt.“3 Diese Macht, so Leonard, begründet sich darin, dass in der kapitalistischen Gesellschaft Geld die zentrale Grundlage sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen darstellt. Er interpretiert diese Konstellation jedoch nicht als die Herstellung einer historisch einzigartigen Abhängigkeit, sondern als Grundlage demokratischer und rationaler Beziehungen.

Leonards Verteidigung von Smith scheint mir dabei auf zwei Missverständnissen zu beruhen. Einerseits missversteht er den Charakter  des Kapitalismus als Klassencharakter (und schafft es nicht, ihn als warenproduzierende Gesellschaft zu dechiffrieren) und andererseits missversteht er die herkömmliche linke Kritik an Smith als eine, die ihn als neoliberalen Vertreter der Interessen der Bourgeoisie charakterisiert. Letzteres ist er selbstverständlich nicht. Er vertritt die Position, dass die kapitalistische Warenproduktion mit ihren Prinzipien Freiheit und Gleichheit fĂĽr alle Warenbesitzer:innen von Vorteil ist und versteht die Aufgabe des Staates dahingehend, allgemeingĂĽltige Regeln zu erlassen, die das ermöglichen. Daran knĂĽpft Leonard an, weshalb fĂĽr ihn der Ăśbergang vom bĂĽrgerlichen zum sozialistischen Staat flieĂźend zu sein scheint.

Mit dieser Perspektive verfehlt er nicht nur die Funktionsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft, sondern auch den zentralen kritischen Punkt im Werk von Marx. Im Folgenden möchte ich daher in gebotener Kürze darstellen, wie Marx die moderne, kapitalistische Gesellschaft als Warenökonomie und Arbeitsgesellschaft kritisch konzipiert. Im Verlauf dieser Darstellung wird deutlich werden, inwiefern Marx nicht als bloße Fortführung der Argumentation von Smith verstanden werden kann, sondern sein Werk vielmehr eine radikale Kritik sowohl der kapitalistischen Ökonomie als auch der Theorie von Smith darstellt.

Marx’ Smith-Kritik in den Grundrissen

Adam Smith betrachtet den Wert im Wesentlichen als eine überhistorische Kategorie. Die besondere Bedeutung der Arbeit für die Produktion von Wert ergibt sich für Smith aus der Anstrengung, die mit der Herstellung eines Gutes für das Individuum verbunden ist. Er betont die Ursprünglichkeit der Arbeit als einzigen und endgültigen, wahren Maßstab des Wertes. Arbeit, so sagt er, sei „der letztgültige und wahre Maßstab, nach dem der Wert aller Waren zu allen Zeiten und an allen Orten geschätzt und verglichen werden kann.“4

Marx beginnt seine eindrückliche Passage auf Seite 90 der Grundrisse mit dem Hinweis, dass es sich bei der von Smith geschilderten „Freiheit“ in Wahrheit um ein verallgemeinertes Abhängigkeitsverhältnis handelt. Er spielt dabei auf die liberale Darstellung, wie wir sie auch bei Smith finden, an, wenn er schreibt:

„Die Ökonomen drücken das so aus: Jeder verfolgt sein Privatinteresse und nur sein Privatinteresse und dient dadurch, ohne es zu wollen und zu wissen, den Privatinteressen aller, den allgemeinen Interessen.“5

Gegen diese allgemeine Auffassung des liberalen Freiheitsverständnisses wurde oft eingewendet, dass das unregulierte Verfolgen individueller Interessen nicht zur Verwirklichung des Allgemeininteresses führe, sondern im Gegenteil zu dessen systematischer Unterdrückung. Marx rekapituliert diese Kritik, hält sie jedoch nur für begrenzt plausibel. Sicherlich, so schreibt er, könne argumentiert werden, dass aus der allgemeinen Verfolgung individueller Privatinteressen nicht die Verwirklichung des Allgemeininteresses resultiere, sondern dieses durch konkurrierende Privatinteressen gerade systematisch behindert werde.

Diese Position richtet sich zwar kritisch gegen die liberale Konzeption, bestätigt sie aber letztlich doch. Sie legt nahe, dass die Freiheit der individuellen Konkurrenz durch einen wachsamen Staat ergänzt werden müsse, der die missbräuchlichen Folgen dieser Konkurrenz verhindert. Auf dem Kontinuum zwischen liberaler Autonomie und liberaler Staatlichkeit betont diese Position somit den Pol der Staatlichkeit – wie dies historisch insbesondere in der Sozialdemokratie und in vielen marxistisch-leninistischen Ansätzen der Fall war. Auch Smith, so das Argument nicht nur von Leonard (sondern beispielsweise auch von Ulrike Herrmann), habe letztlich dem Pol der Staatlichkeit eine größere Bedeutung beigemessen, als es in der marxistischen Kritik oft anerkannt wird.

Marx geht jedoch einen Schritt weiter. Die eigentliche Pointe, so schreibt er, liege woanders. Bereits „das Privatinteresse selbst“, also der Standpunkt des Individuums als vereinzeltes, von den anderen Individuen getrenntes Wesen, sei eine gesellschaftlich erzeugte Institution. Das Privatinteresse sei „bereits ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse“.6 Marx meint damit zweierlei. Zum einen, dass die Notwendigkeit, sich über Arbeit und Arbeitsprodukte aufeinander zu beziehen, erst durch die Auflösung der feudalen Bindungen und die damit einhergehende Vereinzelung entsteht. Zum anderen, dass die privaten Interessen immer nur in ihrem Bezug auf die gesellschaftliche Allgemeinheit geltend gemacht und deshalb bereits gesellschaftlich seien.

Das Individuum findet sich nun in einem Verhältnis „wechselseitiger Abhängigkeit“ wieder und muss sein Leben „innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr bereitgestellten Mitteln“ gestalten. Die „Mittel“, von denen Marx hier spricht, sind der Kauf und Verkauf von Waren. Nur durch die fortlaufende Warenwirtschaft kann sich das vereinzelte Individuum erhalten. Gleichzeitig ist es jedoch auch „an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden“, also davon abhängig, dass die Ökonomie fortbesteht und nicht durch Krisen unterbrochen wird.7

Das Privatinteresse, so formuliert Marx pointiert, sei nichts weiter als „das Interesse der Privaten“ und somit ein Produkt einer Gesellschaft, die den Menschen von seinen sozialen Beziehungen trennt (das lateinische privare bedeutet „berauben“, „trennen“). Auf diese Weise bildet „die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen […] ihren gesellschaftlichen Zusammenhang.“8

Marx betont, dass der Tauschwert (später spricht er im Kapital vom „Wert“) die Grundlage dieser Abhängigkeit darstellt. Für ihn bedeutet dies nicht die Durchsetzung gesellschaftlicher Emanzipation, sondern das Ersetzen persönlicher Herrschaft durch ein System der „allseitigen Abhängigkeit der Produzenten voneinander“.

Im Tauschwert, so betont Marx, werde „alle Individualität und Eigenheit negiert und ausgelöscht“. Auf diese Weise schaffen die Menschen durch ihr Verhalten eine neue gesellschaftliche Macht, die sich dann „als den Individuen gegenüber Fremdes, Sachliches“ formiert: „nicht als das Verhalten ihrer gegeneinander, sondern als ihr Unterordnen unter Verhältnisse, die unabhängig von ihnen bestehen und aus dem Aufeinandertreffen gleichgültiger Individuen resultieren.“9

Smith hingegen fasst die Abhängigkeiten, die mit der Durchsetzung der modernen Warenökonomie entstehen, nicht als Zwänge, sondern als vorgeschichtliche Selbstverständlichkeiten. Dieses Vorgehen kritisiert Marx ausdrücklich, wenn er (ebenfalls in den Grundrissen) schreibt: „Was Adam Smith, in echter 18.-Jahrhundertweise in die antehistorische Periode setzt, der Geschichte vorhergehn läßt, ist vielmehr ihr Produkt.“10

Marx’ Smith-Kritik im Kapital

Leonard hingegen bleibt bei der unhistorischen Darstellung von Smith stehen und bemerkt mit Smith: „Ein Mensch muss stets von seiner Arbeit leben.“11 Damit werden freilich die Zwänge, die der Kapitalismus den Menschen auferlegt, nicht kritisch dechiffriert, sondern umstandslos affirmiert. Sie werden zum Teil einer unveränderlichen Naturgeschichte, die uns mit dem Kapitalismus eine vermeintlich aufgeklärte und allseitig durchsichtige Gesellschaft gebracht hat. Doch der Kapitalismus ist nicht nur nicht die Folge einer naturhaften historischen Dynamik, er ist zudem auch nicht einfach zu durchschauen. Diese Vorstellung, die Marx und Engels noch im Manifest kolportiert hatten, nimmt Marx im berühmten Fetischkapitel im Kapital zurück.

Hier verweist er darauf, dass die kapitalistische Gesellschaft nicht nur als verallgemeinerte Abhängigkeitsbeziehung verstanden werden muss, sondern zudem darauf, dass diese Abhängigkeit der Menschen von den kollektiven Folgen ihres Handelns nicht als dieses, sondern lediglich in personalisierter und verdinglichter Form erscheine. Marx schreibt hier:

„Die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt. Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“12

Wir sehen, dass Marx auch im Fetischkapitel sein grundlegendes Argument wiederholt, dass die Beziehung der Privatarbeiten die spezifische Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft bildet.  Diese Beziehung gilt ihm jedoch nicht als naturgegeben, sondern als durch die Gesellschaft geschaffen. FĂĽr den oberflächlichen Betrachter ist dieser Zusammenhang jedoch nicht unmittelbar erkennbar. Zwar werden die Abhängigkeiten der Menschen voneinander wahrgenommen, aber sie erscheinen zunächst als „gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“. Dadurch entsteht die Illusion, dass diese gesellschaftlichen Beziehungen „sachliche Verhältnisse der Personen“ seien und somit dem direkten Einfluss des Menschen entzogen wären. Marx beschreibt dies treffend, indem er sagt, dass „das Gehirn der Privatproduzenten“ den Menschen ihre eigene Abhängigkeit auf eine verzerrte und damit falsche Weise widerspiegelt. In seiner Kritik an Adam Smith fasst er diesen Gedankengang prägnant zusammen:

„Es steht daher dem Werte nicht auf der Stirn geschrieben, was er ist. Der Wert verwandelt vielmehr jedes Arbeitsprodukt in eine gesellschaftliche Hieroglyphe. Später suchen die Menschen den Sinn der Hieroglyphe zu entziffern […]  Die späte wissenschaftliche Entdeckung, daĂź die Arbeitsprodukte, soweit sie Werte, bloĂź sachliche AusdrĂĽcke der in ihrer Produktion verausgabten menschlichen Arbeit sind, macht Epoche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, aber verscheucht keineswegs den gegenständlichen Schein der gesellschaftlichen Charakter der Arbeit. Was nur fĂĽr diese besondre Produktionsform, die Warenproduktion, gĂĽltig ist, daĂź nämlich der spezifisch gesellschaftliche Charakter der voneinander unabhängigen Privatarbeiten in ihrer Gleichheit als menschliche Arbeit besteht und die Form des Wertcharakters der Arbeitsprodukte annimmt, erscheint, vor wie nach jener Entdeckung, den in den Verhältnissen der Warenproduktion Befangenen ebenso endgĂĽltig, als daĂź die wissenschaftliche Zersetzung der Luft in ihre Elemente die Luftform als eine physikalische Körperform fortbestehn läßt.“13

Marx betont hier, dass die Verhältnisse in einer über die Arbeit organisierten Gesellschaft nicht unmittelbar durchschaubar sind, sondern sich in schwer deutbare Zeichen, in „Hieroglyphen“, verwandeln. Er spielt dabei auf Adam Smith an, wenn er feststellt, dass die Bedeutung der Arbeit für die Wertproduktion schließlich wissenschaftlich erkannt wurde. Diese Erkenntnis nimmt jedoch nicht den sozialen Charakter der Arbeit in den Blick, sondern bleibt am „gegenständlichen Schein“ der gesellschaftlichen Arbeit haften. Zwar ist die Rolle der Arbeit bekannt, sie wird jedoch nicht als Folge der spezifischen Bedingungen der Warenproduktion verstanden. Stattdessen wird sie als etwas „Endgültiges“ und Unveränderliches betrachtet, das in der menschlichen Naturgeschichte verwurzelt ist.

Ganz in diesem Sinne hatte Smith die Arbeit verstanden. Und genauso möchten sie auch Leonard und mit ihm weite Teile der Platypus-Society als Grundlage einer postkapitalistischen Gesellschaft anpreisen. Dabei ist die Realität der kapitalistischen Vergesellschaftung schon lange über den Stand hinaus, in dem sich eine Vergesellschaftung über Arbeitsprodukte und damit über Leistung und Gegenleistung sinnhaft konzipieren lässt.

Leonard hingegen bemüht die Vorstellung eines letztlich immergleichen Kapitalismus, dessen Transformationen sich lediglich an der Oberfläche der Gesellschaft (als „Klassenkonflikte“) abspielen. Seine oberflächliche Interpretation von Smith und Marx blendet die tiefere Kritik am kapitalistischen System aus, wie sie sich in den Grundrissen und im Kapital findet. Indem Leonard die zentralen Mechanismen des Kapitalismus – insbesondere die Verdinglichung und die Verschleierung sozialer Beziehungen – ignoriert, reduziert er die Analyse auf eine unkritische Apologie bürgerlicher Ideale. Seine Argumentation mag mit der marxistisch-leninistischen Traditionslinie in Einklang zu bringen sein, doch das unterstreicht eher die Schwäche dieser Linie als die Tiefe von Leonards Argumentation.

Die wesentlichen Einsichten der Marxschen Tradition, insbesondere die radikale Kritik an der vermeintlichen Natürlichkeit der kapitalistischen Ordnung, bleiben bei Leonard unberücksichtigt. Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit den ökonomischen Grundlagen und gesellschaftlichen Verhältnissen des Kapitalismus betreibt er letztlich eine Bestätigung der bestehenden Verhältnisse.

Zur Interpretation des gegenwärtigen Kapitalismus ungeeignet

Während Leonard sich an einer Rekonstruktion der großen Erzählung der Arbeit versucht, hat der realexistierende Kapitalismus sich jedoch weiterentwickelt. Aus der Perspektive der vereinzelten Individuen stellt sich der Zwang zur (Lohn-)Arbeit noch immer als unhintergehbare Voraussetzung des Lebens dar. Doch in der praktischen Produktion des gesellschaftlichen Reichtums hat die Arbeit schon längst ihre zentrale Rolle abgetreten. Der langwierige und bereits von Marx antizipierte Prozess nimmt seinen Ausgangspunkt in der Notwendigkeit der individuellen Kapitale, ihre Produktivität zu erhöhen. Diese Notwendigkeit tritt den Prozess der „Produktion des relativen Mehrwerts“ los, den Marx im Kapital sehr ausführlich beschreibt: Durch die stetige Steigerung der technischen Produktionsbedingungen wird der Standard dessen, was als „gesellschaftliche Arbeitsstunde“ gilt, stets erhöht.14 Es kommt zu einer immer stärkeren Durchsetzung wissenschaftlicher Produktionsmethoden im kapitalistischen Betrieb und damit zu einer immer stärkeren Unterordnung der Arbeiter:innen unter die Produktionsbedingungen der warenproduzierenden Gesellschaft.15 Die zen-
trale Basis der traditionellen Arbeiter:innenbewegung wird dadurch schrittweise ausgehöhlt. Denn das Wissen um die Produktionsabläufe, das zunächst noch in den Köpfen und den Körpern der Arbeiter:innen steckt, geht mehr und mehr auf den maschinellen Produktionsapparat über. Marx bemerkt deshalb über den Arbeiter: „Er tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein.“16

Der Prozess beschleunigt sich bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, kann aber zunächst durch eine stete Erweiterung der Produktion (mensch denke an die Massenmärkte des ,Goldenen Zeitalters’ der 1950er und 60er-Jahre) überlagert werden. Doch mit der Durchsetzung der „mikrolelektronischen Revolution“, d.h. der Etablierung von Robotertechnologie und Mikrochips, verliert der bisherigen Kompensationsmechanismus seine Funktionalität. Folglich kommt es Anfang der 1970er-Jahre zu ökonomischen Turbulenzen und der politischen Durchsetzung des neoliberalen Paradigmas. So wurde der Aufstieg des Finanzmarktes als neuer Kompensationsmechanismus und Wachstumsmotor der kapitalistischen Ökonomie durchgesetzt. Seitdem findet zwar noch immer die klassische Produktion von Waren durch die Verausgabung von Arbeit statt, doch hängt diese am „Tropf des fiktiven Kapitals“ (Norbert Trenkle). Die industrielle Massenproduktion und die immer prekärer werdende Reproduktion der Arbeiter:innen hängen mehr und mehr von der Schöpfung von Finanzmarktwerten ab, die dann zur Stützung und Ermöglichung der industriellen Prozesse verwendet werden. Gleichzeitig kommt es zu einem Aufstieg verschiedenster Rentenökonomien (Grund und Boden, Informationssektor etc.), die nicht nur die Einkommenszusammensetzung diversifizieren (Arbeitseinkommen nehmen zugunsten sonstiger Transfereinkommen immer weiter ab), sondern auch mit der großen Erzählung der Arbeitsgesellschaft über Kreuz liegen.17

Der Kapitalismus ist in gewisser Weise tatsächlich ĂĽber sich hinausgewachsen. Er ist zu produktiv fĂĽr eine Arbeitsgesellschaft. Egal, ob diese sozialistisch orchestriert oder neoliberal verwaltet werden soll. Die Zukunft sozialer Emanzipation kann deshalb auch nur in einer Ăśberwindung der gesellschaftlichen Beziehungsform der Arbeit liegen. Die Zeit dafĂĽr wäre jedenfalls reif.  |P

Julian Bierwirth ist Autor der wertkritischen Zeitschrift Krisis – Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft. Krisis entwickelt seit 1986 eine radikale Kritik der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft.


1. Orig.: „a world in which they do not require the benevolence or indulgence of the baker, the butcher, the brewer, or anyone else in order to live their lives as they choose under the law.“ – Spencer A. Leonard: „Adam Smith, Revolutionary“, Platypus Review, Nr. 61 (November 2013).

2. Karl Marx/Friedrich Engels: „Manifest der Kommunistischen Partei“, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 4, Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1959, S. 462.

3. Orig.: „to be subject only to the social power that properly appertains to money.“ – Leonard: Adam Smith.

4. Orig.: „the ultimate and real standard by which the value of all commodities can at all times and places be estimated and compared” – Adam Smith: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Oxford 1976, S. 51.

5. Karl Marx: „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“, in: MEW, Bd. 42, Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1983, S. 90.

6. Ebd.

7. Ebd.

8. Ebd.

9. Ebd.

10. Ebd., S. 89ff.

11. Orig.: „A man must always live by his work.“ – Leonard: Adam Smith.

12. Karl Marx: „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1“, in: MEW, Bd. 23, Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1962, S. 87.

13. Ebd., S. 88.

14. Vgl. Marx: Das Kapital, Bd. 1, S. 331ff.

15. Vgl. Ebd., S. 356ff., 391ff.

16. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ă–konomie, S. 601.

17. Zur polit-ökonomischen Transformation des Kapitalismus vgl. Ernst Lohoff/Norbert Trenkle (2013): Die große Entwertung. Münster, Unrast sowie Norbert Trenkle (2016): Die Arbeit hängt am Tropf des fiktiven Kapitals. Online abrufbar unter: https://www.krisis.org/2016/die-arbeit-haengt-am-tropf-des-fiktiven-kapitals/. Zur Funktion der Rentenökonomie am Beispiel von Grund und Boden vgl. Ernst Lohoff (2020): Warum das Wohnen unbezahlbar wird und was dagegen zu tun ist. Online abrufbar unter: https://www.krisis.org/2020/warum-das-wohnen-unbezahlbar-wird-und-was-dagegen-zu-tun-ist-krisis-12020/.