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Die Diktatur des Proletariats und der Tod der Linken

von Chris Cutrone

Die Platypus Review Ausgabe #21 | September/Oktober 2022

Der Marxismus und die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats

Die umstrittenste Annahme des Marxismus ist die Diktatur des Proletariats. Und in der Tat bildet sie das, wodurch sich der Marxismus politisch, ideologisch und theoretisch, intellektuell, praktisch und organisatorisch auszeichnet. Der Tod der Linken misst sich an der Abkehr von dieser These. Sie ist die Abkehr von dem intellektuellen Projekt und dem politischen Programm des Marxismus, das in der Diktatur des Proletariats kulminierte.
Was verstanden Marx und der Marxismus unter der „Diktatur des Proletariats“? Einfach ausgedrĂŒckt: die politische Herrschaft der Arbeiterklasse. Die Form einer solchen Herrschaft sollte „diktatorisch“ im Sinne revolutionĂ€rer, politischer und sozialer Transformationen sein, die sich ĂŒber soziale und politische Formen rechtsstaatlicher Regierung hinwegsetzen. Sie verstanden darunter einen „Ausnahmezustand“ und daher eine Diktatur im Sinne der altrömischen Republik, eine aktive politische Intervention in die Gesellschaft von begrenzter Dauer.
Was verstanden sie unter der Diktatur des „Proletariats“ im Besonderen? Es bedeutete die politische Herrschaft der Arbeiter, aber nicht der Lohnarbeiter im engeren Sinne, sondern in umfassenderem Sinne, einschließlich sowohl der Arbeitslosen oder nur potenziell BeschĂ€ftigten als auch der nicht in Lohnarbeit im eigentlichen Sinne BeschĂ€ftigten, zum Beispiel angestellte Facharbeiter der „Mittelschicht“ oder des mittleren Managements im verwalteten Kapitalismus. Das Zentrum der politischen Macht sollte jedoch die lohnarbeitende Arbeiterklasse bilden.

Die Diktatur des Proletariats war eine weltgeschichtliche und daher geopolitische Bestimmung. Sie meinte die globale Herrschaft der Arbeiterklasse. Ihre Revolution sollte den Großteil der kapitalistischen Welt umfassen. Die kapitalistische Welt ist dort, wo das Kapital selbst konzentriert ist: nicht wo das Geld konzentriert ist, sondern wo die Arbeit, wo die Produktion und Reproduktion des Kapitals konzentriert ist. Positiv ausgedrĂŒckt: dort, wo die Wertproduktion stattfindet, die nicht mit der Produktion materiellen Reichtums in Form von KonsumgĂŒtern zur Subsistenz identisch ist, sondern in der das Kapital selbst als Produktionsmittel produziert wird. Das ist es, was unter den kapitalistischen KernlĂ€ndern zu verstehen ist.
In diesen LĂ€ndern konzentriert sich das Kapital als Ausdruck des „general social Intellect“.1 Die Diktatur des Proletariats muss in der Lage sein, auf globaler Ebene die Aneignung der Produktionsmittel zumindest anzugehen. Kapital als „tote Arbeit“ – historisch akkumulierte Arbeit in den gegenwĂ€rtig bestehenden Produktionsmitteln – muss von der „lebendigen Arbeit“ der gegenwĂ€rtigen Arbeiterklasse angeeignet werden.
Strategisch bedeutete dies einen komplexen, politisch recht komplizierten und zudem kontinuierlichen Eingriff in den bestehenden kapitalistischen Produktionsprozess bzw. in die gegenwĂ€rtigen Bedingungen der Produktion des materiellen Reichtums (einschließlich des geistigen Reichtums).
Negativ ausgedrĂŒckt bedeutete es, dass die globale Arbeiterklasse in der Lage sein muss, die Reproduktion der Lohnarbeit als Quelle der Wertbestimmung materiellen Reichtums zu ĂŒberwinden. Die Arbeiterklasse muss in der Lage sein, Arbeitslosigkeit zu verbieten und die Ausbeutung der Arbeitskraft verzweifelter, armer Menschen zu verhindern, um stattdessen die globale Produktion auf die Produktion von Reichtum fĂŒr die menschlichen BedĂŒrfnisse auszurichten, den gesellschaftlichen Zwang zur Arbeit als Teil der Kapitalverwertung zu ĂŒberwinden und seinen Reproduktionszyklus zu durchbrechen. Was Marx als „Notwendigkeit“ der Diktatur des Proletariats bezeichnete, war die Notwendigkeit, den Kreislauf der kapitalistischen Reproduktion zu durchbrechen, und zwar notwendigerweise in weltgeschichtlichem und damit globalem Maßstab.
Bis dies geschieht, wird der Kapitalismus fortbestehen. Solange es Lohnarbeit gibt, wird das Kapital und wird sein Widerspruch fortbestehen.
Was also ist der Kapitalismus, was ist es, das ĂŒberwunden werden muss?
Kapitalismus ist die Hemmung, EinschrÀnkung und Entstellung der Gesellschaft durch den Imperativ, den Wert des Kapitals zu produzieren und zu reproduzieren.
Kapital ist vergangene Arbeit, also das Potenzial der Produktion von Reichtum oder materiellen (einschließlich geistigen) GĂŒtern in Gesellschaft. Als Kapital besteht diese vergangene Arbeit aber in der Form des Widerspruchs, den der Marxismus zwischen dem Potenzial der industriellen Produktion und dem gesellschaftlichen Wert der lebendigen menschlichen Arbeit und den aus diesem Wert abgeleiteten sozialen und politischen Rechten ausgemacht hat. Der Kapitalismus oder die kapitalistische Produktionsweise, die Kapital produziert und reproduziert, ist der Widerspruch zwischen den durch Arbeit vermittelten VerhĂ€ltnissen der bĂŒrgerlichen Gesellschaft und den industriellen ProduktivkrĂ€ften, die durch diese VerhĂ€ltnisse eingeschrĂ€nkt – beherrscht – werden.
Einer hĂ€ufigen Annahme vermeintlicher „Marxisten“ zufolge bezeichnen die VerhĂ€ltnisse der bĂŒrgerlichen Gesellschaft das individuelle Privateigentum der Mitglieder der Kapitalistenklasse an den Produktionsmitteln und die industriellen ProduktivkrĂ€fte bezeichnen die kollektive gesellschaftliche Produktivkraft der Arbeiterklasse. Das ist falsch.
Die Grundlage der gesellschaftlichen Eigentumsrechte in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft ist die Arbeit der Produzenten. Das ist das bĂŒrgerliche Recht. Die Frage ist, wie die Notwendigkeiten und Möglichkeiten von industrieller Produktion diesem gesellschaftlichen Recht widersprechen.
Wie ich an anderer Stelle (in What is capitalism? und Socialism in the 21st century2) ausgefĂŒhrt habe, gibt es zwei verschiedene und sich voneinander zunehmend unterscheidende Waren, die von der Industrie produziert werden: GĂŒter fĂŒr den Lebensunterhalt der Arbeiterklasse; und Mehrwert als Mittel zur Investition in die Produktion. Die Investitionen können entweder die Form von Löhnen fĂŒr Arbeiter und/oder die Form von Technologie annehmen. Den Kapitalismus charakterisiert auf gesellschaftlicher Ebene der zu Tage tretende Konflikt zwischen Technologie und menschlicher Arbeit.
Die industriellen ProduktivkrĂ€fte sind alle produktiven KapazitĂ€ten der Gesellschaft als Ganzer, das, was Marx das „allgemeine gesellschaftliche Wissen“ oder „general social Intellect“3 nannte. Dessen Potenzial der Produktion gesellschaftlichen Reichtums hat die bĂŒrgerlichen – politischen und sozialen – Rechte der Aneignung durch die lebendige menschliche Arbeit der Arbeiterklasse ĂŒberstiegen.
Die Kapitalistenklasse reprĂ€sentiert nicht die Ausbeutung der Arbeiter, sondern den gesellschaftlichen Wert der im Kapital akkumulierten Arbeit, den von der Arbeit produzierten Mehrwert, der die Voraussetzung zukĂŒnftiger Produktion ist. Wenn es den Kapitalisten nicht gelingt, fördernd fĂŒr den gesellschaftlichen Wert des Kapitals als Grundlage der Produktion zu wirken, hören sie auf, Kapitalisten zu sein, hören sie auf, Diener und Verwalter des Kapitals zu sein, und werden zu bloßen GeldsĂ€cken. Wie Marx es ausdrĂŒckte, ist ein Geizhals ein verrĂŒckter Kapitalist, wĂ€hrend ein Kapitalist ein rationaler Geizhals ist.4 Der „Geiz“ des Kapitalismus, den Marx im Sinn hatte, bezog sich nicht auf die wirtschaftliche Effizienz der gesellschaftlichen Investition in die Produktion, sondern auf die armselige Grundlage zur Bestimmung und Bemessung des gesellschaftlichen Potenzials der Produktion anhand des Mehrwerts, der durch menschliche Arbeit und ihren Lohn hervorgebracht wird. Die Wette der Arbeit im Kapitalismus besteht darin, dass die gegenwĂ€rtige Produktion die Grundlage fĂŒr die kĂŒnftige Produktion bildet – dass also die menschliche TĂ€tigkeit und das menschliche Leben sich durch den Kapitalismus kontinuierlich selbst erhalten und weiter entfalten.
Der Widerspruch, den der Marxismus im Kapitalismus ausmachte, lag darin, dass das Kapital, das zunĂ€chst als Mittel zum Zweck der gesellschaftlichen Produktion und des Reichtums auftrat, zum Selbstzweck wurde, und dass gleichzeitig das, was ein Selbstzweck war, das menschliche Leben und die menschliche TĂ€tigkeit, bloße Mittel fĂŒr die Zwecke des Kapitals wurden.
Mit dem Begriff „Proletariat“ beschrieb und kritisierte Marx die Existenz der Arbeiterklasse unter industriellen Bedingungen, in denen der Wert des Kapitals und der Wert der Löhne in der gesellschaftlichen Produktion immer weiter auseinanderklafften und in ein immer grĂ¶ĂŸeres MissverhĂ€ltnis gerieten. Der Marxismus nannte dies die Enteignung der Arbeiterklasse durch das Kapital, bei der die Arbeiter immer weniger in der Lage waren, sich das gesellschaftliche Gesamtprodukt und vor allem dessen Potenzial fĂŒr die kĂŒnftige Produktion durch ihren Lohn als Konsumtionsmittel anzueignen. Auf diese Weise wurde die Arbeiterklasse „eigentumslos“, sie wurde zunehmend gesellschaftlich des Eigentums an ihrer Arbeit beraubt.
Die „AufwĂ€tsspirale“ der bĂŒrgerlichen Gesellschaft wurde zur Spirale der Produktion und Konsumtion des Kapitals, in dem sich die VerhĂ€ltnisse der bĂŒrgerlichen Gesellschaft und das bĂŒrgerliche Recht zunehmend selbst untergruben und zerstörten. So kam es zu Wertkrisen des Kapitals, die zugleich Krisen der Gesamtgesellschaft waren. Das Resultat dieser Krisen war die Vernichtung des Wertes – sowohl des Lohns als auch des Kapitals. Das Kapital wurde weniger rentabel, das Lohnpotential der Arbeit nahm ab, dem Geld fehlten Möglichkeiten fĂŒr gewinnbringende Investitionen, und die Arbeiter wurden arbeitslos. Dies traf insbesondere auf intergenerationeller Ebene zu: Die Reproduktion des Kapitals vernichtete ArbeitsplĂ€tze und die fortgesetzte Reproduktion von ArbeitskrĂ€ften brachte Massen von Arbeitslosen und ArbeitsunfĂ€higen hervor.
Die industrielle Produktion machte die menschliche Arbeit fĂŒr die Produktion von Reichtum zunehmend ĂŒberflĂŒssig und so realisierte sich der gesellschaftliche Wert menschlicher TĂ€tigkeit und menschlichen Lebens nicht in der produktiven TĂ€tigkeit, sondern wurde in ihr negiert. FĂŒr den Marxismus bedeutete dies die Möglichkeit und Notwendigkeit, die Bewertung menschlicher TĂ€tigkeit und menschlichen Lebens durch die Arbeit als Maß gesellschaftlichen Reichtums zu ĂŒberwinden. Dies war die Triebkraft fĂŒr den Kampf der proletarisierten Arbeiterklasse fĂŒr den Sozialismus.
In der heutigen Weise, gesellschaftlichen Reichtum durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP), die Pro-Kopf-ProduktivitĂ€t und die KaufkraftparitĂ€t (KKP) zu messen, besteht ein Widerspruch zwischen diesen Indizes der WirtschaftstĂ€tigkeit und dem tatsĂ€chlichen individuellen und kollektiven Leben und Wohlergehen in der Gesellschaft. Die Vereinigten Staaten sind weltweit nach wie vor das Land mit dem höchsten BIP, der höchsten KKP und der höchsten ProduktivitĂ€t der Arbeit. Und dennoch gibt es immer mehr Arbeitslose und ArbeitsunfĂ€hige, und die ArbeitsplĂ€tze, die vorhanden sind und die entstehen, bilden neue Formen der Arbeit, die – vorerst – nicht durch Technologie ersetzt werden können, etwa den „Dienstleistungssektor“. Dies ist die Verelendung der Gesellschaft im Kapitalismus, die Marx beobachtete und die bis heute andauert.
Im Sozialismus sollte die industrielle ÜberflĂŒssigkeit der Arbeiter durch die ÜberflĂŒssigkeit der Arbeit ersetzt werden. Nach Marx‘ Vorstellung sollte die Arbeit vom „Mittel zum Leben“ zum „ersten LebensbedĂŒrfnis“ werden – die Menschen wĂŒrden arbeiten, weil sie wollen, und nicht, weil sie mĂŒssen, weder individuell noch kollektiv. GegenĂŒber der Arbeitsteilung stellen die Potenziale von Wissenschaft und Technik – dem Prinzip „jeder nach seinen FĂ€higkeiten und jedem nach seinen BedĂŒrfnissen“ folgend – eine höhere Form sozialer Kooperation dar.
In der bĂŒrgerlich-gesellschaftlichen Kooperation nimmt die spezialisierte Arbeitsteilung zwar zu, aber es vertieft sich ebenso die Kluft zwischen den so geschaffenen neuen Formen gegenseitiger AbhĂ€ngigkeit in der Gesellschaft und den Formen der sozialen Bewertung und Stellung der so eingesetzten ArbeitstĂ€tigkeit und Menschenleben.
Die bĂŒrgerlichen Forderungen nach Anerkennung gleicher sozialer und politischer Rechte auf den Beitrag zu und die Teilhabe an Konsum, Produktion und Reproduktion des gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Reichtums stoßen an die Grenzen der bĂŒrgerlichen Form dieser Rechte – des Wertes der ArbeitstĂ€tigkeit – und des Wertes des Kapitals als Maß gesellschaftlicher Produktion und Konsumtion: die Grenzen des Kapitalismus als Selbstwiderspruch von bĂŒrgerlicher Gesellschaft in industrieller Produktion.
Die politisch-strategische Vorstellung des Marxismus war, dass, um den sich wiederholenden Kreislauf von kapitalistischer Krise und Zerstörung zu durchbrechen, die Lohnarbeiter die Lohnarbeit abschaffen mĂŒssten. Es reichte nicht aus, dass die Kapitalisten den Kapitalismus zerstörten – dass Kapitalismus das Kapital zerstörte. Die eigentliche Grundlage der Reproduktion des Kapitals, die Arbeit, muss ĂŒberwunden werden. Was die Gesellschaft im Kapitalismus bereits auf unbewusste und selbstentfremdete Weise tut, muss auf nicht entfremdete und selbstbewusste Weise ĂŒberwunden werden. Doch dazu mĂŒsste die Arbeiterklasse es zunĂ€chst bewusst selbst vollziehen: Die Arbeiterklasse muss sich selbst den Kapitalismus politisch und gesellschaftlich zu eigen machen, bevor er ĂŒberwunden werden kann. Dies war die marxistische Vorstellung von der Diktatur des Proletariats.

Édouard Manet, „Guerre Civile“ (1874)

Der Tod der Linken

Heute hat die vorgebliche „Linke“ – die selbsterklĂ€rten „Sozialisten“ – das Ziel der Diktatur des Proletariats aufgegeben, teils in Worten, teils in der Tat, wenn etwa die Diktatur des Proletariats umgedeutet wird als die Herrschaft des Kapitalismus durch politische Parteien der soziologisch verstandenen Arbeiterklasse in einem Wohlfahrts- oder Sozialstaat oder der so genannten „sozialen Demokratie“.
So hat etwa der Herausgeber der Zeitschrift Jacobin, Bhaskar Sunkara von den Democratic Socialists of America (DSA), kĂŒrzlich erklĂ€rt, dass es vielleicht unmöglich sei, den Sozialismus in den Vereinigten Staaten zu verwirklichen, aber was möglich sei, sei eine „soziale Demokratie“, womit er einen besseren Wohlfahrtsstaat meinte.
Aber selbst insofern Sunkara und seine Jacobin-Genossen immer noch behaupten, sie seien keine Sozialdemokraten, sondern eher demokratische Sozialisten, die nach etwas GrĂ¶ĂŸerem als dem kapitalistischen Wohlfahrtsstaat streben wĂŒrden, stĂŒtzen sie ihre Vorstellung davon dennoch auf eine frĂŒhere Liquidierung des Marxismus im 20. Jahrhundert. Ralph Miliband zum Beispiel – wie auch der Aufsatz „Unser Weg zur Macht“ von dem Herausgeber der Jacobin-nahen Zeitschrift Catalyst, Vivek Chibber – ist ein wichtiger Einfluss fĂŒr Jacobin. Chibber stellt hier das politische Programm der aktuellen DSA dem Ă€lteren Marxismus von Kautsky, Luxemburg und Lenin gegenĂŒber.
Miliband wiederum vertrat die Auffassung, dass der Staat im 20. Jahrhundert als Akteur im Kapitalismus viel wichtiger geworden sei und dass die Arbeiterklasse weniger sozial und politisch ausgegrenzt sei als zur Zeit des klassischen Marxismus, sodass die Arbeiterklasse auf eine politische Beteiligung am kapitalistischen Staat, etwa durch in die Regierung gewÀhlte Arbeiterparteien, weder verzichten könne noch solle. Die Arbeiterklasse ist demzufolge angeblich nicht mehr von der politischen Macht im Kapitalismus ausgeschlossen.
NatĂŒrlich ist dies heute, nach einer Generation – 40 bis 50 Jahre Neoliberalismus – weit weniger plausibel als in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als Miliband seine Perspektive formulierte.
Aber selbst, wenn man Miliband – und den aktuellen DSA – diesen Punkt zugestehen wĂŒrde: Das Problem ist die Identifizierung von Arbeitern oder Arbeiterparteien mit sozialistischer Politik und des Regierens im kapitalistischen Staat mit der Diktatur des Proletariats.
Auf dem Spiel steht dabei die marxistische Auffassung der Diktatur des Proletariats als Übergang zum Sozialismus, die nicht identisch mit dem Sozialismus ist. Es ist nicht nur politische Ausgrenzung, die eine Revolution notwendig macht. Es geht um die Möglichkeit, den Sozialismus schrittweise aus dem Kapitalismus heraus, durch zunehmende staatliche Kontrolle ĂŒber den und den Ausbau von sozialer FĂŒrsorge innerhalb des Kapitalismus, zu entwickeln.
Historisch gesehen hat dies nicht dazu gefĂŒhrt, dass die Arbeiterklasse den Kapitalismus in den Sozialismus verwandelt hat, sondern vielmehr dazu, dass sich nominell „sozialistische“ Parteien in politische Parteien verwandelt haben, die den Kapitalismus verwalten, und die sozialen und politischen Organisationen der Arbeiterklasse zu AnhĂ€ngseln des kapitalistischen Staates wurden.
Da der Kapitalismus keineswegs ununterbrochen von der Arbeiterklasse und vorgeblich „sozialistischen“ Parteien regiert wurde, scheint die hypothetische Reformierung des Kapitalismus in den Sozialismus nicht endgĂŒltig widerlegt zu sein und bleibt eine verlockende Aussicht.
WĂ€hrend „sozialistische“ oder „kommunistische“ Parteien immer mehr als nur sozialdemokratisch sein wollten, hat sich sozialistische und sogar kommunistische Politik vielmehr auf die Sozialdemokratie oder den kapitalistischen Sozialstaat reduziert. Dies wurde als „Verrat“ am Sozialismus durch diese Parteien bezeichnet und hat neue Bewegungen fĂŒr den Sozialismus hervorgebracht, z. B. durch die Neue Linke der 1960er- und 1970er-Jahre. Und auch in jĂŒngerer Zeit hatten wĂ€hrend der Krise der Großen Rezession neue „linke“ Bewegungen und Parteien wie SYRIZA in Griechenland und Podemos in Spanien zumindest in Wahlen kurze AufschwĂŒnge. Sie bezeichneten sich als sozialistisch und stellten sich in Gegensatz zu bestehenden sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien. DarĂŒber hinaus gab es die PhĂ€nomene der „sozialistischen“ FĂŒhrung der Labour-Partei durch Jeremy Corbyn und die Kampagne von Bernie Sanders fĂŒr die PrĂ€sidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei in den USA. Sie alle versprachen den „demokratischen Sozialismus“, zumindest fĂŒr die Zukunft, auch wenn damit nicht mehr als Gegenmaßnahmen zur Erosion des Wohlfahrtsstaates in der letzten Generation des neoliberalen Kapitalismus propagiert wurden.
Es gibt natĂŒrlich auch das Gegenbeispiel des 20. Jahrhunderts, den „undemokratischen Sozialismus“ in der Sowjetunion und den damit verbundenen LĂ€ndern. Auch wenn die jĂŒngste Welle des „Sozialismus“ der Millennial Linken in ihren sozialdemokratischen Bestrebungen vom Schatten des Neo-Stalinismus der „Tankie“-Marxisten-Leninisten begleitet wurde, richtet sich der „demokratische Sozialismus“ der neuen Sozialdemokraten nicht wirklich gegen die Bedrohung durch den stalinistischen, autoritĂ€ren Sozialismus des Kommunismus. Dieser bleibt aber ein Hindernis fĂŒr ein echtes VerstĂ€ndnis der ursprĂŒnglichen marxistischen Vorstellung der Diktatur des Proletariats.
Der Stalinismus wird als autoritĂ€rer Wohlfahrtsstaat gesehen, dem ein „demokratischerer“ entgegengesetzt werden soll. Dabei wird ĂŒbersehen, dass der Stalinismus demokratisch war (und bleibt) – vielleicht ebenso oder sogar noch demokratischer als die kapitalistische Demokratie – (siehe etwa Kuba), aber weniger liberal als die (angeblich) liberale Demokratie des Kapitalismus.
Darin besteht das vielleicht verhĂ€ngnisvollste Erbe des Stalinismus: in der Gleichsetzung von Liberalismus und Kapitalismus, als sei die bĂŒrgerliche, zivilgesellschaftliche und soziale Freiheit im Wesentlichen die individuelle „Freiheit“ sozialer Verantwortungslosigkeit (sei es durch einzelne Menschen oder durch kapitalistische Firmen als unternehmerische „Personen“) und die „Freiheit“, andere auszubeuten und zu unterdrĂŒcken.
Dabei fĂ€llt unter den Tisch, dass der Kapitalismus selbst – die Beherrschung der Gesellschaft durch die ZwĂ€nge der Kapitalproduktion und -reproduktion – die Freiheit der bĂŒrgerlichen Zivilgesellschaft untergrĂ€bt; nicht nur fĂŒr die Arbeiterklasse, sondern auch fĂŒr andere, einschließlich der Kapitalisten.
Die Sozialdemokraten beklagen, dass der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat noch immer dem Diktat des Kapitals unterworfen, von „Kapitalflucht“ und Ă€hnlichem bedroht ist. Was sie damit aber adressieren sind niedertrĂ€chtige Handlungen der Kapitalistenklasse und nicht die marxistische Frage nach dem Kapitalismus selbst. FrĂŒhere historische Marxisten waren sich ĂŒber die wahre Natur und den Charakter des Problems sehr viel klarer und propagierten deshalb die Diktatur des Proletariats als den Anfang und nicht das Ende der politischen und sozialen Revolution. Die Diktatur des Proletariats öffnet die TĂŒr zur Überwindung des Kapitalismus und leitet sie ein, geht aber selbst noch nicht ĂŒber ihn hinaus und ist lĂ€ngst nicht die Verwirklichung des Sozialismus.
In der jĂŒngsten historischen Periode ist es der Millennial Linken weder in der Theorie noch in der Praxis gelungen, die Natur und den Charakter des Problems zu erfassen, mit dem uns der Kapitalismus konfrontiert. Die Millenial Linke hat es nicht geschafft, marxistisch zu werden.
Marx argumentierte, dass der Staat ohne die Diktatur des Proletariats die „Diktatur der Bourgeoisie“ bleibt, womit er die Diktatur des Kapitals bzw. den Staat meinte, der im Interesse des Kapitals als Ganzes regiert. Das schließt die Arbeiter ein, die vom Kapital unter den heutigen Bedingungen leben und profitieren.
Im 20. Jahrhundert hat die sozialistische und kommunistische Linke die marxistische Vorstellung von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Diktatur des Proletariats historisch liquidiert, nicht zuletzt, indem sie die GrĂŒnde dafĂŒr aufgegeben und vergessen hat.
Die Propaganda der Politik des Klassenkampfes durch den historischen Marxismus wurde in den nachfolgenden Generationen mit dessen theoretischer Substanz verwechselt. Dadurch wurden Ursache und Wirkung im Kapitalismus durcheinandergebracht. Der Klassengegensatz und der Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten wurden missverstanden als Ursache und nicht als Wirkung des Kapitalismus und seines Widerspruchs erkannt. Der Selbstwiderspruch der Produktion des gesellschaftlichen Werts zwischen Lohn und Kapital wurde als Interessenkonflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten missverstanden, wobei letztere lediglich als ausbeuterische Profiteure betrachtet wurden und nicht, wie Marx es sah, als „Charaktermasken“ der grĂ¶ĂŸeren gesellschaftlichen Imperative des Kapitals. Der Grund, warum aber im VerstĂ€ndnis des Marxismus die Arbeiter an die Stelle der kapitalistischen herrschenden Klasse treten sollten, war nicht, dass sie dann die Ausbeutung abschaffen wĂŒrden, sondern dass sie den Widerspruch des Kapitals politisch explizit und damit in „bewusster“ Gestalt hervorbringen wĂŒrden.
Stattdessen kehrten Sozialismus und Kommunismus zu ihrer vor-marxschen Bedeutung eines bloßen sozialen und politischen Egalitarismus zurĂŒck, der reinen Anklage gegen die politische und soziale Hierarchie und die Verteilungs- und Konsumtionsungleichheit zwischen der Arbeiterklasse und den Kapitalisten.
Die Diktatur des Proletariats, wie sie ursprĂŒnglich vom Marxismus verstanden wurde, war das politische und soziale Zwischenziel und nicht das Endziel der sozialistischen Politik im Kapitalismus. WĂ€hrend der Kampf der Arbeiterklasse fĂŒr den Sozialismus auch die Gleichheit der Arbeit forderte – die bĂŒrgerlichen Prinzipien vom „gleichen Rechten fĂŒr alle“ auf „Leben, Freiheit und das Streben nach GlĂŒck“ innerhalb der Freiheit von „LibertĂ©, ÉgalitĂ© et FraternitĂ©â€œ in einer „freien Assoziation der Produzenten“ –, ging der Marxismus auch von der bĂŒrgerlichen und politischen Freiheit, einer liberalen Gesellschaft und einer politischen Ordnung der freiwilligen Teilhabe und Assoziation aus.
Gerade weil die bĂŒrgerliche Gesellschaft im Kapitalismus immer noch diese Freiheit in sich birgt und diesen egalitĂ€ren Geist der Teilhabe verkörpert, artikuliert sich ĂŒberhaupt darauf bezogene Unzufriedenheit innerhalb der Gesellschaft und entstehen soziale und politische Bewegungen gegen das Scheitern dieser AnsprĂŒche.
Die Linke ist zerfallen, indem sie sich entweder durch den Wohlfahrtsstaat in die kapitalistische Politik integriert hat oder indem sie sich an den Zerfall der Gesellschaft im Kapitalismus durch die antinomische Opposition des antibĂŒrgerlichen Nihilismus und eines antisozialen Habitus – einschließlich des Tribalismus der kommunitĂ€ren IdentitĂ€tspolitik sozialer Gruppen – angepasst hat. In jedem Fall hat sie die Aufgabe des Sozialismus und das politische Ziel des nĂ€chsten historisch notwendigen Schritts der Diktatur des Proletariats preisgegeben und vergessen: damit anzufangen, die Gesellschaft ĂŒber den Kapitalismus hinauszufĂŒhren.
Das ist der Grund, warum und wie die Linke historisch gestorben ist – und warum sie auch heute noch tot ist. |P
Der vorliegende Text wurde als Teach-In auf der Platypus Midwest Regional Conference am 25. September 2021 an der Northwestern University, Evanston, Illinois (USA) vorgetragen und in der englischsprachigen Platypus Review #141 (November 2021) veröffentlicht.
Er wurde von Johannes Hauber und Jim Igor Kallenberg ins Deutsche ĂŒbersetzt. Chris Cutrone ist GrĂŒndungsmitglied und Leitender PĂ€dagoge der Platypus Affiliated Society. Das Teach-In einschließlich der darauffolgenden Diskussion kann hier angesehen werden: https://www.youtube.com/watch?v=Cn8XCyyhgVE.


1 Aus dem englischen Original ĂŒbernommen. Marx verwendet in den Grundrissen den Ausdruck „general intellect“, der dort von den Herausgebern mit dem Begriff des „allgemeinen Verstandes“ ĂŒbersetzt wird. Ebenda findet sich in diesem Zusammenhang auch die Formulierung des „allgemeine[n] gesellschaftlichen[n] Wissen[s]“, Karl Marx: „Grundrisse der Politischen Ökonomie“, in MEW (Bd. 42), Hrsg. Institut fĂŒr Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1983, S. 602 [Anm. d. Übers.].
2 Chris Cutrone, Dick Howard, Shane Mage, Chris Nineham, Leo Panitch: „What is capitalism and why should we be against it?“, Platypus Review Nr. 129 (September 2020), online unter: https://platypus1917.org/2020/09/01/what-is-capitalism-and-why-should-we-be-against-it/; Cutrone: „Socialism in the 21st century“, PR Nr. 126 (Mai 2020), online unter: https://platypus1917.org/2020/05/01/socialism-in-the-21st-century/. Siehe auch: „Robots and sweatshops“, PR Nr. 123 (Februar 2020), online unter: https://platypus1917.org/2020/02/01/robots-and-sweatshops/; „Jobs and free stuff“, PR Nr. 124 (MĂ€rz 2020), online unter: https://platypus1917.org/2020/03/01/jobs-and-free-stuff/; „Capital and labor“, PR Nr. 126 (Mai 2020), online unter: https://platypus1917.org/2020/05/01/capital-and-labor/.
3 Siehe Fußnote 1 [Anm. d. Übers.].
4 Bei Marx im Original heißt es, dass „wĂ€hrend der Schatzbildner nur der verrĂŒckte Kapitalist [ist], ist der Kapitalist der rationelle Schatzbildner.“ Karl Marx: „Das Kapital“, MEW (Bd. 23), Berlin 1962, S. 168 [Anm. d. Übers.].